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... Constanze Grasmück über ihren Vater, Dan Shocker und ein halbes Kinderzimmer

Constanze Grasmück-Sehnert ... Constanze Grasmück ...
... über ihren Vater, Dan Shocker und ein halbes Kinderzimmer

Jürgen Grasmück, der Welt zumeist besser bekannt als Dan Shocker, wäre heute 70 Jahre alt geworden. Über Dan Shocker weiß man viel - über Jürgen Grasmück nicht soviel. Grund genug einmal nach dem Menschen Jürgen Grasmück zu fragen, einmal einen - zumindest - kurzen Blick auf den Alltag und den Menschen hinter dem Autor zu werfen.



Seine Tochter Constanze Grasmück hat sich bereit erklärt, in ihren Erinnerungen zu graben. Und wie sagt sie so schön in einer ihrer Antworten: "Mein Vater hat als Dan Shocker geschrieben – und als Jürgen Grasmück gelebt." - Und nun erfahren wir ein wenig über Jürgen Grasmück und seinen Alltag...

Besten Dank an Constanze Grasmück.

Zauberspiegel: Die erste Frage richtet sich ganz speziell an die Tochter. Wie war Jürgen Grasmück als Vater? War er streng oder konnten Sie ihn als Tochter um den Finger wickeln?
Constanze Grasmück: Nein, ich kann ihn nicht als streng bezeichnen. Er war eher weichherzig und großzügig. Wenn ich etwas von der Raffinesse gehabt hätte, die manchen Kindern zu Eigen ist – ja, ich hätte ihn um den Finger wickeln können. So aber habe ich mir als der ewige Rebell alles erkämpfen müssen.

Zauberspiegel: Wann hat Jürgen gearbeitet? Tagsüber, in der Nacht?
Constanze Grasmück: Grundsätzlich tagsüber, da mein Vater und ich uns ein Zimmer teilen mussten – er hatte ein halbes Arbeitszimmer und ich ein halbes Kinderzimmer.
Später, als wir Mitte der Siebziger aus Hanau wegzogen und im eigenen Haus mehr Räume zur Verfügung standen, hatte ich mein Jugendzimmer und mein Vater sein Arbeitszimmer. So nutzte er dann auch die Abendstunden zum Schreiben. Nachts hat er dann geruht…. Sein Tagesablauf war diszipliniert und strukturiert.

Zauberspiegel: Wie wirkte sich die schriftstellerische Arbeit auf das Leben im Haus aus? Durften Sie toben und Spielkameraden mit nach Hause bringen oder musste da Ruhe herrschen? Wie war also der Alltag im Haus Grasmück um das Schreiben Jürgens herum organisiert?
Constanze Grasmück: Sicher macht es einen bedeutsamen Unterschied, ob ein Vater morgens auf die Arbeit fährt und erst am Abend wieder kommt – oder den ganzen Tag im Haus präsent ist. Das ist eine viel intensivere Art des Zusammenlebens, besonders auch durch den Umstand, dass mein Vater durch seine Muskelerkrankung an den Rollstuhl gefesselt war. Da laufen die Uhren in der Familie anders – da wurden Prioritäten, die sich an seinen Bedürfnissen orientierten, ganz anders gesetzt.
Ja – später gab Zeiten am Tag, an dem mein Vater diese künstlerische Ruhe gebraucht hat und mir mein halbes Kinderzimmer nicht zur Verfügung stand. Aber ich bin in einer Generation groß geworden, für die es üblich war, bei Wind und Wetter draußen mit Freunden zu spielen. Da habe ich wahrlich nichts vermisst und mich auch gut selbst beschäftigen können. (Das Fernsehen steckte in den Kinderschuhen – es gab erst zwei, dann auch schon mal ein drittes Programm, die Kindersendungen begannen frühestens um 16 Uhr nachmittags [der Fernseher stand ohnedies im Wohnzimmer] und am Abend waren dann die Erwachsenen dran. Kann man sich bei dem 24-stündigen „Dauerbeschuss“ von kleinen, bunten, sich bewegen Bildern heute gar nicht mehr vorstellen, oder? Und der Personal Computer samt globalem Netzwerk war noch nicht erfunden….)
Wie gesagt, das Leben spielte sich meist im Freien vor der Haustüre ab. Ich besuchte Freunde und durfte auch selbstverständlich welche mit nach Hause bringen. Ja, und Toben konnte ich auch ganz gut … ich war eher so eine kleine Wilde…
Die Koexistenz zwischen Schreiben und Spielen klappte gut. In dieser Beziehung hatte ich eine unbeschwerte Kindheit. Es gab auch zwei Schreibtische im Zimmer, an dem „großen“ saß schreibend mein Vater, der »kleine« wurde dann der Platz, an dem ich meine Hausaufgaben machte.

