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... Mike Hillenbrand über die Phantastika, DPP und Familienfreundlichkeit

Mike Hillenbrand... Mike Hillenbrand ...
... über die Phantastika, DPP und Familienfreundlichkeit

Im September die PHANTASTIKA als familienfreundliches Event in Oberhausen an. Dort wird auch der Deutsche Phantastik Preis (DPP) vergeben, der bisher seine Heimat auf dem BuCon in Südhessen hatte.

Es kam zu Irritationen. Grund genug, Mike Hillenbrand als Organisator mal ein paar Fragen zu Event und Preis zu stellen ...


Mike HillenbrandZauberspiegel: Es ist kein Con, es ist keine Messe – Was ist die Phantastika dann? Was macht aus der Phantastika die Phantastika? Wo sind die Merkmale, die Cons und Messen von der Phantastika scheidet?
Mike Hillenbrand: Hallo Horst, das zu fragen ist berechtigt, denn natürlich hat die PHANTASTIKA Elemente, die Conventions und Messen auch ausmachen. Es gibt z.B.  Lesungen, und es wird Verkaufsstände geben. Anderseits möchten wir mit der PHANTASTIKA deutschsprachige Phantastik und die deutsche Fanszene zur weltweiten Phantastik den Menschen vorstellen, die damit bislang wenig anfangen konnten. Also machen wir Workshops für Kenner, aber auch Interessierte aus Kunst, Literatur, Artistik. Wir zeigen Filk-Konzerte, basteln kleine Tardis(se?), veranstalten Podiumsdiskussionen zum Thema Hochbegabung unter dem Namen „Being Sheldon“, zeigen einen Kinofilm, drehen Kurzfilme mit den Besuchern, produzieren eine Hörspielfolge und zeigen, wie sehr Phantastik in den letzten Jahrzehnten die Forschung und Entwicklung in allen möglichen Bereichen beeinflusst hat. Das Wort „Festival“ ist also das, was wir diesem Konzept am nächsten sehen.

Zauberspiegel: Noch vor fünfzig, sechzig Jahren war das Phantastische eine Veranstaltung für junge Männer um die Pubertät herum. Irgendwann kamen dann die ersten ›Mädels‹ dazu. Dann wurden die Veranstaltungen (Cons) größer und größer und es bildeten sich mehrere Veranstaltungstypen heraus und das Internet brachte Foren und dgl. Mittlerweile ist das Phantastische an sich ist im Mainstream angekommen. Ist die Phantastika die Konsequenz dieser Entwicklung?
Mike Hillenbrand: Ich glaube das nicht. Eine Konsequenz dieser Mainstream-Entwicklung ist das halbe Dutzend Comic-Cons, das sich im Laufe der letzten 36 Monate über Deutschland ausgebreitet hat. Man nehme alt gewordene Stars – und ein paar aktuelle Serienschauspieler -, die ihre Unterschrift für viel Geld verkaufen, packe so viele Verkaufsstände dazu wie geht, und geben dem Konzept einen Namen, den die meisten Menschen außerhalb der Phantastik-Szene vor allem durch „Big Bang Theory“ kennengelernt haben.
Die PHANTASTIKA haben wir als Kontrapunkt dieser Entwicklung gesetzt. Es wird keine ausländischen Serienstars geben, Autogramme werden gratis sein, der Eintritt soll unter 20,- € kosten und wir wollen die Phantastik als Genre insgesamt stärken.

Zauberspiegel: Was also erwartet den con- und messegewohnten und -gestählten Besucher? Kurzum: Gibt es schon ein paar konkrete Events über die du sprechen kannst?
Mike Hillenbrand: Eben habe ich ja schon einige genannt, aber lass mich noch kurz das Konzept noch einmal erwähnen: wir teilen die Phantastik in fünf verschiedene Welten auf. Neben dem Schwerpunkt der phantastischen Literatur stellen wir noch Programmpunkte aus phantastischem Sehen, Hören, Spielen und phantastischer Technik vor. Dabei geht es auch bspw. um aktuell existierende Technik, die der Phantastik entspringt. Wir machen auch ein Seminar „Spracherkennung für Autoren und Übersetzer“ – mind. zwei unserer Stargäste, die auch als Übersetzer tätig sind, nutzen sie schon länger -, stellen den Beruf des Schriftstellers vor und beleuchten die Interaktion zwischen Verlag und Autor bzgl. „Das will ich schreiben“ und „Das verkauft sich“. Aber vor allem geht es uns um die Menschen, die sich nicht täglich mit der Phantastik beschäftigen. Wir wollen ihnen zeigen, wie sehr die Welt und unsere Zivilisation vom Träumen profitiert hat und sie – vielleicht nur wieder - zum Träumen bringen.

