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Der olympische Gedanke

Das Romanheft, das Universum ... und die Dinge dazwischen - Die Multimedia-KolumneDer olympische Gedanke

Ein schöner Frühlingstag in Nordrhein-Westfalen. Durch das Dachfenster scheint die Sonne, die Vögel zwitschern und vor seinem Schreibtisch sitzt ein Mann und schreibt Gruselgeschichten über Vampire, Werwölfe, Zombies. Dämonen wie der Spuk machen seinem Helden John Sinclair und dessen Team das Leben schwer. Buchstabe um Buchstabe hämmert er mit seiner mechanischen Schreibmaschine auf´s Papier.
Die Seiten füllen sich und mit einer innerlichen Zufriedenheit hämmert er zu guter letzt das Wort ENDE unter seine Geschichte. Die Welt war eben doch noch in Ordnung, damals Anfang der Achtziger als der Heftroman noch lief.

Moment Mal...

Was ich da eben beschrieben habe war kein Szenario aus den Achtzigern, das alles könnte letzte Woche passiert sein. Anno 2007. Und tatsächlich sitzt auch im Jahr 2007 noch ein Berufs-Schriftsteller an einer mechanischen Schreibmaschine. Glauben Sie nicht? Ist aber so, behauptet der Autor schließlich selbst. Und er behauptet außerdem seine Romane drauf los zu schreiben und auf Seite 20 noch nicht zu wissen, wie sein Roman enden wird. Und wer wundert sich jetzt noch, warum die John Sinclair Romane genau so sind, wie sie nun mal sind?

Mit dieser seltsamen Praxis hat es dieser Autor aber immerhin geschafft über 1800 Geschichten zu erzählen – oder sollte man besser sagen gegen Honorar zu veröffentlichen, denn den Beweis, dass er eine Geschichte erzählt, ist er in den meisten Fällen schuldig geblieben. Also eine richtige Geschichte mit ausgearbeiteten Charakteren, einer durchdachten Storyline, mit einem überraschenden, oder wenigstens einem nicht so vorhersehbaren Ende. ‚Ja aber wie soll er das denn alles in der Kürze der Zeit hinkriegen’ werden Sie mich jetzt fragen. ‚Sie haben Recht’ werde ich Ihnen antworten ‚das geht nicht’. Offenbar geht es aber doch, wenn ich mal auf die über 1800 John Sinclair Hefte und Taschenbücher zurückkommen darf. Wenn sich JS nicht verkaufen ließe, wäre die Serie doch schon lange eingestellt. Der Verlag produziert die Hefte nicht, um den Fans einen Gefallen zu tun, sondern um damit Geld zu verdienen. Laut eigener Aussage braucht der Autor für einen JS etwa vier Tage. Andere Autoren anderer Serien behaupten unterschiedlich für einen Heftroman zwei bis vier Wochen zu brauchen. Sind die nur zu langsam, oder arbeiten sie vielleicht mit mehr Sorgfalt? Recherchieren sie auch mal nach Fakten, bevor sie irgendeinen Quatsch niederschreiben? Kein Mensch erwartet von einem Heftromanautor eine knallharte lückenlose Recherche, indem er zum Beispiel erst mal nach Sydney fliegt und sich in aller Ruhe die Stadt ansieht, bevor er seinen Roman beginnt. Aber wenn Fakten präsentiert werden, die mit einem Minimum an Aufwand nachzuprüfen sind, dann sollten diese auch stimmen. Als Beispiel sei hier angeführt, dass unser oben erwähnter Autor den Regisseur des Filmes King Kong Michael Jackson nennt. Also bitte!? Wenn ich mir nicht sicher bin, wie der Regisseur nun heißt, dann kann man das in kürzester Zeit herausfinden. Und wenn ich das nicht kann, dann frage ich mich, ob ich den Namen überhaupt erwähnen muss. Ist es für meinen Roman von irgendeinem Belang, ob der gute Mann nun Michael, Peter oder Heinz-Rüdiger Jackson heißt. Warum reite ich solange auf solch einer Nichtigkeit herum? Weil genau dieses Beispiel u.a. verdeutlicht, wie unser Autor arbeitet. Und genau diese Arbeitsweise ursächlich für die Qualität seiner Romane ist. Zum einen leidet die Qualität natürlich unter der Quantität, und mit jedem beendeten Roman steigt die Routine. Routine ist der Feind der Arbeitssicherheit, das wird jeder Mitarbeiter in einem Sägewerk bestätigen. In unserem speziellen Fall ist die Routine der Feind der Kreativität. Erschwerend kommt hinzu, dass die Romane nicht nur routiniert, sondern konzeptlos geschrieben werden. Oder würden Sie es nicht konzeptlos nennen, wenn Ihnen ein Autor sagt, er hat nach einem Drittel des Romans noch keine Ahnung, wie es weitergeht, geschweige denn wie die Geschichte enden sollte? Konzeptlos auch deshalb, weil im Sinclair-Kosmos zwar schon eine Vielzahl von Personen, Orten, Artefakten usw. eingebettet sind, aber irgendwie ohne richtigen Zusammenhang, ohne richtigen Überbau. Da passt nix zusammen. Diese ganzen Dinge, Personen, Orte tauchen in der Handlung auf, verschwinden wieder, manchmal völlig zusammenhanglos, ohne Querverweise und Verknüpfungen. Der Held ist ein Abziehbild, er hat sich seit seinem ersten Auftritt bis heute kaum entwickelt und in den Geschichten fehlt ein roter Faden, braucht ja nicht gleich ein Seil zu sein, wie beim großen Perry Rhodan, aber wenigsten ein Faden. Und wenn unser Autor mal Gefallen an einer Person gefunden hat, wird diese strapaziert bis zum Erbrechen. Beispiel gefällig? Bitte schön: Wer ist denn noch nicht genervt von Saladin oder Mallmann, der als Bösewicht den bahnbrechenden Namen Dracula II trägt? Und die gute Kelly Trump muss auf unseren Autor bei einem gemeinsamen Film (nein, nicht was Sie jetzt denken, war einer dieser billigen Horrorfilmchen) einen dermaßen nachhaltigen Eindruck gemacht haben, dass sie als Justine Cavallo noch heute in der Serie rumnervt.

