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»Schön war die Jugend?« - Ausflüge in die Romanheftvergangenheit: Nie hat ein Mann sie so geküsst (Notärztin Andrea Bergen 1096)

Schön war die Jugendzeit? -  Ausflüge in die RomanheftvergangenheitAusflüge in die Romanheftvergangenheit:
»Nie hat ein Mann sie so geküsst«
Notärztin Andrea Bergen 1096 von Edna Schuchardt

Okay, mein Seepferdchen hab ich vor zwei Wochen gemacht. Die Sache mit dem Tierarzt ist gut ausgegangen, kein Tier ist gestorben, die Katze lebt und hat Junge geworfen. Und die Nachbarskatze hier um die Ecke ist auch wieder aufgetaucht, nachdem diverse Straßenlaternen mit Suchanzeigen bepflastert wurden. Meine innere Flauschbilanz ist somit ausgeglichen.

Dann kann ich mich jetzt größeren Aufgaben widmen: Ärzten, die Menschen behandeln etwa. Und nicht nur so einen beliebigen Kinderarzt oder Gynäkologiker, sondern gleich die ganz große Grobnäherei, die Notaufnahme. Dazu muss Andrea Bergen her, der Ärztin, der nicht nur Frauen, sondern auch Männer vertrauen und nach dem Roman wusste ich sogar mal, warum das so ist.

Warum sie laut Cover so enorm „ungewöhnlich“ sein soll („Dramatischer Roman um eine ungewöhnliche Frau“), verstehe ich jetzt nicht eben, denn in welcher Welt sollte eine Frau nicht Notärztin sein, aber vielleicht richten sich ja Arztromane auch nur gewöhnlich an eine Zielgruppe, die eben nicht wie ich sämtliche „Emergency Room“-Folgen gesehen hat und mit dem gröbsten Schmadder vertraut ist und deswegen sofort einen Herzkasper bekommt, wenn es nicht zu 97 Prozent um Herzschmerz, sondern sogar um medizinische Schicksale geht, wie sie glatt in der Realität vorkommen könnten.

Gut, der Titel der Woche ist jetzt nicht eben der Reißer vor dem Herrn und lässt eher wieder auf eine Schmonzette schließen, doch ich habe mich nach meinem Ausflug in die zweite Liga (offenbar erwische ich bei Kelter öfter mal die kurzlebigen und halbgaren Serien) diesmal bewusst für die höchste Spielklasse bei den Senioren entschieden und lasse die Jungs und Mädels von Bastei ran – die sollten ja wissen, was gut ist, sonst würde Andrea nicht schon 25 Jahre bei denen Dienst schieben.

Ein kurzer Blick ins Internet hellt dann die Miene zusätzlich auf, denn unter dem eher unscheinbaren Namen „Edna Schuchardt“ verbirgt sich eine fleißige Schreiberin, die auch außerhalb des Heftbereichs mit zahlreichen (Ostfriesen-)Krimis eine sicher sehr zahlreiche Leserschaft hat. Die sollte das doch routiniert können, denke ich mir.

Und wirklich: Tolstoi it ain‘t, but it‘s quite satisfying on a save level.

Egal, wie man, Mann oder ich über Arztromane denken oder denken sollten, diesen flockenlockeren Beitrag Nr. 1096 hab ich in einer flotten Stunde durchgezogen, ohne schamfleckig zu werden. Im Gegenteil: da hat eine die populären Vorbilder aus bestem deutschen TV (was hauptsächlich aus den verdaulichsten Bestandteilen des besten amerikanischen TV besteht) wirklich verinnerlicht und geschickt in einer Herzschmerzstory links und rechts des Weges angebracht.

