Phillipsdorf 1 Die zweifelhafte Erbschaft
Die zweifelhafte Erbschaft
Phillipsdorf Band 1
von Daniel Weber
Daniel Weber nimmt uns mit in eine Welt, die es so nicht gibt, und schon gar nicht geben sollte. ein völlig verwahrloster Stadtteil Wiens, der wie ein kleiner, unabhängiger Ort angelegt ist. das ist so ungewöhnlich nicht, im Laufe der Jahrhunderte wurden tatsächlich zunächst die Vorstädte, also Siedlungen direkt vor der Stadtmauer, und dann die Vororte, also die Dörfer ringsum in das Stadtgebiet Wiens eingemeindet, bei vielen erkennt man noch die ursprünglich dörfliche Struktur mit Hauptplatz, Kirche, Amtshaus, und kleinen alten Häusern.
die Freunde Stefan Hanns, der Erbe, und Raphael Kurhaus müssen bei ihrer Ankunft in Phillipsdorf erkennen, hier ist die Zeit nicht nur stehen geblieben, sondern sie hat ganz ordentlich am ganzen Ort genagt. bröckelnde Fassaden, desolate Straßen, heruntergekommene Geschäfte und Lokale, die Fenster sind fast überall verdreckt wenn nicht gleich mit Brettern vernagelt. nur das zu erbende Haus steht vergleichsweise schmuck da, und es steht in der Meyrinkgasse, ein erstes Augenzwinkern des Autors. im Erbe inbegriffen ist auch Helena, von der der junge Herr Hanns noch denkt, das sei die Katze, die im Haus herumstreicht, und so nimmt Stefan Hanns das Erbe an.
von Beginn weg bewegen wir uns in einem absurd-düsteren Setting, das auf unsere Hauptperson eine unnennbare Anziehung ausübt, und trotz aller unleugbaren Widrigkeiten, auf die er stößt - und wir mit ihm - nistet er sich in sein neues Heim ein. der Ton ist humorig, mit viel Augenzwinkern. der Erbe freut sich über die umfangreiche Bibliothek, in der er neben okkulten Folianten auch Werke von Stoker, LeFanu, Poe, King und Andreas Gruber findet - genau sein Geschmack. gemeinsam mit Hanns entdecken wir nach und nach die personae dramatis, eine pubertierende Halb-Ghoula, einen Vampir zum Nachbarn, Leichen statt Blumen, und einen alterslosen, ja was, Magier? Dämon?, der sich als Freund des verblichenen Großonkels ausgibt - oder ist er in Wahrheit der eigentliche Feind? wir treffen auf eine waschechte Hexe, die richtig böse ist, und der bislang für normal gehaltene Freund Stefans entpuppt sich als veritabler Dämonenjäger. und fast alle Protas rauchen Zigaretten, Zigarillos und Zigarren (Pfeife fehlt noch), und tschechern ohne Unterlass Kaffee, Whisky und Bier. mensch wähnt sich im versifften Wien der 70er Jahre...
also alles nur Spaß? nö, Herr Weber kann auch anders. spätestens mit dem Auftauchen des Ghulwesens wird es blutig, und zwar nicht nur angedeutet, sondern überdeutlich. wir kommen dann auch rasch in den Bereich des Okkultismus, dem eigentlichen Unterbau der Geschichte. entsprechend seltene und unheilvolle "Fachbücher" u.a. mit Anleitungen zu Dämonenbeschwörungen werden gewälzt, wobei der Autor wieder ein wenig Leichtigkeit hereinholt in Form von Randnotizen, die der entschwundene Großonkel in die Folianten und Schwarten gekritzelt hat. und schließlich wird das Haus noch von eigenartigen weißen Wesen belagert, die aber vorerst vom Nachbarn - wir erinnern uns, der Vampir - verscheucht werden. auch bei der Housewarming Party geht der Autor wieder in Richtung Humor, selbst ein love interest wird für den eigentlich sehr schüchternen Stefan eingebracht, was auch den Vampir in ungewohnte Aufwallung bringt.
David Grau. der als Gentleman auftretende Freund? Arbeitgeber? des verschwundenen Großonkels, stößt auch kurz zur Fête, obschon nicht eingeladen. ja, die Namen der Protas sind durchwegs sprechend, der Bibliothekar Karl Kirchmaus sei hier besonders erwähnt. der offenbar rumänischstämmige Vampir wiederum heißt Gheorghe. auch die Ortschaften haben mögliche Namen, wie zB Bachbrunn. ist für mich insgesamt nicht too much, sondern macht mich schmunzeln.
im letzten Fünftel des Romans fährt der Autor dann die Krallen aus. es kommt zu einem für mich in dieser Massivität völlig überraschenden dämonischen Angriff der weißen Diener, im Zuge dessen sich Raphael, Stefans Freund, als wahrer Geisterjäger entpuppt, ausgestattet mit Waffen, wie wir sie aus Heftromanen kennen - silberner Dolch, Schrotflinten und Pistolen mit Feenstaub und anderem Kroppzeugvernichtungspulver geladen. es geht echt hart zur Sache, jetzt ist Schluß mit lustig, und unsere vier Helden - Vampir und Halbghul inklusive - gehen dabei fast drauf. Spoiler - die Serie hat noch ein paar Bände, aus unserem Kernteam gibt es keine Abgänge zu beklagen. das hat mich ein wenig an den YA Kracher The Monstrumologist erinnert, wo einerseits die Gefühlswelt eines Zwölfjährigen ausgebreitet wird, der als Assistent eines Monsterjägers arbeitet, ebenfalls streckenweise mit Humor, aber beim Kampf gegen die Monster wird es dann gore as it can get.
Ende gut, alles gut? naja, wir werden sehen. jedenfalls hat Daniel Weber den schlauen Erzähltrick gewählt, seinen Hauptprota auch Schriftsteller sein zu lassen, und wir lesen - erraten! - dessen Bericht. so kann er uns ein fröhliches "bis bald" zurufen. für mich jedenfalls ein sehr gelungener Auftakt.