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»Schön war die Jugend?« - Ausflüge in die Romanheftvergangenheit: »Die Moor-Monster« Silber Grusel-Krimi Nr. 283 von W.J.Tobien

Schön war die Jugendzeit? -  Ausflüge in die RomanheftvergangenheitAusflüge in die Romanheftvergangenheit:
»Die Moor-Monster«
Silber Grusel-Krimi Nr. 283 von W.J. Tobien

Aaaach, es hätte alles so schön sein können. Nach dem ersten Flop bei der Blindverkostung verschiedener Silber-Grusel-Krimis war das Niveau bei „Wolfsgezücht“ wenn schon nicht in ungeahnte Höhen, auf jeden Fall aber auf ein angenehmes und gut lesbares Romanniveau gestiegen. Das lohnt sich, das macht so Spaß, damit kann man auch nach all diesen Jahrzehnten noch gut arbeiten – und ein Wiedersehen ist gar kein Problem.


Generell rechne ich damit, bei älteren Romanen einer Anthologieserie ja vielleicht schneller eine Perle abzugreifen, andererseits muss es ja nicht immer das Niveau der regelmäßigen Autoren gewesen sein, das diese Serien irgendwann abstürzen ließ. Aber der älteste Roman meines Tests (übrigens kurz vor dem Jahreswechsel 80/81 veröffentlicht) sollte nicht zur Niveauhebung oder -krönung führen, sondern eher die Frage aufwerfen, ob man gelegentlich wegen des Veröffentlichungsmodus nicht einfach mal was Kurioses durchgewinkt hat, solange es nur halbwegs thematisch mit Horror zu tun hatte. Leider geschah dies in diesem Fall sogar noch vor der Umstellung des SGK von zweiwöchentlicher auf wöchentliche Veröffentlichung, bei der ich in Sachen Schnellschuss sogar ein Auge zugedrückt hätte.

Aber zum Roman: es grüßt vom Cover ein altbekanntes Bild von R.S.Lonati das vorab schon für SGK 58, „Machetta – die Sumpfhexe vom Mississippi“ (übrigens ein Larry-Brent-Roman) verwendet worden war – dort hatte es offenbar auch besser gepasst, denn weder kommt in diesem Roman jetzt die bebilderte Hexe oder auch nur etwas Ähnliches vor, noch sollten sich hinter den Monstren irgendwelche Sumpfbestien verbergen, die die Leute in tödliche Moorlöchern locken.

Die Wiederverwendung deutet schon ein wenig in Richtung Lückenfüller, aber dann ging der Roman erst richtig los...


Die Moor-MonsterZum Inhalt:
Willkommen in Maycomb, einem kleinen, fluchbeladenen Städtchen nahe eines obskuren Moors, das gleich zu Beginn das Leben eines gewissen Jeremy Harper fordert. Gestalten in feucht-muffigen Kutten nähern sich ihm, während er versinkt – ein grimmiges, aber häufig benutztes Moor-Schicksal.

Doch die Gerechtigkeit naht schon auf Seite 3 in Gestalt von Mike Russel, einem „jungen Mann mit dem ewigen Grinsen“. Der schlendert mit einem flockenlockeren Spruch auf der Lippe erst mal ins Sheriffbüro zum gewichtigen Ordnungshüter Lloyd Parkinson und identifiziert sich als bekannter „Para-Detektiv“. Er wird zum lokalen Bürgermeister namens Hank Sinclair gebracht, der in einem üppigen Landsitz residiert, stellt sich vor und muss erstmal das üppige Honorar verhandeln, ehe man zum eigentlich Thema kommt: den Opfern des naheligenden Moores.

In der Folge tut er so, als würde er ermitteln (das steht da wirklich so) und sucht dann ein Gasthaus auf. Dort legt er sich frohgemut mit dem Wirt an, prügelt sich mit selbigem eine Runde und einigt sich dann final auf Zimmervermietung und Abendessen.
Am nächsten Tag ist die Aktion Seelenfang für das Moor in vollem Gange, über Nacht sind sechs Menschen verschwunden, Grund genug für den Bürgermeister, den Sheriff aufzufordern, doch endlich mal mit dem teuren Privatermittler ins Moor zu gehen.

Dort überzeugt sich Russel davon – übrigens von den Monstern beobachtet – dass es dort verdammt tückisch ist (Oho!), bis er auf die Idee kommt, eine Silberkugel aus seiner Schußwaffe in den Sumpf zu werfen, worauf es deftig zischt und brodelt. (Aha!)

