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Zwei Seelen, ach, wohnen in meiner Brust...

Zauberwort - Der Lei(d)artikelHorst und Hermann von Allwörden
Zwei Seelen, ach, wohnen in meiner Brust

Horst von Allwörden

Horst: Das Romanheft darf nicht sterben und wird es auch nicht. Es ist ein Stück deutscher Nachkriegsgebrauchskultur, ein Symbol des Wirtschaftswunders und des Wiederaufbaus. So viele Jugendliche sind damit aufgewachsen, haben die Schicksale von Ärzten, Cowboys, G-men, Bergbauern, Geisterjägern, Gräfinnen und Weltraumhelden durchlebt. Sie rannten auf den Spuren Jerry Cottons durch New York, nahmen mit Lassiter an Weidekriegen teil, segelten mit Piraten, erforschten  mit Perry Rhodan ferne Sterne oder stiegen mit Larry Brent oder John Sinclair hinab in dunkle Grüfte, folgten Macabros und Mythor in die Welten der Phantasie.


Sie sind ein originärer Ausdruck deutscher Populärkultur und sollten als solcher auch behandelt werden, nicht als Wirtschaftsgut. Zudem sind sie immer noch eine preiswerte Alternative zu überteuerten Taschenbüchern und Hardcovern und liefern in den meisten Fällen genau das, was sie liefern sollen: Ein bis zwei Stunden netter Unterhaltung.Aber eigentlich könnten sie noch mehr!

Die Verlage scheuen davor zurück, sich wirklich innovativ mit dem Thema zu befassen. Da liegt ein ganzer Markt brach. Sowohl Miniserien und andere Themen als die bisherigen gilt es aufzugreifen. Das würde das Heft wieder nach vorn bringen.

Einzig und allein den Verlagen und den Händlern ist es geschuldet, dass das Romanheft nicht mehr angemessen präsentiert und verkauft wird. Jede Innovation wird von den Verlagen, die nur alten Mustern folgen, erstickt. Die Kioske und Zeitschriftenhändler verbannen die Hefte in die hinterste Ecke. Da muss sich doch kein Interessierter wundern, wenn die Dinger nicht mehr verkauft werden. Man sehe sich doch nur das Bastei Forum an. Da melden sich Leser zu Wort, die das Romanheft lieben und die deutlich zeigen: Da ist ein Markt. Auch der Erfolg der Romantruhe und anderer Kleinverleger macht klar: Der Unterhaltungsroman nach dem Muster des Hefts ist nicht tot. Es fehlt nur das innovative Konzept. 

Hermann von Allwörden

Hermann: Das Romanheft hat sein Schuldigkeit getan, das Romanheft kann gehen. Heftromane haben ihre Zeit gehabt. Es war die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. In den Nachkriegswirren und den harten Jahren des Aufbaus, den ersten Jahren des Wirtschaftswunders lieferten Liebesromane eine bessere Welt für die Frau und der Mann konnte sich mit Südstaatlern identifizieren, die ebenfalls einen Krieg verloren hatten (aber der war weit weg und somit viel romantischer).

Die G-men kamen dann hinzu, die die Sehnsucht nach einem besseren Land befriedigten und das Bild eines besseren Amerika lieferten und das Streben nach fernen Sternen wurde von den Eroberern des Weltalls bedient. Die letzte Erfolgsstory des Romanheftes waren dann die Grusel- bzw. Horrorromane. Das war es dann auch. Seit den achtziger Jahren (mglw. auch schon früher) hat das Sterben eingesetzt.

Diese romantischen Thesen über falsche Präsentation und innovative Konzepte und Ideen sind Mumpitz, die nicht von Lesern, sondern von Sammlern und Fans vorgetragen werden, die sich für eine Elite unter den Lesern halten. Aber die Leserschaft schweigt und stimmt per Kaufenthaltung ab. Das nun schon seit mindestens zwei Jahrzehnten.

Wie viele sind es denn, die da im Bastei-Forum die Zukunft für das Heft herbeireden wollen. 10, 15, 20 Leute? Kaum repräsentativ für die Masse der Leser und die schwindende Zahl an Verkaufsstellen, an Serien und Auflagen. Das zeigt doch nur, die Herrschaften schauen an der Realität vorbei. In dem Dorf, wo ich aufwuchs, gibt es mittlerweile keine aktuellen Heftromane mehr zu kaufen (lediglich ein paar Sammelbände fristen in den örtlichen Supermärkten ein tristes Dasein). In den siebziger Jahren gab es noch drei Verkaufsstellen mit übervollen Displays (wie es Neudeutsch heißt).

