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Domgänge - Der Dom zu Halberstadt

 

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Abbildung Dom Halberstadt 1842Der Dom zu Halberstadt

 Magdalena und der Engel

 Magdalena ächzte und blieb stehen. Die schwere Kiepe drückte, ihr Rücken schmerzte, die Knie, die Schultern, ihre Füße in den einfachen Schuhen hatten Blasen.

 
Der Dom zu Halberstadt
Der Domschatz

Sie hätte etwas dafür gegeben jetzt zuhause zu sein und einfach das Gemüsefeld umzugraben. Trotz des Stoffstücks, das ihre Mutter ihr vor dem  Aufsetzen des Tragekorbs auf den Rücken gelegt hatte, lag die Last des vollen Korbes schwer auf ihr. Sie spürte den Riemenzug zwischen Brust und Armen.

Ihre Hände in die Seiten gestützt drückte sie ihren Rücken etwas durch und blickte den Hügel hinab, den sie mit ihren Eltern gerade von der anderen Seite von Veltensmühle her kommend erklommen hatten.

In der weiten Ebene, die sich hier im Norden des Harzes erstreckte, waren die Türme schon seit vielen Stunden zu sehen gewesen.

Als ihre Mutter ihr vor einigen Tagen berichtet hatte, dass man sie dieses Mal mit in die große Stadt nehmen würde, hatte sie erst mit großen Augen gestaunt und war danach freudig durchs Haus gerannt.

Jetzt wünschte sie sich, ihre Eltern hätten Jost statt ihrer mitgenommen – so wäre ihr die Last des Warentragens erspart geblieben. 

Schon seit vielen Jahren äußerst rege in Sachen Tourismus, die Straße der Romanik ist inzwischen weithin bekannt und beliebt, hat sich das Bundesland Sachsen-Anhalt dazu entschlossen, im Jahr 2008 besonders auf die Domschätze aufmerksam zu machen. Weit über die Region hinaus bedeutend waren die Städte Halberstadt, Quedlinburg, Merseburg und Naumburg bereits im Mittelalter wichtige Zentren. Heute bergen die Domschätze unglaubliche Zeugnisse – von Glaube und Hingabe, aber auch von Prunk, Machtwille und Unterdrückung. Eine verwirrende Mischung, die einen bei dem Besuch im Halberstädter Dommuseum begleitet. Die „Domgänge“, die mit dem heutigen Artikel beginnen, greifen die vier Stationen des Jahres der Domschätze auf. Erster Haltepunkt ist Halberstadt.

Den großen Markt zur Feier der Domweihe konnte man sich nicht entgehen lassen. Ein großes Fest für das Volk war angekündigt worden, ein Markttreiben mit der Gelegenheit die Wolle zu verkaufen, die Magdalena mit ihrer Mutter und der Großmutter im Winter gesponnen hatte. Vater hatte Feldfrüchte in seinem Tragekorb, dazu Schnitzwaren, die er zu verkaufen hoffte.

Sie waren spät dran. Am gestrigen Tag hatte sich der Lederriemen von Magdalenas Kiepe durchgescheuert und war gerissen. Dabei war nicht nur der Korb angeschlagen worden und ein Teil der Wolle herausgefallen, Magdalena hatte sich auch an der Wade verletzt - und nun kamen sie noch langsamer vorwärts.

Ihr Vater war wütend auf sie, dabei konnte sie gar nichts für das Unglück. Er selbst hatte doch darauf bestanden die Kiepe so voll zu packen. Hoffte er doch gutes Geld für die Waren zu bekommen und mit einem neuen Ferkel nach Hause wandern zu können. Der Sturz war kein gutes Omen gewesen.

Die Gruppe, der sie sich angeschlossen hatten, wollte nicht auf sie warten; kein Wunder, wollten doch alle rechtzeitig in der Stadt sein um die Feierlichkeiten zu erleben. Es hieß, die wundertätigen Reliquien der großen Heiligen würden durch die Straßen getragen werden.

