Oh, meine Götter, Teil 8: Die Argonauten nehmen Fahrt auf

Oh, meine Götter!Teil 8:
Die Argonauten nehmen Fahrt auf

Wer trug eigentlich „Eulen nach Athen“?

Wurde Sisyphus je mit seiner Arbeit fertig? Und kam der Götterbote auch immer ausgerechnet dann, wenn der Empfänger gerade leider nicht Zuhause war?

Kleine Ausflüge in das Reich der griechischen Mythologie.

Gustav Schwab: Sagen des klassischen AltertumsIn Iolkos, einer Küstenstadt im Norden Griechenlands, herrscht König Aison. Sein Sohn Iason ist gerade in Ausbildung bei Chiron, einem der Kentauren und Halbbruder von Zeus, und soll dort nach guter, alter Heldenmanier erzogen werden, als König Aison von seinem Bruder Pelias gestürzt wird. Als das geschieht, ist Iason noch ein Kind und könnte auch ansonsten auf die große Entfernung wohl wenig unternehmen.

Als Pelias den Thron an sich gerissen hat, wird erst einmal wie damals üblich das Orakel befragt. Der neue König wird gewarnt, er möge sich vor dem hüten, der nur einen Schuh am Fuße trage. Pelias grübelt lange über diese Warnung, und kann viele Jahre lang niemanden mit nur einem Schuh an seinem Hofe entdecken.

Nachdem Iason zwanzig Jahre bei Chiron gelernt hat, ist seine Ausbildung beendet, und der frischgebackene Held beschließt, in seine Heimat zurückzukehren, um den Thron seines Vaters für sich zu beanspruchen. Auf dem Weg nach Iolkos begegnet Iason einer alten Frau. In Wahrheit steht Hera in einer ihrer besten Verkleidungen vor dem jungen Helden, aber Iason erkennt sie nicht. Die alte Frau bittet Iason, ihr über den nahen Fluss zu helfen. Obwohl er es eigentlich eilig hat, trägt Iason die Frau über den Fluss, schließlich kommt das mit dem Heldentum ja nicht von ungefähr. Unbeirrt stapft iason weiter, auch als einer seiner Stiefel im schlammigen Flussbett stecken bleibt und er ihn verliert.

In Iolkos angekommen, platzt Iason mitten in eine Opferzeremonie seines Onkels, bei der dem Meeresgott Poseidon gehuldigt werden soll. Die auf dem Marktplatz versammelten Menschen bestaunen den gutaussehenden Iason, und manch einer glaubt sogar, den leibhaftigen Ares vor sich zu sehen. Pelias bemerkt den Tumult, und sieht nun auch den jungen Mann. Doch ihm fällt nicht seine beeindruckende Erscheinung ins Auge, sondern – wie sollte es anders sein -  der fehlende Schuh.

Aber Pelias ist inzwischen ein alter und weiser König, lässt sich nichts anmerken und wartet erstmal ab. Beiläufig fragt er den Neuankömmling, wer er denn sei. Iason antwortet ziemlich unverblümt, er sei der rechtmäßige Thronfolger und gekommen, um sich sein Reich zurück zu holen. Auch hier zeigt sich Pelias unbeeindruckt, begrüßt den lange Weggebliebenen, zeigt ihm in aller Gastfreundschaft seinen Palast und nimmt ihn bei sich auf.

Iason feiert mehrere Tage das Wiedersehen mit allen Verwandten und Bekannten von früher. Am sechsten Tag aber geht er zu Pelias, und verlangt freundlich aber bestimmt seinen Thron zurück. Pelias soll all seine Felder und Tiere behalten dürfen, aber das Königszepter will Iason selbst, schließlich ist er der Sohn des ehemaligen Königs. Pelias entgegnet ebenso freundlich, Iason könne den Thron wohl haben, allerdings müsse er seinem Onkel vorher einen kleinen Gefallen tun. Iason soll für ihn nach Kolchis zum König Aietes reisen und von dort die Gebeine des Schatten Phrixos und das Vlies des Goldenen Widders holen. Er, Pelias, würde ja auch selbst gehen, doch er sei nun schon so alt und Iason so jung und vor Heldentum nur so strotzend, dass es für ihn sicher eine Kleinigkeit sei.

