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Theater bei Ren Dhark - »Schlomos« sechsundzwanzigste Kolumne

Ren Dhark & das Weltall Theater bei Ren Dhark
»Schlomos« sechsundzwanzigste Kolumne

Achtung! Diese Kolumne enthält Spoiler zu Unitall 34: »Willkommen im Dagmeer!«.

Als ich den Roman im Juni lesen wollte, war ich extrem im Stress, wollte eigentlich etwas Entspannendes, Lustiges, eben eine Geschichte, wie ich sie von Andreas Zwengel kannte. Mit Piraten und so weiter...


Willkommen im Dagmeer!Aber ich bekam mit dem Dagmeer etwas ganz anderes. Ich fand die ersten Seiten ausgesprochen uninteressant, sogar irgendwie langweilig, und spielte bereits mit dem Gedanken, das Buch weg zu legen, zum Stapel von Zeug, das ich sicher nie lesen werde. Wäre der erste Ren Dhark Band mit diesem Schicksal.

Zum Glück war ich an dem Abend bereits ausgesprochen müde und entschlussunfreudig, so dass ich einen unbedeutenden Sektor meines Gehirns weiter lesen ließ, ohne dem Text besonders viel Aufmerksamkeit zu schenken. Und dann: Nach ein paar weiteren Seiten merkte ich, wie die Spannung irgendwie – ohne dass ich es näher definieren konnte – ganz langsam leicht, aber kontinuierlich anstieg. Und als schließlich im vierten Kapitel, auf Seite 37 oben, das Wort “Kulturverweigerer” auftauchte, war ich mit einem Schlag hell wach! Andreas Zwengel wusste ganz genau, was bei mir, beim Leser vorging. Er hatte die ganzen Seiten lang mit mir gespielt...

Tatsächlich hätte ich nie einen Roman gelesen, der in einem Theater spielt. Das musste schon mindestens ein Ren Dhark Band sein, damit ich mich durch so etwas “durchzuquälen” bereit war. Nur: Von “quälen” konnte keine Rede mehr sein. Jetzt steckte ich in der Geschichte drin, konnte nicht mehr aufhören weiter zu lesen, bevor ich wusste, was da wirklich los war. Zuerst, also im ersten Kapitel, wollte ich wissen, was es mit den Daten auf dem Stick auf sich hatte, den Eylers von einem Mitarbeiter der Funküberwachung aufgenötigt bekommen hatte. Nur so richtig Interesse geweckt hatte es bei mir nicht. Das kam erst jetzt. Also in der Geschichte auf dem Stick, die ich offensichtlich gerade las.

Ihr merkt vielleicht, ich schreibe im Nachhinein über den Roman, hab den Text, den ich während des Lesens in die Tastatur gehackt hatte, komplett so wie er war in den Mülleimer geschoben. Der wurde dem Roman nicht gerecht. Gut, die Einbindung in das Ren Dhark Universum halte ich nach wie vor für nicht besonders glücklich gewählt, weshalb die Geschichte – nein, nur das erste Kapitel und der Epilog – sicher nie zu meinen Lieblingsstorries zählen werden. Das sind praktisch nur die Klammern zwischen denen der eigentliche Roman steht. Aber diese Geschichte in der Geschichte! Genial! Andreas! Hättest du daraus nur einen eigenständigen Roman gemacht..

Ich analysier und spekulier ja bekanntlich tierisch gerne, so auch in diesem Fall. Wie es wohl zu dieser sonderbaren Kombination von schwacher Anbindung an das Ren Dhark Universum und einer derart starken Story gekommen sein? Ich stell mir ein Treffen von Andreas und Ben vor:

Andreas: “Hallo Ben. Ich hätte da eine coole Geschichte, die ich gerne in einem Unitall Band verwursten möchte,”
Ben: “Kein Problem. Nina, Jan und Achim haben das auch schon gemacht. Sehr erfolgreich sogar. Die Geschichte muss nur irgendwie mit Ren Dhark verknüpft sein.”
Andreas: “Gebongt. Gibt`s bei Ren Dhark eigentlich irgendwo ein Theater?”
Ben: “Keine Ahnung. Wenn ja, dann muss es schon sehr abgelegen liegen.”
Andreas: “Hm, ok. Vielleicht bei den Tefrodern in Andromeda?”
Ben: “Die heißen bei uns Salter. Denen ist alles zuzutrauen. Sogar Kultur.”
Beide lachen
Ben: “In der Geschichte müssen natürlich auch ein paar Ren Dhark typische Stilelemente vorkommen.”
Andreas: “Reichen ein paar Modellringraumer?”
Ben: “Logo.”
Andreas: “Ok. Bis wann?”
Ben: “Na, wie immer: Jetzt gleich und zwar sofort.”
Andreas: “Gebongt.”