Wenn ich ausschließlich die Leserseite zur Meinungsfindung nutze, liegt doch klar auf der Hand, dass unser Autor so viel nicht falsch machen kann. Alle Schreiber so voll des Lobes, so tief beeindruckt, so dankbar für die schönen Lesestunden. Und immer wieder – wie bei einer Wiedervorlage- die extra Portion Honig, wenn es heißt, unser Autor würde besser schreiben als Stephen King. Was immer man über Mr. King denken mag, aber die Figuren in seinen Romanen sind zumindest ausreichend charakterisiert. Wie soll unser Autor aber erfahren, dass die Leser mit gewissen Abläufen nicht zufrieden sind, sich von gewissen Protagonisten nur noch gelangweilt fühlen? Er kann genauso wenig, wie er mal eben schnell den Namen des Regisseurs von King Kong eruieren kann, die sozusagen „hautnahe“ Meinung der Leser in den diversen Foren erkennen, schlicht und einfach deshalb, weil er keinen PC hat.

Sagen wir jetzt mal, dass es nicht wirklich essentiell ist, vielfältige Leserreaktionen zu kennen, die ja teilweise anonym mitgeteilt werden und da ist die Schwelle zur Beleidigung nun mal nicht so hoch. Sagen wir weiter, dass es für einen Heftroman nicht wirklich maßgebend ist, auch den kleinsten Hintergrundfakt per Internet zu recherchieren. Sagen wir außerdem, dass es völlig belanglos ist, einen Roman per PC oder Schreibmaschine zu schreiben. Aber gerade weil unser Autor ohne Konzept munter ins Blaue schreibt, wäre es doch mehr als sinnvoll, ein Textverarbeitungsprogramm zu nutzen.

Es hält sich das Gerücht, Tolstoi hätte Krieg und Frieden fünfmal komplett umgeschrieben, und er hatte mit Sicherheit keinen PC. Na ja, zumindest hatte er mehr Zeit als vier Tage seinen Roman abzuliefern.

Aber jetzt stellen Sie sich mal folgende Situation vor: Sie beginnen einen Heftroman, kennen nur die ungefähre Handlung und beginnen ohne Konzept auf einer mechanischen Schreibmaschine zu schreiben. Auf Seite 20 merken Sie, dass die Handlung so langsam zu dünn wird. Also beginnen Sie Situationen und Landschaften zu beschreiben, die aber eigentlich gar nichts mit der Handlung zu tun haben. Sie verwickeln ihre Protagonisten in nette Dialoge, die für den Leser leider keinen Informationsgehalt haben. Irgendwann sind Sie auf Seite 40 und merken, dass Ihre Geschichte in eine Richtung läuft, die Sie auf Seite 15 anders beschrieben haben. Und jetzt versuchen Sie nur noch das rettende Wort ENDE zu erreichen, mit Gelaber, mit Beschreibungen und pfeifen auf die Logikfehler, die sich inzwischen aufgebaut haben, da Sie sicher keine Lust haben die letzten Seiten alle noch mal zu schreiben. Ist ja nur ein Heftroman, merkt eh keiner. Und wenn´s jemand merkt, was soll`s. Was erwarten die denn für 1,50? Soll ich hier Kopfstände machen und einen Heftroman verfassen, der das ganze Genre nachhaltig revolutionieren wird?

Und sicher möchten Sie auch kein zusammengestückeltes, mit eigenen Anmerkungen vollgekritzeltes Manuskript abgeben. Denn der Verlag ist schon ein Stück weiter in der modernen Zeit angekommen und benutzt Texterkennung, um Ihr Manuskript einzulesen.

Hätten Sie jetzt aber eine Textverarbeitung eingesetzt, könnten Sie Ihr Manuskript noch mal überarbeiten, muss nicht mal hinterher sein, sondern gleich, wenn Sie merken, dass Ihre Geschichte aus dem Ruder läuft.  Sie könnten auf Seite 15 eine Passage einfügen, die den Logikfehler auf Seite 40 hinfällig werden lässt. Stattdessen sitzen Sie in Ihrer Dachkammer und versuchen Ihre Geschichte noch so hinzubiegen, dass es wenigstens ungefähr einen Sinn ergibt. Und dass es funktioniert hat, beweist Ihnen der treue Leser nächste Woche aufs Neue, wenn er Ihnen schreibt, dass Sie wieder einen tollen Roman hingekriegt haben. Und während Sie sich jetzt zufrieden in Ihrem Sessel zurücklehnen erscheint der Titel des nächsten Romans vor Ihren Augen. Und Sie wissen auch, wie Sie den Roman „Die Hexen-Zombies“ angehen werden. Gleich morgen früh geht´s los. Sie haben zwar noch keine Ahnung, woher diese Hexen-Zombies kommen aber diesmal gibt es einen Unterschied zu Ihrem vorherigen Werk. Sie kennen bereits das Ende: Ihr Held wird die Hexen-Zombies mit seinem Kreuz vernichten.  Ich darf wiederholen: Und wer wundert sich jetzt noch, warum die John Sinclair Romane genau so sind, wie sie nun mal sind?


 

Jochen „Captain Elch“ Stude

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