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Das historische Kalenderblatt - 10. Februar 1823: Erster Kölner Rosenmontagszug

Das historische Kalenderblatt10. Februar 1823
Erster Kölner Rosenmontagszug

Karneval, Fasching, Fastnacht ... unterschiedliche Begriffe, die heute häufig synonym verwendet werden, jedoch beileibe nicht identisch sind.

Karl-Heinz Schwendt beschreibt in dürren Worten die wesentlichen Elemente des Faschings/Karneval: Essen und Trinken in reichlichem Maße, Tanz, Musik und Aufzüge, Vermummung.
Der Begriff des „Karnevals“ ist dabei vergleichsweise jung.

Erst seit dem 18. Jahrhundert hat die Bezeichnung "Karneval" Verwendung gefunden. Spricht man heute vom „Karneval“, meint man meistens den Karneval am Rhein (Bonn, Köln, Aachen), wobei durchaus die Kölner selbst teilweise von „ihrem“ Karneval als Fasching sprechen.
 
Carneval in Venedig, zeitgenössische DarstellungVorbereitungen
Vielfach zieht man eine imginäre Linie quer durch die Republik von Bonn nach Erfurt und könnte verallgemeinert sagen, dass es nördlich davon überwiegend Karneval heißt, während man südlich davon eher Fasching, Fastnacht etc. verwendet.
 
Bei der Deutung der beiden Begriffe, die schon aufgrund der vollkommen unterschiedlichen Sprachwurzeln deutlich machen, dass sie aus ganz verschiedenen Sprachbereichen kommen, führen beide Begriffe in die gleiche Richtung und drehen sich um den Beginn der Fastenzeit. Während „Karneval“ zumeist auf „Carne vale“ (Fleisch, lebe wohl) zurückgeführt wird, verbindet man mit den Begriffen rund um „Fastnacht“ „die Nacht vor dem Beginn der Fastenzeit“.
 
Fasching ist vermutlich der älteste dieser Begriffe, dies erklärt auch, warum die Bedeutungsableitung am weitesten führt. Man geht von der Bezeichnung „Fastenschank“ aus, die auch wieder auf den Beginn der Fastenzeit hindeutet, dieses Mal auf den „letzten Trunk“ vor der beginnenden Zeit ohne Alkohol.
 
Bei "Karneval" fällt einem vermutlich einer der beiden Begriffe ein: Venedig oder eben Köln. 
 
Venedig - maskierte Menschen in einer Gondel auf einem Canal Die allererste Erwähnung des Begriffs Karneval/Carneval liegt nochmal rund 700 Jahre weiter zurück als der erste offiziell als Rosenmontagszug bekannte Kölner Umzug 1823. 1094 erwähnte Vitale Falier, ein Doge der Lagunenstadt, einen „Carnevale di Venezia“. Der italienische Publizist und Politiker Pompeo Molmenti (1852-1925) benennt als Quelle für diese Jahreszahl, die zum Thema Venenzianischer Karneval fast überall auftaucht, allerdings kaum belegt wird, widerum ein Buch. Dieses Buch stammte aus der Feder eines italienischen Historikers und Antiquars Lodovico Antonio Muratori (1672-1750), oft auch als „Vater der italienischen Geschichte“ bezeichnet. In diesem Buch von Muratori (Band 12 einer umfangreichen Arbeit über die Geschichte Italiens) wird ein Schriftstück von Falier, eben dem Dogen von Venedig im Jahre 1094 genannt. In den Kölner Stadtakten taucht erstmals 1780 das Wort ,,Carneval "auf.
 

Neben den Entwicklungen in Venedig gab es – unabhängig davon – ganz unterschiedliche Ausbildungen in anderen Regionen, in alemannischen Bereichen anders als in Bayern oder den Rheingebieten. Die Bräuche veränderten sich, manche verschwanden, andere entstanden neu, gerade auch im Kölner Karneval. Sehr interessant in dieser Hinsicht sind die Veränderungen, die im Laufe des dritten Reiches eingeführt wurden.
 
Das Datum der Faschingszeit liegt kalendarisch nicht fest, sondern errechnet sich anhand des Osterfestes. Vor Ostern liegt eine 7-wöchige Fastenzeit, auf die sich der Karneval/Fasching bezieht. Ostern wird am Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond gefeiert, um zu Aschermittwoch zu gelangen, zieht man 40 Werktage sowie sechs Sonntage ab. Diese Sonntage zählen nicht zur Fastenzeit, da sie keine Fastentage sind. Entsprechend dieser Rechnung wird Fasching im Zeitraum zwischen Anfang Februar und Anfang März stattfinden.
 