Wir können uns schon denken, dass das mit den Gebeinen und dem goldenen Vlies so leicht nicht sein kann, denn Pelias wird seine Herrschaft wohl kaum so leicht hergeben. Und da vermuten wir ganz richtig, denn mit dem goldenen Vlies verhält er sich wie folgt: Phrixos, der Sohn eines anderen griechischen Königs, wurde von seiner Stiefmutter schrecklich behandelt. Um ihn und seine Schwester zu schützen, schickte seine Mutter die beiden Kinder auf einem goldenen Widder mit Flügeln fort, den sie von Hermes bekommen hatte. Auf diesem Widder flohen die Kinder, doch das Mädchen fiel unterwegs und starb. Phrixos aber kam wohlbehalten über das Schwarze Meer und landete in Kolchis, wo er von König Aietes freundlich empfangen wurde. Er heiratete eine von dessen Töchtern, opferte den Widder dem Göttervater Zeus und schenkte das goldene Vlies dem König als Dank für seine Freundlichkeit. Aietes, dem ein Orakel geweissagt hatte, dass sein Leben vom Besitz eines goldenen Vlieses abhängig sei, weihte das Vlies dem Gott Ares und nagelte es in einem Hain unter dem Segen des Kriegsgottes fest. Zum Schutz vor Räubern schnappte sich Aietes den ungeheuerlichsten Drachen, der bis dato in ganz Griechenland gesehen worden war, und lässt das Vlies seitdem von ihm bewachen.

Da kann Pelias also zurecht hoffen, dass Iason nie von seiner Vlies-Mission zurückkehren wird. Doch der junge Held erklärt sich feierlich bereit, das Abenteuer zu bestehen. Erstmal muss aber ein Schiff her, denn Iolkos liegt an der Ostküste Griechenlands und Kolchis bildet die Östliche Küste des Schwarzen Meeres, liegt also im Gebiet des heutigen Georgiens und der nordöstlichen Türkei.

Ein weiter Weg also, der nach einem ordentlichen Schiff verlangt. Von einem der besten Baumeister Griechenlands (nein, nicht von unserm Dädalus), von Argos, lässt Iason sich das längste Schiff bauen, dass von den Griechen bis dahin gebaut worden ist. Mit ein bisschen Hilfe von Athene baut Argos ein prächtiges Schiff mit 50 Rudern, in dem sogar ein weissagendes Brett von einer Orakel-Eiche eingebaut wird.    

Nun fehlt dem mutigen Iason aber noch eine Mannschaft, denn so ganz allein kann er sein Schiff ja nicht führen. In ganz Griechenland werden die berühmtesten Helden aufgerufen, sich seiner Mission anzuschließen, sodass eine Besatzung zustande kommt, die sich sehen lassen kann. Die Positionen auf dem Schiff werden unter den Argonauten, wie sich die Helden nach dem Erbauer ihres Schiffes nennen, kurzerhand ausgelost.

Daraus ergibt sich die folgende Aufgabenteilung:

  • der Befehlshaber: Iason (wer auch sonst, schließlich ist es ja seine Mission)
  • der Steuermann: Tiphys
  • der Lotse: Lynkeus, der Scharfblickende
  • Vorderteil des Schiffes: Herakles
  • Hinterteil des Schiffes: Peleus (der Vater von Achilles) und Telamon (der Vater von Ajax)
  • Im Inneren des Schiffes: u.a. Kastor und Pullox (zwei Söhne von Zeus), Meleager (der Besieger dessagenumwobenen kalydonischen Ebers), Orpheus (wohl hauptsächlich als Musiker eingestellt), Theseus (der einmal König von Athen werden soll), Hylas (ein Freund von Herakles), Euphemos (ein Sohn von Poseidon), der berühmte Bogenschütze Philoktetes und viele weitere

Bevor die illustre Truppe in See sticht, wird ordentlich für Poseidon geopfert, denn man hofft natürlich auf eine sichere Überfahrt. Ob eine solche unseren Helden allerdings nach dem Verlassen des Hafens vergönnt sein wird, sehen wir beim nächsten Mal.

Mehr dazu in:  »Sagen des klassischen Altertums« (1838-1840) von Gustav Schwab

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