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Vom Scheitern einer großartigen Idee

Vom Scheitern einer IdeeVom Scheitern einer großartigen Idee
Kevin J. Anderson - The Edge of the World – Terra Incognita - Book One

Kevin J. Anderson dürfte den meisten bekannt sein durch seine diversen Romane aus Frank Herberts »Wüstenplanet«-Universum sowie durch seine großartige Space Opera »Die Saga der Sieben Sonnen«, deren finaler Band in Kürze endlich auch in deutscher Übersetzung erscheint. Mit dem Ende der umfangreichen Reihe legt Anderson eine Pause in Sachen Science Fiction ein und wendet sich einem anderen Genre der Phantastik zu: der Fantasy.

Mit »The Edge of the World« ist vor Kurzem der erste Band der als Trilogie geplanten Saga »Terra Incognita« auf dem englischsprachigen Buchmarkt veröffentlicht worden. Als großer Fan von Anderson und seinen Werken habe ich natürlich nicht lange gezögert und mir ein Exemplar des Buchs zugelegt.

Die Lektüre hat mich allerdings ziemlich ernüchtert zurückgelassen.

Zu sagen, Anderson wäre mit dem Auftaktband seiner Fantasyserie kläglich gescheitert, wäre mehr als nur ein wenig übertrieben. Doch ein gelungener oder auch nur recht ordentlicher Roman sieht anders aus. »The Edge of the World« ist alles andere als das große Abenteuer, das man sich von dem Buch erhofft hat. Der erste Teil von »Terra Incognita« stellt leider unter Beweis: Es reicht nicht aus, ein gutes Konzept für eine Reihe zu haben. Wenn die Umsetzung nicht stimmt, dann kann auch jede noch so fantastische Grundidee nichts retten.

 

Kevin J. Anderson - The Edge of the World – Terra Incognita - Book OneThe Edge of the World
Glaubt man dem Text auf der Coverrückseite des Romans, geht es in »The Edge of the World« um Folgendes:

Die bekannte Welt ist in zwei Großreiche gespalten, Tierra im Norden, Uraba im Süden. Verbunden sind die Hoheitsgebiete beider Nationen nur durch einen schmalen Landstreifen. Was letzten Endes wohl auch gut so ist, herrscht doch seit langer Zeit Unfriede zwischen den Bewohnern des Nordens und denen des Südens.

Als es zwischen den beiden Reichen zum Krieg kommt, sehen ihre Herrscher nur eine Möglichkeit, ihren Anspruch auf neues Land zu festigen und den Ruhm ihrer jeweiligen Nation zu mehren: Sie müssen Expeditionen in die unerforschten Teile der Welt aussenden, um neue Ländereien zu entdecken und Kolonialgebiete zu erobern.

So kommt es, dass beide Reiche Schiffe bemannen lassen, deren Besatzungen die tückischen Wasser der Oceansea bezwingen und neues Land entdecken sollen. Den Seeleuten steht ein Abenteuer bevor, wie sie es sich in ihren kühnsten Träumen nicht ausgemalt haben. Seeschlangen, Stürme und andere, dunklere Gefahren erwarten sie auf einer Reise, die sie an den Rand der Welt führen soll ...

Klingt gut, oder? So richtig nach Abenteuer, Action und jeder Menge Spannung. Dumm nur, dass die beschriebene Geschichte in dem Buch nicht erzählt wird.

Statt der abenteuerlichen Suche nach unentdeckten Reichen und verborgenen Schätzen schildert Anderson die Geschichte zweier Nationen, die sich in einem immer heftiger werdenden Krieg befinden. Auf beiden Seiten werden unbeschreibliche Gräueltaten verübt, und jede Nation gibt der anderen die Schuld an der zunehmenden Eskalation der Situation. Dieser „Krieg der Kulturen“ wird aus der Sicht der verschiedensten Charaktere auf beiden Seiten erzählt. Anderson zeigt, wie Missverständnisse, Unfälle und Engstirnigkeit in eine Spirale der Gewalt und des Hasses münden, und wie schlussendlich alle Menschen, egal welcher Volkszugehörigkeit, egal welcher gesellschaftlichen Position, unter den Folgen der anhaltenden Auseinandersetzungen zu leiden haben.