Zauberspiegel: Der eine oder andere ist erschrocken von der Phantastika, weil es familienfreundlich sein soll. Was ist denn das familienfreundliche an der Veranstaltung? Und warum wird das ganze familienfreundlich?
Mike Hillenbrand: Weil es die PHANTASTIKA sonst nicht geben würde. Ich mache seit 20 Jahren Sachen im Fandom und kenne die meisten Veranstaltungen in Deutschland. Wahlweise sind sie kommerziell oder sie bedienen das gleiche Publikum, das sich innerhalb dessen befindet, was wir intern „die Blase“ nennen. Wir haben schon vor Jahren in meinem Garten sitzend in einer konspirativen Runde darüber diskutiert, dass man diese Blase erweitern oder durchbrechen muss. Wir lieben alle die Phantastik, sie hat uns geprägt und wir sind durch sie nicht zu schlechteren Menschen geworden. Phantastische Literatur war einmal eine wichtige gesellschaftskritische Kunstform, dieses Genre ist es wert, als Ganzes wahrgenommen und geschätzt zu werden. Diese, unsere Veranstaltung existiert nur, weil wir das Genre als Ganzes stärker etablieren wollen. Das ist unsere Vision – und ich gebe zu, vor allem meine.

Zauberspiegel: Kann sich der Fan mit all seinen Attitüden überhaupt auf einer Veranstaltung wieder finden, die sich wie manche abschätzig sagen doch wohl eher an blinde Konsumenten richtet, die gar keinen tiefen Einblick haben und wollen…
Mike Hillenbrand: Wenn sich dieser Fan damit abfinden kann, dass dieses Festival nicht dazu da ist, sich selbst zu feiern, sondern eher missionierend unterwegs sein soll, dann wird er, dann wird sie viel Spaß haben. Aber um es klar zu sagen: Diese Veranstaltung ist not yet another Fancon. Nicht falsch verstehen: Ich liebe Fancons. BuCon, ColoniaCon, DortCon uswusf., ich bin gerne da und ich sehe in absoluter keiner Weise auf die Leistung und die Leidenschaft hinab, die die Veranstalter in diese Cons hineinstecken. Aber gerade weil es viele etablierte Literaturconventions gibt und ich mit meiner Historie niemals Fed Con und Co. Konkurrenz machen wollen würde, machen wir etwas anderes.

Zauberspiegel: Wird Oberhausen der dauerhafte Standort sein oder wird aus der Phantastika ein jährlicher Wanderzirkus?
Mike Hillenbrand: Oberhausen soll dauerhaft unser Standort sein. Aber das ist unser sog. „Letter of Intent“, denn wachsen wollen wir schon. Nehmen wir Erlangen: Vor mehr als zwei Jahrzehnten gab es ein paar Verrückte, die einen Comic Salon ins Leben riefen. Heute feiert die ganze Stadt eine Woche lang diese Kunstform und eine sechsstellige Menge an Besuchern feiert mit ihr. Wir wollen Oberhausen zur phantastischen – und bunten – Metropole machen, die mitten im Ruhrgebiet liegt. Im Ruhrgebiet leben elf Millionen Menschen – wenn wir die einmal im Jahr eine Woche zum Träumen bringen können: Super! Das geht mit Oberhausen im Mittelpunkt.