Das Rezept dazu ist ganz einfach: man nehme eine engagierte, aber sehr menschliche Hauptfigur, füge eine bunte Tüte brauchbarer Kollegen dazu, streue die übliche Prise menschenverachtender Bürokraten, lebensentziehender Bürokratie und etwas Karrierearschlochtum darüber und richte das alles mit einem Löffel Privatleben und drei Patientenfällen an, die alternierend über den ganzen Roman verteilt werden. Am Ende als Häubchen lasse man noch etwas Spielraum und serviere den nicht aufgelösten Strang als möglichen Gaumenkitzler für kommende Hefte. Hauptsache, im Kern ist pures Schicksalskino los, dass es nur so kracht im Gebälk. So lockt man sein Publikum auch die Woche drauf wieder zum Kiosk oder – wie es in diesem Genre ja noch möglich ist – zum Zeitschriftenregal des örtlichen Discounters.

Was hat denn also Frau Bergen so zu tun, außer die üblichen Alliterationen zu vermeiden?

Nie hat ein Mann sie so geküsst»Wenn Sie mich fragen, sollten wir besser dafür sorgen, dass der Kerl nicht noch mehr Gören in die Welt setzt und ihn ansonsten weiterpicheln lassen.« (Dr. Anger im besten Kastrations- und Euthanasiemodus…)
Zum Einen verfasst sie wohl gern mal ein paar „Aufzeichnungen“, die den Romanen immer voran stehen, aber im Kern schon mal den Herzschmerzkonflikt schildern. Leider nimmt das der Story eine Menge Spannung, aber der angeklebte Hinweis auf eine schreckliche persönliche Tragödie lässt das Ableben des Ehemanns in relative Nähe rücken.

Zunächst aber mal zum Pärchen der Woche:

Annika und Mike Stadler sitzen justament nämlich im fancy Restaurant und erzählen sich so einiges. Bzw. Annika würde gern, aber ihr Gschspusi hängt dauert an seinem Smarty und rennt gern mal ein halbes Stündchen für Dauergespräche nach draußen, verpasst ein paar Gänge, schiebt sie sich dann à la Neandertaler in einem Rutsch rein, bestellt ihr vorsorglich ein Taxi in einer Stunde und muss dann ganz schnell weg.

Das kann eine eh angeschlagene Beziehung natürlich schnell komplett vernichten, vor allem weil Annika neben dem auf dem Teller auch noch einen Braten in der Röhre hat (woher eigentlich, so wie Mike sie vernachlässigt, müsste der ja vom Postboten sein?) und er noch nichts davon weiß. Sie ist bisher einfach nicht zu Wort gekommen.

Zum Glück tafeln auch gerade Andrea Bergen samt Männe Werner in derselben Edelfrittenschmiede und laden die Hinterbliebene gleich mal zum flotten Cocktailpicheln ein, was dann doch wieder aufheitert, auch wenn sie auf den Alk vorsorglich verzichtet. Es wird ein schöner, fruchtiger Abend.

And now, back to the clinic.

Am nächsten Morgen hat Andrea sowohl ordentlich Schädel als auch Dienst, dopt sich aber mit reichlich Kaffee der Marke „RuckzuckistdieBirneklar“. Kein Aufputschmittelmissbrauch, immerhin.

Das ist die Gelegenheit, gleich mal ein wenig Kritik am deutschen Gesundheitssystem unterzubringen, denn im Gespräch mit Dr. Ali Gjülök (ein türkischer Arzt, na geht doch…) stellt sich heraus, dass der jetzt den Sprung zur eigenen Praxis wagen will, weil ihn die Bürokratie im Krankenhaus den letzten Nerv raubt.

Diese Krankenhausbetreiber, alles nur Pfennigfuchser, alles muss man belegen, jede Therapie, dabei zählt doch nur der Mensch. Bissl naiv, aber eine Philosophie, der jeder folgen kann.

Derweil ist Annika mit einer beunruhigenden Zwischenblutung bei ihrem Gynäkologen, der sie beruhigt und in die liebevolle Obhut ihres Mannes übereignet. Ach, wenn der wüsste. Aber Mike sollte vom Vaterwerden vielleicht mal unterrichtet werden.

Time for Drama: jetzt ist die große Tragödie dran.

Aber nicht Werner hat sich überfressen und ist dann geplatzt (der Ehegatte ist selbstmurmelnd auch Arzt), sondern einer der angejahrten Familienhunde, die alte Dogge Anuschka hat sich über die Regenbogenbrücke verabschiedet, was Schwiegermama Hilde natürlich einen traurigen Schreck versetzt.