Ach ja, die Suche nach unentdeckten Reichen spielt tatsächlich auch eine Rolle. Doch entweder sind die Expeditionen nach wenigen Seiten schon wieder vorbei, oder aber sie kommen aufgrund des Kriegs gar nicht erst zustande.

Da ist so einiges schiefgegangen ...

Anders kann man es eigentlich nicht ausdrücken. Denn Kevin J. Anderson ist an sich ein guter Autor, der es versteht, mit Worten umzugehen und eine Geschichte spannend zu inszenieren. Und die Story an sich, wie sie auf dem Cover angekündigt wird, klingt vielversprechend.

Dennoch ist »The Edge of the World« nicht das große Highlight, das es hätte werden können. Im Auftaktband der »Terra Incognita«-Trilogie ist – leider – so einiges schiefgegangen.

  • Falsche Versprechungen
    Hiermit spiele ich natürlich auf die Unstimmigkeit zwischen dem Inhalt, der auf dem Buchcover angekündigt wird, und dem Inhalt, den das Buch schlussendlich tatsächlich vermittelt, an. Wer wie ich große Abenteuer und atemberaubende Entdeckungsreisen erwartet, der wird aufs Bitterste enttäuscht. Krieg und Politik, Neid, Hass und Missgunst sind es, die die Handlung des Buchs ausmachen. Das große Abenteuer ist nicht mehr als ein fernes Echo, das hin und wieder anklingt, von dem man aber nicht allzu viel mitbekommt.

    Wer immer den Text für die Rückseite des Buchs verfasst hat, sollte sich dringend überlegen, den Beruf zu wechseln. Selten hat mich eine Inhaltszusammenfassung derart in die Irre geführt wie bei »The Edge of the World« – mit dem Ergebnis, dass ich das Buch nach der Lektüre reichlich enttäuscht aus der Hand gelegt habe. Die erzählte Geschichte an sich ist nicht einmal schlecht, doch wenn man wie ich etwas ganz anderes erwartet (ja, sogar erhofft!), dann hat man so seine Probleme, sich mit ihr anzufreunden.

  • Zu starke Orientierung an der »Saga der Sieben Sonnen«
    Wer »The Edge of the World« liest, der wird an viele Stellen Elemente wiederentdecken, die bereits aus Andersons »Saga der Sieben Sonnen« bekannt sind. Allen voran gilt das für die enorm kurzen Kapitel sowie die Vielzahl an Protagonisten, aus deren Perspektiven eine fast ebenso große Zahl unterschiedlicher Handlungsbögen erzählt wird.

    Was bei der Space Opera ein gelungenes Stilmittel war, erweist sich bei dem Fantasyepos als Fehlgriff. Durch den ständigen Sprung von einer Handlungsschiene zur nächsten und den damit einhergehenden, häufigen Perspektivenwechsel gelingt es Anderson schlicht und einfach nicht, seiner Story die nötige Tiefe zu verleihen. Der Leser wird mit den Protagonisten niemals wirklich warm. Gleiches gilt für die verschiedenen Storylines. Ehe man sich in eine solche einlesen kann, ist man schon wieder bei der nächsten. Für das „Fantasyfeeling“ (wenn ich es einmal so nennen darf) ist das tödlich.

  • Das Problem mit den Zeitsprüngen
    Die Handlung von »The Edge of the World« erstreckt sich über einen Zeitraum von mehr als zwölf Jahren. Immer wieder überspringt Anderson viele Monate und Jahre, rafft Geschichtsverläufe und fasst Ereignisse damit zusammen, dass er Geschehnisse, die sich im Verlaufe vieler Wochen abspielen, auf ein oder zwei umschreibende Sätze reduziert. Für das Voranschreiten der Handlung mag das hilfreich sein, für die fesselnde Kraft, die man sich von einer Fantasystory erhofft, ist es das nicht. Man gewinnt mitunter den Eindruck, keine Geschichte, sondern eine geschichtliche Abhandlung zu lesen.

    Ein wenig mehr Entfaltungsraum hätte der Story des Romans wahrlich nicht geschadet ...

  • Allzu viele rasche Todesfälle
    In »The Edge of the World« wird gestorben, und das nicht zu knapp. Viele Protagonisten müssen auf oft recht abrupte und unschöne Weise ihr Leben lassen. Alte Hasen im Fantasygenre sind den unerwarteten Tod diverser Figuren ja gewohnt, auch dann, wenn dieser mehr als nur vereinzelte Personen ereilt.