Ich kann gar nicht oft genug Werner Fuchs zitieren, der zu uns sagte – du wirst Dich erinnern: "Wissen Sie eigentlich wie unwirtschaftlich diese Dinger sind?"

 Das ist es. Verlage sind keine Sozialämter, die ein paar versprengte Romantiker mit einem Dinosaurier unter den Publikationsformen versorgen sollen, sondern gewinnorientierte Unternehmen. Auch der Zeitschriftenhändler muss Geld verdienen. Der Heftroman stand doch immer vorne im Laden, war gut und auffällig präsentiert, bis der Leser sie nicht mehr käuflich erwarb, sondern stattdessen andere Arten fand sich zu amüsieren, als Romanhefte zu goutieren.Das Romanheft ist ein Relikt aus Zeiten, da es noch einen Sendeschluss und keine 24-Stunden-Dauerberieselung per TV gab. Das Romanheft entstammt der Prä-Play-Station- bzw. Prä-PC-Zeit, als noch nicht mit dem Joystick Welten erobert oder per Ego-Shooter Terroristen und Monstren erlegt wurden. Das Romanheft gab es schon, als Homevideo, DVD und das Herunterladen von Filmen aus dem Internet noch Science Fiction war.

Eine DVD kostet oft nur 50 ct. am Tag, wenn ich sie leihe. Aber es gibt auch schon Kauf-DVD unter 5,- €. Mit diesen gewaltigen Bilderwelten kann das Heft kaum wetteifern.  Im Zweifel zappt man sich durchs TV und findet dann da etwas.

Und welche neuen bzw. sogar Tabu-Themen kann das Heft noch aufgreifen, die in Film und Fernsehen nicht schon ausführlichst behandelt wurden. AIDS, Homosexualität, Sex, Gewalt etc. – Alles Themen für Daily Soaps und Tele Novelas, Gerichts- und Talk-Shows und herkömmliche TV-Serien. Schon 1985/86 wurde in der "Schwarzwaldklinik" mit dem just verstorbenen Klaus Jürgen Wussow vergewaltigt (allerdings von Diskussionen und Konsequenzen begleitet, denn die Folge wurde geschnitten). Welche neuen Themen hat denn das Heft noch?

Und Miniserien wurden oft erst in der Zweitauswertung im Taschenbuch kommerziell interessant. Da begannen sie sich zu rechnen. Es gibt doch nichts, was nichts schon ausprobiert wurde. Zu kommerziellen Glanzzeiten des Romanhefts haben Verlag doch auch abwegige bzw. alternative Konzepte (zum Beispiel mit Occu, den Joker Boys und als Kurzgeschichtenmagazine) probiert und sind damit gescheitert. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass ausgerechnet in der Phase des Niedergangs solche Experimente wesentlich erfolgreicher laufen.Begraben will ich das Heft, nicht es preisen ...

Horst von Allwörden

Horst: Unken wie DU waren es, die das Sterben des Heftes herbei geschrieben haben, behauptete auch Werner Kurt Giesa in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Es gibt ein Bedürfnis nach  Unterhaltung. Es gibt ein Bedürfnis nach den – im besten Sinne – trivialen Welten. Das kann man nicht außer Acht lassen. Und der Mensch an sich (der Jugendliche zumal) verlässt das Haus ja auch mal ganz gern. Da braucht er was zu lesen. Hefte sind da ein ausgezeichneter Stoff, um schnell konsumiert zu werden.

Und auch der Erfolg der Kleinverlage zeigt deutlich: Die Stoffe des Heftes sind nicht tot, sondern eher das Gegenteil: Quicklebendig.

Daraus muss sich doch was machen lassen. Da bedarf es nur Werbung, um das Heft aus der Krise zu holen, weil ja das Interesse an trivialer Unterhaltung ungebrochen ist.

Außerdem gibt es in den Verlagen Redakteure (namentlich insbesondere Michael "MadMike" Schönenbröcher und Klaus N. Frick), die mit hohem persönlichen Einsatz, ihre Serien betreuen. Das würden die doch nicht tun, wenn es sinnlos wäre und bar jeder Vernunft, weil es ohnehin ein Kampf auf verlorenem Posten ist. Sie wollen die Substanz wecken, die noch in dieser Publikationsform steckt. Mehr Verkäufe, mehr Gewinne eben.

Sie sind die letzten Charakterköpfe in den Redaktionsriegen. Früher gab es Typen wie Kurt Bernhardt, der Perry Rhodan und den Dämonenkiller zum Erfolg führte und Karl Wasser, der legendäre Western-Mann bei Bastei, um nur zwei zu nennen. Das fehlt heute. Leute, die Marktlücken erkennen, sie nutzen und dann die entsprechende Reihe oder Serie zu liefern.

