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Du sollst nicht schlecht Zeugnis ablegen...

LogoDu sollst nicht schlecht Zeugnis ablegen...

Wenn je ein Mensch wagen würde, alles, was er auf dem Herzen hat, sein wirkliches Erlebnis, alles, was wirklich seine Wahrheit ist, niederzuschreiben, dann, glaube ich, ginge die Welt in Trümmer, würde in Stücke zersprengt, und kein Gott, kein Zufall, kein Wille könnte je wieder die Stücke, die Atome, die unzerstörbaren Elemente zusammensetzen, aus denen die Welt bestand.

Henry Miller, 1932


Haben Sie auch schon von jener Spezies gehört, die behauptet, Kritik nur zu akzeptieren, wenn diese konstruktiv ist?

Ohne jetzt auf den Unterschied zwischen Akzeptanz und Toleranz näher einzugehen, hat Kritik nur einem einzigen Prüfkriterium standzuhalten: Ist sie sachlich?

Wie sollte man eine Lobeshymne konstruktiv vortragen? „Ihr letzter Roman war ganz große Klasse, absolut spitzenmäßig“. Das mag ja so empfunden worden sein, der Autor freut sich, aber konstruktiv ist das nicht. Der größte Verriss kann sachlich vorgetragen werden, ohne einen einzigen Punkt zu enthalten, was man hätte besser machen können. Es reicht doch völlig, dem Autor mitzuteilen, warum dies und das nicht gefallen hat. Ein kritikfähiger Autor wird sich dann sicherlich Gedanken machen, warum der Leser zu dieser Meinung kommt und seine Schlüsse daraus ziehen, welche auch immer das sein mögen. Der Leser muss dem Autor nicht sagen, was man selbst anders oder besser (wobei das „besser“ natürlich aus dem subjektiven Empfinden des Kritikers entsteht, „Handwerkliches“ mal ausgeklammert!) gemacht hätte, denn nur dann wäre die Kritik konstruktiv. Konstruktiv bedeutet nichts anderes, als Vorschläge zu machen wie eine Sache anders - respektive besser - zu machen wäre.

Bei jeder Äußerung von Kritik prallen zwei Welten aufeinander. Und da diese zwei Welten durch zwei Menschen repräsentiert werden, wird die Sache so richtig kompliziert. Wer es selbst ausprobieren möchte, kann mal bei seiner Frau übers Essen meckern oder ihr mitteilen, dass die neue Frisur sie irgendwie älter macht.

Der Kritisierte: Sein unter Anstrengungen und Entbehrungen entstandenes Werk wird nicht entsprechend gewürdigt. Die Geschichte hat den Leser letztendlich (ich hasse dieses Modewort, wollte es aber unbedingt drin haben. Das gibt dieser Kolumne so einen schönen altklugen Touch) nicht unterhalten. Und dann folgt irgendwann das ultimative Totschlagargument: „Mach es besser“. Fairerweise muss ich hier zugeben, dass ich persönlich diese Argumentation von einem Profi-Autor noch nicht gehört bzw. gelesen habe. Dieses Argument ist dessen Fans bzw. Jüngern vorbehalten, die es als Majestätsbeleidigung betrachten, wenn man ihren Lieblingsschriftsteller kritisiert. Oft setzen sich ja auch nicht der Autor, sondern seine „Anwälte“ mit der Kritik auseinander.

Dieses „Erst-mal-besser-machen“ ist genau solcher Schwachsinn, wie Konstruktivität einzufordern. Man liest, um sich zu unterhalten. Viele Leute unterhalten sich durch Lesen, nicht durch Schreiben. Ich selbst erreiche nicht mal annähernd die Qualitäten eines Jason Dark. Darf ich dessen Roman deshalb nicht kritisieren, wenn dieser mir nicht gefallen hat?

Ich kann auch keine Fliesen legen, erteile deshalb einem professionellen Handwerker diesen Auftrag. Dieser Profi nagelt mir jetzt die Fliesen derart windschief auf den Balkon, dass mir die Haare zu Berge stehen. Muss ich das jetzt so hinnehmen? Nur weil ich es selbst nicht besser hinbekommen hätte? Sicher nicht, oder?

