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Amazing Pulps: Das „Weird-Tales“ Digitalisierung-Projekt

Amazing PulpsDas  »Weird-Tales« Digitalisierung-Projekt

Weird Tales, die wohl berühmteste Zeitschrift für phantastische Literatur, existierte in ihrer klassischen Form von 1923-54. Von 1923-39 erschien sie fast durchgängig monatlich, ab 1940 zweimonatlich. Insgesamt sind 279 Ausgaben erschienen.

217 konnten bisher von einer kleinen, aber enthusiastischen Gruppe digitalisiert werden.


Obwohl Beiträge vieler legendären Autoren inzwischen (zumindest auf englisch) nahezu vollständig in Sammelbänden zu haben sind (Lovecraft, Hoffmann-Price, Long, R.E. Howard und C.A. Smith) blieben viele andere nur fragmentarisch zugänglich (Bloch, Derleth, Wandrei, Burks, Hamilton, etc.), ganz zu schweigen von den vielen unbekannten, zum Teil aber hochinteressanten Stories.

Eine komplette Ausgabe war bisher für den Markt oder im Netz nicht vorhanden – wer Stories für Anthologien ausgraben wollte, mußte sich bei Sammlern durchfragen. Ein großes Problem, Weird Tales der Öffentlichkeit zugänglich zu machen – und zwar so komplett wie möglich – scheiterte auch an dem Zustand der Hefte. Das Pulp-Papier ist so mürbe, dass Kopien oder Scans in der Regel die Hefte beschädigen, wenn nicht gar zerstören würden; so verweigerten viele Sammler aus verständlichen Gründen einen Komplettscan.

Einzelne Stories mußten so oft mühsam mit der Hand abgeschrieben werden.

Die Idee, eine komplette digitale Weird-Tales-Ausgabe für die Nachwelt zu erstellen, kam zuerst vor einigen Jahren aus holländischen Fan-Kreisen. Die Idee war, eine Reihe von Geldgebern weltweit zu finden, die die Ausgaben bei Auktionen oder in Internet-Versteigerungen bezahlten; diese Hefte sollten dann verschifft werden an erfahrene Scanner und Bearbeiter des Materials.

Dort wurden sie dann – fast immer um dem Preis der anschließenden Zerstörung, aber der Rettung des Heftes als digitales Erbe – eingelesen.   

Ich stieß relativ früh zu der Gruppe – als bescheidener Geldgeber – und konnte zunächst erleben, dass die Angelegenheit wirklich funktionierte und sich viel leichter und unkomplizierter anließ als gedacht. Viele späte Ausgaben erwiesen sich als verblüffend billig. Andere wieder hatten keine Cover mehr – für das Projekt ideal, weil so der Sammlerwert gering war und man das Cover digital aus Internet-Datenbanken ersetzen konnte. Mitunter konnte auch ein Exemplar aus 2-3 beschädigten/unvollständigen destilliert werden. Nach schwungvollem Beginn kam das Projekt jedoch bald ins Stocken. Viele Magazine mit berühmten Stories von Lovecaft oder Howard hatten fast unerschwingliche Preise. Dennoch konnten nach und nach inzwischen alle Hefte ab 1929 (und die meisten aus den Jahren 1927/28) angekauft werden. Einiges wurde aus bereits bestehenden digitalen Quellen ergänzt. (zb. Der unz.org – Datenbank.)

Die größte Schwierigkeit stellen die frühen Hefte 1923-26 dar, die sehr selten und nahezu unbezahlbar sind. Es ist nur gelungen, vier dieser Hefte (1925/26) zu erwerben.  Allerdings hat ein kleiner Verlag (girasol) einen Großteil dieser Hefte als Reprint nachgedruckt. Da die Copyright-Rechte für die Hefte 1923 im Jahr 2019 in Amerika auslaufen, die von 1924 2020, usw. besteht eine große Wahrscheinlichkeit, die Reprints demnächst scannen zu können oder zumindest eine reine Textausgabe zu erstellen.