 

Kölner Wappen Geschichtssplitter zum Kölner Karneval


1823, dieses Jahr gilt als „Geburtsdatum“ des Rosenmontagsumzugs in Köln, hielt man es in Köln offenbar für notwendig, das Narrentreiben in den Straßen der Stadt etwas mehr zu „kontrollieren“, zu kanalisieren und in geordnetere Bahnen zu lenken.

Köln hatte damalas schwere Zeiten hinter sich. Die Zeit von 1816/17 ging als eine Phase von Hungersnöten und Krisen in die Stadtgeschichte ein.

Aus diesen Jahren gibt es Aufzeichnungen eines anonymen Chronisten (zitiert nach Euler-Schmidt, 1991). Es weist ein wenig darauf hin, dass die Menschen je engagierter und heftiger feierten, desto schwieriger die allgemeine und persönliche Lage war:
 

Auf italienische Weise schwärmten und lärmten an den drei tollen Tagen noch immer Masken aller Gestalten auf den Straßen umher, und dem aufmerksamen Beobachter zeigten sich gerade an diesen Tagen manche Leute ohne Masken; jedoch war das öffentliche Leben des Karneval den unteren Volksklassen ganz überlassen, da sich die höheren Stände zurückzogen.

 
Jedoch schon aus dem 12. Jahrhundert gibt es Berichte von Caesarius von Heisterbach (1170 — 1240) (zitiert nach Kemp) über große Festgelage mit vornehmlich deftigen, reichhaltigen Fleischgerichten, die am Abend vor Aschermittwoch stattfanden.
Das festliche Mahl, das im ganzen Rheinland erwähnt wird, kann man nicht unbedingt als frühester Beleg einer Faschingsfeier werten, allerdings sind dies Hinweise auf den Aufwand, den man vor dem Beginn der vorösterlichen Fastenzeit betrieb.

Für Köln selbst ist in einem Eidbuch von „vastavende“ („Fastnacht“) die Rede. Am 5. März 1341 (Aschermittwoch lag in jenem Jahr am 21. Februar) wurden die Ratsherren Kölns dazu verpflichtet "zu vastavende zu geinre geselschaft voueyst von der stede gude" zu geben. Dies besagt, dass es den Ratsherren untersagt wurde, aus dem „Stede gude“ (also dem „Stadtgut“, Finanzen der Stadt) Gesellschaften in der Zeit des Faschings abzuhalten. Vermutlich wollte man verhindern, dass die – eher spärlich entlohnten - Ratsherren sich vor dem Beginn der Fastenzeit auf Kosten der Stadt nochmals „schadlos“ hielten und mit großem Aufwand ein prächtiges Essen ausrichteten.

Auch im 16. Jahrhundert schildert ein Chronist die großen Bankette, die reiche Kölner Bürger in der Fastnacht ausrichteten. Gemeinsam mit seinem Begleiter ging man auf „die Munmierei“. Sie verkleideten sich als Vogler mit grünen Hosen, kurzen Röcken und grünen Hüten, einer hatte einen (vermutlich ausgestopften) Habicht auf dem Arm.

Relativ spät (nach Mitternacht) zogen sie zum „reichsten under aller burgerschaft“, einem Mann namens Wasserfass, wo an einer langen Tafel serviert wurde. Es wurde das kostbarste Silbergeschirr verwendet, man spielte vor dem Essen zum Tanz auf und verwöhnte dann die Gäste mit Wildbrett, Federvieh, Konfekt, Obst und sonstige Leckerbissen. Die Feier ging weiter bis vier Uhr am Aschermittwoch, wobei man guten Wein und Bier genoss und sich mit Musik und  „freundlichem Gespräche“ unterhielt. Tatsächlich begannen die Gäste nach Mitternacht damit, das Fastengebot zu halten, denn das Fleisch blieb ab diesem Zeitpunkt unbeachtet. Allerdings war offenbar das Wild davon ausgenommen, denn Fasane, Reh, Feldhühner und Wildpasteten wurde weiter delektiert.
Der Chronist schreibt: „dieweil nichs warm ward ufgesetzt, war es die fasten nit gebrochen".