Jetzt bemühten sich die drei - so schnell wie es Magdalenas Fuß zuließ - die Tore der Stadt zu erreichen.

Mit Stricken war der Riemen notdürftig ersetzt worden, in Halberstadt wollte der Vater einen neuen Lederriemen schneiden und vielleicht auch einen neuen Korb kaufen. Vielleicht war ja auch etwas Geld für einen kleinen Ballen Stoff übrig. Wenn es genug reiche Bürger und Besucher gab, die ihrem Vater Holzarbeiten abkauften. Ein neues Gewand, dachte Magdalena sehnsuchtsvoll, wenn ...

Sie hatte nur einen Moment lang geträumt und dabei nicht bemerkt, dass hinter ihnen ein Händler mit seinem Wagen aufgetaucht war. Der große schwere Wagen wurde von einem Pferd gezogen und war mit Fässern und Säcken bepackt. Vor Schreck hätte sie fast einen Satz zur Seite gemacht und dankte Gott dafür, dass der Korb auf ihrem Rücken sie gerade noch rechtzeitig davon abhielt, denn sie wäre unweigerlich mitsamt ihrer Last im Graben gelandet.

Der Bauer, ein Mann mit einem gutmütigen Gesicht – und ausgesprochen freundlichem Wesen wie sich herausstellte – hieß Andres. Er war ebenfalls auf dem Weg nach Halberstadt.

„Es ist so viel Volk in der Stadt, dass sie mir die Klaräpfel aus den Händen reißen“, feixte Andres. „Wir fahren jeden Tag Waren in die Stadt. Das kann gern noch eine Weile so gehen. Dann kann ich mir zum neuen Jahr eine neue Scheune aufrichten.“

Andres hatte sie eingeladen auf seinem Wagen mit in die Stadt zu fahren, nach einem mitleidsvollen Blick auf Magdalena. Jetzt saß sie vorne auf dem Kutschholz und ließ ihre Beine baumeln während sie den Erzählungen von Andres lauschte, der die Stadt gut kannte. Ihre Eltern hatten es sich auf dem hinteren Ende der Ladefläche bequem machen können. Vater war eingeschlafen.

„Sie sind schon seit Tagen in der Stadt. Aus allen Ecken sind sie gekommen, die Bischöfe und Äbte. Den ganzen Domplatz rauf und runter sind sie in den Häusern der Domherren oder in den Klosterhöfen unter gebracht.“

Mit jeder Umdrehung des Rades wuchs Magdalenas Aufregung. In ihrem kleinen Ort lebten nur ein paar wenige Familien, es war unvorstellbar, dass so viele Menschen in Halberstadt wohnen – und noch mehr Gäste dort sein sollten.

Langsam aber stetig füllte sich die Straße. Sie gehörten dank des Wagens zu denen, die noch rasch vorwärts kamen. Jene, die jetzt noch auf Schusters Rappen unterwegs waren, würden nicht mehr rechtzeitig zur Domweihe in der Stadt sein.

„Kommen wir denn noch zur rechten Zeit?“ fragte Magdalena eifrig und schielte zu dem Bauern hinüber.

Dieser lachte und rammte ihr mehr oder weniger sanft einen Arm in die Seite. „Mach dir mal keine Sorgen, Kleine. Du wirst sie noch alle sehen, die Äbte und Bischöfe auf ihrer Prozession. Samt ihren Prunkgewändern und Weihrauchfässern.“

Altstadt HalberstadtEs schien ewig zu dauern bis sie die Stadtmauern erreicht hatten und Andres sie an einem Handelshaus absteigen ließ. Er war an seinem Bestimmungsort angekommen.

Angesichts der Zeit, die sie dank Andres Freundlichkeit gut gemacht hatten, hatte sich auch die Laune von Magdalenas Vater wieder gebessert. Und als dann auch nocht wie verabredet der Händler Platz für sie gehalten hate, packten ihre Eltern die Waren aus.