Einen Zwischenstand gibt es nun (seit Anfang Mai 2017) im archive.org zu bestaunen – 201 von 279 Ausgaben sind vorhanden, ab 1940 ist Weird Tales vollständig digitalisiert. (Intern sind wir schon etwas weiter, mit 217 Ausgaben wurde das Magazin vom April 1936 -1954 rekonstruiert, eine vollständige Ausgabe 1927-54 ist in den nächsten 2 Jahren realisierbar.)

Die Hefte liegen original im cbr/cbz – Format vor, das Comic-Format. Eine Lesesoftware dafür läßt sich leicht besorgen – wem das zu kompliziert ist, kann die (allerdings stark komprimierten) pdfs downloaden. Cbr/Cbz  sind die Lesevarianten der rar / zip – Sammelordner-Dateien. Sie haben sich im Comic/Pulp-Bereich bewährt, weil man diese Dateien – anders als PDFs – leicht öffnen und beschädigte Seiten durch bessere ersetzen bzw. fehlende Seiten ergänzen kann.

Die ebooks sind automatisch von der Software erstellt und unbrauchbar.

Zur rechtlichen Lage:  Die Ausgaben sind in Amerika copyrightfrei. Allerdings (wichtig!) bleiben die Texte selbst in den Ausgaben urheberrechtlich geschützt (soweit die Autoren nicht 70 Jahre tot sind oder Pseudonyme nicht aufgelöst werden konnten). Wer aus Weird Tales übersetzen und/oder die Stories für Anthologien/Sammelbände zugänglich machen will, sollte sich also vorher genau informieren, was in der public domain ist und was nicht.

Vielleicht irritiert den einen oder anderen die hohe Zahl von 360 Ausgaben bei archive.org – Hier sind auch viele Ausgaben doppelt und stammen aus früheren Phasen des Projekts. Zum Downloaden empfiehlt es sich, jeweils den Jahrgang 1925-54 in dem Suchfenster zu „Weird Tales“ hinzuzufügen.  

Tausend Dank an dieser Stelle an Saskia van de Kruisweg, Jan van Heinigen und den vielen Scannern/Akteuren der Gruppe!

Nächste Teile:
Teil 4: Todesstrahlen in Chicago. Amazing Stories und der Shaver-Skandal (1944-48)
Teil 5: Der Riese in der Krise – Amazing weiß nicht wohin (1949-53)
Teil 6: Falsche Freunde? – Amazing wird seriös (1953-65)
Teil 7: Amazing Stories reloaded: Ableger, Konkurrenten, Nachfolger (1949-heute)

Kommentare  

#1 Andreas Decker 2017-05-11 12:02
Auch wenn das interessant ist und viel Arbeit drinsteckt, fällt es mir recht schwer, Archive.org ohne Bedenken zu betrachten.

So ziemlich das Erste, was einem bei Archive.org gezeigt wird, ist die Neuausgabe von WT von DNA Publications 1998-2002. Ganz zu schweigen von der Ausgabe von Wildside Press von 2008. Public Domain? Die Herrn Campbell, Lumley, Ligotti und diverse andere finden es sicher nicht so toll, dass ihre Arbeit auf diese Weise zum Nulltarif weiterverbreitet wird.
#2 Matzekaether 2017-05-11 15:00
Ja, stimmt schon, archive.org ist wirklich eine wilde Mischung. Mit den andern WTS hat die Group nix zu tun, und sicher wäre ein neuer Ort für die alten WTs würdevoller - ich träume ja auch von einer Seite, wo man sie schön geordnet nach Erscheinen angeordnet hat. Naja, irgendwann mal...
#3 Heiko Langhans 2017-05-12 08:08
Kennst Du diese Seite?
www.pulpmags.org/index.htm
#4 Matzekaether 2017-05-12 17:42
Klar, tolle Seite, grade wegen der sehr guten Hintergrundtexte und Links. Leider werden seit ca. 2 Jahren keine neuen Pulps mehr aufgenommen, das Projekt will nur einen Querschnitt bieten. Aber als Einführung ins Genre unverzichtbar!

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