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Die Novelization - Der Roman zum Film: Stehaufmännchen

Die Novelization - Der Roman zum FilmStehaufmännchen

Üblicherweise entsteht ein Film nach einer Vorlage, sei es nun ein Buch, ein Comic oder gar ein Spiel. Meist handelt es sich aber um literarische Vorlagen, also ein Buch oder eine Erzählung. Manchmal aber ist es genau umgekehrt: Nicht die Henne war zuerst da, sondern das Ei, sprich: der Film. War dieser erfolgreich, folgte posthum oft eine literarische Fassung. Das nennt man dann eine Novelization. In dieser Reihe stelle ich in loser Folge einige Nacherzählungen aus dem phantastischen Genre vor.


Halloween (Halloween)Halloween (Halloween)
von Curtis Richards (?)
Über den Film:
Gedreht in nur 3 Wochen mit einem Minimal-Budget von knapp 320.000 US $ an der Westküste im Vorort von Los Angeles South Pasadena. Der Drehort wurde gewählt, weil er in seinem Aussehen einer durchschnittlichen Kleinstadt, wie von Carpenter so gewünscht, an der Ostküste ähnelte. Haddonfield befand sich also tatsächlich an einem völlig anderen Ort! Auch die Jahreszeit stimmte nicht: gedreht wurde nämlich nicht im Herbst, sondern im Oktober, was natürlich einige Schwierigkeiten mit sich brachte. Debra Hill, die nicht nur Mitautorin des Skripts war, hatte einige große Plastiksäcke mit altem Laub bei sich, das für jede Außenszene dekorativ verteilt wurde. War die Szene im Kasten, beteiligten sich alle Mitglieder des Teams daran, das Laub wieder aufzusammeln. Debra Hill ist auch der Name des Städtchens – Haddonfield – zu verdanken: sie selbst wurde in einem Ort dieses Namens im US Bundesstaat New  Jersey geboren.

Halloween (Halloween)Nick Castle, mit dem Carpenter befreundet war und schon bei Dark Star mitwirkte – er verlieh dem lebenden Wasserball „Der Exote“ Leben – spielte den Schwarzen Mann, der im Original „The Bogeyman“ genannt wird. Seine Gage betrug satte 25,00 US $ pro Tag. Die berühmte Maske war übrigens nichts anderes als eine im Handel erhältliche Captain Kirk-Maske, die für wenig Geld erstanden und leicht verfremdet wurde: die Augenöffnungen wurden weiter ausgeschnitten, und auf das Gesicht bekam eine leichenblasse Farbe aufgetragen.

Für die Darstellung des unmaskierten Myers war allerdings ein anderer Schauspieler zuständig: Tony Moran, ein eher unbeschriebenes Blatt, der überwiegend Gastrollen in Serien wie Die Waltons oder CHIPs übernahm. Seine Gage für Halloween betrug 250,00 US $.

Halloween (Halloween)Mehr Infos zum Film selbst wird es hier nicht geben, denn Kollege Konrad Wolfram stellt diese Phantastischen Filmklassiker Freitag in seiner eigenen Reihe unter dem Titel Der brüderliche Tod redet nicht, er handelt vor.

P. S.: Das Myers-Haus steht übrigens noch immer. Dank eines beherzten Bürgers wurde es vor dem Abriß bewahrt und einige Meter versetzt, genauer gesagt auf die andere Straßenseite. Das historische Gebäude – erbaut 1885 – wurde renoviert und dient nun als Bürogebäude.

