Oh, meine Götter, Teil 4: Wie Aphrodite einen Kontinent benennt

Oh, meine Götter!Teil 4:
Wie Aphrodite einen Kontinent benennt

Wer trug eigentlich „Eulen nach Athen“?

Wurde Sisyphus je mit seiner Arbeit fertig? Und kam der Götterbote auch immer ausgerechnet dann, wenn der Empfänger gerade leider nicht Zuhause war?

Kleine Ausflüge in das Reich der griechischen Mythologie.

Gustav Schwab: Sagen des klassischen AltertumsIn Phönizien herrscht König Agenor, ein Sohn des Poseidons. Zusammen mit seiner Frau Thelephassa hat Agenor fünf Söhne und eine Tochter, die Europa.

Diese Europa hat eines nachts im Palast ihres Vaters, in dem sie ziemlich abgeschottet von der Außenwelt lebt, einen merkwürdigen Traum. Zwei Weltteile erscheinen ihr in Frauengestalt und streiten darum, wem von beiden die schöne Europa gehört. Den einen Weltteil erkennt sie als Asien, ihre Heimat, denn Phönizien liegt ungefähr im Bereich des heutigen Syriens. Der andere ist der Gegenüberliegende Teil der Welt. Die Asien-Frau sieht aus wie eine Vertraute, aber den Streit gewinnt letztendlich die andere Frau, obwohl die für Europa wie eine Fremde aussieht. Der Traum endet damit, dass die fremd aussehende Frau Europa mitnimmt und zu Zeus bringen will, denn das sei ihr Schicksal.

Europa erwacht etwas verwirrt von diesem seltsamen Traum, aber als der Tag erstmal anbricht und sie etwas zu tun hat, ist der Traum schnell vergessen. Mit mehreren anderen Mädchen muss Europa an diesem Tag nämlich Blumen auf den Wiesen am Meer sammeln. Dafür hat sie einen ganz besonderen goldenen Korb: Es ist das Hochzeitsgeschenk von Poseidon an ihre Oma Lybia, das an Europa weitervererbt wurde.

Mit diesem Korb und den anderen Mädchen ist Europa nun also auf der Blumenwiese, und jede der Mädchen sucht sich eine bestimmte Sorte Blumen, die sie sammelt. Europa nimmt sich die Rosen vor und hat bald einen ganzen Strauß zusammen. So steht sie auf der Wiese mit den Rosen im goldenen Korb, und wir brauchen nicht lange zu überlegen, wessen Blick da wohl auf die schöne Jungfrau fällt.

Richtig, der Donnergott hat ein neues Objekt seiner Begierde gefunden. Da Zeus´ Annäherungsversuche bei Io in Menschengestalt ja aber nicht so erfolgreich waren, verwandelt er sich dieses Mal n in einen starken, prächtigen Stier. So kann ihn die eifersüchtige Hera vielleicht auch nicht so schnell entdecken. Um unauffällig zu Europa und ihren Freudinnen zu gelangen, beauftragt Zeus wieder seinen Sohn Hermes, ihm zu helfen. Diesmal soll der Patron der Hirten eine Herde des Königs in Richtung Meer treiben, damit Zeus sich unter die weidenden Tiere mischen kann.

Gesagt, getan. Langsam pirscht sich Zeus in seiner Stiergestalt an Europa heran, und diese wird auch schnell auf das schöne Tier aufmerksam. Weil der Stier so zutraulich wirkt, überlegt sich Europa, dass sie bestimmt auf ihm reiten könne. Keine gute Idee, denn kaum ist sie auf den Rücken des Tieres geklettert, läuft der Stier mit ihr davon und stürmt ins Meer.

Den ganzen restlichen Tag und die folgende Nacht schwimmt der Stier mit Europa weiter und weiter, bis sie schließlich endlich ein Ufer erreichen. An Land angekommen verschwindet der Stier aus Europas Sichtfeld, und ein gutaussehender Mann erscheint an seiner Stelle. Der Mann erklärt Europa, dass sie sich auf der Insel Kreta befindet und er der Herrscher dieser Insel ist. Er verspricht, sie zu beschützen, wenn sie die seine wird. Weil Europa einsam und verzweifelt in dem fremden Land nicht weiß, was sie sonst tun soll, willigt sie schließlich ein und so bekommt Zeus schließlich, was er wollte.

Europa weiß aber immer noch nicht, wer sie da verschleppt hat. Am nächsten Morgen erwacht sie allein auf der Insel und ist zunehmend verzweifelt und hat schreckliches Heimweh. Am liebsten möchte sie sterben, so schlecht fühlt sie sich allein in der Fremde. So sitzt sie einsam am Strand und weint bitterlich, als sie ein Flüstern hinter sich hört. Sie blickt sich um, und sieht Aphrodite, die Liebesgöttin, vor sich stehen. Aphrodite ist ausnahmsweise kein uneheliches Kind von Zeus, sondern aus der Kastration von Uranos entstanden, als der letzte Samen ins Meer fiel, wir erinnern uns.  Aphrodite erklärt Europa, dass sie es war, die ihr den prophetischen Traum in der Nacht vor ihrer Entführung geschickt hat und dass der Donnergott persönlich ihr Entführer ist. So ist sie die irdische Gattin eines unbesiegbaren Gottes, für Aphrodite Grund genug, ihren Namen unsterblich zu machen und den fremden Weltteil nach ihr zu benennen.

Als Europa nun weiß, dass sie vom Göttervater auserkoren worden ist, findet sie das Ganze gar nicht mehr so übel. Sie bleibt auf Kreta und bekommt mit Zeus drei Kinder: Minos, der später der König von Kreta werden soll, Rhadamanthys und Sarpedon. Diese drei sollen uns nochmal wieder begegnen, und auch Europas Entführung bleibt nicht ohne Folgen, doch zu diesen Geschichten später mehr...

Mehr dazu in:  »Sagen des klassischen Altertums« (1838-1840) von Gustav Schwab

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