    Anderson übertreibt es allerdings gewaltig. Die Protagonisten seines Romans sterben wie die Fliegen. Man hat kaum Zeit, sich an einen Charakter zu gewöhnen, schon ist er tot, dahingerafft von Naturgewalten, Monstern oder Meuchelmördern. Das große Sterben soll wohl für Spannung und Dramatik sorgen, hat aber dummerweise genau den gegenteiligen Effekt. Als Leser entwickelt man rasch eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber den Personen und ihrem Schicksal. Dann stirbt diese oder jene Figur eben – na und? Ich hatte eh keine Zeit, sie kennenzulernen, warum sollte mich dann ihr Dahinscheiden interessieren?

    Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieser Effekt von Anderson beabsichtigt war. Besonders schlimm daran ist allerdings, dass sich die Gleichgültigkeit des Lesers in Windeseile auf durchweg alle Protagonisten überträgt. Man baut einfach keine Beziehung mehr zu ihnen auf, was der Lesefreude einen (weiteren) erheblichen Dämpfer versetzt.

    Dieses Phänomen wird übrigens noch durch ein zusätzliches Ärgernis verstärkt:

  • Leiden ohne Ende
    Schon klar: Ein Roman, in dem alle Charaktere von Anfang bis Ende glücklich und zufrieden in den Tag hinein leben, ist nicht gerade das, was man als Freund von Spannungsliteratur unbedingt lesen möchte. Doch irgendwo hat alles seine Grenzen, und was Anderson seine Protagonisten durchleben lässt, ist teilweise weit jenseits davon.

    Glück und Freude? Oftmals sucht man danach bei »The Edge of the World« vergeblich. Man hat das Gefühl, es macht Anderson Spaß, auf seine Figuren einzuprügeln. Das Leben von Person XYZ liegt in Trümmern? Dann macht es ja wohl nichts, wenn man ihm noch eins reinwürgt.

    Als Fan von »Battlestar Galactica« und ähnlichen Geschichten bin ich einiges gewohnt, was die Leidensfähigkeit von Protagonisten anbelangt. Doch was die Charaktere aus »The Edge of the World« alles einstecken müssen ... Mann oh Mann! Tragik und Tragödien sind ja ganz okay, aber irgendwann muss auch mal Schluss damit sein. Diesen Punkt hat Anderson leider unbeachtet überschritten.

 

Ein Hoffnungsschimmer für die Zukunft?
Hoffnung besteht eigentlich immer; das gilt auch für »Terra Incognita«. Gerade auch für »Terra Incognita«.

 

Kevin J. AndersonWas mich das sagen lässt? Nun, verschiedene Fakten sprechen dafür, dass die Serie sich in den kommenden beiden Romanen deutlich steigert:

  • Kevin J. Anderson ist ein großartiger Schriftsteller, der es versteht, seine Geschichten vor den Augen seiner Leser geradezu zum Leben zu erwecken.

  • Auch »Die Saga der Sieben Sonnen« hat mir zu Beginn nur mäßig gefallen. Die späteren Romane hingegen wussten mich zu begeistern. Warum also sollte es bei »Terra Incognita« nicht ähnlich sein?

  • Das Ende von »The Edge of the World« stimmt hoffnungsvoll. Im kommenden Roman scheint die längst überfällige Expedition ins Unbekannte endlich aufzubrechen. Es scheint, als bekäme ich das ersehnte Abenteuer doch noch geboten – wenn auch mit einiger Verspätung.

  • Dem Buch beigefügt ist eine Leseprobe aus dem kommenden Roman, »The Map of All Things«. Was hier zu lesen ist, klingt äußerst vielversprechend und lässt Großes für die Zukunft der Reihe erwarten.

Natürlich mag es ein, dass ich mich irre, und dass mir auch der zweite Band von »Terra Incognita« nicht gefallen wird. Doch trotz der leidvollen Erfahrungen mit »The Edge of the World« bin ich zuversichtlich, dass sein Nachfolger merklich unterhaltsamer wird.

 

Wie heißt es so schön? Die Hoffnung stirbt zuletzt ...

Daten zum Buch:

The Edge of the World –
Terra Incognita: Book One

von Kevin J. Anderson
Orbit Fantasy
erschienen: 2009 (USA)
593 Seiten, ca. 10,00 €
ISBN: 978-0-316-00418-3

Orbit

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