Analog dazu darf ich also einen Autor nicht kritisieren, wenn mir seine Geschichte nicht gefallen hat, ich hätte es ja selbst auch nicht besser gemacht.

Durch den Kauf eines Romans habe ich dem jeweiligen Autor indirekt den Auftrag erteilt, mich zu unterhalten. Der Autor hat diesen Auftrag bereits im Vorfeld indirekt angenommen, da er sein Buch veröffentlicht hat. Ich unterstelle hierbei, dass der Autor nicht aus reiner Egomanie oder Geldgier seinen Roman veröffentlicht hat, sondern die Leser unterhalten will. Und wenn er seinen Auftrag im Auge des Lesers nicht erfüllt hat, muss er mit  Kritik leben. Dazu sei noch gesagt, dass ich persönlich einen Roman lese, in der Hoffnung, unterhalten zu werden, und nicht etwa mit der Prämisse rangehe: ‚Mal sehen, was dieser Stümper diesmal wieder alles verbockt hat’. Solche Leute mag es sicherlich auch geben.

Und so wie besagter Fliesenleger von mir keinen Auftrag mehr erhalten würde, weil er  gepfuscht hat, erhält auch der Autor, der mich gelangweilt hat, von mir keinen Auftrag mehr, sprich ich kaufe keine Bücher mehr, auf deren Cover sein Name steht.

Jeder Autor sollte doch froh sein, wenn er entsprechendes Feedback von den Lesern erhält, wenn sich nämlich die negativen Stimmen mehren und unreflektiert bleiben, ist das schädlich fürs Geschäft; wie beim Fliesenleger auch.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Normalleser ein Interesse daran hat, dem Autor mal so richtig eine reinzuwürgen (Ausnahmen bestätigen natürlich auch hier die Regel). Das sollte den Schreibern der Feuilleton-Artikel vorbehalten sein, die leben schließlich auch irgendwie vom Schreiben.

Aber: So wie es Autoren gibt, die sich mit Lesermeinungen auseinandersetzen und versuchen, für sich daraus brauchbare Dinge abzuleiten, gibt es auch Autoren, die jede Art von negativer Kritik als Majestätsbeleidigung betrachten.

Der Kritiker: Er hat sein hart erarbeitetes Geld investiert und wird jetzt von diesem langweiligen Labersack genervt. Nicht zu vergessen: Bei der derzeitigen Schwemme an Veröffentlichungen ist es umso störender, wenn man sich durch einen Langweiler quält, weil man in dieser Zeit was Sinnvolleres hätte lesen oder tun können. Und in seiner Aufgebrachtheit schießt der Kritiker dann übers Ziel hinaus und kann zwischen Veröffentlichung und Autor nicht mehr unterscheiden. Der Ton macht nun mal die Musik.

Auch hier ein Aber: So wie es Kritiker gibt, die ihre persönliche Meinung zum Werk mitteilen wollen und dadurch erreichen wollen, dass das nächste Werk des Autors diese Fehler (auch hier im subjektiven Empfinden des Lesers!) nicht wiederholt, gibt es Kritiker, die aus reiner Lust am Nörgeln, aus Zynismus oder sonst was das Werk verreißen und manchmal auch den Autor persönlich angreifen. Auch und gerade diese Kritiker nutzen die Argumentation, sie würden rein sachlich kritisieren, nur das Werk und nicht den Autor, sie wollten, dass es wieder besser wird etc. blabla. Ob das nun eine reine Behauptung ist, oder diese Kritiker tatsächlich dieser Meinung sind, wird nicht geklärt werden können. Wenn diese Kritiker wirklich wollten, dass es wieder besser wird, wäre es um so wichtiger, sachlich zu bleiben. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Autor die Kritik dann auch zur Kenntnis nimmt, vielleicht sogar darüber nachdenkt, ist dann ungleich größer.