Zauberspiegel: Was haben Sie von der Arbeit des Vaters mitbekommen? War das Schreiben, zum Beispiel beim Abendessen, Thema in der Familie? Haben Sie selbst die Romane des Vaters gelesen?
Constanze Grasmück: Als kleines Mädchen habe ich relativ wenig mitbekommen. Für mich war mein am Schreibtisch sitzender Vater ein vertrautes und gewohntes Bild. Ich kannte es nicht anders. Da konnte ich die Art des Schreibens nicht unterscheiden. Er hat ja, um für den Unterhalt der kleinen Familie zu sorgen, am Anfang noch andere, am heimischen Schreibtisch auszuführende Tätigkeiten, (zum Beispiel Mahnschreiben für ein bekanntes Hanauer Versandhaus) erledigt. Die »Türme« und der Geruch von Papier und Pappe dieser dunkelblauen Akten, die zwischen Wohnung und Firma hin und her getragen wurden, sind mir immer noch lebhaft in Erinnerung.
Ansonsten wurden seine geistigen Ergüsse kaum thematisiert – das Schreiben war seine höchst intime Angelegenheit. Wie auch immer die Eheleute untereinander damit umgingen, kann ich nicht sagen – da war ich außen vor.
Die Belegexemplare, die der Autor erhielt, füllten im Laufe der Jahre die Regale. Diese »bunten (Titel) Bilder« begleiteten mich von Anfang an (bevor ich »da« war, gab’s ja schon Romane) und übten eine besondere Faszination auf mich aus. Später, so mit 14 oder 15 habe ich dann seine Werke für mich entdeckt und verschlungen.

Zauberspiegel: Wie schrieb er? Wann hatte Jürgen seine Ideen? War er da im stillen Kämmerlein oder konnte es vorkommen, dass er beim abendlichen Fernsehen oder beim Essen hektisch Ideen notierte?
Constanze Grasmück: Falls er Notizen gemacht haben sollte – ich kann mich kaum daran erinnern. Ideen konnten »aus heiterem Himmel« kommen oder aus den Tiefen seiner selbst. Eigentlich war er selbst der Quell, aus dem er schöpfte. Geschrieben hat er unermüdlich; in seinen stärksten Jahren beinahe wie am Fließband »produziert«.
Äußere (politische – oder welche auch immer) Begebenheiten wurden dann und wann zum Trigger, die er sehr individuell verarbeitete. Ich denke da zum Beispiel ganz konkret an den Giftmüllskandal in der eigenen Kommune Anfang der Siebziger, aus der er die »Die Müllmonster“ generierte.
Den Roman »Das Horror-Palais von Wien« hat er mir gewidmet und es ist die einzige Geschichte, in der er ein einziges Mal eine nahe stehende Person (mich) »verarbeitet«. Seine Protagonisten waren samt und sonders erfunden – und selbst lebendige Vorbilder wurden fantasievoll umgestaltet und neu kreiert. Ansonsten hat er Innenwelt und Außenwelt nicht vermischt.

Zauberspiegel: War in der Schule bekannt, dass Constanze Grasmück die Tochter von Dan Shocker war? Gibt es da Bemerkenswertes zu erzählen?
Constanze Grasmück: Nicht wirklich. Dan Shocker und Jürgen Grasmück hat er gut zu trennen gewusst, auch wenn ihm sein Pseudonym auf den Leib geschneidert war. Aber da der »Prophet im eigenen Land« recht wenig gilt, blieb er vom Trubel um seine Person (einschließlich seiner Familie) verschont. Er hätte es auch nicht gewollt, auch nachdem er seinen späteren Erfolg und die Annerkennung daraus gerne genommen hat.
Ansonsten wurde ich dann später mitunter in seine Arbeit mit eingebunden. In der Zeit vor dem PC, als Manuskripte (zwar nicht mehr dem Wortlaut nach mit »der Hand«) wohl aber mit der Schreibmaschine verfasst wurden, hatte ich die von ihm durchgestrichenen Veränderungen mit einem Marker zu schwärzen, während er das eine oder andere Mal noch das Ende des Romans wob. Oft genug war es auch an mir, noch schnell kurz vor Schließung des nächstgelegenen Postamtes hurtig durch den Wald zu flitzen, damit das Teil noch rechtzeitig an den Verlag gehen konnte. Ja, das war manchmal richtig hektisch. Als dann noch der Marlos-Bürger Fanclub entstand, fand ich auch Verwendung beim Falzen und Eintüten…Ich habe es, ehrlich gesagt, nicht immer gerne getan.

