Pillion - Machtgefälle
Pillion
Machtgefälle
Unter Pillion versteht man im Englischen den Soziussitz eines Motorrades, den Platz also, auf den sich der passive Part setzt und sich an den Fahrer festklammert, der dabei stets die Kontrolle behält. Genauso klar wie die Rollen auf dem Motorrad festgelegt sind, genauso strikt hält sich der Biker Ray (Alexander Skarsgård) in seinen Beziehungen an festgelegte Rollen und ein klares Machtgefälle. Ausgerechnet der schüchterne und wohlbehütet aufgewachsene Colin (Harry Melling) macht in einer Kneipe die Bekanntschaft mit Ray und ist sofort von dessen blendendem Aussehen und seiner forschen und dominanten Art fasziniert. Die potenziellen Partner, die Colin von seiner todkranken Mutter Peggy (Lesley Sharp) aufgeschwatzt bekommt, sind schnell vergessen, als Ray dem jungen Mann einen Zettel zusteckt, der eine unmissverständliche Anweisung enthält, wo und wann sich die beiden wiedersehen sollen. Dass dies ausgerechnet am Weihnachtstag ist, macht die Eltern zwar stutzig, aber Colin ist begeistert und lässt sich darauf ein. Das erste Date dient einzig und allein der schnellen Befriedigung Rays im Freien, Colin muss dabei bereits erste Erniedrigungen über sich ergehen lassen. Aber das Konzept funktioniert für beide, und so findet sich Colin bald in einer Beziehung wieder, in der Ray in sämtlichen Belangen das Sagen und Colin ihm ohne Widerworte zu gehorchen hat. Peggy und Pete (Douglas Hodge) machen sich zunehmend Sorgen um ihren Jungen…
„Pillion“ ist selbst im Subgenre queerer Spielfilme ein sehr ungewöhnlicher und mitunter provokanter Film. Harry Lightons Langfilmdebüt ist die Adaption des erstmals 2020 erschienenen Romans „Box Hill“ von Adam Mars-Jones und taucht tief ein in die schwule Fetischszene, in die Welt von Sado-Masochismus, Lederkult, Erniedrigungen und sexueller Abhängigkeit. Selten zuvor wurde dieser Unterbereich queerer Lebensformen dermaßen explizit, detailliert und authentisch in einem Film thematisiert, noch dazu, wenn er durch die Mitwirkung eines Superstars wie Alexander Skarsgård („Legend of Tarzan“) so viel Aufmerksamkeit erregt wie „Pillion“. Der Adonis-gleiche Schwede genießt seine außergewöhnliche Rolle vor der Kamera auch sichtlich. Schon 2023 hatte er in „Infinity Pool“ Grenzen ausgetestet und Material für schwule Fantasien geliefert, nun verkörpert er mit dem Biker Ray direkt eine Fleisch gewordene homosexuelle Idealvorstellung. Die eigentliche Entdeckung dieses Films ist aber Harry Melling in der Rolle des schüchternen und dann unterwürfigen Colin. Bekannt geworden war er vor gut 20 Jahren als Kinderdarsteller in den „Harry Potter“-Filmen, in denen er den nervigen Cousin der Hauptfigur, Dudley Dursley, verkörperte. In „Pillion“ nun ist Melling zu einem vollwertigen Schauspieler herangereift, der die unterschiedlichen Phasen in der sexuellen Entwicklung seiner Figur mit viel Feingefühl und minimalistischen Gesten eindrucksvoll zu vermitteln vermag. Ein faszinierender Film für ein aufgeschlossenes Publikum.
Die BluRay-Erstveröffentlichung bei Weltkino (parallel ist der Film auch auf DVD erschienen) bietet ein sehr gutes Bild (im Widescreen-Format 1,85:1). Auch hinsichtlich des Tons gibt es nichts auszusetzen. Im DTS HD Master Audio 5.1 sind sowohl die Originalfassung als auch die gelungene deutsche Synchronfassung (Dialogbuch und Synchronregie lagen in Händen der Transfrau Philippa Jarke) aufgespielt, des Weiteren gibt es auch eine deutsche Tonspur im DTS HD Master Audio 2.0 und optionale deutsche Untertitel. Die Extras umfassen Interviews mit Regisseur Harry Lighton (27 Minuten) sowie den Hauptdarstellern Alexander Skarsgård (19 Minuten) und Harry Melling (18 Minuten).