Derweil hat Karl Bauer eine Glaubenskrise. Er glaubt, er kriegt hier nix mehr zu trinken.

Und das stimmt auch, denn der Wirt seiner Kneipe, in der er die erneute Arbeitslosigkeit wegpicheln möchte, anstatt seiner Frau Inga davon zu erzählen, wirft ihn zur Sperrstunde raus.

Karl ist nicht nur Tages-, sondern auch Monatsvollster und klemmt sich im Vollrausch hinter das Steuer. Zu „Die rote Sonne von Barbados“ pennt er dann auch mitten im Verkehr ein und wird kurz darauf von einem LKW an die nächste Leitplanke geschoben. Dabei kommt er noch glimpflich mit leichten Verletzungen davon, allerdings diagnostiert Frau Bergen während der Erstbiszweitversorgung flotte 2,8 Promille Blut im Alkohol, weswegen er eh nix mehr merkt.

Andrea justiert ihn auf Entgiftung und will dann eigentlich ihren Feierabend antreten, als sie an die angstvolle Inga (oder war es die ingstvolle Anna?) und ihren Säugling gerät, die ihr die Schicksalsstory ihres Mannes berichtet, der, einmal entlassen und in fortgeschrittenem Alter, natürlich immer schlechtere und mieser bezahltere Jobs angeboten bekommen hat, die er sich zunehmend schön gesoffen hat. Eine Therapie könnte helfen, das weiß auch Frau Bergen. Und man könne da schon vom Krankenhaus was in die Wege leiten, phantasiert sie munter los, denn das würden ja die Kassen übernehmen. Eigentlich!

Währenddessen woanders: Nicole Friedrich hat ebenfalls so ihre Ehenöte, die aber mehr damit zu tun haben, dass das Prickeln nach der Geburt von Nicki ein wenig bis sehr nachgelassen hat und sich Gatte Rudi nur noch für das Fernsehen interessiert. Viel lieber würde Nicole mal wieder in einen All-inclusive-Club verdüsen, um Rudi wieder zu motivieren, muss aber stattdessen recht volle Windeln wechseln. Da erhebt sich sogar der Gatte mal, als sie kurz vor dem Weinkrampf steht und verspricht, sich etwas einfallen zu lassen, denn das Kind wäre ja nur ein Hemmschuh. Oh-oh…

Andrea hätte jetzt Feierabend, doch da wartet schon Werner und berichtet von der verstorbenen Dogge, was natürlich – und verständlich – viele, viele Tränen nach sich zieht, bis Werner den Spaten holt und das Blumenbeet aushebt. Darf man nicht, macht er aber trotzdem.

An diesem Abend hat Annika sich dann richtig ins Zeug geschmissen und ihr besten Gulasch zusammen geköchelt, doch der Göttergatte kommt mal wieder gefühlte zwei Tage zu spät. Zum Gespräch kommt es dann auch nicht, denn Mike arbeitet auch während des Gulascherwärmens weiter und bequemt sich nur auf die Schnelle in die Küche. Dabei lässt er dann fallen, dass Brüderlein Roloff, sein äußerst erfolgreicher Weltbummlergeschäftsmann-nächster-Angehöriger mal vorbei schauen will – und er ist ihm aufs Äußerste verhasst.

Natürlich schiebt Mike die Verantwortung für Roloffs Besuch Annika zu, wie er das auch mit Kochen und Putzen und Waschen tut, schließlich hätten die beiden einen Draht zueinander. Und was für einen! Als er sich endlich ausgekotzt hat, steht wieder Arbeit an und er flüchtet rechtzeitig vor der frohen Botschaft des sich ankündigenden Nachwuchses.

Am nächsten Tag taucht das Ehepaar Friedrich in der Kinderambulanz auf und liefert ihre schwer dehydrierte Tochter Nicki ein und macht sich bei der hellen Schwester Hella sofort verdächtig. Apathisch ist das Kindchen und Durchfall hat es auch. Dr. Roden macht sich sofort ans wässernde Werk und weist die Kleine auf die Kinderstation ein. Kurz darauf ist das Ehepaar einfach verschwunden.