Zu dieser Zeit hat es bereits Feiern der Bürgerschaft gegeben, ebenso auf den Straßen. Die Menschen trieben sich mit Masken auf der Straße herum. Einige Ratsverordnungen aus dem 15. Jahrhundert weisen darauf hin, dass die Menschen in den Faschingstagen meistens in Gruppen umherzogen, zu Fuß und zu Pferd, sowie verkleidet. Die Gruppen waren auf dem Weg zu Verwandten oder Bekannten, besuchten sich zuhause oder trafen sich auf den Straßen. Als Gäste waren sie mit Speise und Trank zu bewirten, oder sie forderten Geldspenden ein.

Einen sehr spannenden Bericht zu einem Umzug findet man im Protokollbuch des Kölner Rates aus dem Jahr 1441: Dort erfolgt nämlich die Bestrafung eines Wirtes, Johan van Ghynt, seitens des Rates, weil er mit vier Kumpanen und einer Frau einen Umzug durch die Stadt gestartet hatten, der das religiöse Gefühl der Kölner in der schmachvollsten Weise verletzt hatte. Für den Umzug hatten sie einen Reliquienschrein gebaut (offenbar in einer Art Thron), auf den sie einen Menschen verkleidet und albern gestaltet durch die Stadt trugen, garniert mit Weihwedel, Fahnen und Musik.
 
Es gibt Beschreibungen von kleineren Umzügen, meistens von den Zünften organisiert, die mit Trommeln und Trompeten durch die Stadt zogen. Anschließend und um die Züge herum gab es in den Zunfthäusern Bälle und Feste. Verbreitet waren damals schon die Masken.
 
1795, die Stadt war wenige Monate zuvor durch französische Revolutionstruppen eingenommen worden, erhielten die Bewohner die Erlaubnis, ihre Karnevalsumzüge durchzuführen. "De faire son tour" erteilte ihnen die Möglichkeit, weiterhin Fasching in ihrer Facon zu feiern.
 
 
Bannerträger und Colonia, Funken und Held Carneval - Der Umzug 1823
 

Der in ganz Teutschland einstens so berühmte kölnische Carneval soll durch das Zusammenwirken mehrerer Verehrer alter Volkstümlichkeit in diesem Jahre durch einen allgemeinen Maskenzug erneuert und gefeiert werden. Die dabei zum Grunde gelegte Idee ist die Thronbesteigung Carneval’s gedacht als König des Volksfestes.

1. Paragraph des Ablaufplans für den Festumzug 1823, zitiert nach Kemp

historische Ansichtskarte - Karneval in Köln, Wagen Nr. 45 Gemeinsam mit dem ersten Rosenmontagszug erblickte auch der Prinz „das Licht der rheinischen Welt“. Haltloses und unzivilisiertes Verhalten, das nach Meinung der Bildungsbürger an den Tag gelegt wurde, blieb nicht ohne Auswirkung auf die Jugend der „besseren Schichten“. Es „äußerte sich bei vielen jungen Leuten, die sonst wohl auf Bildung Anspruch machen, ein zügelloser Mutwille, der gesetzten Personen äußerst anstößig war“ (Fuchs 1819, zitiert nach Klauser)

Man beschloss einen Umzug zu organisieren, der mit einem Motto ausgestattet war. Dies organisierte ein Komitee, das – wie es sich für gut sortiertes deutsches Planen offenbar gehört – aus einem kleinen und einem großen Rat bestand. Aus dem, was der Herrenclub „Olypische Gesellschaft“ in Köln schuf, entstanden die uns bekannten Faschingsumzüge.

Held Carneval im Triumphwagen - 18241823 gab es die Bezeichnung des Rosenmontagszuges noch nicht. Die ersten Jahre stand das Motto des Umzugs für seinen Namen. In diesem ersten Jahr war dies „Heldentag“. Für den Begriff des Rosenmontagsumzugs bietet sich eine Entwicklung des Begriffs „rohsen“ an (aus dem Niederdeutschen „rasen“ in seiner dortigen Bedeutung „ausgelassen lustig sein“), der über „rosig“ schließlich zu „rosen“ wurde (so auch eine Erläuterung aus dem Jahr 1839).
 
Die Abbildung rechts zeigt den "Held" in seinem Triumphwagen in Form eines Fisches, gezogen von einem 2-Spänner. Der Held Carneval ist als Regent gekleidet, in fast schon kaiserlicher Aufmachung, im hinteren Teil des Wagens ist ein Teil des Narren zu sehen.
 
Offenbar ging es darum einen Karneval zu schaffen, der für eine gebildete, anspruchsvollere, städtische bürgerliche Gesellschaft akzeptabel war und diese ansprach. Interessant der Ansatz, dass Umzüge und Prozessionen gerade im katholischen Köln keine wirkliche Außergewöhnlichkeit waren. Kirchliche Veranstaltungen mit Umzügen gehörten zu normalen Elementen des kirchlichen Jahres der Stadt.