Zauberspiegel: Wie sieht es mit der Phantastika als Begegnungsstätte aus? Wer soll da mglw. Wem begegnen und wie muss man sich das vorstellen?
Mike Hillenbrand: Kinder, Jugendliche, junge/mittelalte/alte Erwachsene jeder Coloeur anderen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen jeden Alters. Jeder soll sich wiederfinden, wiederentdecken und gegenseitig inspirieren. Kommunikation ist alles. „Blinde Konsumenten“ wie oben von dir erwähnt gibt es nicht. Denn wer blind ist, ist nicht in der Lage zu sehen. Ich glaube, man hat diesen Konsumenten nur noch nicht das richtige gezeigt und sie können sehen. Auf der anderen Seite müssen die etablierten Szenefans auch die Bereitschaft zur Einsicht zeigen, dass die Gesellschaft eine andere als zu ihrer Jugend ist. Let’s dream together – ums gemeinsame und ums Träumen geht es uns primär.

Zauberspiegel: Wieviele Besucher finden denn so jeden Tag Platz auf der Phantastika?
Mike Hillenbrand: Theoretisch 5.000, aber wir wissen, dass wir als Erstveranstalter mit einem Konzept, das sich nicht in zwei Sätzen erklären lässt, einen schwierigen Start geradezu einladen.

Zauberspiegel: In Sachen DPP gab es Marginalien, die schief laufen wie ein Western Comic auf der Auswahlliste oder Irritationen über Trennung von Originalveröffentlichung und Übersetzung beim Buch, aber Vereinigung beider bei Audio. Da scheint ihr in den Folgejahren noch justieren zu müssen. Gibt es da schon Pläne?
Mike Hillenbrand: Mein Lieblingsthema, der DPP. Zunächst einmal: Ich habe ihn selbst nicht gelesen, aber es ist kein Western Comic auf der Auswahlliste. Es ist ein Lucky Luke-Comic – und darin geht es um einen Mann, der schneller als sein Schatten schießt und ein sprechendes Pferd hat. Die Jury hat das als phantastisch ausreichend gewürdigt, ich widerspreche da nicht. Phantastik macht sich überall breit und wo die Grenze ist, darf jeder selbst bestimmen. Hier war es eine gemeinsame Entscheidung, die ich nicht hinterfrage.
Was die Trennungen betrifft: Als Literaturpreis gibt es traditionell die Trennung zwischen nationalem und internationalem Roman sowie die Aufteilung in Roman, Romandebut, Kurzgeschichte und der entsprechenden Sammlung an Kurzgeschichten. Das geht einfach nicht bei den anderen Kategorien in dieser Breite, was wir in den Infos auf der Abstimmungsseite auch schreiben. Zum anderen sind gerade Comic und Hörbuch/Hörspiel Kategorien, die es neu oder wieder neu beim DPP gibt. Diese Kategorien sind auch dazu da, diese Produkte zu pushen. Denn es gibt hier im phantastischen Bereich nicht die Vielfalt wie bei der geschriebenen Geschichte. Aber zu deiner Frage: Wir justieren von Jahr zu Jahr und es dürfen sich gerne alle melden, die meinen, uns helfen zu können und zu wollen. Aber dabei gilt es zu beachten, dass wir den Preis nicht ohne Grund als den „neuen DPP“ bewerben und er vor der Wahl stand, über kurz (vermutlich) oder lang (vielleicht) eingestellt (ganz sicher) zu werden, oder sich zu verändern.