Auftritt Roloff: für etwas Aufmerksamkeit und freundlichen Umgang tut Annika inzwischen alles, also bringt sie den Garten in Schuss und schmeißt eine Grillparty zu dritt für die Ankunft des Brüderchens. Der sieht seinem Bruder nicht nur ähnlich, er ist auch ein echter Sympath (so wie Mike wohl vor seinem Karriereschub mal war) und sehr lebensbejahend. Es hagelt Komplimente, Annika werden die Knie weich und Roloff lässt schon mal durchblicken, dass er schon immer fand...dass Annika und er ja sonst...na, sie wissen schon.

Man schwelgt also in Kuchen und Garten und der Weltenbummler erklärt, bald sesshaft werden zu wollen (wir sind irgendwo in der Nähe von Koblenz) und eine Wohnung zu suchen. Auch in Sachen Job kann er sich jetzt eher hier niederlassen. All das lässt bei Annika zunehmend den Blutdruck steigen und die Herzfrequenz macht auch auf sich aufmerksam.

Später kübeln sie fröhlich Erdbeerbowle und sind schon kurz vor dem Grillen, als Mike endlich auftaucht, dann wieder reichlich lange verschwindet, sich kurz wie ein Sitzpisser verhält, dann wieder alles in sich rein spachtelt und wieder verschwindet. Ein Supertyp.

Annika und Roloff sind also nun wieder unter sich und der schöne Typ will doch tatsächlich nicht nur Heim und Herd, sondern auch gleich jetzt noch Frau und Kind, man wird ja nicht jünger. Das pulstreibende Geschehen geht fröhlich bis Mitternacht weiter, als Mike heimkommt und den Bann bricht. Doch Roloff, Übernachtungsgast, haucht ihr glatt noch ein Küsschen auf die Lippen. Schlingel, der!

In der Klinik schlagen nun bei der großen Chefarztbesprechung die Wellen hoch, als Andrea Bergen für Karl Bauer eine Entzugstherapie aufs Tapet setzen möchte. Alle wären dafür, aber der karrieregeile, sexistische und auch sonst menschenfeindliche Dr. Anger möchte natürlich alle töten oder verrecken sehen, die ihm nicht den Chefarztposten oder sehr viel Geld einbringen.

Professor Hebestreit kann dessen Tiraden über Geldverschwendung für Aso-Säufer aber gerade noch unterbinden.

Danach behandelt man dann den Fall „Friedrich“, bei dem die seligen Rabeneltern – erkennbar an ihren gepackten Reisekoffern in der Notaufnahme – wohl in den Urlaub abgedüst sind, nachdem sie der Kleinen Barbiturate und Abführmittel gegeben haben. „Ferienwaise“ heißt die Diagnose – und Dr. Angel plädiert heftigst für eins dieser „gräßlichen“ Kinderheime, während alle die guten Menschen in der Klinik das Würmchen lieber noch eine Weile auf der Station behalten würden. Auch hier entscheidet Hebestreit pro Kind und setzt auf das Finden guter Pflegeeltern im Anschluss.  Anger kriegt einen Anschiss, nimmt sich aber fest vor, die Klinik später mal nach seinem Gutdünken zu führen. (Oha!) Also, ich hätte die Polizei gerufen.

Annika unternimmt nun einen letzten Versuch der (telefonischen) Kontaktaufnahme mit ihrem Ehemann, der natürlich krachend scheitert. Daraufhin pfeift sie auf ihre Aufgaben und geht mit dem netten Roloff ins nächste Multiplex, danach lassen sie es sich richtig schmecken. Bei der Gelegenheit orgelt der findige Roloff ihr auch aus der Tasche, dass da ein „child in waiting“ ist und dass sie jetzt besonders viel Fürsorge braucht. Roloff hat natürlich längst auch sein Herz an A.verloren und gibt ihr zum nächtlichen Abschied mal so einen richtig leidenschaftlichen Knutscher. Folgerichtig hat sie schon fast das Höschen aus, als bei ihm die Vernunft wieder einsetzt, er aber fleißig gegen seinen doofen Bruder rabatzt. Und womit? Mit Recht!