Derweil wird ganz in der Nähe ein junges Pärchen von den Viechern angegriffen, was Russel und Parkinson gerade noch verhindern können. Russel erschießt per Silberkugel zwei der Moormonstren  und latscht daraufhin weiter ins Moor hinein, um als Ortsunkundiger dem Dingen auf den Grund zu gehen! Der Sheriff bringt das Pärchen in die Stadt und geht dann zum Bürgermeister, um zu kündigen. Nun endlich gibt der „Mayor“ ein paar Informationen preis, z.B. dass ihn vor einiger Zeit ein Unbekannter aus dem Nichts besucht hatte und dieser ihn über einen alten Fluch unterrichtet habe.  Einstmals gab es wohl Dörfer im Sumpf und die versanken schließlich – doch natürlich waren ein paar Bewohner mit den dunklen Künsten im Bunde. Nun würde nach ein paar Jahrhunderten noch so einiges zu erwarten sein von den verlorenen Seelen. 

Parkinson zieht seine Kündigung zurück und die beiden machen sich wieder auf die Socken in den Sumpf, wo sie Russel gerade noch vor einem moorigen Schicksal bewahren können.

Wieder in Maycomb sind sich alle total sicher, dass jetzt etwas passieren muss (z.B. eine Untersuchung auf allg. Zurechnungsfähigkeit), also ruft Mike Russel seinen Kumpel Mark Ramon an, weil er mit seinem Magazin Silberkugeln und keinem Ersatzplan im Ärmel (der Bürgermeister hat ihn auch nicht über die Hintergründe aufgeklärt) nicht weiterkommt.
Ramon, der sich ebenfalls wie in einer lockeren Komödie aufführt, hat einen dämonischen Hintergrund und setzt sich sofort in den nächsten Flieger in die Vereinigten Staaten, mit einem ominösen „Stein der Schatten“ im Gepäck. In Maycomb angekommen, macht er sich auch sofort an die Arbeit – denn dort scheint trotz aller Offensichtlichkeiten rund das Losbrechen der siebten Hölle niemand der gesunde Menschenverstand eingestellt worden zu sein...

Eindrücke:
Ich mache jetzt hier mal Schluss, diesen infernalischen Kasperquatsch noch weiter nachzuerzählen, denn die Story schlägt dem Fass den Boden aus.

Werfen wir aber zunächst noch einmal einen Blick auf die erste Romanhälfte zurück: da haben wir den gutaussehenden „Para-Detektiv“ mit der großen Erfahrung, der außer einem (EINEM!) Magazin mit Silberkugeln und ein bisschen Spürsinn für übernatürliche Entwicklungen schon mal gar nichts kann, am allerwenigsten auf sich selbst aufpassen. Er hat immer einen flotten Spruch auf der Lippe, legt sich mit jedem aber großmäulig an und tut eigentlich nichts Wesentliches, um sein Geld wert zu sein. Was ja auch schwer ist, wenn man sich wie weilend Terence Hill in seinen Filmen aufführt und der Rest der Bagage aus einer Burt-Reynolds-Komödie rund um amerikanische Hinterwäldler entsprungen zu sein scheint.

Der Sheriff ist stetig mies gelaunt bis misstrauisch, der Bürgermeister ein wohlhabendes Wiesel, der beim Sheriff um Verständnis bindet, dass er seiner „letzten Hoffnung“ Mike Russel aus „verständlichen Gründen“ nicht erzählen kann, was er über die Vorgänge in Maycomb alles weiß. (Aua!) Das entschleunigt natürlich die Ermittlungsarbeiten bedeutend.

Kein Wunder also, dass also, dass es bald im Moor hoch hergeht, wobei ich noch nie davon gehört habe, dass man in amerikanischen Kleinstädten nahe von Mooren leben würde. Sümpfe hätte ich problemlos akzeptiert, aber dass sich Maycomb in den USA befindet, erahnt man auch erst, als der Gesetzeshüter als Sheriff tituliert wird und Russel den ersten „bar room brawl“ erzwingt, der weder sinnvoll noch nötig gewesen wäre.

Wer jetzt denn nun der große böse Gegner ist und was es mit dem Fluch auf sich hat, ist so nachlässig und rudimentär erklärt und entwickelt, dass es schon quietscht, da passt es ganz gut, dass ab Seite 36 aus den „Moor-Monstern“ plötzlich aus dem Stand „Zombies“ werden, was man aber immerhin bis zum Finale so durchhält.

Da Russel zum Recherchieren oder Nachfragen der Stadthistorie aber zu fein oder zu cool ist, greift man zur beliebten Allzweck-Plot-Device und lässt ihn einen ihm zufällig bekannt-befreundeten  „weißen Dämon“ herbei telefonieren, der sich ebenfalls wie die Axt im Walde aufführt. 400 Jahre alt und halbwegs bekehrt, kann sich Mark Ramon (Leute mit solchen Namen findet man natürlich vorzugsweise in Deutschland) notgedrungen mittels Schattenstein in den Dämon Kalamar verwandeln, der sich von anderen bösen Seelen ernährt. Was er auch sofort tut, weil die Viecher immer noch das Haus eines Schriftstellers bevölkern.