Zauberspiegel: Wiederum gibt es in Sachen DPP Vorwürfe wegen Intransparenz der Vorauswahl, Ungerechtigkeit gegenüber den ›Kleinen‹. Wie werdet ihr damit umgehen?
Mike Hillenbrand: Zunächst einmal versuchen wir, jeder sachlichen Kritik zuzuhören und sie inhaltlich zu verstehen. Auf keinen Fall sagen wir, wir haben alles richtig gemacht und sind lernresistent. Aber auf der anderen Seite ist es so, dass sich die von dir so genannten „Kleinen“ beschweren, weil sie sich selbst nicht mehr einfach so auf die Liste bringen können. Dann beschweren sich aber auch durchaus namhafte Kritiker, dass überhaupt Verlage auf den Listen zu finden sind, die nur eine dreistellige Auflage haben. Wir haben Beschwerden, dass ein Buch nicht auf unserer Liste ist, wo er doch bei zwei anderen Preisen auf der Liste ist. Wir bekommen Beschwerden, dass der eigene Vorschlag, den man abgeben kann, dann nicht auf der Kategorienliste erscheint und andere beschweren sich, dass wir nicht einfach alle Erscheinungen der Phantastik eines Jahres aufführen, damit sich jeder Leser/Hörer aus dem Gesamtbild seine Favoriten picken kann. Wir haben Beschwerden, dass wir den Namen bei der Stimmabgabe verlangen, und wir haben Beschwerden, dass man nicht von der gleichen IP-Adresse aus sofort mit einer anderen Mailadresse abstimmen kann. Ich will diese Breite an Kritik nur einmal bestätigen.
Wenn ich darf, möchte ich zu diesem Thema etwas ausholen und nicht nur sagen, wie wir umgehen werden, sondern wie wir in diesem Jahr mit dem DPP umgegangen sind: Der Deutsche Phantastik Preis ist ein Preis, den Guido Latz und sein Team ursprünglich nicht erfunden, aber in den vergangenen gefühlten 100.000 Jahren organisiert haben. Die Verleihung fand seit zwanzig Jahren auf dem BuchmesseConvent statt, wie du weißt. Bei diesen Preisrunden gab es auch schon Longlists, zu denen man seinen eigenen Vorschlag beisteuern konnte – diese Änderung in diesem Jahr ist also nicht neu, sondern nur hervorgekramt. Dass es sie zwischendurch nicht mehr gab, lag an fehlenden Ressourcen im Orgateam, nicht an einer grundsätzlichen Entscheidung gegen Longlists. Diese Abschaffung hatte aber zur Folge, dass jede und jeder Romane für die Endrunde nominieren konnte und ist es wirklich so, dass Bücher mit einer gedruckten, aber nicht verkauften Auflage von 200 oder 300 Stück plötzlich 1000 Stimmen bekamen. (Exkurs: Soweit ich es weiß, hat sich André aus dem ursprünglichen Team dann Abends hingesetzt und hat fleißig offensichtliche Schummeleien gelöscht. In diesem Jahr gibt es diese manuelle Kontrolle auch, wir haben aber eine vierstufiges Prüfung bei Stimmabgabe davor gesetzt – was wiederum bedeutet, dass jede/r Abstimmende merkt, wenn seine oder ihre Stimme nicht diese Prüfung besteht.) Ich habe sehr oft den Preis auf der Bühne verleihen dürfen, in den letzten Jahren habe ich kaum eine Preisträgerin, einen Preisträger namentlich gekannt – von ihren Werken ganz zu schweigen. Das war mit ein Grund, warum Hermann Ritter und ich mit der Vergabe aufgehört haben. Gleichzeitig gab es wie auch immer geartete Probleme zwischen den Ausrichtern des DPP und Teilen der Orga der Veranstaltung, wo die Vergabe ausgerichtet wurde. Von Jahr zu Jahr wurde der Sinn der Verleihung von Seiten der Ausrichter mehr in Frage gestellt. Als klar wurde, dass wir die PHANTASTIKA machen und ein neues Konzept ausprobieren wollen, sahen Guido Latz und sein Team die Möglichkeit, wahlweise dem DPP einen neuen Drive zu verpassen oder mit uns zusammen kolossal zu scheitern. Aber dann zumindest wissend, dass wir es versucht haben.