Derweil hängt Andrea an der Bürokratie fest, die nach einer sorgfältigen Analyse festgestellt hat, dass Karl Bauer ein nichtsnutziges Säuferleberwesen ist, dessen Prognose den Einsatz keines müden Hellers rechtfertigt. Vertreten wird diese Meinung von der staubgrauen Kliniktussi Frau Kleinlein, deren Arroganz die nicht Chef-Ärztin Bergen erst einmal ordentlich aufmischt. So wird das gemacht. Als logische Argumente (Alkoholkrankheit kostet im Alter die Kasse noch viel mehr!) nicht so richtig ziehen, tut Frau Bergen dann gleich auch noch so, als ob sie den Regionalvertreter der Versicherung auf Kurzwahltaste hat und jagt der gräulichen Maus so einen Schreck ein, dass sie eine Blanko-Reha für Karl Bauer veranlasst.

Einige Wochen später kommen dann auch die Friedrichs aus ihrem traumhaften Cluburlaub wieder und stellen daheim mal wieder fest, dass die „Nicki“ ja auch noch da ist. Die stört ja sowieso, noch mehr stört aber das Schreiben der Behörde bezüglich der Notpflegeeltern für die Kleine. Ella ist erst schockiert, dann aber erklärt ihr Rudi, warum das in seinen Augen eine Superlösung ist. Die Pflegeeltern, die wollen bestimmt Kinder, da kann sie dann doch gleich bleiben, die haben auch mehr Geld und brauchen es nicht für Super-Urlaubsreisen. Da eröffnet sich Ella erst, dass sie sowieso nie richtige Muttergefühle hatte und das Kind ja irgendwie nie recht geliebt hat. Also wollen sie erst mal nichts machen, vielleicht merkt ja keiner was.

Zur gleichen Zeit umkreisen sich folgerichtig Roloff und Annika wie die läufigen Katzen, während sie ihm hilft, seine neue Wohnung einzurichten. Roloff wird in Bezug auf Mike immer ungeduldiger, weil der so ein Trottel ist. Er würde den Job sofort übernehmen.

Am Abend eilt Mike dann wieder mal so schnell einmal quer durch die Heimstatt, dass sie erneut – und für sie als letzter Versuch – nicht anbringen kann, dass ein Kind aussteht. Kurz nach seinem Abgang schlägt der Schmerz zu und es rinnt feucht aus ihrem Schoß. In Panik kann sie gerade noch Roloff verständigen, ehe sie kopfüber die Terrakottafliesen frontal nimmt.

Roloff kommt gerade noch rechtzeitig mit ihr in die Klinik, ehe sie verblutet, aber der geschickte Dr. Wolters kann nur sie, nicht mehr das Kind retten.
Jetzt endlich ist Mike mal ganz da, die Trauer groß, aber das Glück größer, als er seine Frau versichert, dass es so weit nie wieder kommen wird – und Roloff verzichtet ganz souverän. Ist ja immerhin Familie. Und Frau Bergen so: Was für eine Nacht…

»Mensch, das ist der Sechser im Lotto, verstehst du das nicht? Andere Leute kümmern sich um Nicki. He, die haben sicher mehr Geld als wir und geben ihr alles, was wir ihr nicht geben können. Die wollen vielleicht Kinder, kriegen aber keine und nehmen deshalb fremde. Da hat‘s unsere Nicki bestimmt gut.«
Na, das ist doch ein ganz erkleckliches Sümmchen, was Frau Schuchardt da in einen Roman gepackt hat, so dass hier das selten Phänomen auftaucht, dass am Ende aller Handlungsstränge gar nicht genug Seiten übrig sind, um das Geschehen zu einem wirklich rundum befriedigenden Ende zu bringen.

Es gibt auch ein leichtes Ungleichgewicht bei allen Handlungsteilen zu bemerken – nicht mal zu beklagen – denn die Vernachlässigungs-Lovestory der armen Annika wird ein paarmal zu sehr getriggert und ihr Männe Mike mit seinen wichtigen Telefonaten und dem Tennisspiel ist ein klein wenig zu unaufmerksam und in sich verklappt, um so richtig zu funktionieren.