Erschwerend kommt, gerade im Heftromanbereich hinzu, dass hier sehr oft Profis von Laien kritisiert werden. Das klingt zugegeben etwas großkotzig, ich bin ja selbst nur ein Laie. Aber gerade deswegen versuche ich, mir Mühe zu geben, die Kritik sachlich zu halten, zweideutige Formulieren zu vermeiden, damit der Kritisierte sehen kann, was ich eigentlich von ihm will, damit ich ihn quasi in die Situation bringe, sich mit meiner Meinung auseinanderzusetzen. Ob mir das immer gelingt und welche Folgerungen aus meiner Kritik gezogen werden (und ob überhaupt), kann und will ich nicht beurteilen. Wenn ich den Autor dumm anmache, oder einfach nur sage: „Das war Bullshit“, wird er sich mit meiner Meinung nicht auseinandersetzen. Braucht er auch nicht, würde ich schließlich auch nicht tun.

Ich habe bisher einige Romane von Stephen King gelesen, die meisten haben mir bisher auch gefallen, aber wenn mir demnächst einer unterkommt, der mir so gar nicht gefällt, nehme ich mir das Recht, das zu sagen. Das interessiert Mr. King natürlich nicht und darüber hinaus wird er es auch nie erfahren, aber dennoch bewerte ich diesen Roman nicht als gut, nur weil er vom großen King ist, er also irgendwie unter Artenschutz steht. Genau so wenig beurteile ich einen guten King-Roman (immer aus meiner subjektiven Sicht) als schlecht, nur weil sich King-Romane verkaufen wie geschnitten Brot und ich mit einer negativen Kritik demonstrieren will, dass ich mich keinesfalls auf diesen Einheitsgeschmack einlassen will. Auch das sollen die schon erwähnten Feuilletonisten machen.

Wenn ich jetzt also einem Bekannten sage, dass mir Kings letzter Roman nicht gefallen hat, dann tue ich das nicht, um Mr. King zu schaden. Und ich hänge mir auch kein Schild um den Hals „Lasst die Finger vom neuen King-Roman“ und laufe damit durch die Fußgängerzone. Ich könnte in diesem Fall meinem Bekannten vielleicht helfen, etwas Geld zu sparen und in der zusätzlich ersparten Zeit etwas Anderes zu lesen. Welche Schlüsse mein Bekannter aus meiner Meinung zieht, ist mir eigentlich egal. Der Haken: Mein Bekannter könnte natürlich eine völlig andere Erwartungshaltung an den neuen King-Roman haben, bzw. nur weil dieser Roman mir nicht gefallen hat, muss das zwangsweise bedeuten, dass er meinem Bekannten auch nicht gefällt. Der Stil des Autors ist nur eine Seite der Medaille, das Thema des Romans die Andere. Und ich bin keiner dieser Kritiker, der wütend wird, wenn den Leuten etwas gefällt, was mir nicht gefällt.

Umgekehrt bedeutet das auch, dass ich einen John Sinclair Roman nur zu gerne mal wieder als richtig gut beurteilen würde, gerade weil mich John Sinclair durch die Jugend begleitet hat. Für eine solche Bewertung müsste mir aber mal wieder ein Sinclair unterkommen, der auch gut ist, soll heißen MEINE Erwartungen erfüllt. Ob er die Erwartungen anderer erfüllt, kann ich nicht beurteilen. Allerdings muss ich auch davon ausgehen, dass dem so ist, sonst wäre die Serie John Sinclair sicher schon eingestellt, wenn keiner mehr die Hefte kaufen würde. Aber wie oben bereits erwähnt, hat der Autor meinen Anspruch nicht mehr erfüllt und deshalb erteile ich ihm keine Aufträge mehr, obwohl ich ihm ab und zu doch immer wieder eine Chance gebe. Aus alter Verbundenheit sozusagen. Der Fliesenleger allerdings, der kann mich mal...

Ob die Romane wirklich so viel schlechter sind als früher, oder ob es schlicht und einfach daran liegt, dass ich seit meinem ersten Sinclair fast 30 Jahre älter geworden bin, muss ich mal überprüfen. Andere, die dies bereits für sich geprüft haben, behaupten, früher wären die Romane tatsächlich besser gewesen, wenn auch nicht in dem Maße, wie es empfunden wurde.

Ich vertrete die etwas provozierende These, dass man nur schlechter werden kann, wenn man als Autor, gerade als Jungautor, ausschließlich Lob erhält. Lob ist gut fürs Ego, mehr aber auch nicht. Die erste Gefahr ist hier, dass man vielleicht „abhebt“, bis man im eigenen Olymp angekommen ist und jede zukünftige negative Kritik ignoriert, war doch bisher alles toll, was abgeliefert wurde.

