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Zum ersten Robert-Kraft-Symposium

Robert-Kraft-SymposiumZum ersten Robert-Kraft-Symposium

Im Oktober 2016 fand in Leipzig an der Nationalbibliothek ein erstes Symposium zum deutschen Abenteuerliteratur- und SF-Pionier Robert Kraft (1869-1916) statt. Ich war als Referent eingeladen. Ein tolles Treffen! Hier meine Eindrücke, nachdem sich alles etwas gesetzt hat.

Das ist schön bei den Deutschen: Keiner ist so verrückt, dass er nicht einen noch Verrückteren fände, der ihn versteht. - Heinrich Heine


Robert-Kraft-SymposiumI
Wenn ich jetzt, im Frühling 2017, an das erste (und hoffentlich nicht letzte) Robert-Kraft-Symposium in Leipzig im Oktober letzten Jahres zurückdenke, beherrschen mich zwei Affekte: Dankbarkeit und Reue. Dankbarkeit vor allem deswegen, weil ein Traum für mich in Erfüllung ging – ein ganzes Wochenende war einem meiner Lieblingsschriftsteller gewidmet, es gab mal keine hochgezogenen Augenbrauen, wenn ich mit andren Literaturenthusiasten über diesen seltsamen, hochbegabten und erfreulich verrückten Autor der Jahrhundertwende sprach. Es war ein kleiner aber feiner Kreis, der da zusammenkam, eigentlich nicht mehr Leute als in einem gewöhnlichen Fortbildungsseminar – und in gewisser Weise war es das ja auch, ein Kreis kluger, aufmerksamer Enthusiasten, die endlich einmal Gelegenheit fanden, sich über Kraft auszutauschen und Lücken in ihrem Wissen aufzufüllen.

Reue deswegen, weil ich bisher nicht viele Möglichkeiten hatte, aus dem Erlebten, aus den befruchtenden Begegnungen nun zuhause auch etwas annähernd gleichartig Befruchtendes zu machen, den Schwung des Treffens optimal zu nutzen. Der prosaische Alltag hat das poetische Wochenende längst eingeholt.  Aber vielleicht ist es auch schwer, inmitten anderer Verpflichtungen die Robert-Kraft-Fahne hochzuhalten, und mir geht es bestimmt nicht allein so. Ähnlich wie bei Treffen von Karl-May-Interessenten kommen hier ja keine hauptberuflichen Literatur-Wissenschaftler zusammen, sondern Menschen aus allen möglichen Berufszweigen, die neben ihrer Leidenschaft für Spannungsliteratur der wilhelminischen Ära einer Tätigkeit nachgehen, die mehr oder minder weit von Kraft entfernt ist – Comicladenbesitzer, Informatiker, Buchhändler, oder – in meinem Fall – Rundfunkjournalisten. Kontakte, die sich gut anließen, sind nun etwas versandet – da waren großartige Gespräche mit Arnulf Meifert, der an einem Buch über Kraft arbeitet, während des Symposiums ausgewählte Texte vortrug und sich auch sonst als Fundgrube für interessante und kontroverse Gedanken zum Thema erwies, da war Achim Schnurrer mit profundem Wissen zum Kraft-Umfeld, insbesondere zur Kolportage-Literatur. Mit beiden habe ich aufregende Gespräche geführt, leider ist das Ganze wieder etwas eingeschlafen.

Auch an den Vortrag von Dr. Karlheinz Steinmüller denke ich gern zurück, der mich wieder überflutet hat mit Details zum Roman „Die Nihilit-Expedition“ und den Einflüssen von Lost-Race-Romanen auf Kraft – ich bedaure, diesmal kein Aufnahmegerät dabeigehabt zu haben wie einst, als ich den immer mit interessanten Fakten um sich wirbelnden Karlheinz Steinmüller für ein Radiofeature über apokalyptische Literatur um 1900 in seinem Haus interviewt habe.
 
Robert-Kraft-SymposiumII.
Dass die Dinge nur zuweilen einschlafen, aber nicht sterben, haben wir dem unbestrittenen Kopf des Kraft-Comebacks zu verdanken: Thomas Braatz. Braatz zieht nicht nur unermüdlich Fäden, stellt Kontakte her, forscht nach neuen Kraft-Details, er ist auch der maßgebliche Kraft-Forscher der Jahrtausendwende. Das Symposium (von ihm organisiert), hat gezeigt, dass kein einziger Kraft-Fan an seiner zentralen Position, seinen Verdiensten den geringsten Zweifel hegt.