Endlich war es soweit: Erst ertönte vom einen, dann vom anderen Turm die Glocke, dann setzten die der anderen Kirchen ein und teilten den Gläubigen mit, dass sich der Festzug auf den Weg zum Dom gemacht hatte.

Magdalena zappelte. Wann würde ihr Vater ihr endlich erlauben zu gehen? Dann hielt sie es nicht mehr aus: In dem Wissen, dass sie nach ihrer Rückkehr ein tödliches Donnerwetter erwarten würde, stahl sie sich davon.

Glockenturm, Dom HalberstadtDie Mutter hatte ihr gezeigt welcher der vielen Türme der Stadt zum Dom gehörten. Wie lange Finger stachen sie in den wolkenlosen Himmel hinein, als wollten sie auf den hohen Gott hinweisen, zu dessen Ehre sie erbaut worden waren.

Sie fegte links um eine Ecke, dann eine schmale Gasse hinunter und achtete dabei kaum auf den Weg vor sich. Von rechts führte eine breite Gasse auf die Straße hinaus und als aus dieser ebenfalls jemand heran rannte, konnte Magdalena nicht mehr ausweichen.

Sie prallte gegen etwas Weiches und fand sich einen Moment später auf dem Boden sitzend wieder. Schon wieder war ihr ein Missgeschick passiert – es gelang ihr immer wieder sich in Schwierigkeiten zu bringen.

Vorsichtig hob sie den Blick um zu sehen gegen wen sie da gestoßen war und erstarrte:

 Vor ihr stand ein Engel!

In einem langen Gewand aus einem fein gewebten weißen Stoff, der mit goldenen Fäden bestickt war, hielt sich ein Wesen mühsam auf den Beinen, das wie ein Junge von etwa zehn Jahren aussah. Hoch gewachsen, schlank, mit schwarzen gelockten Haaren und sehr heller Haut. Es waren seine Flügel, die Magdalena der Tatsache versicherten, dass es sich tatsächlich nur um ein Himmelswesen handeln konnte. Über seinen Schultern türmten sich nach links und rechts herausragend ein Paar braungolden glänzende Flügel, mit kunstvoll gesträubten starren Federn und einer einzelnen roten Krönungsfeder, die auf beiden Seiten des Kopfes des Engels die Flügel krönten.

Magdalena entfuhr ein erschrockener Schrei, dann schwanden ihr vor lauter Angst die Sinne...

Dom zu HalberstadtDer Dom zu Halberstadt
Ob sich eine Geschichte in dieser Art tatsächlich zugetragen hat soll dahin gestellt bleiben, und natürlich handelte es sich bei dem Wesen, auf das Magdalena so überraschend prallte, nicht um einen Engel. Die Flügel jedoch, durch welche die arme Magdalena so in Angst versetzt wurde, gibt es tatsächlich. Sie sind eines der Ausstellungsstücke, die man im Dommuseum Halberstadts bewundern kann.

Als ich vor dem Schrank stand in dem diese Flügel aus Holz ausgestellt waren, blitzte mir die obige Geschichte durch den Kopf. Diese Flügel wurden damals von Klosterschülern getragen und dienten der Darstellung von Engeln bei Prozessionen oder Mysterienspielen.

Historisch ist sie nur so weit recherchiert, dass die Neuweihe der gotische Neubaus den beiden Heiligen St. Stephanus (erster christlicher Märtyrer) und St. Sixtus galt und tatsächlich im Herbst stattfand, im August des Jahres 1491. Im Dommuseum ist die Urkunde der Weihe zu sehen. Viele kirchliche und weltliche Würdenträger waren zu Gast , darunter der Kaiser samt seiner Gemahlin.

An eben dieser Stelle war 859 nach verschiedenen Um- und Ausbauten durch Bischof Hildegrim II. ein kleiner Steinkirchenbau zu Dom geweiht worden. Schon 865 kam es zu einer Katastrophe: Die karolingische Bischofskirche, deren Oberteil aus Holz konstruiert war, stürzte ein. So musste 965 mit einem Neubau begonnen werden. Damals entstand ein romanischer Dom, in dem sich karolingische und ottonische Bauformen mischten, und der zum unmittelbaren Vorgängerbau des gotischen Doms wurde, der sich heute noch auf dem Domhügel erhebt. Ein Brand und Ausbauarbeiten sorgten dafür, dass der Bau nie ganz fertig war.

