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... Peter S. Beagle über Ringe, Drehbücher und Preise

Peter S. Beagle

... Peter S. Beagle ...
... über Ringe, Drehbücher und Preise

T Peter S. Beagle war eine Zeit lang ein rotes Tuch für mich, denn er hat das Drehbuch zur Zeichentrickversion zum ›Herrn der Ringe‹ verfasst. Und der Film gefiel mir nicht. Zudem hat es Peter S. Beagle gewagt, meine Lieblingsstellen nicht in entsprechender epischer Breite zu erzählen. Jetzt bekommt Peter S. Beagle bald den World Fantasy Award fürs Lebenswerk. Also, ein guter Anlass, ihn zu befragen (natürlich auch über den Herrn der Ringe) und zu gratulieren ...

 

Zauberspiegel: Herzlichen Glückwunsch zum World Fantasy Life Achievement Award. Was bedeutet das für Sie bedeuten - eine Auszeichnung, dass Ihr Lebenswerk feiert?
Peter S. Beagle: Die Schauspielerin Marlene Dietrich warnte Schauspieler einmal davor, Ehrenpreise für die Lebensleistung der eigenen Arbeit anzunehmen. Sie sagte: „Jedes Mal, wenn sie dir eines dieser Dinger überreichen, bedeutet es sie glauben, du würdest nur noch sechs Monate zu leben haben.“ Also fühle ich mich auf der einen Seite sicherlich geehrt. Ich habe lange Zeit dafür gearbeitet, und es ist schön, dass man diese Tatsache bemerkt hat. Aber zur gleichen Zeit kann ich das nicht sehr ernst nehmen. Es ist schön, das ist alles. Und ich habe noch viel mehr "Lebensleistung", die ich erreichen will!

Zauberspiegel:  Wie fühlst du dich angesichts dieser illustren Reihe von Vorgängern? Du platzt doch sicherlich vor Stolz, nicht wahr?
Peter S. Beagle: Ich bin sehr stolz, aber nicht auf einen bestimmten Preis. Statt dessen bin ich am Ehesten auf Geschichten und Gedichte und Bücher von mir stolz, die nie besonders gefeiert wurden, aber die ICH mag, weil sie mir etwas bedeuten. Nein, Organisationen und Auszeichnungen reichen da nicht aus. Aber mir schwillt die Brust vor Stolz, wenn ein Schriftsteller, den ich bewundere, zu mir sagt: "Du bist wirklich gut," oder vielleicht "deine Arbeit hat mir lange Zeit viel bedeutet." Andere Leute verleihen dir Preise, die dir Organisationen einfach nicht geben können.

Zauberspiegel: Du warst es, der das Skript für die animierte Version vom "Herrn der Ringe" schrieb. Ich war jahrelang sehr wütend auf dich - ich hoffe, dir tut das jetzt leid. Das aufgrund der vielen Lücken in den Film. Ich war nicht zufrienden mit ihm, und habe die Filmemacher im Allgemeinen und den Schriftsteller im Besonderen verflucht. Wie siehst du das? Du selbst bist ein Fan des Romans. Warst du zufrieden mit dem Skript? Oder genauer gefragt: Nach welchen Vorgaben ist das Skript entstanden?
Peter S. Beagle: Offen gesagt denke ich, dass der Film ein einziges Durcheinander war. Es gibt einige sehr schöne Teile, und einige ausgezeichnete stimmliche Stücke, aber ich dachte, dass er von den Herstellern schlecht konzipiert war, und es hätte jemandem auf jeden Fall klar sein sollen, dass man zu viel in etwas hinein gepackt hat, das ursprünglich für zwei Filme geplant war. Um ehrlich zu sein, ich glaube nicht, dass Ralph Bakshi oder Saul Zaentzknew das Buch sehr gut kannten. Wirklich nicht. Als ich drei Viertel der Konzeption hinter mich gebracht hatte - letzten Endes wurden es dann mindestens acht Entwürfe - erwähnte ich Ralph gegenüber:  "weißt du was, ich bin kurz vor dem Ende, und ich bin bisher noch nicht einmal auf die Reiter von Rohan gestoßen... ". Er ächzte buchstäblich, als habe man ihn in den Magen geboxt, denn er hatte völlig vergessen, dass die Reiter von Rohan auch noch einzuarbeiten waren. Vom ersten Tag an war es eine problematische Produktion. Ich übernehme einiges der Verantwortung für die Mängel des Films, natürlich, aber ich kann ganz ehrlich sagen, dass ich mein Bestes getan habe, unter den gegebenen Umständen.

