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Guy N. Smith und der deutsche Heftroman - Ein Vergleich zwischen Original und Übersetzung (Teil 2)

1Guy N. Smith & der deutsche Heftroman
Ein Vergleich zwischen Original und Übersetzung
Teil 2

Nachdem der Jugendschutz den Heftroman ins Visier genommen hatte und Mitte der siebziger Jahre zwei Gruselserien wegen Indizierungen vom Markt genommen wurden, achteten Redaktionen verstärkt auf den Inhalt. Das führte zu von Gewalt und Sex gesäuberten Übersetzungen bis hin zu neu geschriebenen Romanen in Nachauflagen.


Aber wie diese Selbstzensur konkret im Einzelfall funktionierte, darüber kursieren hauptsächlich Anekdoten.

Um das mal an einem Beispiel anschaulich darzustellen, folgt nach einer kurzen Einführung über die grundsätzliche Problematik ein Vergleich zwischen einem englischen Original und der deutschen Heftausgabe.

Es geht hier nicht um eine Diskussion über den Sinn oder Unsinn solcher Maßnahmen. Die Macher hatten ihre Gründe. Sie zu bewerten ist ein anderes Thema.


Ausgewählt habe ich den Roman "Night of the Crabs" von Guy N. Smith, der in Deutschland 1977 als Silber Grusel Krimi 152 mit dem Titel "King Crabs Nachtmahl" erschien.

Nach der Einleitung folgt hier eine Gegenüberstellung des Originals und der deutschen Übersetzung.

1Zauberkreis Kapitel 1:
Martin Wright steht in England an einer Mole. Seine hübsche Freundin Julie ist bei ihm. Sie unterhalten sich über seinen Onkel Cliff, den Wissenschaftler, der mit vierzig noch gut drauf und modern ist und nichts dagegen hatte, dass Martin und Julie gemeinsam den Urlaub verbringen.

Das Paar fährt nach Shell Island. Auf dem Weg kommen sie an einem Militärstützpunkt vorbei. Am Badestrand ist wenig los. Sie gehen schwimmen. Julie schreit auf. Martin vermutet einen Krampf. Da packt etwas sein linkes Bein, er "hatte das Gefühl, in eine Gartenschere geraten zu sein, deren stählerne Blätter jede Sekunde tiefer in sein Fleisch schnitten". Er schmeckt Blut, die Gartenschere geht an sein anderes Bein. Er verliert das Bewusstsein.

Der Botaniker Cliff Davenport wird kurz vorgestellt. Der attraktive Witwer macht sich Sorgen, weil weder Martin noch Julie zurückkommen. Die Polizei informiert ihn, dass man den verlassenen Wagen der beiden gefunden hat und sie vermisst werden.

1Original Kapitel 1:
Ian Wright steht an der Mole. Er wird als Person beschrieben, genau wie Julie, "deren schlanke, perfekt proportionierte Figur bereits die Blicke vieler Urlauber auf sich gezogen hatte". Ian erzählt, dass Onkel Cliff ihm eine "schmutzige Woche" gewünscht hat. Er soll sich aber vorsehen, denn Cliff will Julie als seine Assistentin noch nicht verlieren. Julie zwinkert ihm zu und hofft, dass er auch tatsächlich "aufgepasst" hat.

Sie fahren zum Strand. Die Landschaft wird beschrieben. Julie im Bikini macht Ian scharf, wie seine Badehose deutlich zeigt. Er denkt darüber nach, sich gleich ein abgeschiedenes Plätzchen zu suchen und es mit ihr zu treiben. Im Wasser packt etwas sein Bein. "… ließ sich nur mit einer gezackten Gartenschere vergleichen, die sich jede Sekunde tiefer in den Knochen grub. Er stürzte ins Wasser. […] Roter Nebel wallte vor seinen Augen. Nein, kein Nebel … er konnte ihn schmecken […] Es war Blut! […] Erst als er das Bewußtsein verlor, begriff er, was mit seinem linken Bein passiert war. Es war amputiert! Dann brach sein rechtes Bein.".

