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Harry außer sich - Seelenstriptease eines Autors

Harry außer sich

Seelenstriptease eines Autors

 

Der amerikanische Filmemacher Woody Allen hat im Laufe seiner sieben Jahrzehnte umspannenden Regie-Karriere etliche Klassiker geschaffen und wurde viermal mit dem Oscar gekrönt. 20 weitere Male wurde er darüber hinaus für einen Oscar nominiert, u.a. auch für das beste Original-Drehbuch zum Film „Harry außer sich“, der bei One Gate nun wieder neu auf DVD erschienen ist.

Die erste künstlerische Hochphase Woody Allens (geboren 1935 in New York) stellen die späten 1970er Jahre dar, in denen seine Meisterwerke „Der Stadtneurotiker“, „Innenleben“ und „Manhattan“ entstanden. In den 1980er Jahren testete er die Möglichkeiten des Mediums Film weiter aus ("Zelig", „The Purple Rose of Cairo“), schwelgte in nostalgischen Kindheitserinnerungen („Radio Days“) oder tauchte weiter in das Seelenleben seiner intellektuellen Figuren ein („Hannah und ihre Schwestern“, „September“, „Eine andere Frau“). Die 1990er Jahren waren schließlich überschattet von seinen zunehmenden privaten Krisen. Nachdem er sich von seiner langjährigen Partnerin und filmischen Muse Mia Farrow getrennt hatte, begann eine öffentliche Schlammschlacht zwischen den beiden. Dabei wurde nicht nur Allens Beziehung zu Farrows Adoptivtochter Soon-Yi Previn zu einem Politikum, sondern auch Missbrauchsvorwürfe gegenüber einer weiteren, damals noch minderjährigen gemeinsamen Adoptivtochter des Paares laut. Woody Allens Ansehen in der Öffentlichkeit wurde dadurch langfristig stark beschädigt, lieferte ihm aber reichlich Themen für weitere starke Filme, in denen er viele neue Stile und Mittel ausprobierte. „Bullets Over Broadway“ ist vermutlich sein bester Film dieser Phase, aber auch der schräge „Geliebte Aphrodite“ (Oscar für Nebendarstellerin Mira Sorvino), das Musical „Alle sagen: I Love You“ oder der bitterböse Seelenstriptease „Harry außer sich“ gehören dazu.

Schriftsteller Harry Block (Woody Allen) hat gerade einen neuen Roman veröffentlicht, der ihm gewaltigen Ärger einbringt. Seine heimliche Geliebte Lucy (Judy Davis), die Schwester seiner dritten Ehefrau Joan (Kirstie Alley), von der er sich mittlerweile getrennt hat, wirft ihm vor, dass er seiner Romanfigur Leslie (Julia Louis-Dreyfus) allzu deutlich ihre Züge verliehen hat. Auch Joan ist gekränkt, dass er sie und ihre Eigenheiten in der Figur der Helen (Demi Moore) schriftstellerisch verarbeitet hat – während er sich im Privatleben auf eine Beziehung mit einer ihrer Patientinnen eingelassen hat. Die ganzen Aufregungen führen dazu, dass Harry zum ersten Mal in seinem Leben unter einer Schreibblockade leidet. Gerade in dem Moment erfährt er, dass er von der Universität, aus der er einst hinauskomplimentiert wurde, nun eine Ehrenauszeichnung erhalten soll. Am liebsten würde er diesen besonderen Tag mit seinem neunjährigen Sohn Hilly (Eric Lloyd) teilen, aber Joan weigert sich, dazu ihr Okay zu geben. Notgedrungen plant Harry, mit der sympathischen Prostituierten Cookie (Hazelle Goodman) zu dem Empfang zu fahren, als doch noch sein guter Freund Richard (Bob Balaban) als Unterstützer auf der Matte steht. Und als dieser lapidar anmerkt, Harry könne diesen Tag nur mit Hilly verbringen, wenn er diesen entführen würde, macht der verzweifelte Schriftsteller genau das. Zu viert fährt die bunt zusammengewürfelte Truppe schließlich gemeinsam zur Adair-Universität.

Es gibt kaum einen Filmemacher, den man aufgrund seiner Arbeiten auch als Privatmensch so gut zu kennen glaubt wie Woody Allen. Und wenn er hier seinen Protagonisten deklamieren lässt, dass er zum Leben unfähig ist und nur durch seine Kunst leben kann, ist das Woody, der da spricht. Auch in diesem Film bleibt der Altmeister sich selbst treu und kann seine Fangemeinde somit nur begeistern, da die brillanten Dialoge im Sekundentakt abgefeuert und von den renommiertesten Darstellern lebendig gemacht werden. Zudem gibt er sich aber in „Harry außer sich“ äußerst zeitgemäß und spielt mit dem Medium Film – nicht zum Selbstzweck, sondern auf originelle Weise. In einem witzigen Gastauftritt inszeniert er beispielsweise den Komiker Robin Williams komplett unscharf, weil seine Figur ihren Fokus im Leben verloren hat! Die DVD-Wiederveröffentlichung bietet ein ganz passables, nicht besonders scharfes Bild (im Widescreen-Format 1,78:1). Der Ton liegt auf Deutsch in Dolby Digital 2.0 Stereo und auf Englisch in Dolby Digital 2.0 Mono vor. Bonusmaterial ist – wie bei Woody-Allen-Filmen üblich – keines vorhanden.

Kommentare  

#1 Andy 2026-04-07 07:33
Ich habe da mal vor längerer Zeit etwas von einem Kritiker gelesen, dass Woody Allen sich in den meisten seiner Filme auch seine eigenen Neurosen ausgelebt bzw. verarbeitet hat. Das wäre besonders in seinen früheren Filmen wie Mach's noch einmal Sam aus Jahre 1972 oder Der Stadtneurotiker von 1972.

Ein paar seiner Filme habe ich auch gesehen, aber er geht mir irgendwie auf die Nerven.

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