Ja, und vier Wochen später lag das Manuskript beim Verlag. Leider blieb da keine Zeit mehr für das Lektorat, aber was soll`s?

(Ich mag solche Dialoge, speziell weil ich stark annehme, dass es ganz exakt genau so abgelaufen ist.)

Die Stilelemente wirken schon ein wenig wie nachträglich hinein gebastelt, ebenso die Erwähnung von Ren Dhark. Gut gepasst hat dagegen das Geheime Imperium, die Datei des Wahnsinns und dergleichen.

Bei der Theater Geschichte selbst lief bei mir im Kopfkino öfters mal Klaus Kinski durch das Bild, das Theater schwamm auf dem Amazonas und die angeworben Schauspieler waren unter anderem Alec Baldwin, hier “Baldwinner”, aber bei ein paar der übrigen war ich mir nicht sicher, ob und wenn ja wer das reale Vorbild sein könnte. Wirkte alles ungemein passend. Irgendwie hatte die Raumstation mit dem Theater etwas von Babylon 5, aber auch vom Satellitoid aus Solaris.

Und damit sind wir beim entscheidenden Stichwort: Polaris. Von dort kommt der “Pilz”, der eigentlich ein Myxomyzet sein müsste, aber dann hätte der Schlussgag mit der Pilzsuppe nicht geklappt. Hatte mich beim Lesen schon gewundert, wieso ein Planet in Andromeda wie unser Polarstern heißt. Aber gegen Ende der Geschichte war das ein Megaahaeffekt! Echt cool! Auf so etwa steh ich total! Vor allem, da ich ja bekanntlich ein alter Solaris Fan bin. Hatte sogar mal meine Schwester ins Kino eingeladen, Solaris anschauen, weil sich alle anderen geweigert hatten, mitzukommen. Was meine Schwester aber nicht wusste. Und was sie ebenfalls nicht wusste: der Film war auf Russisch... (Weshalb sie mich anschließend fast gelyncht hätte. Speziell, weil der Film im Hochsommer lief, die Klimaanlage im Cinema dagegen nicht. Hm.)

Was mich neben den Star Wars Sequenzen (der Milenium Falke heißt hier GRAVITY`S RAINBOW aber am meisten begeistert hat (von der szenischen Darstellung) waren die Zitate vom Ding aus einer anderen Welt, allerdings aus der Neuverfilmung. Genial umgesetzt! Großes Kopfkino! Alleine schon deshalb könnte man den Roman verfilmen. (Dafür würd sogar ich mal wieder ins Kino gehen...)

Dann muss ich noch etwas zur Idee hinter der Geschichte schreiben: Es geht vordergründig – wenn man zu Ende gelesen hat, nicht vorher – um Rache wegen eines Holocausts, der von kapitalistischen Mächten an Wehrlosen begangen wurde. Also etwas, das wir aus der “menschlichen” Geschichte nur zu gut kennen. Aber auch um Verzeihen, um Freundschaft, Loyalität, einfach um das ganze Spektrum...

Zur Struktur der Geschichte: Es fängt ganz müde, für mich fast einschläfernd langweilig an, steigert sich dann linear zum absoluten Nägelkauer, bei dem man fast nicht erwarten kann, die nächste Seite zu lesen. Hab das Buch – obwohl ich vorher echt geschafft war – ohne Pause inhaliert. Andreas Zwengel spielt dabei mit seinen Lesern. Jedes mal, wenn ich mich fragte, was soll das denn jetzt, kam kurz danach die Erklärung. Show – dont tell. Und es war jedes mal ein “Aha! Natürlich!” Stirnklatscher. Andeas wusste beim Schreiben offensichtlich ganz genau, was in den Lesern vorgehen wird.

Ich muss ehrlich sagen: Da war ein Könner am Werk!

Nur gut, dass ich nach den ersten Seiten nicht aufgehört hab. Aber irgendwie wollte ich wissen, was auf dem Stick stand. Und dann wollte ich wissen, was – hm, was soll`s. So ging es Schritt für Schritt weiter. Zuerst waren es nur Kleinigkeiten, dann entscheidendere Dinge und irgend wann lief mein Spekulierganglion auf Hochtouren, und ich musste einfach wissen, ob meine Vermutungen zutreffen. Aber bevor ich jetzt wieder mal zum Jubelperser werde (P.S.: Mein Onkel aus Persien ist tot. Seufz.) - lest es einfach selbst!

Schalom,
Schlomo

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