Karen Millers Herrscherin mit Kapuze

 Karen Miller - Die Herrscherin - VorableseexemplarKaren Millers
Herrscherin mit Kapuze

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Karen Miller hat offenbar ein großes Faible für gewichtige Bücher. Ihre "Innocent Mage"-Reihe (in Deutschland bei Penhaligon unter dem Doppeltitel "Königsmacher - Königsmörder" erschienen), wartet pro Band mit etwa 620 Seiten auf. 

 "Die Herrscherin", offizieller Erstverkaufstag 24.8.2009, bei Amazon (Sonderrechte sichern dem Versender eben weitreichende Vorteile) bereits seit 17. August 2009 im Handel, bietet 800 Seiten an.

Wie auch beim dem ersten monumentalen (vom Seitenumfang her) Werk von Karen Miller, das in Deutschland im vergangenen Jahr erschienen ist, ist Penhaligon der Verlag, der sich die Rechte gesichert hat. Die Bücher der australischen Schriftstellerin laufen offenbar so gut, dass der Verlag eine neue Reihe nachschieben will. 

Aufgemerkt: Wie auch schon die Königsmacher/mörder wird dies allein aufgrund der Länge schon ein Artikel in Etappen. Spoileralarm!

Kapuzencover - Bücher von Karen Miller und Trudi CavananOptisch wird auf den ersten Blick klar, dass das Buch in eine gewisse Richtung gehören will: Eine Gestalt, verborgen, unerkennbar, Kapuzenumhang, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Diese Gestaltung macht die Bücher zwar leicht erkennbar, aber auch unglaublich uniform, austauschbar und ... beliebig. Diese Wiedererkennung mag im Sinn des Verlages liegen, machte es mir aber nicht reizvoll, nach dem Buch zu greifen, es erweckte die inhaltliche Assoziation "ach Gottchen, schon wieder irgendwas mit einem Magier, der gar keiner sein will".

Glücklicherweise entwickelt es sich dann doch ausreichend anders, sonst hätte ich das Buch wohl wirklich beiseite gelegt. 

"Die Herrscherin" ist das erste Buch einer Trilogie, die in Englisch bereits vollständig vorliegt. Die Klammer um alle drei sind die sogenannten "Godspeaker" (auf Deutsch "Gottessprecher"), die Priester des namenlosen Gottes dieses Landes. Gottessprecher stehen neben den Kriegsherren in einer unausgesprochener Diskrepanz zwischen Dienst und Auseinandersetzung mit den politischen Interessen der Kriegsherren. Aufgrund ihrer Gottesnähe sind Gottessprecher die einzigen, die Gottes Worte und Handeln verstehen, erklären und ihn wirklich erreichen können.

Die Kriegsherren, sieben an Zahl, sind unumschränkte Herrscher, überragt nur durch den namenlosen Gott und - je nach Haltung, Stärke und Besonnenheit - durch die undurchschaubar agierenden Gottessprecher.

Darunter kommt das Volk ... in verschiedenen Abstufungen an Bedeutung, Macht und Reichtum, weitgehend dumm, ungebildet, mit Überleben beschäftigt. Umher ziehende Händler sind die Boten, sie sammeln Nachrichten und Neuigkeiten und geben diese weiter - an wen, das ist ihre ganz eigene Macht. Es gibt reiche Länder, die sie durchqueren, ebenso arme, ausgeblutete Gegenden. Bis hin zum Wüstengebiet um den Amboss, jener Region, in der Tränen als verschwendetes Wasser gelten.

Reiche haben Sklaven, die für sie die Arbeit des Alltags verrichten, damit sie sich beispielsweise um ihre Händlertätigkeit kümmern können. Arme haben Frauen. Frauen gelten Nichts, ebenso wie Sklaven. Gelingt es einer Frau nicht Söhne zu haben, ausreichend viele Söhne, die auch überleben, gilt sie noch weniger als Nichts. Mädchen werden, je nach Gesellschaftsschicht aus der sie stammen, entweder direkt bei der Geburt als unnütze Esser getötet, sterben einfach so "nebenbei" oder wachsen als namenlose Wesen irgendwie auf - um als Sklaven verkauft zu werden oder als Weib eines anderen Mannes Söhne zu gebären. Man ertappt sich unwillkürlich dabei zu überlegen, welches Schicksal das Üblere ist - früher Tod oder langes Leid.

Eines dieser namenlosen Wesen hat Glück im Unglück: Ein Sklavenhändler sieht die Schönheit des 12-jährigen Mädchens, kauft sie ihrem Erzeuger ab und nimmt sie mit. Das Mädchen, sie gibt sich selbst den Namen Hekat, kann ihr Glück kaum fassen. Nicht nur, dass der Mann sich ihrer annimmt, ihr Sprechen, lesen und schreiben lehrt - es ist ganz offensichtlich, dass er sie liebt.

Ich dachte "Oh, mein Gott ... was für ein unglaublich schlechter Inhalt". Vor meinem inneren Auge lief eine denkbar einfach gestrickte Liebesgeschichte vor dem Setting einer brutalen und unbarmherzigen Welt ab. 800 Seiten für so ein bisschen Unterhaltung ... oh wei.