Nach der Zerstörung der Stadt 1173 durch Heinrich den Löwen, die auch den damaligen Dombau in Mitleidenschaft gezogen hatte, war im Jahre 1236 mit einem gotischen Neubau begonnen worden. Zunächst im Zisterzienserstil begonnen, ließ man diese Pläne zugunsten der gotischen Idee fallen.

Je nach Baufortschritt wurde der alte romanische Dom Stück für Stück abgebrochen.

1362 war der dritte Bauabschnitt beendet und wurde geweiht; nachdem 1401 der neu errichtete gotische Chor und ein Teil des Querhauses geweiht worden waren, brach man das Lang- und Querhaus des alten Doms ab.

In der langen Bauzeit von 1236 bis 1486 waren die Baupläne nicht verändert worden, so konnte ein in sich so geschlossenes Bauwerk geschaffen werden, trotz aller Unterbrechungen während der Bauzeit.

Säule im Kreuzgang, Dom zu HalberstadtAm 28. August 1491 führte schließlich Erzbischof Ernst von Magdeburg, damals Bischof von Halberstadt, die Schlussweihe des Doms durch.

Zweifelsohne war es ein gehöriger Anteil politischen Interesses, das Kaiser Karl den Großen im Jahre 804 dazu bewog, in Halberstadt die damals östlichste Diözese des karolingischen Reiches zu gründen. Die Sachsen hielten in dieser Zeit noch immer an ihren alten germanischen Göttern fest, das Missionszentrum sollte dies ändern. Die Diözese Halberstadt reichte weit nach Osten bis an die Elbe und Saale, im Süden bis nach Merseburg und entsprach so in etwa der Größe des heutigen Sachsen-Anhalt.

Nachdem 777 in Paderborn die Missionierung des sächsischen Eroberungsgebiete beschlossen worden war, begannen zwei Brüder, Luidger und Hildegrim, in der Region mit der Missionierung. Durch sie wurde in Halberstadt der ersten Dom errichtet.

Hildegrim ist es auch, der 802 zum Bischof von Chalons sur Marne ernannt wird und 804 von Karl dem Großen den Auftrag erhält, die Missionierung des Halberstadter Gebietes weiter voran zu treiben. Als Bischof von Halberstadt wird Hildegrim dort ab 804 wirken.

Zur Zeit der zweiten Domweihe hatte die Stadt bereits von Otto III. die zentralen Stadtrechte erhalten, darunter das Marktrecht oder Zollrecht. Handwerker und Kaufleute siedelten sich an – die Stadt wuchs.

Im 13. Jahrhundert gehörten zu dem Bistum etwa 100 größere geistliche Einrichtungen, Stifte und Klöster, allein schon diese Zahl macht die Bedeutung deutlich, die das Bistum im Reich haben musste. Bis zur Säkularisierung 1648 verblieb die Region als Bistum den Bischöfen untertan, ab da kam es als Fürstentum zum Kurfürstentum Brandenburg.

Unerwähnt bleiben soll ab hier noch eine Menge anderes, das man über die Geschichte Halberstadts mit seinem Dom berichten könnte: Der Niedergang der Stadt im Dreißigjährigen Krieg oder die Tatsache, dass die jüdische Gemeinde Halberstadts als eine der bedeutendsten Mitteleuropas galt. Ebenso die besondere Art der Halberstädter Ökumene, die sich während der Reformation herausbildete und dafür sorgte, dass katholische und protestantische Gläubige den Dom gemeinsam als Gebetsstätte nutzten.

Dabei ist gerade letztere Tatsache bedeutsam, trug sie doch dazu bei, protestantische Bilderstürme zu vermeiden. So konnte der beeindruckende Domschatz bewahrt bleiben, den man in dem Museum bewundern kann, das im Mai neu eröffnet wurde.