Es muss jedem klar sein, dass Guido und sein Team noch immer dabei sein. Zwar heißt es jetzt nicht mehr „Die Seite phantastik-news.de“, sondern „Das Magazin phantastisch! präsentiert“, aber hinter beidem steckt Guido Latz. Er und sein Team kannten die Longlists, er und sein Team sind noch immer der erste Ausrichter. Weil ich Ressourcen und Manpower aus meinem Verlag jetzt ebenfalls investiere und nicht mehr nur der Moderator bin – der ich übrigens in diesem Jahr nicht sein werde - , kommt unser „Corona Magazine“ als zweiter Ausrichter in der Nennung dazu, aber auch wenn ich als Gallionsfigur grundsätzlich den meisten Gegenwind abbekomme – und damit gut leben kann -, ist das Team nur erweitert worden, es wurde nicht ersetzt.
Die Veränderungen, denen der DPP in diesem Jahr unterworfen wurde, hat etwas mit dem Wunsch nach Neuausrichtung zu tun. Der Deutsche Phantastik Preis hat einen klangvollen Namen und eine jahrzehntelange Tradition, und beiden wurde er in den letzten Jahren unseres Erachtens nicht mehr gerecht. So sollte es nicht weitergehen und darum gab es zwei Möglichkeiten: Aufhören oder jetzt erst recht! Wir haben uns zu letzterem entschieden und ihn mit in das Konzept der PHANTASTIKA aufgenommen. Wir wollen die Phantastik feiern und das öffentlichkeitswirksam. Das machen wir dann jetzt auch – in Form unserer eigenen kleinen Oscarverleihung wie unsere Grit es ausdrückt. Wir werden eine zweistündige Gala produzieren. Mit Musik, Kunst, Artistik aus der Phantastik und Preisträgern, die zum ersten Mal einen dotierten DPP erhalten werden. 500,- € pro Kategorie sind zwar nicht viel, aber da ich die zehn Kategorien aus meinem eigenen Portemonnaie vorfinanziert habe, ging nicht mehr. Es haben sich übrigens netterweise einige Sponsoren gefunden, die sich an dem Preisgeld beteiligen. Wenn das Mode macht, können wir die Dotierung vielleicht jedes Jahr erhöhen. Niemand außer den Preisträgern soll tatsächlich an dem Preis verdienen.
Wie auch immer, wir erweiterten zudem die Kategorien und die Auswahlkriterien, wir bildeten Jurys für die Longlists. Die Mitglieder sollten nicht verraten, dass sie dabei sind bzw. mussten das versprechen: Ich bin etwas paranoid und in der Szene kennt jeder jeden – es sollte keine Einflussnahmen geben. Wie immer bei ehrenamtlicher Arbeit gibt es diese und jene Mitarbeiter. Einige lieferten prompt, andere waren Totalausfälle und es gab natürlich auch die, denen man nur ein paar Mal auf die Füße treten musste. Das Ergebnis war schließlich da und ich bekam selbst Angst vor meiner eigenen Courage. Es fehlten nahezu völlig sämtliche Kleinverlage aus der Szene, was nach meiner Erklärung des neuen Konzepts auch irgendwie folgerichtig erschien, mir aber ein zu großer Cut war. Darum entschied ich, dass wir weitere Unterstützung benötigen. Im Laufe der letzten Jahre haben wir eine riesige Adressdatenbank mit Mailadressen von Bloggern, Journalisten, Rezensenten und Redaktionen erstellt, die wir nutzten. Wir sandten eine Massenmail mit angehängtem PDF an diese Adressliste aus insgesamt rund 3.000 Empfängern und baten in jeder Kategorie um Vorschläge. Erwähnte ich, dass in der Szene jeder jeden kennt? Da kamen sie wieder, die Vorschläge zu Büchern mit der besagten dreistelligen Auflage und mit dem Ergebnis dieser eingesandten Vorschläge wurden die erstellten Longlists aktualisiert. Und jetzt schauen wir, was der Ball macht. Dadurch, dass der Aufruf zur Abstimmung über eine Nominiertenliste auch Empfänger außerhalb der „Blase“ erreicht hat, werden wir noch immer von Massen an Stimmen überschwemmt. Die fünfte und manuelle Prüfung ist dadurch brutal, aber notwendig. Dennoch: Die einzig wirksame Medizin gegen Schummeleien bei der Abstimmung ist Masse. Wir wollen so viele Menschen zum Abstimmen bewegen, dass die Communities, die aus Gefälligkeit einem Mitglied gegenüber für dessen Roman abstimmen, ohne ihn gelesen zu haben, keine Chance haben, das Abstimmungsgeschehen zu dominieren. Und dabei kann uns jeder helfen, indem er oder sie auf die Abstimmungen hinweist.