Braatz hat nicht nur in mühevoller Kleinarbeit mit dem (auch anwesenden) Wiener Sammler Walter Mayrhofer eine Robert-Kraft-Edition vorgelegt, die entlegene wichtige Texte zum ersten Mal in Buchform zugänglich macht (es handelt sich dabei vor allem um Zeitungsarbeiten und Fortsetzungsromane in Magazinen), er hat eine gewaltige Kraft-Bibliographie vorgelegt. Und die Präsentation der neuen dritten, sehr erweiterten Auflage der Bibliographie auf dem Symposium war ein wohlgewählter Moment, denn dieses 1000seitige Mammutwerk dürfte nicht nur das Braatz'sche Opus magnum sein, die Essenz seines Lebenswerks, sondern ein in der Zukunft unverzichtbares Arbeitsmittel zum Thema Robert Kraft. Und noch etwas anderes ist hier schön nachgezeichnet – die Wandlung vom dilettierenden Sammler zum bibliographischen Profi. Braatz betont in seiner Einleitung, dass er kein ausgebildeter Bibliograph sei – das müsste er nun nicht mehr; eine bescheidene Einschränkung hat sich zum gigantischen Understatement gewandelt.

Robert-Kraft-SymposiumDenn wenn das keine professionelle Bibliographie ist, dann ist mir noch keine untergekommen. Das voluminöse Werk kann glänzend neben vielen anderen großen Bibliographien bestehen, und nicht nur das, die Akribie und Liebe zum Detail, der (meist geglückte) Versuch, auch noch die entlegenste Kraft-Übersetzung hier mit einfließen zu lassen, der große chronologische Bogen des Werks, die unendlich vielen Bilder – all das macht dieses Werk zu einem Highlight der bibliographischen Literatur schlechthin, durchaus vergleichbar mit Pionierwerken wie Bleymehls „Beiträge zur Geschichte und Bibliographie der utopischen Literatur“ oder Francis Hannigans „The standard index of short stories 1900-1933“. Chapeau!

Die Präsentation der neuen großen Bibliographie war nicht die einzige Sensation auf dem Plenum, vielleicht ebenso aufregend war Thomas Braatz' Ankündigung, den lange verschollenen autobiographisch geprägten Roman „Erlebnisse eines dreizehnjährigen Knaben“ edieren zu können und zu wollen – das einzig erhaltene Exemplar befand sich jahrzehntelang in der Hand eines Sammlers, der nicht bereit war, Kopien davon erstellen zu lassen. Nun sind sie also doch da. Der Roman verspricht Aufschluss über wichtige Aspekte in Krafts Biographie und schließt eine, wenn nicht sogar die entscheidende Lücke in seinem Werk. Es ist keine Übertreibung zu sagen: Ohne Thomas Braatz wäre die heutige Beschäftigung mit Robert Kraft in diesem Umfang und der Breite, wie sie nun allmählich einsetzt, nicht möglich.

Robert-Kraft-SymposiumIII.
Aber – und das war eine zentrale, wenn auch unausgesprochene Frage auf dem Symposium, die uns alle beschäftigte – ist Robert Kraft diese Mühe, diese Neugierde und die viele Energie eigentlich wert? Und wenn, ja, was macht seine Faszination aus?

Man verzeihe mir, wenn ich hier in diesem Resümee nicht so sehr auf die äußeren Abläufe des Symposiums eingehe – das haben schon andre getan –, sondern mich diesen entscheidenden Fragen beschäftige. Dieser wichtige Aspekt des Treffens begann gerade in der Abschlussdiskussion auf fruchtbaren Boden zu fallen, als aus organisatorischen Gründen die Debatte beendet werden musste.
Dreierlei wurde für mich jedenfalls sehr deutlich:

  • 1. Der Autor Robert Kraft und sein Werk ist noch weitaus vielschichtiger und faszinierender, als lange angenommen, es konnten die wichtigsten Aspekte bezüglich Stil, Philosophie, „Plotting“, psychologisch/analytischer Relevanz seiner Mythen, Topoi und traumähnlichen Bilder zwar angerissen, aber nicht vertieft werden.
  • 2. Wir wissen immer noch zu wenig über das Robert Kraft umgebende /trivialliterarische Umfeld und dessen Gattungsgesetze
  • 3. Alle bisherige Kraft-Forschung ist nur rezeptiv gewesen und (noch) nicht analytisch. Das heißt, noch sammeln wir vorrangig Fakten, eine Interpretation des Gesammelten gibt es noch nicht einmal ansatzweise.