 Der Prinz Karneval, den man für diesen Umzug schuf, sollte als Symbol für diesen neuen Karneval stehen.

 An diesem Rosenmontag, dem 10. Februar 1823, bestand der Umzug aus 15 Zugnummern, der heute Prinz Karneval genannte Karnevalsprinz, war damals noch der „Held Carneval“.
 
Des Morgens um 9 Uhr erschien die Fussgarde vor der Wohnung des Helden Carneval und formierte dort eine Ehrenwache, während gleichzeitig die anderen Teilnehmer des Umzugs in voller Maskerade im „Kaiserlichen Hof“ auf der Breiten Straße zu Köln, der Gastwirtschaft einer Posthalterei, trafen. Eintritt erhielt man nur nach Vorzeigen einer Karte.
 
Erklärung des KarnevalsDer Zug aus der Posthalterei des Herrn Pauli zogen von dort aus über die Apostelnstraße auf den Kölner Neumarkt, angeführt durch den Festordner und postierten sich in der Mitte des Platzes. Von da aus bildete man ein Spalier bis zur Wohnung des Heldes Carneval.

Unter musikalischer Begleitung trat der Held auf den Balkon seiner Wohnung und grüßte von dort aus seine Mannen. Bis zum Ende der dritten Strophe des Liedes (so genau war der ganze Ablauf geplant!) verblieb der Held auf dem Balkon und kehrte dann in seine Wohnung zurück, um dann hinunter auf die Straße zu gehen.

Während der Held Carneval seinen Platz auf dem Triumphwagen bestieg und vom Hofnarren Krone und Szepter überreicht bekam, stimmten alle Musikchöre ein.

Nach zwei weiteren Liedern und einer Proklamation setzte sich der Zug in Bewegung. Er bestand aus folgenden Nummern:
 

Historische Ansichtskarte - Prinz Karneval1.  Bannerträger

2.  vier Trompeter
3.  das Geckebähnchen ("Jecker Bernd", mittelalterlicher Stadtnarr, der bei festlichen Anlässen durch Spässe und Sprünge die Zuschauer erheiterte oder als Platzmacher diente)
4.  Fähnrich und Führer, Heilige Mädchen und Knechte
5.  die kölnischen Funken nebst ihrem Commandanten
6.  Colonia mit vier geharnischten Rittern
7.  Trompeter-Chor
8.  Commandant der Leibgarde zu Pferde
9.  Leibgarde zu Pferde in den mannigfaltigsten Maskenanzügen
10.  Musikchor auf Wagen
11+12.  Die Minister in vierspännigen Wagen.
13.  Der Ober-Hofmarschall, der Kanzler und Ceremonien-Meister in sechsspännigen Wagen
14.  König Carneval in achtspännigem Triumphwagen von Adjutanten begleitet, zu seinen Füssen der Hofnarr
15.  der Führer des Nachzuges.
 
Nach dem durch die bezeichneten Strassen gehaltenen Zug ging es zum Ausgangspunkt, der Gastwirtschaft des Posthalters Pauli, zurück. (beschrieben nach Kemp)
 
Wie sich zeigt, waren es weniger kunstvoll gestaltete thematisch orientierte Wagen, die in der ersten Zeit die Fastnachtsumzüge prägten, man stellte eher "Typen" dar, die sich durch ihre Kostüme unterschieden. Alte Aufzeichnungen und Abbildungen zeigen den Harlequin in bunter Kleidung mit der Pritsche, daneben einen venezianischen Adeligen in Bauta und typischer Hakennasenmaske, ein Hanswurst, ein Bajazzo, ein Schornsteinfeger, auch populäre historische Personen wie Faust, Don Quichotte oder Marquis Posa. Weiter geht die Beschreibung mit Bacchus, der als Schutzpatron des Rheins bezeichnet wird, ein Astronom, ein Araber oder wild aufgemachter Barbier, der Zähne zieht.
 
 
Der Hofnarr - Begleiter des Helden CarnevalErgänzende Anmerkungen und Informationen

 

Zwei der drei Kernfiguren des Kölner Karnevals werden hier bereits gezeigt: Der Held Carneval (der Prinz) und die Colonia (stehend für die Jungfrau Köln). Fehlt noch der König Bauer, der zu dem sogenannten „Dreigestirn“ gehört, die als Symbole für den Kölner Fasching stehen.