1591 bekannte sich der damalige Bischof zur Reformation und setzte einen ersten evangelischen Prediger am Dom in Dienst. Das Stift blieb bestehen, die Gebete von protestantischen wie katholischen Christen wurden gemeinsam in der Kirche mit ihren vielen Altären gehalten.

Der Halberstadter Dom gilt als eine der klassischsten deutschen Kirchenbauten im Stil der traditionellen französischen Gotik, auch während des Baus verzichtete man weitgehend auf eine Anpassung der Pläne an modernere Vorstellungen.

Detail Dom HalberstadtDer Domschatz
Der Besuch des Domschatzes und des Dommuseums war als Teil eines "kleinen Domgangs“ gedacht gewesen, wir hatten vor noch in aller Ruhe durch die mittelalterliche Stadt zu bummeln und vielleicht sogar noch nach Querfurt zu fahren.

Es blieb bei einem Besuch der romanischen Liebfrauenkirche (als bauhistorisch älterer Bau eine interessante Hinführung zur Gotik von St. Stephanus und imposant in der Wirkung der so unterschiedlichen Baustile) und einem langen Aufenthalt im Museum, einem Verweilen im Kreuzgang und der Zeit im Dom.

Die Leitung des Dommuseums entschloss sich zu einem mutigen Schritt: Statt das Museum auszulagern, bauten sie in direktem Anschluss an den Dom einen Anbau, der sich an den Dom schmiegt und in dem einzigartige Kunstwerke untergebracht sind, die uns den Atem geraubt haben.

Durch den Anbau gelangt man in die historischen Räume des oberen Kreuzgangbereichs, den Neuen Kapitelsaal oder die gotischen Klausurräume, schließlich die Sakristei und zuletzt die Schatzkammer selbst.

Viele der Räume sind in einem imposanten (und verwirrenden) Dunkel gehalten, allerdings nicht aus Effekthascherei sondern aufgrund der Empfindlichkeit der ausgestellten Objekte, die man dem Licht nicht aussetzen kann.

Es fällt schwer den Eindruck wiederzugeben, den die Stücke einzeln und in ihrer Gesamtheit bei uns hinterlassen haben. Zu vielfältig waren die gesehenen Dinge und zu unterschiedlich in dem, was sie uns sagten.

Die weit über 600 Stücke des Halberstadter Domschatzes machen ihn zum größten Kirchenschatz Deutschlands und zum größten Mittelalterschatz weltweit.

Es begann mit dem „Heiltumsschrank“, einem spätmittelalterlichen Tresor für die kostbaren Reliquien, und den Chortüren des Nord- und Südchores. Und als hätte man gleichsam die Türen dieses heiligen Tresors geöffnet, kam man von hier aus in die verschiedenen Räume mit ihren thematisch sortierten Stücken.

Auf mich machten die einzigartigen Teppiche den intensivsten Eindruck , die in einem einzelnen Raum versammelt sind. Sie sind nur sanft beleuchtet und strahlen so umso mehr in der Kargheit des sie umgebenden Raums. Die beiden Wirkteppiche sind schmal, dabei fast zehn Meter lang. Sie sind um 1150 und 1170 entstanden und stammen vermutlich ganz aus der Nähe – aus dem Harzvorland.

Die Figurenfülle ist unbeschreiblich. Ein Teppich stellt Jesus im Kreise seiner Apostel dar, der andere zeigt Abraham bei dem Engel zu Gast sind.  Dieser "Abraham-Engel-Teppich" ist der älteste gewirkte Wandteppich in Europa.

In einem anderen Raum stößt man auf Bildaltäre, die noch immer voller Leuchtkraft sind, darunter das der "Maria mit der Korallenkette" (im Mittelalter waren im Dom vierzig Altäre aufgerichtet), Gold und Alabaster, Silberreliquiare, Straußenei-Gefäße, arabische Kästchen oder Kruzifixe aus Elfenbein.

