Oh, meine Götter, Teil 14: Brudermord und eilige Hochzeit

Oh, meine Götter!Teil 14:
Brudermord und eilige Hochzeit

Wer trug eigentlich „Eulen nach Athen“?

Wurde Sisyphus je mit seiner Arbeit fertig? Und kam der Götterbote auch immer ausgerechnet dann, wenn der Empfänger gerade leider nicht Zuhause war?

Kleine Ausflüge in das Reich der griechischen Mythologie.

Gustav Schwab: Sagen des klassischen AltertumsWährend Medea und Iason mit dem goldenen Vlies die Argo erreicht haben, hat Aietes die Flucht seiner Tochter mitbekommen. Über das Flussufer verfolgt er das Schiff mit einem Pferdewagen und einer Schar bewaffneter Kolcher, doch als sie zur Flussmündung gelangen, ist die Argo bereits auf offener See und vom Land aus nicht mehr zu erreichen. Aietes rast vor Wut und schwört, all seine Untertanen zu enthaupten, falls sie ihm nicht seine Tochter zurückbringen, sodass er an ihr Rache nehmen kann. Die von diesen Aussichten wenig begeisterten Untertanen machen sich unter dem Befehl von Aietes´ Sohn Absyrtos eilig zu ihren Schiffen auf und stechen mit ihrer Flotte in See, um die Argonauten zu verfolgen.

Die Argo befindet sich derweil unter recht günstigen Winden und kommt gut voran. Man erinnert sich noch genau an Phineas´ Rat, auf der Rückfahrt einen anderen Weg einzuschlagen, und so steuern die Argonauten auf den Fluss Ister zu. Dies ist eine antike Bezeichnung für die Donau. Die Argo fährt also diesmal nicht durch den Bosporus wie auf dem Hinweg, sondern durchquert das Schwarze Meer, fährt im heutigen westlichen Rumänien in die Donau, um dann über einige Abzweigungen des Flusses an seiner Mündung im ionischen Meer (also im Mittelmeer zwischen Italien und Kroatien) anzukommen.

Die Kolcher allerdings haben mit ihren leichteren und schnelleren Schiffen den Weg durch den Bosporus genommen und sind bereits vor den Argonauten an der Mündung des Flusses angekommen. Hier erwarten sie unsere Helden, verteilt auf verschiedene Buchten und kleine Inseln, und wollen die Argo an ihrer Ausfahrt hindern. Als die Argonauten den Hinterhalt bemerken, landen sie schnell auf einer Insel des Flusses, weil sie ein Aufeinandertreffen wegen der großen Überzahl der Kolcher fürchten.

Derart in Bedrängnis, beschließen die Argonauten, Medea auf einer Nachbarinsel zurückzulassen. Dort soll dann einer der Könige vom Festland als neutraler Richter entscheiden, ob sie den Argonauten nach Griechenland folgen darf oder ob sie ihrem Bruder mit seiner Flotte übergeben wird. Als Medea das hört, traut sie ihren Ohren kaum. Alles hat sie für Iason aufgegeben, hat ihre Familie verraten, er hat ihr vor den Ohren der Götter die Ehe versprochen, und jetzt will er sie einfach so zurücklassen! Dass das wenig heldenhaft vom Heldenführer ist, sieht dieser aber mit etwas Hilfe von Medea schnell ein. Ein neuer Plan muss her, und Medea hat schon einen parat. Sie will ihren Bruder allein auf eine der Inseln locken. Dazu gibt sie vor, sie sei von den Argonauten entführt worden. Als Absyrtos sich darauf einlässt, erwartet ihn Medea scheinbar allein auf besagter Insel. Doch kaum ist ihr Bruder ohne Schutz seiner Männer, stürzt Iason aus einem Versteck und ersticht Absyrtos. Nun ohne Anführer, können die Kolcher von den Argonauten ohne Schwierigkeiten besiegen werden und die Griechen töten sämtliche Männer, die ihnen gefolgt sind.