Soll heißen: wir stehen erst ganz am Anfang, und wir haben bisher erst für Grundvoraussetzungen gesorgt, um sich ernsthaft mit dem Phänomen Kraft auseinanderzusetzen. Vielleicht kann unsere Generation ohnehin erst diesen Grundstein legen, und späterer Forschung ist es überlassen, Schlüsse zu ziehen. Die Schwierigkeit besteht darin, das so lange vergessene Werk überhaupt einzuordnen. Die sträflich vernachlässigte Erforschung der deutschen Unterhaltungsliteratur, insbesondere Kolportage-, Zeitungs- und Heftroman fordert jetzt ihren Tribut. Arrogante Ignoranz macht Deutschland zu einem Schwellenland, was die offene und vorurteilsfreie Auseinandersetzung mit dieser Literatur angeht. Geradezu fassungslos registriert man, dass man vor noch 60 Jahren in beiden deutschen Staaten auf Schulhöfen verbrannte, was in anderen Ländern wie den USA allmählich Gegenstand ernsthafter Forschung wurde. Eine Ausnahme bildet die Erforschung und Analyse des Werks von Karl May – die durchaus als Vorbild für eine mögliche kritische Robert-Kraft-Rezeption und -Diskussion werden könnten.

Denn es gibt hier durchaus Parallelen zur Hilflosigkeit der May-Rezeption in ihren Anfängen. So wurden etwa bei der Wiederveröffentlichung des Kolportageromans „Das Waldröschen“ in der Debatte um den Roman Aspekte diskutiert, die eigentlich gar nicht zu Mays eigenen Mechanismen des Schreibens gehörten, sondern zur obligatorischen Form der Gattung Kolportage. Das lag daran, dass man weitere Exemplare dieser Gattung nicht kannte. Man stelle sich das vor – nach 300 Jahren entdeckt man Wagners Lohengrin, und da alle anderen Opern vergessen sind, lobt man Wagner für den schönen Einfall, dem Werk ein Vorspiel voranzustellen, und tadelt ihn dafür, dass er das Ding in drei Teile aufgeteilt hat. Das würde natürlich an einer seriösen Bewertung der Oper weit vorbeischießen, denn Vorspiele und Aktaufteilung sind Gattungskonventionen und gehen nicht aufs Konto Wagners. Ebenso klar ist: Man kann Mays Kolportageromane nicht angemessen bewerten, wenn man keine anderen Kolportageromane außer seinen kennt, weil es so logischerweise schlichtweg unmöglich ist, Gattungskonvention von originärer Idee zu unterschieden.

Schon in dieser Hinsicht ist die Entdeckung der Kraftschen Kolportageromane  ein Segen – im Vergleich können wir Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu denen Mays feststellen. Aber im Grunde sind wir bis heute peinlich im Rückstand mit dem Breiten-Wissen um die Kolportageliteratur; wir können immer nicht befriedigend beantworten, wieviel an Krafts Werk wirklich originär ist und wieviel auf Kosten der Gattungskonvention geht. Dafür gibt es einfach zu wenig veröffentlichte Kolportageromane – sie stehen, wenn überhaupt, wohlbehütet bei Sammlern und werden nicht gelesen. Wir ahnen, dass Kraft sich auszeichnet durch besondere Originalität, aber es ist dringend notwendig, sie zu vergleichen mit Werken von Freitag, Mylius, Storch, von Fels und vielen anderen einst extrem populären Autoren deutscher Kolportageliteratur. Das wurde (für mich zumindest) auch deutlich im Vortrag und den Diskussionen mit Prof. Christoph E. Lorenz, einem exzellenten Kenner beider Autoren May/Kraft und immerhin doch einiger entlegenerer Kolportagewerke. 

Robert-Kraft-SymposiumIV
Doch auch ohne dieses Wissen ist klar, dass es sich bei Kraft um einen einzigartigen und erstaunlich individuellen Autor handelt. Wir wissen es, weil es genügt, ein paar Seiten von ihm zu lesen, um diese Erfahrung zu machen. Wie schrieb der große Fantasy-Autor Abraham Merritt einst so treffend: „It does not take a gallery of his pictures to make one realize that Raphael, for example, was a master. One picture is enough.“

Ein Bild reicht. Krafts Erzählstruktur ist ¬– egal in welchem Buch – fesselnd und verwirrend zugleich. Er bereitet Plots vor, die er dann oft zugunsten neuer Fäden wieder fallen lässt. Das könnte eine fast postmoderne Art zu schreiben sein, aber genau so auch ein typischer Schwachpunkt all dieser Riesenromane der Kolportageform, und solange wir darüber nichts Genaueres wissen, wäre ich vorsichtig mit Zuschreibungen zum Personalstil. Viel wichtiger ist Krafts seltene Fähigkeit, direkt ohne Umwege die Mechanismen des ES, des mythischen Unbewussten abzubilden und es dem Leser als großes Abenteuer vor- und anzutragen.