Aber: Merket auf, Karen Miller macht es einem glücklicherweise nicht so einfach.

Karen Miller - Photo credit: Mary GT Webber - website Karen MillerEs dauert eine ganze Weile bis Hekat gewahr wird, dass sie keineswegs von emotionaler besonderer Bedeutung für den Händler ist. Sie ist einfach eine hervorragende Investition. Er "mästet" sie mit Bildung, Kultur und formt ihre Schönheit aus, um sie als Konkubine zu verkaufen. 

Hekat, die für sich beschlossen hat niemals einem Mann zu gehören, flieht aus dem goldenen Käfig und entschließt sich zu einem dramatischen Schritt, um sich in den Augen der Männer uninteressant zu machen: Sie zerschneidet ihr Gesicht so resolut, dass es durch Narben entstellt ist. 

Nachtrag: Habe ich vorhin noch geschrieben, dass sie einen anderen Weg geht?!? Als Hekat sich einen Platz an der Seite des Kriegsherren erobert, wird die Geschichte leider mit einem Schlag vorhersehbar: Sie bekommt ein Kind, wahre Liebe empfindet sie weder für diesen Mann, noch für jenen, der Erzeuger des Kindes ist - das ist nämlich nicht Rakilon. Sie wird mächtig, nicht nur aufgrund der Tatsache, dass sie die Mutter des (vorgeblich) einzigen Erben ist, sie bleibt eine furchterregende Kämpferin und jene Gotteskräfte, die in ihr wohnen, treten (für den Leser) immer deuticher zu Tage. Im Moment macht das Lesen gerade wenig Spaß.

Fazit zur ersten Hälfte des Buches:

Karen Miller - Königsmacher / KönigsmörderQualitativ unterscheidet sich "Die Herrscherin" meiner Ansicht nach bisher wenig von Königsmacher/mörder. Karen Miller schreibt gut. Interessant ist die eigene Sprachwelt, die sie schafft: Mädchen werden im englischen Original "she-brat" genannt, Michaela Link (Übersetzerin) wählte den Begriff "Weibbalg". Ein Mann "pflügt" eine Frau, wenn er versucht einen Sohn zu zeugen ("ploughed the woman’s furrow"). Ebenso wird auch das Kriegshandwerk mit einer harten, einfachen Sprache beschrieben, so hart wie das Leben selbst. Für so Dinge wie Liebe oder Sehnsüchten ist hier kein Raum.

Bisher sind mir hier keine Fehler aufgefallen, die Kulisse wirkt stimmig, auch in der Übersetzung ist es meiner Ansicht nach gut gelungen, die Atmosphäre zu erhalten.

In einem Interview über die Godspeaker sagt Karen Miller über die Trilogie:

The Godspeaker trilogy is a complete story … but there is one character in it whose life might be looked at in more detail sometime down the track. I ended up becoming very fond of and intrigued by him.


Teil 2: Fortsetzung der Rezension und Ende des Buches

Die Geschichte geht weiter, und sie entwickelt sich immer mehr zu einer Familiensaga. 

Hekat gebiert einen zweiten Sohn, auch dieser ist kein Kind der Liebe, sondern entsteht, so kann man sagen, weil Hekat davon überzeugt ist, dass der Gott es will. Dies beinhaltet nicht nur die Tatsache der Zeugung, sondern auch die Wahl des Mannes. Dieses Mal hat der Akt noch viel deutlicher den reinen Aspekt der Zeugung.

Überhaupt wird im Verlauf der ganzen Geschichte immer deutlicher, dass Hekat keinerlei Liebe für die Männer empfindet, mit denen sie zusammen ist. All ihre Liebe spart sie auf für ihren (ersten) Sohn Zandakar, den sie zum großen Kriegsherren machen will. 

Der namenlose Gott, der in Form eines Skorpions auftritt, treibt Hekat immer weiter. Nach der Übernahme der Herrschaft im Land als Kriegsherrin und schließlich als Herrscherin. 

Die Geburt des zweiten Sohnes kostet sie fast das Leben, nur durch eine riskante Operation kann sie gerettet werden und endet darin, dass sie Zeit ihres Lebens nur mit Schmerzen längere Zeit reiten und sitzen kann. Was der Mensch unter Glück verstehen mag, kennt sie nicht. 

Ihren Sohn Zandakar erzieht sie mit unnachgiebiger Härte, Strafe ist für sie der Weg, dem Jungen Disziplin, Härte und Bewußtsein für sein Schicksal zu vermitteln. Dabei, das bemerkt sie jedoch nicht, droht Zandakar zu zerbrechen. Der junge Mann muss sich zu jedem Angriff zwingen, jede Hinrichtung ist eine Last, jedes Blutopfer, bei dem er den Bluttrank nehmen muss, eine Qual.

Ganz anders entwickelt sich der jüngere Sohn. Dmitrak ist ein Kämpfer. Das Kriegshandwerk macht ihm Freude, er lebt förmlich auf, wenn er auf dem Schlachtfeld ist.