Nun kann die Argo also ihre Fahrt fortsetzen und läuft aus der Flussmündung der Donauabzweigung in das Mittelmeer. Doch durch den grausamen Mord an Absyrtos haben Iason und Medea den Zorn der Götter auf sich gezogen und sind den Irrwegen des Meeres hilflos ausgeliefert. So geraten die Argonauten in die Bucht der Rhone, und einzig Heras schützende Hand sorgt dafür, dass die Helden die Fahrt über den eigentlich zu schmalen Fluss heile überstehen und schließlich im Hafen der Insel Aiaia einlaufen, wo die Göttin Kirke lebt.

Kirke ist eine Tante von Medea und stammt ebenso wie Aietes von dem Sonnengott Helios ab. Ganz praktisch, dass man hier gelandet ist, denn als Mitglied von Medeas Familie kann Kirke ihr ja gleich die Blutschuld vergeben, die Medea durch den Mord an ihrem Bruder auf sich geladen hat. Widerwillig vergibt Kirke ihrer Nichte ihre Tat, gutheißen kann sie Medeas Verhalten aber nicht, und so jagt sie Medea und Iason schleunigst davon.

Weiter geht die Fahrt der Argo entlang der Westküste Italiens. In der heutigen Straße von Messina (Meerenge zwischen Italien und Sizilien) kommen unsere Helden an den gefürchteten Sirenen vorbei, trügerischen Mischwesen aus Frau und Vogel, die mit ihrem Gesang versuchen, Seefahrer auf ihre Insel zu locken. Das wäre ihnen wohl auch bei unseren Argonauten gelungen, doch glücklicherweise haben die ja ihren Orpheus dabei. Der spielt so laut er kann auf seiner Leier, und kann so den Gesang der Sirenen übertönen.

Nachdem die Meerenge passiert ist, geht die Fahrt der Argo weitestgehend ruhig weiter, bis das prächtige Schiff zu einer Insel gelangt, wo die Phäaken mit ihrem frommen König Alkinoos wohnen. Hier werden Iason und seine Männer freundlich aufgenommen, doch schon naht eine neue Gefahr: an der Küste wird ein riesiges Heer der Kolcher gesichtet.

Sie verlangen wie nicht anders zu erwarten die Königstochter Medea, andernfalls drohen sie mit einem Angriff. Auch sei Aietes bereits mit einem noch größeren Heer unterwegs. Alkinoos kann ein wenig Bedenkzeit herausschlagen, und berät sich mit seiner Frau, die sich ganz gut mit Medea versteht und beim König der Phäaken ein gutes Wort für unsere Priesterin einlegt. Alkinoos aber hat mit seiner vergleichsweise kleinen Armee berechtigterweise große Angst vor Aietes und will Medea nur ungern schützen. Als er aber von seiner Frau hört, dass Iason geschworen hat, Medea zu heiraten, verspricht er, das Mädchen nur an die Kolcher zu übergeben, wenn sie unverheiratet ist. Ist sie aber Iasons Frau, wird er sie ihm nicht wegnehmen. So heiraten Iason und Medea noch in der gleichen Nacht in einer eiligen Zeremonie, begleitet von Orpheus´ Musik, der wirklich vielseitig einsetzbar ist mit seiner Leier.

Am nächsten Morgen verkündet Alkinoos, dass Medea nun zu Iason gehört und nicht an die Kolcher ausgeliefert wird. Er schirmt seine Gäste hinter seinen Mauern vor den Kolchern ab, die vergeblich versuchen, diese zu durchbrechen. Schließlich bietet Alkinoos ihnen an, unbehelligt wieder nach Hause zu segeln oder aber als friedliche Gäste in seinem Land zu wohnen. Die Kolcher wählen aus Furcht vor ihrem König das letztere und bleiben bei den Phäaken. Iason und seine Männer bleiben für eine Woche und reisen dann weiter, reich beschenkt und unter den besten Wünschen für die Weiterfahrt.

Die griechische Westküste ist erreicht und vermeintlich sind die Argonauten nun kurz vor ihrer Heimkehr nach Iolkos angekommen. Doch noch sind wir mit unserer Seefahrt nicht am Ende, denn in der nächsten Woche sollen Iason und seine Gefährten von heftigen Stürmen bis nach Afrika verschlagen werden. Ein bisschen Geduld wird es also noch erfordern, bis Iason sein goldenes Vlies endlich abliefern kann, um seinen Thron zu bekommen.

Mehr dazu in:  »Sagen des klassischen Altertums« (1838-1840) von Gustav Schwab

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