Während die Jungfrau zunächst eine „Venetia“ war, eine Prinzessin, die sich Laufe der Zeit veränderte und schließlich zur heute bekannten Jungfrau wurde, wurde der Held Carneval zu einem Prinzen, in Kleidung kaiserlicher Symbolik gekleidet, z.B. mit Szepter, Krone und einer „Waffe“. Seine Kleidung ist dem 15. Jahrhundert nachempfunden und nach burgundischer Mode gestaltet. Auch die weiteren Utensilien seiner Verkleidung sind symbolträchtig. Der Bauer wurde 1422 erstmals in einem Gedicht erwähnt, allerdings ist in ihm offenbar nicht der Bauer als Landwirt zu sehen, sondern er steht mit seinen „Insignien“ Stadtschlüssel, Schwert und Dreschflegel zum ersten als Schildhalter des Reiches und der Stadt, dann als Symbol seiner Treue zum Reich, Tapferkeit und seinem Willen sich gegen den Feind zu wehren.
 
Die Jungfrau, die in ihrer Unversehrtheit für die Stadt Köln stehen soll, wurde – bis auf die Jahre im Nationalsozialismus – von einem Mann dargestellt. Zu jener Zeit wurden auch die weiblichen Funkenmariechen geboren, die zuvor ebenfalls von Männern dargestellt wurden. Männer in Frauenrollen – in jener Zeit undenkbar.

Bauer und Jungfrau - historische Ansichtskarte Funktionen, die den drei Figuren zugedacht werden, kann man so zusammenfassen und charakterisieren:
  • „Seine Totalität der Prinz“, regiert das Narrenvolk und verbietet seinen Untertanen Griesgram, Übellaunigkeit, Niedergeschlagenheit und Freudlosigkeit
  • "Seine Deftigkeit der Bauer“ gilt als Beschützer der Stadt und ihrer Einwohner, der in ewiger Treue und kühner Tapferkeit für ihre Interessen einsteht
  • „Ihre Lieblichkeit die Jungfrau“, die die historische „Seele“ der einst freien Stadt repräsentiert, die sich keinem fremden Machwillen unterwirft und so das Selbstbewusstsein der Kölner darstellt
(vgl. Klauser, zitiert nach Resch 1999)
 
Schon auf einer Ansicht von Köln aus dem 16. Jahrhundert, erstellt von Martin Weigel (zu finden z.B. auf zeno.org), sieht man Bauer und Jungfrau abgebildet als Leitfiguren am linken und rechten oberen Bildrand.
 
Über die Jahrzehnte hinweg gab es natürlich immer wieder Veränderungen des Umzugs und des gesamten Karnevals, nicht zuletzt zum einen während der Zeit des Dritten Reiches, das es sich nicht nehmen ließ, dieses Fest für sich zu vereinnahmen, oder die aktuell immer wieder aufflackernde Diskussion über die Kommerzialisierung. Ebenso viel Raum in der Diskussion um den Karneval nimmt die Frage nach vorchristlichen Ursprüngen und Einflüssen ein, angefangen von Festen der Saturnalien bis hin zu Kelten und Germanen.  
 
Fest steht, dass Fasching/Karneval für Menschen in den unterschiedlichsten Ländenr und auf den unterschiedlichsten Kontinenten ein Grund zum Feiern ist. 
 
1922 schreibt Freiherr von Gleichen-Rußwurm, Schriftsteller und Kulturhistoriker, anerkannter Experte zum Thema Karneval:
 

Lebensstellungen sind Scheidewände zwischen den Menschen. Wer sie einreißt, macht Revolutionen oder feiert Karneval.

 
Dies erinnert an die Verkehrung von Regeln zu Halloween oder mittelalterlichen englischen Bräuchen des "Lord of Misrule".
 
Verkleiden, neue Rollen einnehmen durch Kostüme, Masken ... alles das, so R. Weihe, sind ein Angebot. Es ist das Angebot / das Versprechen, in andere Existenzen, andere Identitäten schlüpfen zu können. Wenn man eine Maske anlegt, kann eine Veränderung, Befreiung eintreten. Der Träger „kann auch das sein, was ich nicht bin“.
Damit verbunden ist auch das Moment der Präsentation. Man möchte sich darstellen, zeigen und in seiner veränderten Form wahrgenommen werden.
 

