Oh, meine Götter, Teil 16: Meleager, eine Eberjagd und deren Folgen

Oh, meine Götter!Teil 16:
Meleager, eine Eberjagd und deren Folgen

Wer trug eigentlich „Eulen nach Athen“?

Wurde Sisyphus je mit seiner Arbeit fertig? Und kam der Götterbote auch immer ausgerechnet dann, wenn der Empfänger gerade leider nicht Zuhause war?

Kleine Ausflüge in das Reich der griechischen Mythologie.

Gustav Schwab: Sagen des klassischen AltertumsAls Öneus, der König von Kalydon (einer antiken Stadt in Westgriechenland), ein landwirtschaftlich sehr erfolgreiches Jahr hat, opfert er den ersten Ertrag jeder Ernte den Göttern, wie man das eben so macht als dankbarer Grieche. Für jeden ist etwas dabei, Wein für Bakchos, Öl für Athene, Feldfrüchte für Demeter und so weiter und so fort. Doch dummerweise vergisst Öneus Artemis, deren Altar als einziger leer bleibt.

Eine gute Gelegenheit, uns die übersehene Göttin der Jagd einmal genauer anzusehen, die uns bisher noch nicht so oft untergekommen ist. Artemis ist ein weiteres uneheliches Kind von Zeus, diesmal mit der Titanentochter Leto. Weil Hera der schwangeren Leto nicht erlauben wollte, Zeus´ Kinder auszutragen, musste Leto auf eine Insel fliehen, wo dann die Zwillinge Artemis und Apollon zur Welt kamen. Dargestellt wird Artemis meißt mit Pfeil und Bogen, und da sie neben der Jagd auch als die Göttin des Waldes gilt, werden auch die hier beheimateten Tiere wie Hirsch, Eber oder Bär zu ihren Attributen gezählt.

Gustav Schwab: Sagen des klassischen AltertumsDarüber, dass sie als einzige von König Öneus vergessen und nicht beschenkt wurde, ist Artemis alles andere als begeistert. Zur Strafe für sein frevelhaftes Verhalten schickt sie einen elefantengroßen Eber nach Kalydon, der die Ländereien und Felder in einem ziemlich schnellen Tempo verwüstet und die Ernten vernichtet.

Als keiner der einheimischen Jäger den Eber zu fassen bekommt, ist dem Königssohn Meleager schnell klar, dass das ein Fall für eine richtige Heldentat sein muss. In jungen Jahren hat Meleager schon an der Argonautenfahrt teilgenommen, kennt sich also mit sowas aus und versammelt schnell eine Gruppe aus altbewährten griechischen Helden und tapferen Männern aus Kalydon um sich, um das gefährliche Tier zu jagen. Neben Iason, der wohl auf seine alten Tage nochmal ein wenig Abenteuerluft schnuppern will, sind auch andere uns bekannte Argonauten wie Kastor, Pollux und Ankaios unter der illustren Jagdgesellschaft. Als einzige Frau ist Atalante aus Arkadien angereist, um Meleager zu unterstützen.

Atalante ist, als Säugling ausgesetzt, in einem Wald von Bären aufgezogen worden und lebt heute von der Jagd. Eigentlich hat sie nicht viel für die Männerwelt übrig, aber die Herausforderung um den wilden Eber hat sie nach Kalydon gelockt. Weil Atalante bereits zwei Zentauren auf dem Kerbholz hat, hat niemand etwas gegen ihre Hilfe einzuwenden. Und Meleager fällt sehr wohl auf, dass Atalante ziemlich hübsch ist in ihrer wilden Art, aber für Annäherungsversuche bleibt keine Zeit, schließlich muss ein Eber erlegt werden.

So machen sich die Jäger also auf, den gefürchteten Eber zu finden. Das gelingt dank der mitgeführten Hunde auch ziemlich bald, die den Eber aus seinem Versteck aufscheuchen. Zunächst vermag keiner der Helden, das rasende Schwein zu treffen, doch dann kann Atalante mit ihrem Pfeil einen Treffer unterhalb vom Ohre des Tieres landen. Das besiegt den Eber jedoch noch nicht. Erst nach zwei weiteren Treffen von Meleagers Speeren in Rücken und Hals sinkt er zu Boden.

Als der Eber sterbend daliegt, greift Meleager sein Schwert und zeiht ihm die borstige Haut mitsamt dem Kopf ab. Diese Trophäe übergibt er Atalante, die sich in seinen Augen einen Teil seines Ruhmes verdient hat. Das kommt bei den restlichen Jägern nicht gut an, die von der bloßen Anwesenheit Atalantes schon nicht begeistert waren. Und jetzt soll ein Weib die kostbare Trophäe erhalten? Am meißten ärgert diese Tatsache zwei Onkel von Meleager. Als sich die beiden so richtig in die empfundene Ungerechtigkeit hereingesteigert haben, nehmen sie Atalante den Eberkopf kurzerhand wieder weg. Das wiederum macht Meleager furchtbar wütend. Wie von Sinnen ersticht er zuerst den einen und dann den anderen Onkel.

Gustav Schwab: Sagen des klassischen AltertumsMeleagers Mutter Althaia, die Schwester der getöteten Männer, ist gerade in einem Tempel, um den Göttern für den Sieg über den Eber zu danken, als ihre toten Brüder herbeigebracht werden. Althaia fällt in tiefe Trauer, doch als sie zurück im Palast erfährt, dass ihr eigener Sohn der Mörder ist, versiegen alle Tränen und an ihre Stelle tritt blanker Hass.

Althaia erinnert sich noch genau an eine Prophezeiung aus den frühen Kindheitstagen ihres Sohnes. Meleager solle ein ruhmreicher und großzügiger Held werden, hat es in dieser Prophezeiung geheißen, und solange leben, wie der Holzscheit im Ofen nicht vollständig verbrannt sei. Althaia hatte besagten Holzscheit damals sofort gelöscht und sicher verwahrt, doch nun holt sie das Holzstück wieder hervor. Sie lässt ein Feuer entzünden und wirft den Holzscheit hinein.

Meleager ist inzwischen in die Stadt zurückgekehrt und wird plötzlich schwer krank. Er fühlt, dass er sterben muss und bedauert zutiefst, jetzt einen so unrühmlichen Tod sterben zu müssen. Wäre er doch nur im Kampf gegen den Eber einen Heldentod gestorben! Mit letzter Kraft ruft er seinen Vater Öneus und seine Mutter zu sich, um sich zu verabschieden. Althaia jedoch kommt nicht zu ihm, sondern steht mit starrem Blick weiter an ihrem Feuer. Als das Feuer niederbrennt und aus der Kohle langsam Asche wird, endet Meleagers Qual und sein Leben weicht mit dem letzten Funken. Öneus und seine weiteren Kinder betrauern den Leichnam des verstorbenen Helden, nur Althaia wird nirgends gesehen. Wenig später findet man auch ihre Leiche. Vor dem niedergebrannten Feuer hat sie sich das Leben genommen, wohl aus Trauer um die begangene Tat.

Mehr dazu in:  »Sagen des klassischen Altertums« (1838-1840) von Gustav Schwab

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Kommentare  

#1 Andreas Decker 2018-01-07 14:43
Ob da eine Familientherapie geholfen hätte? :-)

Ich hatte ganz vergessen, wie in den Sagen in der Familie gemetzelt und gemeuchelt wird. Und die Mütter und Väter sind oft die Schlimmsten. Seltsame Verhältnisse.
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