Die Reliquien hinterlassen uns mit einer Mischung verschiedenster Gefühle. Ein wenig spöttisch, ein wenig verständnislos, ein wenig ratlos sind wir ob des Mystizismus, der diesen (vermeintlichen) heiligen Stücke nachgesagt wurde. Ein Tropfen von der Milch Mariens, der Finger des heiligen Nikolaus, ein Splitter des „echten Kreuzes Christi“.

Aus dem Jahr 414 stammt das älteste Stück des Schatzes. Es ist eine Elfenbeinschnitzerei aus Ravenna, ein sogenanntes Konsulardiptychon. Diese kostbaren Schreibtäfelchen waren in römischen Zeit einem Konsul vorbehalten und wurde zu einem Buchdeckel umgearbeitet. Als das prächtigste Stück wird die byzantinische Weihbrotschale aus dem 11. Jahrhundert gesehen.

Andere frühzeitliche Gegenstände wurden zu Reliquienhaltern umgearbeitet oder „umgewidmet“, so zum Beispiel das Reliquiengefäß für die Reliquie Marias, das Tüchlein, das mit ihrer Milch benetzt sein soll.

Einmalig ist die Textiliensammlung des Domschatzes. Sie umfasst über 300 Objekte und gilt damit als eine der wichtigsten Sammlungen mittelalterlicher liturgischer Gewänder der Welt. Es sind Altartücher ebenso darunter wie Mitren, Reliquientücher oder die Pluviate. Dieser Mantel aus Seide ist das älteste Parament (12. Jahrhundert) und stammt wahrscheinlich aus dem arabischen Spanien.

Der Halberstadter Kunstwerkereichtum hat einen wenig christlichen Ursprung. Auf dem vierten Kreuzzug hatte der damalige Bischof Konrad von Krosigk als weltlicher und geistlicher Herrscher teilgenommen und reiche Beute aus Konstantinopel "mitgebracht" (im April 1204 fiel Konstantinopel). Zurück in Halberstadt wurden die Stücke dem Domschatz einverleibt und verhalfen so dem Bistum zu Ruhm und der Stadt zu Wachstum durch die Pilger, die es in den Dom zog.

Nach der Fülle der Eindrücke im Museum war die Zeit im Kreuzgang des Doms eine Erholung für die Wahrnehmung und gönnte den Augen einen Moment der Ruhe, bevor wir den Dom selbst betraten.

Ganz anders als die Liebfrauenkirche am unteren Ende des Domplatzes (ein rein romanischer Bau) wirkte der gotische Dom aufstrebend und bedrückend zugleich. Eben wie eine einzige nach oben gereckte Hand mit ausgestreckten Fingern, aufstrebend in jedem Pfeiler.

Heute ist der Dom Eigentum der Domstiftung des Landes Sachsen-Anhalt. Der Schatz wird von der Evangelischen Stadt- und Domgmeinde präsentiert. Insgesamt sind es rund 1.000 Quadratmeter Museumsfläche. Seit 2003 hatte man an der Konservation der Stücke gearbeitet.

Besichtigung des Domschatzes:
Öffnungszeiten:
Dienstags bis Samstags von 10:00 bis 17:00 Uhr sowie sonntags von 11:00 bis 17:00 Uhr geöffnet.

Einen Eindruck der Vielfalt und Fülle des Domschatzes bietet die Bildergalerie der FAZ

Quellen:
http://www.welt.de/
http://de.wikipedia.org
http://www.mdr.de/
http://www.novoprint.de/infobrosch/pdf/infobrosch38820.pdf
http://www.dome-schloesser.de
http://www.juden-im-alten-halberstadt.de/
http://www.bistum-magdeburg.de
http://www.kraehenbuehl.net
http://www.dom-und-domschatz.de/
http://www.sachsen-anhalt.de
http://www.boerdekreis.de
http://www.idk-info.de
http://www.kathedralen.net/
http://www.landbote.com
http://www.dradio.de/
http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:Dom-zu-Halberstadt-1842.jpg

 

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