Halloween (Halloween)Die Story:
Ist Michael Myers nur ein psychopathischer Killer, oder gar der Schwarze Mann? Der Psychiater Loomis, der ihn nach seinem Ausbruch aus der Nervenheilanstalt jagt, weiß dies auch nicht. Er vermutet aber, dass sich weit mehr hinter den Taten verbergen könnte als bloße Rachsucht. Die Halloween-Nacht wird für das beschauliche Städtchen Haddonfield zu einer nicht enden wollenden Nacht des Grauens. Vor allem, weil der brutale Killer nicht tot zu kriegen ist…

Halloween (Halloween)Die Romanfassung:
Hinter dem Namen verbirgt sich – entgegen im Netz sehr häufig zu findenden Angaben - höchstwahrscheinlich nicht der Autor Dennis Etchison, der als Jack Martin für die Novelizations von The Fog, sowie Halloween 2-3 verantwortlich war. In einem Interview mit David Mathew erwähnt Etchison zwar seine Urheberschaft für die genannten Romane, nicht aber für den ersten Roman. Über Curtis Richards, wenn er denn tatsächlich so heißt, ist sonst nichts bekannt. Es scheint sich tatsächlich also um einen Nobody zu handeln. Egal. Richard´s im Oktober 1979 erstmals erschienene Romanfassung ist mit 166 Seiten recht knapp gehalten.

Der Roman erschien im Jahre 1985 in der deutschen Übersetzung von Heinz Nagel im Heyne Verlag in dessen Reihe „Die unheimlichen Bücher“. Das Buch ist anscheinend nicht gekürzt worden. Filmbilder sind leider nicht enthalten.

Der Roman beginnt gleich mit einer Abweichung: der Prolog spielt im Irland während der Keltenzeit und beinhaltet Mord. Danach geht es weiter mit dem Jahre 1963 in Haddonfield. Der kleine Michael sitzt bei seiner Großmutter, die ihm Geschichten über den Schwarzen Mann erzählt. Erst danach kommt die eigentliche Anfangssequenz des Films. Der Autor war beim Schreiben aber wohl nicht ganz bei der Sache: die Großmutter malte ihm einige Seiten vorher mit Schminke sein Clownsgesicht nur auf, während er aber hier am Kapitelende eine Maske trägt. Weiter geht es mit eigentlich belanglosen Episoden aus der Zeit, in der der junge Killer in die Anstalt eingewiesen wurde. Curtis nimmt sich die Freiheit zu schildern, welche unerklärlichen Dinge nach seiner Ankunft geschehen. Das würde eher zu Das Omen passen, nicht aber zu Halloween. Vor allem kommt es im Film nicht vor. Der Autor folgt ab dem nächsten Kapitel dann wieder sehr eng der Filmvorlage, war aber auch hier nicht so ganz bei der Sache: Schwester Marion wird zuerst als rothaarig beschrieben, einige Zeilen später (auf der gleichen Seite) bemerkt Dr. Loomis aber „den Glanz ihres kastanienfarbenen Haares“.

Halloween (Halloween)Es folgt eine Umblende nach Haddonfield, und die weibliche Hauptfigur Laurie und ihr Umfeld werden eingeführt, alles wie im Film. Allerdings spielt der Autor dann wieder Walter Harris und bringt eigene Ideen ein: der Leser erfährt, dass bereits Michaels Großvater von irgendetwas besessen war und 2 Menschen getötet hat. Ganz wie sein Vorfahr hat auch Michael Stimmen in seinem Kopf gehört. Kam im Film nicht vor, oder?

Auch bringt Dr. Loomis wieder das keltische Element ins Spiel und bezieht sich damit auf den Prolog des Romans. Weiter geht es damit, dass Curtis Szenen aus der Sicht des Michael Myers beschreibt und schildert, was in ihm vorgeht. Als dann auch noch beschrieben wird, dass er eine „unangenehme Erektion“ hat, möchte man das Buch am liebsten gleich schließen und nicht mehr weiterlesen. Der Autor verpatzt seine an sich solide, wenngleich auch schlichte Erzählung mit derlei überflüssigen Details und Eigenkreationen.