Da liegen doch Chancen und gerade wenn das Fernsehen in seinen Angeboten derartige Themen aufgreift, kann das Heft das doch auch. Hat doch Jahrzehnte lang funktioniert, dass das Heft für sich Erfolgsstories adaptiert und zum Erfolg führt. Gerade die Tabus, die von anderen Medien (sei es Funk, Film, Hardcover oder Fernsehen) gebrochen wurden, fanden dann doch im Heft ihre Heimat. Populäres wurde ausgeschlachtet und lief.

 Diese Chancen muss man nur erkennen und nutzen. Wo sind die Verlage, die diese Steilvorlagen nutzen und aufgreifen?

Hermann von Allwörden

Hermann: Ich brauchte nicht zu unken. Das Heft verliert an Popularität. Lang ist es her, seit der Spiegel eine Titelgeschichte über die 'heimlichen Bestseller' brachte. Diese Zeiten sind vorbei.

Und ja, es gibt in Bedürfnis nach dem Trivialen, der seichten Unterhaltung. An sich nichts Schlechtes. Aber man braucht heute zur Befriedigung dieses Bedürfnisses nicht mehr lesen. Das TV-Gerät reicht aus.  

Geh doch mal in Schulklassen. Du warst doch in den 90igern dabei, als wir für und mit Ludewig in Drochtersen das Thema Romanheft durchgingen. Von Jahr zu Jahr wurde es weniger, die sich noch dem Abenteuer Lesen hingegeben haben, die Bilder in ihrem Kopf entstehen ließen. Zuletzt war es nur noch ein Mädchen und ihre Favoritenzeitschrift war "Wendy". Erinnere Dich an den Jungen, der es nicht geschafft hat, die Rota-Seite eines Orion-Romans zu Ende zu lesen, weil es ihm nicht gelang die Abkürzung "BSA" (=Bordsprechanlage) aus dem Text heraus zu entschlüsseln. Erinnere Dich an den Jungen, der sagte, er brauche keine Phantasie, er werde ja Klempner.

Das sollten die Heftromanleser sein, die vielbeschworene neue Generation, die alle paar Jahre die alte ablöst. Nur der lesende Anteil an diesen neuen Generationen wird immer kleiner. Die gucken inzwischen DVD und TV und daddeln an Konsolen rum. Die lesen nicht mehr, wenn sie Unterhaltung suchen.

 Du bist doch dabei, wenn wir Zug fahren. Was lesen denn die Leute? Zeitungen, Taschenbücher, aber nur noch ganz wenige Romanhefte. Tatort Bahnhofsbuchhandlung Stade. In den Achtzigern legten dort Zweidutzend Leute ihre Hefte zurück (und meist mehr als eine Serie). In diesem Jahr sind es noch vier (3 Perry Rhodan-, 1 John Sinclair-Leser).

Und dann gibt es da ja noch Hörbücher und –spiele. Dieser Markt boomt. Ohne Ende. Teilweise dreistellige Zuwachsraten. Aber das hat kaum Auswirkungen aufs Heft. Die Kleinverlage hingegen sind eine Art Refugium, eine Nische. Falls es Dir aufgefallen ist, diese kleinen Verlage publizieren die Genres, wo sich am meisten Fans und Sammler organisiert haben (das sind Horror, Fantasy und SF). Gerade auch der Horror ist auf dem Rückzug (nicht nur im Heft). Er droht als Literatur zum Mauerblümchengenre zu verkommen, während er zugleich in Film, Fernsehen und auf Konsolen sowie dem PC boomt (sic!).

Auch ein Kurt Bernhardt könnte heute nichts aus dem Hut zaubern, was auch nur annährend so erfolgreich und langlebig wäre wie Perry Rhodan. Da ist nichts zu machen. Meine Hochachtung vor dem persönlichen Engagement der Herrn Schönenbröcher und Frick. Aber das ändert nichts an der Gesamtsituation und die sieht fürs Heft bescheiden (um mal den Ausdruck aus dem Bereich Fäkal zu meiden) aus.

 Und mit der Adaption von Erfolgsrezepten? Nun ja. Früher gab es zu wenig. Heute adaptieren die TV-Netzwerke ihre eigenen Erfolgskonzepte und die der Konkurrenz. Wozu brauchen wir dann noch das Heft? Nee, Horst. Begreif es. Das Heft ist tot.Begraben will ich das Heft, nicht es preisen.

 

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