Zauberspiegel: Welche Adjektive beschreiben den Menschen Jürgen Grasmück am besten?
Constanze Grasmück: einfühlsam, optimistisch, offen, warmherzig, intelligent, humorvoll, fantasievoll (klar!) und (trotz berechtigter Ängste) mutig.

Zauberspiegel: Gab es aus Ihrer Sicht einen Unterschied zwischen dem Menschen Jürgen Grasmück und der Kunstfigur Dan Shocker?
Constanze Grasmück: Wie soll ich das beantworten? Mein Vater hat als Dan Shocker geschrieben – und als Jürgen Grasmück gelebt.

Zauberspiegel: Wir Fans, die ihm begegnen durften haben Jürgen stets als ungebrochenen Optimisten erlebt, der mit seiner Erkrankung mit Gelassenheit begegnete und dessen Lebensmut ungebrochen war. War das im privaten Umfeld ebenso?
Constanze Grasmück: Ja.
Um aus dem Nähkästchen zu plaudern: ich habe mal als Jugendliche ein paar wenige Tagebuchaufzeichnungen (alles andere hat er in seinen fantastischen Romane verarbeitet) von ihm gefunden und gestehe, dass ich sie gelesen habe. (Was man eigentlich nicht tut, ich weiß.) Es hat mich zutiefst berührt und nachhaltig beeindruckt, als ich von seinem inneren Kampf, seiner Verzweiflung in seinen jungen Jahren las, mit der um die Akzeptanz seiner unheilbaren Krankheit, in der er sich so benachteiligt fühlte, rang. Er hat einen Weg gefunden und seinen Frieden gemacht, indem er sich in das Unvermeidliche seines Schicksals fügte. Sein Lebensmut und –wille waren stärker als sein Handicap. Er war jemand mit Tiefgang – und das machte ihn so menschlich
Man darf nicht vergessen, er war ein Mensch mit hoher Intelligenz, einer fundierten Bildung, schneller Auffassungs- und Beobachtungsgabe, der sich im vollsten Bewusstsein seiner geistigen Kräfte mit diesem rein körperlichen Handicap auseinandersetzen musste.
Auch in den letzten Jahren, die bei dieser progressiv voranschreitenden Krankheit ihn immer mehr körperlich beeinträchtigte, hat er nie gejammert oder geklagt. Er hat seine Situation bewundernswert gemeistert. Ich denke, mancher „Gesunde“ kann sich da eine große Scheibe abschneiden…

Zauberspiegel: Hat die Krankheit Jürgens, noch mehr als das Schreiben, das Leben der Familie bestimmt?
Constanze Grasmück: Natürlich hat seine Situation ihn zum „Nabel der Welt“ innerhalb der Familie gemacht. Am Anfang konnte er ja „nur“ nicht Laufen und ein halbwegs normales Familienleben war möglich. Im Laufe der Jahre änderte sich das und im Endstadium seiner Krankheit sah das dann noch mal anders aus. Meine Mutter hat ihn aus Liebe bis zuletzt selbstlos und aufopfernd gepflegt.

Zauberspiegel: Ihrer Mutter gilt die Bewunderung vieler Leute. Karin hat Jürgen im vollen Bewusstsein geheiratet, wie sich diese Krankheit entwickeln würde. Das nötigt uns Hochachtung ab. Wie hat sich die Ehe ihrer Eltern für sie als Tochter über die Jahre hinweg dargestellt?
Constanze Grasmück: Na ja, um es mal anschaulich hessisch auszudrücken: die beiden waren „aan Kopp un’ aan Arsch“…Ich habe da ein wenig zurückstehen müssen.

Zauberspiegel: Ist Jürgen Ihnen heute, fast zweieinhalb Jahre nach seinem Tod noch nah? Was denken Sie über ihn?
Constanze Grasmück: a, kann man sagen. Auch wenn ich seinen Tod als Erlösung seines Leidens betrachte, so vermisse ich seine Gegenwart. Heute, anlässlich des Tages, an dem er 70 alt Jahre geworden wäre, noch einmal ganz besonders.
Er war ein feiner Mensch und glühte von Esprit und Charisma.
Dennoch hat er mich mehr geprägt, als ich es mir wohl selbst eingestehe. Mein Selbstwerdungsprozess in der Auseinandersetzung mit seiner starken Persönlichkeit und seiner besonderen Lebenssituation war nicht immer einfach.
Abschließend kann ich sagen: mein Vater hat mir viel Gutes – aber auch manch Schweres hinterlassen – und ich trage es in Achtung und Dankbarkeit.