Zauberspiegel: Wie gehst du als Drehbuchautor an solche Kürzungen heran?
Peter S. Beagle: Nun, zunächst hatte ich die Geschichte sehr detailliert umrissen, und hatte die Trilogie in greifbarer Nähe, während ich den ersten Entwurf des Drehbuchs schrieb. Und ich versuchte, in filmischer Hinsicht vernünftige Entscheidungen zu treffen. Deswegen habe ich zum Beispiel Tom Bombadil weggelassen. Er war immer einer meine liebtesten Charaktere, aber er führt die Geschichte zu einem toten Punkt - und Filme können sich tote Punkte nicht leisten. Also musste er gehen. Peter Jackson ließ ihn aus der Verfilmung auch heraus, und ich bin sicher, es war aus dem gleichen Grund. Animation muss animieren. Es muss sich bewegen. Wenn es etwas gibt, das Animation hasst, dann ist es die Hintergrundgeschichte: Die Menschen sitzen um einen Tisch zu Rat, wie dem Rat von Elrond, geben Informationen von einem zum anderen weiter. Animation bleibt für eine Hintergrundgeschichte nicht still sitzen, „Der Herr der Ringe“ jedoch, wie wir ihn kennen, ist zu 90% Hintergrundgeschichte! Vielleicht hätte man nicht einmal versuchen sollen die Geschichte zu verfilmen, bevor man es als echten Spielfilm, als dreiteiligen Spielfilm, machen konnte. Aber ich denke, die neuesten Filme waren dann aber aus besseren Gründen als bei uns gemacht. Aber da gibt es dann auch noch das: Ein Teenager aus Neuseeland mit Namen Peter Jackson, der noch nie zuvor Tolkien gelesen hatte, sah unsere Zeichentrickversion vom Herrn der Ringe und war so inspiriert davon, dass er die Bücher las. Ohne das wäre seine Filmversion der Trilogie vielleicht nie entstanden. Also bin ich stolz darauf.

Zauberspiegel: In der Rückschau. Würdest du das Drehbuch heute anders schreiben?
Peter S. Beagle: Ich würde wahrscheinlich die meisten Dinge heute anders machen, da wir immer umschreiben, wir hören nur einfach an dem Punkt auf, an dem uns jemand das Manuskript wegnimmt. Es ist ein Klischee zu sagen, dass Bücher nicht wirklich fertig sind, sie werden einfach aufgegeben. Aber es ist auch wahr. Natürlich würde ich es anders machen, abhängig von der Zeit, die ich hatte, den Leuten, mit denen ich arbeitete, das Budget, das zur Verfügung stand, und das Verständnis, wie man mit einem Werk, das so einzigartig ist wie „Der Herr der Ringe“, umgehen muss.

Zauberspiegel: Die animierte Version erwies sich als nicht sehr erfolgreich. Rückblickend, was denkst du, waren die Gründe?
Peter S. Beagle: Ich weiß nie, wie erfolgreich, finanziell gesehen, ein Film wurde. Schriftsteller sollten das auch nicht: In der Regel verbergen die Studios diese Fakten vor uns. Aber unsere animierte Version gibt es schon seit 1978 und ist immer noch erhältlich, das sagt einem schon etwas. Zu meinem Erstaunen sind viele Menschen zu mir gekommen und sagen, sie bevorzugten unseren halbherzigen, halbanimierten Film gegenüber der Trilogie von Peter Jackson. Ich selbst glaube das nicht eine Minute lang, aber ich habe diese Aussagen oft genug auf Conventions gehört um zu verstehen, dass einige Fans dies wirklich so empfinden. Und in der Tat waren wir erfolgreich, wenn man den Einfluss nimmt, den wir auf das hatten, was danach kam. So wunderbarer Andy Serkis als Schauspieler ist, seine Darstellung von Gollums Charakter kann sich deutlich von der stimmlichen Arbeit des wunderbaren britischen Schauspielers Peter Woodthorpe ableiten lassen, der unser Gollum war, ebenso der Gollum der BBC-Version. Ich bin sicher voreingenommen, da Peter Woodthorpe und ich Freunde sind, und ich ihn sehr mag. Aber es scheint offensichtlich, dass der Gollum in Peter Jacksons Version ganz anders gewesen wäre, wenn es den Gollum bei uns nicht gegeben hätte.

Zauberspiegel: Hattest du dir bereits Notizen für den zweiten Teil des Films gemacht? Gab es Pläne?
Peter S. Beagle: Man hatte sich darüber verständigt, dass ich nur meine von Beginn an geplante, kleine Beratersumme für das Script zum ersten Teil erhalten würde. Sie hatten ihre ganze eingeplante Summe für das Script bereits für jemand anderen in den Wind geschossen, das völlig nutzlos gewesen war. Dies sollte allerdings durch einen höheren Betrag für das Script des zweiten Films wett gemacht werden. Also habe ich auf diese Annahme hin weiter gemacht, und ich habe viel Zeit damit verbracht darüber nach zu denken, was wir mit dem zweiten Film machen könnten – was wir aus dem ersten hinüber nehmen und wieder aufgreifen sollten, wie wir die Beziehungen, die im ersten Film nur angedeutet worden waren, stärken und ausweiten könnten, und so weiter. Ich hatte kein großes Bündel an Notizen und Plänen, aber ich habe über diese Fragen viel nachgedacht, und ich habe einigen Notizen und Sequenzen handschriftlich notiert.