Cliff Davenports Erscheinungsbild wird mit dem Aussehen von Sherlock Holmes verglichen.

1Zauberkreis Kapitel 2
Nach ein paar Tagen des Wartens fährt Davenport nach Lanbedr. Er nimmt sich ein Zimmer in einer Pension, deren Wirtin er kennt, nervt die Polizei und begibt sich nach Shell Island, wo er mysteriöse Abdrücke im Sand findet und auf einen Militärstützpunkt stößt, in dem Flugzeuge getestet werden. Man verhaftet ihn.

1Original Kapitel 2:
Die Beschreibungen von Davenports Gedanken und von Land und Leuten sind ausführlicher.

1Zauberkreis Kapitel 3:
Davenport wird verhört, weil er sich für die Flugzeuge interessiert hat. Zurück in der Pension wird er zum Mittag an den Tisch der hübschen Miss Benson gesetzt. Sie kommen ins Gespräch. Die Frau erzählt ihm, dass auch sie seltsame Spuren entdeckt hat, die wie die von Krabben aussehen. Was nicht sein kann, weil sie zu groß sind. Am nächsten Morgen steht in der Zeitung, dass weitere Personen vom Strand vermisst werden.

1Original Kapitel 3:
Es fehlen ein paar beschreibende Sätze. Beispielsweise entgeht dem Professor nicht, dass Miss Bensons Finger Spuren eines abgelegten Eherings aufweisen.

1Zauberkreis Kapitel 4:
Am nächsten Morgen am Strand. Der Professor und Pat Benson entdecken Spuren von Krabben – sie sind riesig. Davenport beschließt, sich nachts auf die Lauer zu legen. Pat will ihn begleiten. Sie sehen einen Strandpenner und gehen Arm in Arm zurück. Später in der Pension erfahren sie, dass der Penner Bartholemew heißt. Den Krabbensalat verschmähen sie. Nach 23 Uhr brechen sie wieder auf und kehren an den nächtlichen Strand zurück.

1Original Kapitel 4:
Nachdem sie den Penner gesehen haben, setzten sie sich in den Sand und reden. Zueinander hingezogen küssen sie sich und fummeln ein bisschen. Die Hand des Professors "verharrte auf ihren köstlichen Brüsten. […] Zu gern hätte er sie genommen". Dann gehen sie Arm in Arm zurück.

1Zauberkreis Kapitel 5
Davenport und Benson suchen sich einen Beobachtungsposten am Strand. Sie entdecken den Penner Bartholemew, der nach Strandgut sucht. Dann steigen 40 Riesenkrabben – "Cliff lachte fast hysterisch. "Sie sind so groß wie Kühe!" - aus dem Meer, angeführt von einer besonders großen Krabbe, der "King Crab".  Die Krabben machen Jagd auf den Penner. "Eine mächtige Schere schnappte nach seinem lahmen Bein. King Crab beanspruchte ihn für sich. Bartholomews Leben strömte mit dem Blut aus seinem Körper, doch Bewusstlosigkeit ließ ihn das grausige Geschehen […] nicht mehr wahrnehmen."

1Original Kapitel 5:
Davenport und Benson suchen sich einen Beobachtungsposten am Strand. Sie haben Sex. "Er ertastete die Zartheit ihrer anschwellenden Brustwarzen, […] Cliff wälzte sich zwischen ihre gespreizten Beine […] sie nahm ihn einen Zentimeter nach dem anderen in sich auf". Die Szene nimmt eine Buchseite in Anspruch.

Die Beschreibung der Jagd ist länger, der Tod Batholemews wird breit geschildert. "King Crab beanspruchte ihn für sich. Das Krachen des splitternden Knochens war über dem [Scheren] Klappern der aufgeregten Krabben zu hören. Für den Bruchteil einer Sekunde war Bartholemew frei. Cliff und Pat beobachteten, wie er sich von seinem Angreifer wegrollte, sein Bein war ein blutiger Stumpf, aus dem die rote Flüssigkeit pumpte und im Mondlicht wie ein besonders guter Claret schimmerte."