Als Hekat von ihrem Gott den Befehl erhält, sich die gesamte Welt Untertan zu machen und so Zandakar zum Weltenherrscher zu machen, ist es der Anfang vom Ende.

Ein bisschen fühlte ich mich beim Lesen ja wie bei Falcon Crest (wahlweise kann man auch Guldenburgs oder Dallas wählen), und war ernsthaft am Grübeln, ob ein Fantasyroman so etwas überhaupt "dürfe". Natürlich, beantwortete ich mir die Frage selbst, warum nicht?! Es schien irgendwie ungemein unpassend. Dies mag zum Teil daran liegen, dass die Entwicklung der Geschichte mit dem Aufwachsen des zweiten Sohnes und dem Befehl des Gottes zur Ausdehnung der Macht so unglaublich durchsichtig und vorsagbar wurde. Zandakar, der kein Kriegsherr sein will, Dmitrak, der eigentlich nur von seiner Mutter geliebt werden will, Hekat, ...

Hekat, deren Hölzernheit mich schon im ersten Teil verstört, wächst im zweiten Teil weiter. Sie wirkt unfassbar ungreifbar, Emotionen sind stereotyp. Entweder sie hasst die Männer, liebt ihren ältesten Sohn, ist verbissen. Einen ganzen Teil des Lesens brachte ich damit zu mir die Frage zu stellen, wie ein Mensch wie Hekat, mit ihrer Geschichte und Leben, Gefühle wahrnimmt und verarbeitet. Kann jemand so emotional eindimensional sein? Ist Karen Miller in dieser Hinsicht ein guter Streich gelungen? 

Ein Beispiel aus einem Gespräch zwischen Hekat und Raklion:

Er lächelte: `Du bist eine gute Mutter. Du bist die Mutter, die er verdient. Ist das alles, was du brauchst, um glücklich zu sein?`
Ihre Lider sanken noch weiter herab, ihre Wimpern warfen Schatten auf ihre Wangen. `Warum ist es wichtig, ob ich glücklich bin? Ich bin durch den Willen des Gottes hier, ich gehorche seinem Wunsch. Den Gott kümmert es nicht, ob ich glücklich bin, ihn kümmert nur, ob ich seinen Willen tue.`...) Es gibt nur den Gott und seine Wünsche.`

 

Der Skorpiongott ist eine entscheidende "Person" und ein wesentlicher Faktor in diesem Buch.

Es gelingt der Autorin ausgesprochen spannend, eine kaum menschliche Religion zu entwickeln, die hart und unnachgiebig ist, die "Opfer" als ganz wesentlichen Faktor beinhaltet und die keine wirkliche Buchreligion ist, sondern eine Religion der Praxis.

Kein einziges Mal taucht die Frage auf, wie diese Religion "funktioniert". Es ist einfach keine Diskussion - in dieser Religion ist Heilung durch den Gottessprecher möglich, Skorpionamulette haben unter Umständen seltsame schier magische Möglichkeiten. In dieser Weise gibt es immer wieder Vorgänge in einer fremden Welt, die spannender Weise kein Gegenstück in unserer Welt finden. Das macht es sehr spannend und interessant. Es läßt der Frage jede Menge Raum, ob die Visionen, die Hekat, Vortka oder Zandakar in dem Opferbassin haben, Ausgeburt der eigenen Vorstellungen und Wünsche sind, oder ob sie doch tatsächlich die Wünsche des Gottes darstellen.

So bleibt dem Leser Raum, sich diese Fragen zu stellen - natürlich bedeutet dies für mich immer auch eine Frage an mich und meine Position zu religiösen Fragen - aber ganz davon abgesehen bleibt DIE Frage, was göttlich und was menschlich ist in dieser Welt, unbeantwortet - und das ist gut so.

Als das Buch schließlich in einem dramatischen Schlussakkord endet (nein, es sind am Ende nicht alle tot wie in einer griechischen Tragödie), bleibt genug Raum für Spekulation über einen Folgeband. Er ist schon fast greifbar. 

Fazit zur zweiten Hälfte des Buches:

Wie bereits beschrieben wird die Geschichte zu einer Familiensaga, die eher weniger begeisternd konstruiert ist (auch wenn die Idee der "gescheckten Menschen" wirklich gut ist!) und durchsichtig verläuft, und einer Darstellung von Religion und Glaube. Die Schilderung der Kriegszüge sind eher kurz und werden einen Fan eher heroischer und kampfbetonter Fantasy enttäuschen. Aber jemand mit einem Faible für diese Form wird ohnehin nicht zu Karen Miller greifen. 

Angepeilt wird wohl eine eher weibliche Fangemeinde, die früher Mario Simmel oder Konsalik gelesen hätte, und heute in Richtung Fantasy ihre Lektüre sucht. 

 

Bildquellen:
Cover: Websiten Randomhouse
Fotografie Karen Miller: Mary GT Webber - Website Karen Miller (Link öffnet sich in neuem Fenster und verlässt Zauberspiegel-online)


Die Herrscherin
von Karen Miller (Autor), Michaela Link (Übersetzer)
Taschenbuch: 800 Seiten, 16,95€
August 2009
ISBN: 978-3764530181

Verlag: Penhaligon

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