Zauberspiegel: Besten Dank für die Beantwortung der Fragen?
Constanze Grasmück: You are welcome…
 
Constanze Grasmück-SehnertWer ist Constanze Grasmück?
Constanze Grasmück, Jahrgang 1961.
Besuch der Grundschule in Hanau, später Gymnasium in Büdingen.
Abschluss mit Mittlerer Reife und Ausbildung zur Hauswirtschafterin. (1982)
Anschließend verschiedene Tätigkeiten und Vorbereitung auf die allgemeine Hochschulreife. Später Mitarbeit in dem von den Eltern gegründeten Buchladen (einschließlich Gründung eines Verlags) in Hanau (1986).
1987 Heirat und Mutterschaft (drei Söhne).
1997 Scheidung und Erziehung der Kinder im Alleingang.
Nach Aufgabe der Buchhandlung (2001) weitere Mitarbeit in dem Verlag.
Ausbildung zur Medienkauffrau Digital und Print (2008).

Kommentare  

#1 Laurin 2010-01-23 17:04
Man kann eigendlich nur Danke sagen für die kleinen Einblicke, die uns hier durch das Interview ermöglicht werden.
#2 T.B. 2010-01-23 21:14
Durch dieses Interview ist mir klar geworden, dass die Sympatie die ich für Constanze bei unseren wenigen Begegnungen hatte völlig richtig eingeschätz habe, sie ist sehr sympatisch und warmherzig. Eine echte Grasmück eben, denn beide Atributen gelten auch für Jürgen und Karin Grasmück. Die ich in den Jahren unserer Bekanntschaft sehr in mein Herz geschlossen habe.
Und wie seiner Zeit zu seinem Tod schon geschrieben und wie Constanzia hier auch noch mal bestätigt hat, es gibt kaum Menschen die so warmherzig, kämpferich und positiv denken wie es Jürgen getan hat. Jürgen, ich vermisse Dich sehr und hoffe Du feierst Deinen Geburstag mit all den großartigen Menschen die uns leider schon verlassen haben und schaust auch mal runter zu uns, dennen für die Du in guten Erinnerungen und im Herzen immer leben wirst.
#3 c.r.hays 2010-01-23 21:39
Es ist schön, daß man hier so ausführlich an Jürgen erinnert.
Wir alle werden ihn sicher nie vergessen...
#4 G. Walt 2010-01-24 16:41
Schönes Interview und eine nette Idee. Vielen Dank dafür.
#5 Cartwing 2010-01-25 18:29
Dem kann ich mich nur anschließen. Mit der richtigen Mischung aus Neugier, Respekt und Einfühlungsvermögen die richtigen Fragen gestellt.
Sehr schön, Horst
#6 J.Kuhnert 2010-11-21 00:21
Vielen Dank für die persönlichen Einblicke! In den 80er Jahren war ich Autor mit zahlreichen Veröffentlichungen, bei denen mich Jürgen Grasmück hilfreich unterstützte. Hier wurden wieder Erinnerungen wach. Schade, dass ich ihn nicht persönlich kennenlernen konnte.
#7 M.Schnaars 2011-08-02 14:56
Ein sehr schönes und aufschlussreiches Interview über den Menschen Jürgen Grasmück. Seine Genialität und Phantasie waren nie Grenzen gesetzt. Die Larry Brent sowie Macabrosreihen sind und bleiben legendär ! R.i.P

Hochachtungsvoll
M.Schnaars (ein großer Fan)
#8 s Speiser 2015-08-12 20:08
Hallo Frau Grasmück,

danke für das Interview. Ich habe das, was Ihr Vater geschrieben hat, immer sehr gern gemocht.

Viele Grüße aus Frankfurt/M.
#9 Birgitta olin 2016-11-08 12:19
Als junge schwedische Oberschühlerin in Trelleborg zu Weihnachten 1959 sein Buch Für Menschen verboten (Jay Grams) per Post von ihm zugeschickt bekam ! meine deutschkenntnisse waren noch nicht reíf solche Romane zu lesen obwohl er mein aller erster (?) Brieffreund war und ich bis HEUTE noch an ihn zurückdenken muss!
Das Buch habe ich immer noch und stent seit vielen Jahren unter den Büchern von Autoren die zu mein en persönlichen Freunden gehören
Mf Gr

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