Zauberspiegel: Dann gibt es augenscheinlich Kritik daran, dass Ihr etablierten Fangruppen nicht kostenlos Raum gebt. Wie darf man das verstehen? Fans dürfen oft sich kostenlos präsentieren. In Deinem offenen Brief redest von Street Credit, den die Phantastika hat (welchen?) und den andere einkaufen müssen. Was bedeutet denn Street Credit für Euch?
Mike Hillenbrand: Das ist eine zweigeteilte Frage, die ich nacheinander beantworten möchte. Mit dem „StreetCred“ fange ich an. Ich schrieb oben von den kommerziellen Veranstaltungen. Ich buche x alternde Stars, locke ein paar Tausend Besucher und weil ich weiß, dass sie kommen werden, bekomme ich zahlreiche zahlende Sponsoren. Jetzt habe ich Verkaufsstände und David Hasselhof – beispielsweise. Um das Bild abzurunden, hole ich mir jetzt noch Cosplayer und Vereine an Bord, die meiner Veranstaltung auch Atmosphäre geben. Die sind wichtig, denn auch über diese Gruppen will die Presse berichten. Sie sind das, was ich „Street Credit“ nenne. Mit dem Konzept der PHANTASTIKA soll die Phantastik im Mittelpunkt stehen –in all ihren Ausprägungen. Sie und die, die sie vertreten, sind kein Beiwerk, sie sind die Hauptsache, denn das o.g. Drumherum gibt es entweder gar nicht oder nur eingeschränkt. Dennoch kostet diese Veranstaltung Geld und ich darf das mal so frei sagen: Mein Geld, erst einmal. Mit dem Anspruch, etwas Neues auf die Beine zu stellen, muss man Risiken eingehen und das bin ich, das sind wir alle im Team auch gewillt zu tun. Aber die Refinanzierung steht zunächst im Rahmen der konzeptionellen Parameter im Vordergrund. Oder anders ausgedrückt: Wir müssen scheiße nochmal sehen, dass wir diese sehr hohe fünfstellige Summe wieder reinkriegen. Ich glaube aber, dass das geht, wenn man vernünftig haushaltet. Wir haben mit zahlreichen Fangruppen gesprochen. Auf einige gingen wir zu, andere kamen auf uns zu. Auch die, die nichts verkaufen, hat das Konzept überzeugt und sie haben Platz gebucht. Manche haben sich einen Sponsor an den Stand geholt, mache bezahlen den Stand aus der Vereinskasse. Manche hat das Konzept nicht oder nur vordergründig überzeugt. Es gibt Gruppen und/oder Personen, die haben uns auch nach einem einstündigen Telefonat noch vorgeworfen, wir würden doch tausende von Euro für Schauspieler ausgeben, aber ihnen keinen Cent gönnen. Da kann man dann nichts mehr machen als nicken, sich verabschieden und auflegen, denn genau das uns Vorgeworfene machen wir ja nicht. Eine Gruppe bot von sich aus an zu kommen, wollte aber Geld dafür, weil sie woanders auch welches bekommen würde. Wie ich bei einem artverwandten Thema auf Facebook schrieb: Fragen ist immer ok, wirklich, aber man muss die Größe haben, mit der Antwort leben zu können. Wir haben auch eine Liste mit Fangruppen, die tolle Sache machen, aber keinen Stand bezahlen können. Die arbeiten wir auch ab, aber zunächst müssen wir sehen, dass wir die Veranstaltung refinanziert bekommen, die kostenlosen Stände werden erst danach verteilt.
Um es deutlich zu sagen: Das ist alles ist KEIN Klagen meinerseits. Wir machen nach unserer Auffassung etwas Neues und gehen Risiken auf eigenen Wunsch ein. Es war klar, dass dies Schwierigkeiten nach sich ziehen wird. Und ein Satz wie der Folgende wird mir Schwierigkeiten bringen, das weiß ich: Wir möchten die Phantastik am 2.+3. September von ihrer besten Seite präsentieren, um das Genre größer zu machen, aber wir können keine Selbstdarsteller und Insichverbohrte dabei gebrauchen. Die Phantastik ist der einzige Star auf dieser Veranstaltung, sie ist größer als wir alle und ich freue mich sehr darauf, dass mit Gleichgesinnten und neuen Freunden der Phantastik zu feiern.