Die zweite – und ungleich größere, gerade wenn man vom Schreiben leben will oder muss-  Gefahr liegt darin begründet, dass man sich für die nächsten Werke zu sehr unter Druck setzt, um die Ansprüche seiner Leserschaft zu erfüllen.

Es sind die negativen Kritiken, die den Autor weiter bringen. Was hat den Lesern nicht gefallen und warum nicht? Ist diese Meinung eine Ausnahme oder wird das allgemein so empfunden? Was der Leser anders gemacht hätte, mag eine unter Umständen brauchbare Hilfe sein, ist aber zur Bewertung sekundär.

Sind es immer die gleichen Leute, denen mein Werk nicht gefallen hat? Dann frage ich mich als Autor natürlich zu Recht, warum diese Leser meine Werke überhaupt noch lesen. Oder sind da welche, die eigentlich immer ganz gut bewertet haben, denen aber in letzter Zeit meine Werke nicht mehr gefallen? Haben sich jetzt die Erwartungshaltungen dieser Leser geändert oder könnten sie vielleicht Recht haben?

Ein professioneller Autor im Unterhaltungsbereich ist auf seine Leser angewiesen. Wenn die nichts mehr von ihm lesen, verkaufen sich seine Bücher nicht mehr und er hat kein Einkommen mehr. Und auch die Hobbyautoren, die gerne Schreiben, nur so für sich, aber irgendwann die Entscheidung treffen, ihr Werk anderen zugänglich zu machen (über Internet z.B.), müssen natürlich damit rechnen, dass es da draußen Menschen gibt, die mit ihrem Werk nichts anfangen können und sich dementsprechend auch äußern. Diese Menschen haben sich entweder zuviel oder etwas anderes versprochen. Und jetzt wird’s noch komplizierter:

Waren diese Kritiker überhaupt die Zielgruppe des Autors? Ein Leser, der nur und ausschließlich SF-Romane liest wird mit einem Gruselroman nichts anfangen können. Das muss er auch nicht, für diesen Leser wurde der Roman nicht geschrieben. Was fängt also der Autor mit dieser Kritik an? Geht er darauf ein und vergrößert die SF-Anteile, kommt das wiederum nicht gut bei seiner eigentlichen Zielgruppe an. Soll er die Kritik ignorieren, selbst wenn diese sachlich vorgetragen wurde? Wegen dieses Lesers kann natürlich nicht die komplette Serie neu ausgerichtet werden. Aber vielleicht hat der Kritiker nicht nur inhaltliche Dinge angesprochen, sondern auch sprachliche und stilistische Mängel ausgemacht. Dann ist es doch egal, ob es sich um einen SF-, Grusel- oder Sonstwas-Roman handelt. Sie sehen selbst, wie kompliziert die ganze Materie ist.

Selbstkritik ist also gefragt bei jedem, der etwas öffentlich – und damit von jedem kritisierbar- macht. Nicht nur die geschriebene Kritik lesen, sondern sich auch die Zeit nehmen, diese zu verstehen. Darüber nachdenken, ob der Kritiker vielleicht Recht haben könnte, wenn auch nur in einzelnen Punkten. Und erst dann reagieren; oder auch nicht.

Und die Gegenseite? Nicht den Autor mit seinem Werk verwechseln. Kritisiert werden sollte das Werk, der Stil, der Ausdruck, die Methodik des Autors, nicht aber der Mensch!

 

P.S. Außer Stephen King und Jason Dark wurden in dieser Kolumne keine weiteren Namen genannt. Ich hatte beim Schreiben dieser Kolumne weder einen bestimmten Autor, noch einen bestimmten Kritiker und auch keinen bestimmten Fliesenleger im Sinn. Sollte dennoch ein Kritiker oder Kritisierter (oder Fliesenleger) glauben, sich in dieser Kolumne wiedergefunden zu haben, bitte ich diesen, in Ruhe darüber nachzudenken, ob nicht vielleicht doch ein Fünkchen Wahrheit in diesem Text steckt.

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