Alles im Griff - Entführter Giftgas-Laster
Alles im Griff
Entführter Giftgas-Laster
Mit dem Namen Joachim Roering (geboren 1934 in Eberswalde) verbindet man in erster Linie locker-leichte Fernsehkomödienunterhaltung. Der Regisseur und Drehbuchautor hat in seiner vier Jahrzehnte umspannenden Karriere etliche Klassiker geschaffen, die man auch heute noch kennt. In den 1970er und 1980er Jahren hat er einige Fernsehserien rund um den Ruhrpott-Grantler Tegtmeier, den Jürgen von Manger (1923-1994) so wunderbar verkörperte, verantwortet. Außerdem war Roering maßgeblich an den Sketchformaten „Abramakabra“ (1972-77) mit Dieter Hallervorden, Helga Feddersen und Uwe Dallmeier sowie „Harald und Eddi“ (1987-90) mit Harald Juhnke und Eddi Arent beteiligt. Aber nicht nur Kalauer und Klamottengags gehen auf Roerings Konto, denn er hat darüber hinaus auch an sehr gehaltvollen und tiefgründigen Fernsehsatiren mitgearbeitet. Nach wie vor sehr amüsant sind beispielsweise die 1987 erstausgestrahlten Fernsehfilme „Das Wahlergebnis“ und „Evelyn und die Männer oder Wie Hund und Katze“ mit einem famosen Gastauftritt von Loriot oder eine von Roerings letzten Arbeiten, „Der kleine Dachschaden“, der vor zwei Jahren bei Pidax ebenfalls auf DVD herausgebracht wurde. „Alles im Griff“ aus dem Jahr 1990 fällt in dieselbe Kategorie, kombiniert den leisen und bissigen Witz aber zusätzlich mit einer actionreichen Handlung, die gelegentlich auch Einiges an Thrill und Nervenkitzel zu bieten hat. Ein stargespickter Fernsehfilm der Extraklasse, der auch mehr als 35 Jahre nach seiner Erstsendung nichts von seinem Unterhaltungswert eingebüßt hat.
Günter „Bolle“ Bolkowski (Ralf Richter) arbeitet als LKW-Fahrer für den Chemiekonzern Fertinova. An einem Freitagabend soll er die letzte Fuhre, einen mit 25.000 Litern P3D beladenen Tanklaster, von einem Standort der Firma zum anderen fahren. Ein Weg von wenigen hundert Metern. Aber als Bolle bei einem kurzen Routineanruf vom Pförtnerhaus aus seine Frau Sabine (Gabi Fischer) nicht erreichen kann, kommen ihm Zweifel. Er biegt in die andere Richtung ab und fährt mit dem LKW zu sich nach Hause, um nach dem Rechten zu sehen. Ein eifriger Werkschutzmann verständigt sofort den Sicherheitsbeauftragten Thomann (Joost Siedhoff). Auch Umweltreferent Bilkin (Wolf-Dietrich Berg) und Fabrikleiter Rambold (Werner Kreindl) müssen ihr wohlverdientes Wochenende verschieben und lassen die Telefone heiß laufen. Denn das P3D ist ein instabiles Gas, das bei Erwärmung auf lediglich 14 Grad Celsius zu einem hochexplosiven Kampfstoff wird. Ausgerechnet Bolles LKW hat einen Kühldefekt, weswegen die Situation umso brenzliger wird. Aus der Chefetage ist niemand erreichbar, lediglich Assistent Dr. Garleff (Hans-Jürgen Schatz) kann man noch kurzfristig um sein Reitvergnügen bringen und in der Fabrik antanzen lassen, wo man gemeinsam fiebrig nach einer Lösung sucht, ohne die Polizei einzuschalten. Derweil muss Bolle von der Nachbarin Frau Käfer (Tana Schanzara) erfahren, dass Sabine tatsächlich einen Liebhaber hat und mit diesem nun einen dreiwöchigen Urlaub in Mombasa antreten möchte. Der liebeskranke LKW-Fahrer will nun unbedingt noch rechtzeitig am Flughafen eintreffen, um seine Frau wieder zurückzugewinnen, und macht sich mit Frau Käfer und den 25.000 Litern Giftgas im Schlepptau auf den Weg über die Autobahn.
„Alles im Griff“ funktioniert auch heute noch wie am Schnürchen. Joachim Roering, der auch hier wieder das Drehbuch zu der beißenden Satire selbst geschrieben hat, zieht alle Register, um nichts und niemanden ungeschoren davonkommen zu lassen. Mit subtilem, hintergründigem Witz macht er sich über die unredlichen Machenschaften in der Chemieindustrie lustig, schüttet seinen Spott über bürokratische Fallstricke, obrigkeitshörige Angestellte und lustlose Regierungsbeamte aus, erdet das Ganze mit dem charmanten Witz der grandios aufgelegten Hauptdarsteller Ralf Richter und Tana Schanzara. Auch einige verdiente Charaktermimen können ihren Rollen meisterhaft Kontur verleihen, insbesondere Hans Korte und Joost Siedhoff seien hier gesondert noch einmal genannt. Ein höchst amüsanter und nach wie vor treffender Rundumschlag. Die DVD-Erstveröffentlichung bietet ein akzeptables Bild (im Vollbildformat 1,33:1), das allerdings kaum über VHS-Niveau hinauskommt. Der deutsche Originalton (in Dolby Digital 2.0) entspricht der Entstehungszeit und ist immer gut zu verstehen. Auf die Beigabe von Bonusmaterial hat man verzichtet.