Zauberspiegel: Dann wünsche ich Dir mal viel Erfolg mit der Phantastika. Ich bin mir sicher, wir werden uns da sehen. Ich muss mir das angucken.
Mike Hillenbrand: Und du bist herzlich willkommen, lieber Horst. Natürlich zielen wir mit der Werbung auf neue Zielgruppen und –schichten, aber das bedeutet ja nicht, dass wir, der wir der Phantastik seit Jahren und Jahrzehnten angehören und ihr ein Gesicht geben, dort nichts verloren haben. Im Gegenteil, wir gehören da genauso hin und zusammen sollten wir das Genre stärken und die Welt ein wenig bunter machen. Drei Wochen später sind Bundestagswahlen und wie ich immer sage: Wer wirklich träumen kann, wählt nicht menschenfeindlich.

Horst Hermann von Allwörden



Die Fragen für den Zauberspiegel stellte: Horst Hermann von Allwörden

Kommentare  

#1 matthias 2017-03-19 11:29
Also ich lese viel Phantastik. Nicht nur, aber wirklich eine Menge davon. Aber der DPP geht an mir echt vorbei.
Es läuft doch genauso wie mit den Filmpreisen. Wenn alles so schön gesellschaftskritisch ist, wenn Nazis verteufelt werden, und wenn alles so schön rot/grün gefärbt wird, Dann, aber nur dann, bekommt man in Deutschland einen Preis.

Ich möchte mir meinen Lesestoff jedenfalls nicht nach diesen Kriterien vorsetzen lassen.

(Da ich mich aber bisher nicht für den DPP interessiert habe, bleibt die Einschätzung oben natürlich spekulativ)
#2 Andreas Decker 2017-03-19 12:53
Der DPP und seine eigenwilligen Nominierungen. :-) Comics sind zugegeben nun wirklich Geschmacksache, aber um den bereits zitierten Sheldon zu bemühen: bestimmt gilt Lucky Luke in irgendeinem Universum als Phantastik - vermutlich in dem, in dem es keinen Wilden Westen gab- , aber nicht in unserem.

Ich kann dieser Philosophie, das alles irgendwo Phantastik ist, wenn es nur jemand behauptet, nicht folgen. Es macht alles nur beliebig. Da kann man auch genauso gut Werbespots prämieren. In ein paar fliegen Autos durch die Luft. Ist auch phantastisch.

Nichtsdestotrotz: ich wünsche der Veranstaltung viel Glück und den Veranstaltern, dass sie nicht auf ihren Kosten sitzen bleiben. Das wäre angesichts der offensichtlichen Arbeit nicht schön.
#3 Hermes 2017-03-19 14:48
Zitat:
Es läuft doch genauso wie mit den Filmpreisen. Wenn alles so schön gesellschaftskritisch ist, wenn Nazis verteufelt werden, und wenn alles so schön rot/grün gefärbt wird, Dann, aber nur dann, bekommt man in Deutschland einen Preis.
Das trifft vermutlich auf Jury-Preise zu. Der DDP ist aber ein Publikumspreis. Jeder darf mit abstimmen.

Zitat:
Wer wirklich träumen kann, wählt nicht menschenfeindlich.
Diese Ansage scheint allerdings das Gegenteil zu bedeuten. Da wird offenbar versucht, mit der Phantastik Politik zu machen.
#4 Laurin 2017-03-19 16:02
Zitat:
Wer wirklich träumen kann, wählt nicht menschenfeindlich.

Ich bin ja nun auch kein Menschenfeind, aber dieser Adolf H. hatte bestimmt auch geträumt, auch wenn ich nicht wirklich genau wissen will, was in seinen Träumen so alles vorkam.

Von daher beißt sich die Aussage etwas und kommt einem Wunschdenken näher als einer klaren politischen Aussage.

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