Dass die Kümmer-Liebe zum viel zu guten Bruder Jacob...pardon...Roloff dann doch nicht bis auf die Ehematratze führt, ist da ziemlich schnell klar, auch wenn es der Figur Annika zunehmend heiß und heißer wird – und das ist auch bei der Treusorge mehr als klar. Dabei braucht es doch nur etwas Aufmerksamkeit, einen Kinobesuch und lecker Essen wie Trinken und schon hinge der Haussegen wieder richtig. So muss der gute Bruder dann auch am Ende in der Notlage ganz schnelle seine Ansprüche wieder vergessen und feiert (noch) kein Happyend mit einer liebenden Frau, wobei die Nachbetrachtung des Geschehens sicher auch noch ganz interessant sein könnte.

Aber ein Pfund Fleisch verlangt nicht nur Shakespeare, auch hier fordert die Autor das Leben eines ungeborenen Kindes und das ist dann doch ein ziemlich realistischer Tobak für die tragische Komponente des Geschehens.

Klar, das ist alles in allem latent naiver Sülz, aber auf höherem Niveau und wie es die 895 bereits gedrehten Folgen einer Serie wie „In aller Freundschaft“ nun mal vorschreibt, rund und verblüffend geschickt geschrieben. Und es haut manchmal ordentlich rein, vorzugsweise bei Familie Friedrich, deren Tochter und Herzblatt dann doch bei der regelmäßigen Cocktailsause im Cluburlaub so nerven würde, dass man sie gleich in Staatspflege zu liebenderen Eltern abschieben möchte – ein Handlungsstrang, den man in einem späteren Roman unbedingt noch mal aufgreifen sollte und dessen Abschluss doch sehr fehlt, weil die Rabeneltern wohl – in dieser Form – auch noch damit durchkommen.

Der Krankenhausalltag ist auch überraschend vielseitig, hier macht nicht einer alles, sondern die Abteilungen kommen alle – mit zahlreichen unterschiedlichen Figuren – zu ihrem Auftritt und ihrem Recht. Dabei fällt vor allem auf, dass die meisten Mediziner auch hier eher menschelnde Figuren sind, die schon vieles oder alles gesehen haben und dennoch für das Gute kämpfen, hier mangelt es fast schon ein wenig an Resignation.

Obwohl, ein wenig Resignation ist schon, denn so sehr die Autorin auch auf bekannte Missstände aufgrund von Bürokratie und Systemschwächen oder der Böswilligkeit oder Verantwortungslosigkeit der Patienten monieren, so bleibt den Figuren immer nur ein „Weitermachen, Heimkehren, Wiederkommen“ als Auflösung der Diskussionsszenarios – aber schlussendlich ist auch das realistisch. Wie sollte man sonst den Job durchstehen? Dass alle schlechten Eigenschaften, vom veralteten Sexismus über Geschlechterstereotype bis zum karrieregeilen Arschgesicht mit Beziehungen (und der klischeehaft vertrocknet wirkenden und sehr biestigen Büroangestellten) aber nur auf Dr. Anger lasten, macht die Verhältnisse ein wenig zu einfach. Immerhin seilt sich der türkische Arzt am Anfang zwecks Familienleben und ein wenig Karriereplanung pflichtschuldig ab. Man kann die Figur da verstehen.

Kein Wunder also, dass im Zentrum ein reines Ehe- und Liebesdrama steht, so weit geht die narrative Innovation dann nun auch wieder nicht, aber immerhin haben die Annika-Einschübe den nötigen Drive, verzichten auf zu lange Knie-weich-Passagen und heiße Gefühlsduseleien über vier Seiten, sondern präsentieren die Situation als Abwärtsspirale ins Wohlgefühl – der Scheidung entgegen. Das ist genau die überschaubare Konfliktsituation, aus der Schuchardt hier das maximale Potential heraus holt.
Wer auf die kritschen Fälle steht, hätte sich sicherlich noch ein bisschen mehr von Karl Bauer und seinem Alkoholismus gewünscht oder von der Justizkeule bei den Friedrichs, aber hier wird eben nicht alles gut, denn die Welt ist schlecht und warum soll man sie über Gebühr beschönigen.

