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Das wird böse enden! - »Nicht fummeln Liebling!«

Nicht fummeln Liebling!Das wird böse enden
»Nicht fummeln Liebling!«

„Zur Sache Schätzchen“ hieß ein Anfang 1968 in die Kinos gebrachter Film aus der Schwabinger Künstler- und Alternativszene, der zu einem sensationellen Überraschungserfolg wurde.

Ein Jahr später ließen Regisseurin May Spils und ihr Hauptdarsteller und Lebensgefährte Werner Enke mit „Nicht fummeln Liebling!“ einen nicht minder gelungenen zweiten Film folgen.

Nicht fummeln Liebling!Ein zweiter Film hat es meist nicht annähernd so einfach wie ein Erstlingswerk, realisiert zu werden. War das Debüt ein durchschlagender Erfolg, werden die Erwartungshaltungen noch größer und ein Scheitern ist quasi vorprogrammiert. Zahlreiche Kritiker machten sich im Erstaufführungsjahr von „Nicht fummeln Liebling!“ 1970 dann auch tatsächlich einen wiederkehrenden Spruch von Werner Enke aus dem Film zu eigen und titulierten provokant: „Der alte Schwung ist hin!“ Dass dem nicht so war, können nicht nur diejenigen bezeugen, die den zweiten Film vor dem ersten gesehen haben und diesen deswegen vielleicht noch mehr lieben als das „Schätzchen“. Davon kann man sich auch heute noch ganz objektiv ein Urteil bilden, weil „Fummeln“ nun endlich ebenfalls auf DVD fürs Heimkino ausgewertet wurde. Auch rund 50 Jahre nach seiner Premiere konnte sich die schräge Gammlerposse, dieses seltene Beispiel eines witzigen Films aus dem Dunstkreis des „Neuen Deutschen Films“, seine Originalität und seinen Charme bewahren.

Nicht fummeln Liebling!Charly (Werner Enke) lebt gammelnd und philosophierend in den Tag hinein. Er ist schon ausgelaugt, wenn er nach dem Aufwachen beobachtet, wie andere Leute zur Arbeit gehen. Seine Freundin (Elke Hart) hat genug von diesem Nichtstuer und setzt ihn vor die Tür. Charly wendet sich an seinen besten Freund Harry (Henry van Lyck), der als Fotomodell für dänische Heftchen posiert und nun einen Statistenjob beim Film hat. Dort bringt er auch Charly unter, aber dessen laxe Arbeitsmoral führt schnell dazu, dass die beiden hinausgeworfen werden. Ein Revoluzzerfreund (Otto Sander) plant zusammen mit einem weiteren Kumpel (Jean Launay) einen Sprengstoffanschlag auf die Toiletten eines Warenhauses. Bei den Vorbereitungen wird Charly kurz verhaftet, kann aber nach Aneignung einer Dienstuniform rasch wieder aus dem Gefängnis entkommen. Bei seiner Flucht macht er die Bekanntschaft mit Gila (Gila von Weitershausen), die aus besseren Verhältnissen stammt und von Charlys unkompliziertem Charme direkt begeistert ist. Gemeinsam lassen sich die beiden im Kaufhaus einschließen, wo sie bis zur Durchführung der Tat ihre Zeit mit Plantschen im Bassin in der Campingabteilung und mit Vorlesen aus Knolles „Lustfibel“ verbringen.

Nicht fummeln Liebling!„Nicht fummeln Liebling!“ ist vielleicht nicht ganz so sozialkritisch angelegt wie der Vorgängerfilm „Zur Sache Schätzchen“, hat aber unverkennbar ebenfalls wieder politische Aspekte, die ihn von seichten Unterhaltungsfilmen aus der gleichen Ära abzugrenzen verstehen. Die Spritzigkeit der Dialoge und die Originalität des Handlungsablaufs konnten sich May Spils und Werner Enke ebenfalls bewahren. Der Film ist fast noch so unverbraucht wie zu seiner Entstehungszeit, weil Enkes „Null Bock“-Mentalität so einzigartig und unverfälscht ist, dass man sie auch heute noch mit Staunen und einem permanenten Lachen im Gesicht wahrnimmt. Die DVD-Erstveröffentlichung bietet den Film wahlweise in seinem originalen 4:3-Format als auch in restaurierter Form im 16:9-Breitbildformat (1,78:1) auf der ersten Scheibe dar. Der Ton liegt auf Deutsch in Dolby Digital 2.0 Mono vor. Eine zweite DVD bietet interessantes Bonusmaterial. Neben dem Original-Kinotrailer zum Film beinhaltet dieses ein Kurzportrait der Regisseurin May Spils (14 Minuten), das Feature „Künstler und Revolutionäre im Kleinen Bungalow“ (7 Minuten) über die legendäre Münchner Szenekneipe, die Doku „Zeitgenossen: Was wurde aus Werner Enke“ (21 Minuten), ein Interview mit Werner Enke im Atomic-Café in München aus dem Jahr 2014 (7 Minuten) sowie das Musikvideo „Kennst du Werner Enke?“ der Hamburger Gruppe „Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen“. Hinzu kommt ein 12seitiges Booklet mit zahlreichen Infos, Fotos und einem Text von Dr. Ulrich Horstmann.


Kommentare  

#1 Der schlaffe Haro 2023-04-15 21:59
Auf der neuen Webseite von Werner Enke gibt es einen Schwung von bislang unveröffentlichten Filmfotos und Standfotos, eine bebilderte Handlungsbeschreibung, Hintergrund-Informationen und vieles weitere:

www.wernerenke.de/nicht-fummeln-liebling/

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