Halloween (Halloween)Dadurch verliert die Hauptfigur alles von seiner unheimlichen, völlig undurchschaubaren Aura. Ähnlich geht es dann weiter, allerdings dümpelt die Erzählung nur noch vor sich hin. Von Spannung absolut keine Spur, man hat den Eindruck, der Autor hat die Story nur lustlos und uninspiriert verfasst. Schließlich hat man das Ende des Buches nach 190 Seiten erreicht, wo der Film mit einem genialen Cliffhanger aufwartet: Loomis schaut vom Balkon auf die Stelle, an der Michael Myers – eigentlich tot - gelegen hat und findet sie leer vor. Im Buch wird das in 3 Worten beschrieben: „Er war weg“.

Zum Cover der deutschen Ausgabe:
Hm, was soll ich dazu sagen? Es ist mir völlig unbegreiflich, warum na das Titelbild so gestaltet hat. Es hat weder einen Bezug zur Story, noch zum Thema, noch ist es überhaupt irgendwie ansprechend. Die Gestaltung erinnert eher an ein psychedelisches Plattencover. Insgesamt abschreckend und grottenschlecht!

Bewertung:
Ich vergebe 1 von 5 Kürbissen. Das war die bisher schwächste Novelization.

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Kommentare  

#1 Heiko Langhans 2017-05-28 13:20
Ausgerechnet die englische Wikipedia (die Etchison - fälschlicherweise? - als Verfasser des obigen Romans festmacht) nennt "einen Artikel weiter" den amerikanischen Literaturagenten Richard Curtis als Autor, der bereits 1976 den Filmroman Squirm vorlegte. Laut einigen Rezensionen haben beide Romane eine Verlagerung der Erzählebene auf Nebenfoguren sowie originale Hintergrundentwicklungen gemeinsam. Könnte also passen. Ein Fragezeichen bleibt.
#2 Andreas Decker 2017-05-28 13:33
An Curtis habe ich auch gedacht. In "Squirm" gab es ja auch einige Szenen dazu. Obwohl es da okay war .Im Grunde finde ich es gar nicht so schlecht, wenn der Autor versucht, die Lücken zu füllen. Gerade die Story von Halloween ist ja arg dünn. Aber es funktioniert halt nicht immer.

Die unheimlichen Bücher von Heyne waren auch so eine typische Wundertüte. Ein paar schräge Perlen, viel Mittelmaß und ein paar echte Langweiler. Witzigster Untertitel: Halloween III - Ein Zombie-Roman.

Das Kürbismotiv hatten sie schon 3 Jahre zuvor für Halloween II verbraucht. ;-)
#3 Ringo Hienstorfer 2017-05-28 14:19
Richard Curtis/ Curtis Richards identisch? Glaube ich nicht.
Hier z.B. werden beide separat aufgeführt:

www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?10921

www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?116793
#4 Andreas Decker 2017-05-28 15:30
zitiere Estrangain:
Richard Curtis/ Curtis Richards identisch? Glaube ich nicht.
Hier z.B. werden beide separat aufgeführt:


Ich weiß. Ist halt nur eine Theorie. Wer weiß schon, wer den Wiki-Eintrag bei Curtis geschrieben hat. Aber es ist eine nette Theorie. Namenstausch als Pseudonym gab es häufiger - zb Peter David als David Peters -, und soweit ich mich noch an den Squirm erinnere, hört sich das doch alles sehr ähnlich an von der Vorgehensweise. ;-)

Ich habe das Teil nie gelesen, auch die Jack Martins nicht, aber Etchison ist ein sehr sperriger Stilist. Davon müsste es in den Martin-Romanen doch Spuren geben.
#5 Ringo Hienstorfer 2017-05-28 15:35
... wobei sich der Squirm-Roman sehr , sehr eng an die filmische Vorlage hält.
Viel enger als dies bei Halloween der Fall ist. Macht ja eigentlich nix, denn:
gerade dieses Vergleichen, Querlesen und Recherchieren macht die Sache ja so spannend und auch amüsant ;)

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