King Crab zerlegt den Penner noch eine halbe Seite lang und wirft die abgetrennten Gliedmaßen den anderen Krabben zu, "die blutige Schere hielt die baumelnden Eingeweide, bevor sie in dem dunklen Rachen verschwanden". Die ganze Szene nimmt eine Buchseite in Anspruch.

1Zauberkreis Kapitel 6
Der Professor und Benson sehen zu, wie die Krabben wieder im Meer verschwinden. Davenport verkündet, einen Freund im Verteidigungsministerium anzurufen, auch wenn er sich lächerlich machen sollte. Er drückt Pats Hand und bedankt sich bei ihr. Am nächsten Morgen macht er den Anruf. Man schickt einen Colonel Goode. Der hält die Geschichte des Professors für Unsinn und besäuft sich. Am nächsten Morgen sind wieder zwei Badegäste verschwunden.

1Original Kapitel 6:
Nach dem Händedruck quetschen sie sich in der Pension in das enge Bett des Professors und schlafen erschöpft. "Nicht einmal die Berührung ihrer nackten Körper konnte ihr Verlangen wecken."

1Zauberkreis Kapitel 7:
Der Posten der Militärbasis steht in der Nacht plötzlich den Krabben gegenüber. Er schießt vergeblich. "Die eine Schere King Crabs senkte sich, bewegte sich direkt auf seinen Kopf zu. Er war tot, noch ehe er den Boden berührte."  Die Krabben greifen den Wachturm an, zwei Soldaten "stürzen in die Krabbenscheren." Der Colonel entschuldigt sich bei Davenport. Bei einer Besprechung spekuliert man über Nuklearexperimente im Meer und Unterseehöhlen, in denen die Krabben hausen könnten. Notfalls will man die RAF einsetzen.

1Original Kapitel 7:
"Gnädigerweise erwischte King Crabs Schere ihn direkt oben auf dem Kopf und spaltete ihm den Schädel. Er war tot, bevor er zu Boden stürzte, und entging den Qualen, die Barholowmew erlitten hatte, als ihm die Monster die Eingeweide herausrissen."

Nach der Besprechung mit dem Colonel schleicht sich Davenport in Pats Zimmer. Sie liegt nackt auf dem Bett und wartet auf ihn. Sie haben Sex. Pat fragt ihn, was sein wird, wenn die schreckliche Krabbengeschichte vorbei ist. "Wir kehren nach London zurück", sagt der Professor. Das ist die richtige Antwort, denn sie greift wieder nach einem bestimmten Teil seiner Anatomie. Die Szene nimmt eine Buchseite in Anspruch.

1Zauberkreis Kapitel 8:
Der Fischer Sam wird auf seinem Boot von den Krabben überfallen. Sie amputieren seine Hand. "Vergebens griff er nach seinem Armstumpf und versuchte das Blut mit einem öligen Lappen zu stillen." Er springt ins Meer, um dort zu sterben.

Kurz darauf greifen die Krabben die Hafenstadt Barmouth an. Ein bereitstehender Panzer erweist sich als nutzlos. Die Krabben heben ihn hoch und werfen ins ins Meer. Die Krabben bringen ein paar Häuser zum Einsturz, aber nicht einmal ausbrechendes Feuer kann sie vernichten. Im Rathaus beraten Davenport, der Mann vom Ministerium und andere.

1Original Kapitel 8:
Sam bekommt seine Hand amputiert. "Blut spritzte ihm ins Gesicht und blendete ihn." Er will ihm Meer sterben und springt. Eine Schere trennt seinen Fuß ab. Dann schließt sich etwas um seinen Hals. Er hat mal in einem Buch über die Französische Revolution gelesen, dass die Guillotine schmerzlos sei. Gleich wird er herausfinden.