Aber machen wir kein Spiegel-TV daraus, das hier ist ein Unterhaltungsroman und wenn so eine Schwarte gewisse Sujets anreißt, dann bin ich schon mehr als positiv überrascht, auch wenn mit Anger eine Figur über mehrere Seiten die üblichen Ressentiments aus den Gesellschaftsspalten oder der BILD (oder dem Hartz-TV) auskotzen darf, um dann von der Altersweisheit platt gemacht zu werden. Wenn es doch immer nur so einfach wäre – und so gut.

Ein paar Denkanstösse im romantischen Schmökergewand werde ich aber um Gottes Willen nicht verurteilen, dafür bin ich angesichts dieser unterhaltsamen Oberflächenanalyse viel zu positiv überrascht von Bastei und den Vorgaben an so eine Serie. Hoffentlich handelt es sich dabei um den Standard und nicht um einen Ausreißer.

Mögen die Friedrichs auch manchmal etwas platt wirken, so weit an der Realität mancher Mitbürger ist das (vielleicht) gar nicht und fast hätte ich mir die Vertiefung der Hilflosigkeit bei den Bauers noch dazu gewünscht, aber – und das ist positiv zu sehen – kann Frau Bergen auch nicht mit einem Fingerschnipsen und der Aufgabe ihrer gesamten freien Restlebenszeit alle glücklich und zufrieden machen. Stattdessen denkt sie nach einer Schicht hauptsächlich an den Feierabend und muss sich stark zusammen reißen, um den Rest ihrer Energie noch einer besorgten jungen Mutter kurz zu schenken, die total aufgelöst vor ihr steht.
Natürlich gibt sie dann doch noch ihr Bestes und wendet einige Tricks an, ohne die man im Beamtendeutschland offenbar gar nichts mehr erreicht, aber ob das alles fruchtet, lässt man hier erfreulich offen – und echte Notfallmediziner erfahren im Normalfall nach Entlassung auch nichts mehr über ihre Fälle. Außer natürlich, sie werden wieder eingeliefert.

Wie auch immer: Bastei hat das bessere Rezept oder zumindest die bessere Umsetzung beim Plakativdrama, langweilt nicht und schockiert nicht mit Längen oder stößt mit Klebrigkeit ab, sondern bewahrt sich hier einen Rest Galgenoptimismus in einer See aus Schicksalen.

Dank der bewiesenen Lesbarkeit kann ich jetzt meinen Kittel erst mal in den Schrank hängen und wende mit den Adelsgeschlechtern zu.


Dann lassen wir mal die Fürsten dürsten...

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Kommentare  

#1 Sarkana 2018-08-28 18:55
Ich glaub ja eher du hattest drittklassig angefangen ^^ und bist nun beim Zweitligaaufsteiger angekommen. In der ersten Liga scheint mir bei den Ärzten Kelters Norden so das Bayern-Äquivalent zu sein. Was die Fürsten angeht - sei versichert, man muß sich nur drauf einlassen können. Dann können dir durchaus unterhalten - als Kerl ist das aber trotzdem eher nur in homöopathischen Dosen genießbar.
Die Artikel-/Rezessionsreihe ist jedenfalls ausgesprochen gut zu lesen. Mir gefällt der Humor. ;)
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#2 Sarkana 2018-08-28 18:56
Ich glaub ja eher du hattest drittklassig angefangen ^^ und bist nun beim Zweitligaaufsteiger angekommen. In der ersten Liga scheint mir bei den Ärzten Kelters Norden so das Bayern-Äquivalent zu sein. Was die Fürsten angeht - sei versichert, man muß sich nur drauf einlassen können. Dann können dir durchaus unterhalten - als Kerl ist das aber trotzdem eher nur in homöopathischen Dosen genießbar.
Die Artikel-/Rezessionsreihe ist jedenfalls ausgesprochen gut zu lesen. Mir gefällt der Humor. ;)
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