Ich kenne nur einen einzigen Autor des 20. Jahrhunderts, der etwas Ähnliches so beängstigend perfekt vermochte – Richard S. Shaver, der in den 40er Jahren in den USA mit seinen SF-Stories für Furore sorgte und heute vehement als Künstler ignoriert oder verunglimpft wird.

Interessant ist in beider Werk der zunächst riesige Massenerfolg und das darauffolgende Vergessen, die fast manische Faszination der Autoren durch das Unterirdische und die Trance als Inspirationsquelle des Schreibens. Shaver mag sich in vielem eklatant von Kraft unterschieden, vor allem dadurch, dass Krafts Werk sicher auch pathologische Züge trägt, aber längst nicht in dem Ausmaß wie Shavers stark paranoid-schizophrenes Weltbild. Interessant sind allerdings die Rezeptionsparallelen. In beiden Fällen vermute ich eher ein aktives Verdrängen als ein passives Vergessen, so als hätten beide das kollektive Unbewusste zu tief angebohrt und würden nun nach einer triumphalen Erfolgsphase ängstlich gemieden – als ob die Lesermasse sich nach einer fast obszön devoten Verehrung eines zügellosen narrativen Wunders schamvoll abwendet. Aber gerade dieses heute skeptisch betrachtete, unreflektive, rauschhafte Freilegen unbewusster Topoi, Symbole und Ängste bei Kraft und Shaver machen ihr Werk so faszinierend und lohnen die intensive Forschung.

Robert-Kraft-SymposiumKrafts Werk erscheint heute wie ein Ozeaneum des Unbewussten, wir wandeln vorbei an großen durchsichtigen Scheiben und sehen in ausgeleuchteten Aquarien die Wunder, Monster und filigranen Wesen leibhaftig und dreidimensional, von denen wir bei Freud und Jung nur trocken und theoretisch gelesen haben. Kraft lesen heißt, das Panoptikum des ES mit allen Schönheiten und Schrecknissen nicht ausgestopft, sondern lebendig zu sehen – mit nur einer gefährlich dünnen Scheibe zwischen uns und dem Anderen, das sonst tief vergraben ist.

Wir entdecken da tief verwurzelte Bezüge zum Traum, zum Märchen, zum Mythos, zur Neurose. Ja, Kraft könnte sich als das noch spannendere Projekt erweisen, denn während Shaver oft die Kooperation suchte und seine Geschichten nicht selten von zweiten Autoren überarbeitet wurden, haben wir (abgesehen von redaktionellen Eingriffen) einen recht unverstellten Zugang zu Kraft, einem der ganz großen Trance-Schreiber und Tagträumer der phantastischen Literatur, der dazu noch – anders als Shaver – über ein fast enzyklopädisches Wissen verfügte. Kraft ist, weil ein extrem populärer Autor der Kaiserzeit, auch zugleich ein Brennspiegel der Epoche, denn er fängt Ängste, Großmannssucht, technische Wundergläubigkeit, Fernweh und Abenteuerlust in einer widersprüchlichen und packenden Weise ein, die ihn neben Karl May zum großen Exponenten des Zeitgeistes macht, ja zum Teil zum unverstellten Sprachrohr des Wilhelminismus selbst. Durchgeknallter, packender, schillernder und stilistisch brillanter lässt sich die Epoche trivialliterarisch kaum einfangen als in Krafts erratischer und doch gleichzeitig so vorwärtsdrängender, auftrumpfender Prosa.

Wie gut er schreibt, und wie leicht und unterhaltend dies von einem inspirierten Vorleser und qualifizierten Interpreten vermittelt werden kann, erwies sich vor dem kleinen Kreis des Symposiums in Leipzig. Etliche wesentliche Erkenntnisse bietet der attraktive Begleitband. 

PS: Wem das alles zu schwurbelig ist, eine konkrete Besprechung des Romans „Loke Klingsor“ gibt es im Zauberspiegel.

Kommentare  

#1 Hermes 2017-03-20 13:13
Zitat:
Aber im Grunde sind wir bis heute peinlich im Rückstand mit dem Breiten-Wissen um die Kolportageliteratur;
Da sieht es anscheinend ähnlich aus wie bei den sogenannten "Schaquerromanen"; einst eine Mainstream-Publikationsform, dann geächtet und größtenteils vergessen.
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