Ein historisch bekanntes Lied, das 1858 beim Karneval in Kaiserslautern gesungen wurde:

In dem alten Köln entstanden;
Wandelt er von Stadt zu Stadt!
So daß er in rhein’schen Landen
Überall schon Sitze hat. (...)
Bei dem Carneval am Rhein!

 
Venezianischer Adeliger in Bauta - anonymer Künstler - 18. Jhd.Mit dem Tragen der Maske und der Verkleidung werden gesellschaftliche Positionen aufgelöst, teilweise umgekehrt und ad absurdum geführt (siehe z.B. die Übernahme der Rathäuser durch die Narren, den Narrenkönig, das Abschneiden der Krawatten der Männer am Altweiberfasching).
 
Dass dies in Venedig nicht unbedingt so war, jener Stadt in der sich die besondere Form der Bauta ausgebildet hatte, war eine Besonderheit. Dort trug der Adel auch außerhalb der Faschingszeit eine Art „gesellschaftlicher Maske“, durch die der Adel von der einfachen Gesellschaft deutlich abgesetzt wurde.

 

In den kommenden Tagen werden Menschen zu Hunderten in die Stadt am Rhein pilgern, sich verkleiden, gemeinsam feiern, trinken, essen, Konventionen aushebeln - bis dann am Aschermittwoch einmal mehr alles vorbei ist ... bis zum 11.11., dem Martinstag, denn dann gibt es eine neue Faschingssaison.

 

 

Literatur:

  • Nico Ehlscheid - Die Geschichte des Kölner Karnevals, Akademische Schriftenreihe, GRIN Verlag, 2010
  • Michael Euler-Schmidt - Kölner Maskenzüge: 1823-1914, Verlag Greven, 1991
  • Étienne François, Hagen Schulze - Deutsche Erinnerungsorte, Band 3, C.H.Beck, 2001
  • Dr. Jacob Kemp - Zur Geschichte der Kölner Fastnacht, Zeitschrift des Vereins für rheinische und westfälische Volkskunde, 3. Jahrgang. 1906. Viertes Heft.
  • Helene Klauser - Kölner Karneval zwischen Uniform und Lebensform, Band 4 von Interaktionistischer Konstruktivismus, Waxmann Verlag, 2007
  • Michael Matheus (Herausgeber) -  Fastnacht-Karneval im europäischen Vergleich, Band 3 von Mainzer Vorträge, Franz Steiner Verlag, 1999
  • Gisela Mettele - Bürgertum in Köln 1775 – 1870, Band 10 von Stadt und Bürgertum, Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 1998
    Zitiert Albert Klebe, der 1801/02 den Kölner Karneval beschreibt.
  • Pompeo Molmenti - La Storia Di Venezia Nella Vita Privata, Nachdruck BiblioBazaar, 2009
  • Anna Avital Müller - Vergleich des Karnevals im Mittelalter mit dem Kölner Karneval in der heutigen Zeit, Akademische Schriftenreihe, GRIN Verlag, 2008
  • Richard Weihe - Die Paradoxie der Maske: Geschichte einer Form, Wilhelm Fink Verlag, 2004
 
Abbildungen:
  • Ph. M. Klein - Der Wanderer durch Köln, Fried. Greven, 1863
  • o.A. - Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, Band 4. Leipzig 1841
  • Friedrich Rassmann (Hrsg) - Fastnachtsbüchlein für Jung und Alt, G.A. Wundermann, 1826
  • Otto von Reinsberg-Düringsfeld - Das festliche jahr, O. Spamer, 1863
 
  • Wikimedia Commons
  • Zeno.org / 5.000 Bildpostkarten aus der Zeit um 1900

 

Kommentare  

#1 Petra Hoffmann 2010-02-10 21:47
Hallo!

Vielen Dank für diesen fundierten, sachlich gut ausgearbeiteten Text, über die Entstehung vom Fasching!
Jetzt weiß ich, was mich in Köln erwartet!


und vielen Dank für die prompte Hilfe vom Administrator :lol:
#2 Bettina.v.A. 2010-02-10 22:13
Dich erwartet Chaos ... Menschenmassen ... Betrunkene, die durch die Gegend torkeln ... etcetcetc ... merkt man, dass ich kein Faschingsfan bin?
Es war sehr spannend die Recherchen zu dem Artikel zu machen, brachte es mir in der Tat Fasching doch etwas näher.

Besonders amüsant fand ich die Tatsache, dass Fasching in der Art, wie es beim Rosenmontagszug stattfindet, eigentlich eine doch eher piefige, bürgerliche Sache ist ...

Viel Spaß in Köln ... und komm wieder brav heim ;-)

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