Von jetzt an hat Russel nun so überhaupt nichts mehr zu tun (nicht, dass er schon irgendwas getan hätte), also kompliziert man die Story mit dem jungen Camperpärchen, das sich, schon in Sicherheit, wieder umständlich in Gefahr bringt. Es gibt eine Menge seitenfüllende depperte Aktivitäten, während Kalamar längere Zeit Zombies verfrühstückt und dann rückt auch noch das Militär an.
Und weil nach all dieser bemühten Action immer noch fünf Seiten zu füllen waren, tauchen während der Aufräumarbeiten am Schluss doch noch mal eine Handvoll von den Moormonstren auf und siehe da, alles geht (wenn auch nur für auf die Schnelle) von vorn los.

Anschließend kann Russel es kaum erwarten, aus der Stadt raus zu kommen (natürlich nur inclusive seines Honorars) – ich kann verstehen, dass selbst die Figuren aus diesem Roman raus wollen.
Mir ging es da nicht anders, fassungslos musste ich während der Lektüre mitverfolgen, wie man ein Rudiment an Plot ständig durch Umständlichkeiten und unausgereifte Charaktere neu verkomplizieren kann. Die grob gezeichneten „Helden“ können entweder fast nichts oder alles auf einmal und sind ansonsten eher an den damaligen Zeitgeschmack lockerer Filmkomödien angeglichen. Da provoziert man schon mal eine Prügelei aus der lauen Luft, wenn man schon bei der übernatürlichen Bedrohung total versagt.

In punkto dürftige Gegner bedeutet der Roman auch einen kleinen Meilenstein, denn weder sind die Kuttenträger aus dem Moor besonders schnell noch irgendwie bedrohlich und die Titulierung „Zombie“ war wohl damals auch gerade der letzte heiße Scheiß, während Wiedergänger angemessener, aber nicht so populär gewesen wäre.

Tobien schaltet dann aber auf Masse statt Klasse, lässt Kompanien der Viecher aufmarschieren, verzichtet aber auf Details. Dass solche Angreifer etwa eine Panik auslösen können, die Monstren eine Stadtinvasion starten, unser Held mal öfter in den Nahkampf muss, das findet alles nicht statt – stattdessen füllt ein deppertes Campingpärchen die notwendigen Zeilen mit idiotischem Sich-Selbst-in-Gefahr-bringen-und-dann-Mama-schreien. Zusätzlich stellen sich mir die Nackenhaare auf, wenn der Bürgermeister „Sinclair“ heißt und der Held einen „weißen Dämon“ im Gepäck hat. Gepriesen sind die Romancollagen aus der Feder von Kollegen.

Fazit:
„Die Moor-Monster“ wirkt leider wirklich wie übernächtigt beim Frühstück geplottet und dann ohne jedes Interesse runter geschrieben, immer schön auf Zeilenschinden, aber nicht auf innere Logik gestrickt; alles angereichert mit Figuren, für die man sich wirklich nie begeistern kann, außer man mag es hölzern und oberflächlich. Amüsieren kann ich mich natürlich darüber,  aber mehr weil der Roman wie ein Verkehrsunfall anmutet, bei dem man nicht wegschauen kann, bis er im endlosen Schlußfightgewimmel dann doch sehr, sehr langweilig wird.

Nach drei Silber-Grusel-Krimis kann ich eigentlich auch nur sagen, dass ich später noch einmal weiter testen muss, denn so kann es ja nicht über ein Dutzend Jahre in monströsen Niveauschwankungen rauf und runter gegangen sein...

...aber bis das soweit ist, knabbere ich jetzt (und das ist nach 44 Jahren echt eine Premiere) erstmal drei „Vampir“-Horrorromane weg...wie immer blind gegriffen...

Kommentare  

#1 Toni 2015-12-29 16:48
Du scheinst beim "wahllos reingreifen" aber auch wirklich verdammtes Pech zu haben. Die Grusel Romane der 80er scheinen es auf die Zielgruppe der Teenager abgesehen zu haben und das Genre lief halt auch schon eine ganze Weile. Manchmal reichte nur das Wort ZOMBIE auf dem Cover um zum Kauf anzuregen. Schaust du dir den Inhalt der Romane in der frühen 70ern an findest du bestimmt auch ein paar Perlen.

Trotzdem interessant deine Artikel. Normalerweise erfährt man nicht so viel über W.J. Tobien und andere. Warum hat der eigentlich nicht seinen richtigen Namen benutzt - Tobias Grant hört sich doch auch super an... :-)
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#2 Thomas Mühlbauer 2015-12-29 17:16
@ Silvan

Beim "Vampir-Knabbern" könntest Du allerdings mehr Glück haben...

Deine Artikel waren übrigens sehr schön zu lesen und zeigen, dass der wöchentliche Griff zum Lesestoff mitunter sehr vom Glück abhängig war - und vom Talent/Wollen der Autoren natürlich.
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