Zauberspiegel: Hast du eine Meinung zu Peter Jacksons Version? Wenn ja, würdest du sie mit uns teilen? Wo siehst du die Unterschiede, und was könnte der Grund für die Unterschiede sein?
Peter S. Beagle: Ich glaube nicht, dass irgendein Film im Kino jemals dazu in der Lage sein wird, mit dem Film der Phantasie, der im Kopf jedes Lesers läuft, in Konkurrenz zu treten. Der Ideenreichtum hat ein unbegrenztes Budget. Es gibt einfach keine Möglichkeit, hier mit zu halten, in einer realen Welt des Budgets, Besetzung und Techniker. Aber ich denke, Jackson hat einen Herrn der Ringe erschaffen, der so gut ist, wie man ihn auf dem Bildschirm jemals zu sehen bekommen kann.

Zauberspiegel: Du hast den Roman „Das letzte Einhorn“ nicht nur geschrieben, du hast auch das Drehbuch für den Animationsfilm verfasst. Mit diesem Film warst du viel erfolgreicher. Wie war die Übertragung deiner Arbeit von einem Medium zum anderen? Hattest du völlige Freiheit zur Gestaltung des Drehbuchs?
Peter S. Beagle: Kein Schriftsteller hat jemals völlige Freiheit, es sei denn, er ist auch der Regisseur und der Produzent, und selbst dann ist es eine zweifelhafte Angelegenheit. Die reale Welt wird immer ein Wort mitreden, ob in Form eines Studios, das das Budget begrenzt, oder eines Schauspielers, der einfach nicht dazu in der Lage ist, eine ganz bestimmte Zeile zu sprechen. Aber im Großen und Ganzen, wenn man bedenkt, wie schwer es war die Romanvorlage zu schreiben, ging das Film-Skript vergleichsweise einfach, und es wurde größtenteils so gefilmt, wie ich es schrieb. Es gibt einige Ausnahmen, aber es war eine viel leichtere Aufgabe, da mein Skript für das "Letzte Einhorn" mit viel mehr Respekt behandelt wurde als jenes, das ich für den "Herrn der Ringe" schrieb. Als beispielsweise die Stimmen für den Film aufgenommen wurden, brachte jemand den Schauspieler, der Frodo spielte, dazu zu sagen: "Das ist auf gewisse Art eine Erleichterung." Das steht nicht in Tolkiens Büchern, und sicher nicht in meinem Drehbuch. Es ist nicht das, was ich für diese Szene geschrieben habe, und unter keinen Umständen, in  welchem Universum auch immer, könnte ich diese Zeile geschrieben haben, nicht für diesen Charakter, nicht in diesem Film. Aber da war er nunmal. Zum Glück geschah nichts dergleichen mit dem Skript für das "Letzte Einhorn". Vielleicht weil die meisten der großen Schauspieler das Buch kannten und es liebten. Leute wie Rene Auberjonois und Jeff Bridges boten ihr Mitwirkung kostenlos an, nur um an dem Film mitzumachen. Und Christopher Lee kannte das Buch praktisch auswendig – er ließ mich förmlich jede Veränderung, die ich in Haggards Dialog machte, von ihm abnehmen. Mit Menschen, die an dem Produkt und dessen Quelle teilhaben, hat man eine gute Ausgangsposition.

Zauberspiegel: Wo siehst du den Unterschied zwischen dem Schreiben eines Romans und eines Drehbuch? Was ist der Unterschied?
Peter S. Beagle: Wenn du ein Skript schreibst, musst du das Budget berücksichtigen. Mir wurde oft gesagt, dass ich einen großen Teil meiner Outdoor-Szenen ins Haus bringen müsste, wenn ich für das Fernsehen arbeite – und wollte, dass etwas davon produziert wird. Grund hierfür sei, dass jede Szene im Freien so viel Zeit und Geld kostete, dass es das Budget sofort sprengen würde. In einem Roman kann man hingehen wo immer man will, und füllt die Geschichte mit Charakteren, ohne sich Gedanken über das Casting zu machen, oder die Zahlung ihrer Gage. Sie können alles tun und es in der Tiefe und Ausführlichkeit machen, die Sie möchten, solange man es seinen Lesern glaubhaft machen kann. Der Film ist eine ganz andere Form. Er kann mächtig sein und auf seine eigene Art und Weise bewegen, aber ich war noch nie von einem Film so ergriffen, egal wie gut oder wie stark er war, wie ich von einem großen Roman ergriffen war.

Zauberspiegel: Was bekommen wir als Nächstes von dir zu lesen?
Peter S. Beagle: Im Moment bin ich bei den letzten Entwürfen zweier neuer Romane: ein Buch über magischen Realismus mit dem Titel „Summerlong“ und ein Roman für Jugendliche mit dem Titel „I'm Afraid You’ve got Dragons“. Ich stelle auch mehrere neue von Kurzgeschichten fertig, ein paar Kinder-Bücher, und eine Sammlung von Essays zu Sachthemen. Es wird eine Menge kommen.

Zauberspiegel: Vielen Dank für das Interview. Viel Vergnügen beim Entgegennehmen der Auszeichnung.

 

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