Der Krabbenangriff auf die Stadt ist etwas länger geschildert, es gibt ein paar Sätze mehr über die Reaktionen der Soldaten.

Der Rest des Romans:
Man entdeckt die Krabben in Unterwasserhöhlen, die man sprengt. Tage später tauchen sie aber wieder auf, und das Militär kann sie kaum verletzen. Davenport kommt auf die Idee, die Viecher mit Unkrautvernichter zu vergiften. Am Ende verschwindet King Crab vermutlich weidwund wieder im Meer.

In den restlichen 6 Kapiteln finden sich vergleichsweise wenige Kürzungen, auch im Original werden die Angriffe der Monsterkrabben mit breiten Strichen geschildert.

Kommentare  

#1 Schnabel 2014-05-27 22:37
Die beiden Teile haben mir gut gefallen. Mehr davon. Die Vorstellung der Kürzungen hat mich auf eine Idee in Bezug Dämonenkiller-Erstauflage und -Zweitausgabe gebracht. Danke dafür.
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#2 Thomas Mühlbauer 2014-05-27 22:43
zitiere Schnabel:
Die beiden Teile haben mir gut gefallen. Mehr davon. Die Vorstellung der Kürzungen hat mich auf eine Idee in Bezug Dämonenkiller-Erstauflage und -Zweitausgabe gebracht. Danke dafür.


Um diese Idee in die Tat umzusetzen braucht es aber mindestens zwei Bleistifte, denn da gibt es viel anzustreichen...
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#3 Schnabel 2014-05-27 23:06
Nicht wenn man die komplette Erstauflage als World-Texte vorliegen hat. Man braucht diese nur mit der Zweitausgabe vergleichen und schon hat man den gekürzten Text. In der Theorie scheint das einfach zu sein. Mal sehen wie das in der Praxis aussieht. Der Vergleich von DK 118 wird lang werden. Wenn ich mich recht erinnere durfte Ernst rund ein Drittel für die Zweitausgabe neu schreiben.
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#4 Andreas Decker 2014-05-28 11:13
Danke! Schön, dass es interessiert hat. Allerdings fürchte ich, dass das eine einmalige Sache bleibt. (Es sei denn, ich stolpere mal über was, was mich wirklich ärgert oder amüsiert :D )

Mal davon abgesehen, dass das sehr viel Arbeit ist, ist das so ähnlich wie ein BigMac. Hast du einen gegessen ... Zb hat Pabel bei Smith auch nur die Gewalt und den Sex bzw Vergewaltigungsszenen rausgestrichen.

Und manchmal ist es auch nur sehr spitzfindig und gerät in das Geschmacksgebiet. Das gilt für diverse Däki und Vampir-Tbs, die einfach eine sorgfältigere Übersetzung verdient hätten. Aber man darf dabei ja auch nicht vergessen, dass das alles buchstäblich Wegwerfliteratur war. Warum Tage mehr Arbeit reinstecken? Bei der Vorstellung, dass sich Leute da noch 50 Jahre später drüber ereifern, hätten die Macher vermutlich nur gelacht. Und bei aller Kritik an den Leuten, verglichen mit den heutigen Ebooks-Heftchen im Selbstverlag ist das alles ohnehin preisverdächtig, was die Präsentation angeht. Da tut man den Machern schnell unrecht. 1976 ist halt nicht 2014.

Das ist eine gute Idee, Uwe. Ich habe damals in ein oder zwei frühe Hefte der Neuauflage reingesehen und mich immer gefragt, wer die undankbare Aufgabe hatte, solche staatszersetzenden Teilsätze wie "er tötete den Vampir 'mit wilder Lust' " zu streichen. Das war echt Korinthenkackerei auf hohem Niveau. Ich hoffe, man hat es gut bezahlt. So eine Arbeit kann man eigentlich nur zugedröhnt ertragen.
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