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Die Zukunft der Zukunft - »Schlomos« fünfundzwanzigste Kolumne

Ren Dhark & das Weltall Die Zukunft der Zukunft
»Schlomos« fünfundzwanzigste Kolumne

Achtung! Diese Kolumne enthält Spoiler zu Ren Dhark Band 628 “Kosmodrom”, erschienen im April 2104.

Wie sieht die Zukunft von Ren Dhark aus? Bestens, wenn man Professor Riedlhauser aus dem Nerd Universum Glauben schenken will. Die Ren Dhark Serie überlebt dort sogar die Evakuierung der Restmenschheit von der durch die Klimakatastrophe verwüsteten Erde.


KosmodromRiedlhauser – natürlich ein alter Ren Dhark Fan – besucht im Jahr 2137 auf dem Planeten Rabaul ein RD Fantreffen. Was er dort erlebt findet man in “Professor Riedlhausers Vorlesungen”, einem Roman, der weder fertig noch gar schon veröffentlicht ist. Aber zumindest das eine kurze Kapitel könnt ihr hier – exklusiv im Zauberspiegel  - in meiner Jubiläumskolumne (es ist die 25.! YEAH!) lesen.

So. Hier beginnt der Auszug aus “Professor Riedlhausers Vorlesungen”:
(Die Nummerierungen des Kapitels und seiner Unterkapitel hab ich entfernt, dafür das Vorwort ein wenig ergänzt. Das sind die paar Zeilen in kursiv am Anfang.)

Das Ren Dhark Fan Treffen 2137 auf Rabaul
Professor Riedlhauser lebt seit einigen Jahren in Neumünchen auf dem Planeten Rabaul, 98 Lichtjahre von der Erde entfernt. Der Planet wurde gegen Ende des einundzwanzigsten Jahrhundert entdeckt und musste nur geringfügig terraformiert werden, um für Menschen bewohnbar zu sein. Am Anfang des 22. Jahrhunderts wanderte ein Großteil der Restmenschheit von der durch die Klimakatastrophe verwüsteten Erde aus und siedelte sich auf Rabaul an.
Inzwischen haben die Bewohner ihre Zivilisation stabil aufgebaut, die jüngeren kennen die Erde nur aus Filmen, Büchern und Erzählungen. Das Leben hat sich normalisiert, in Neumünchen, kurz “En-Em”, herrscht nach wie vor Aufbruchstimmung, was auch in der Literatur deutlich zu spüren ist. Die beiden großen Science Fiction Serien, Ren Dhark und Perry Rhodan haben ihre Stammsitze in En-Em, es findet ein reges Fanleben mit Cons und Fantreffen statt.

Früher morgen, diesmal ohne dem berühmten Grave-Grauen, das solche Morgen gelegentlich zeigen, wenn sie grauten. Aber dazu war es bereits zu spät, denn die Sonne stand längst hoch am Himmel und leuchtete durch das Ostfenster in Riedlhausers Ess-Wohnzimmer-Küche. In der Hand hielt er den neuesten Band der Ren Dhark Serie, neben ihm lagen weitere Bücher mit schwarzem Einband und rundem Titelbild auf dem Boden. Der Professor sah zum Picknickkorb, gab ein schmatzendes Geräusch mit den Lippen ab, was der Korb schon kannte. Weshalb er aufstand und zu Riedlhauser hin tippelte.
“Die Bücher müssen mit. Will ich signieren lassen.” Worauf der Picknickkorb seinen vorderen Deckel hoch klappe und der Professor die Bücher in ihn hinein stapelte.

„Was ist das für ein Lärm?” Elfriede, Riedlhausers Dauerlebensabschnittsgefährtin – enger wollten sich die beiden nicht binden – streckte ihren Kopf zur halb geöffneten Schlafzimmertür heraus. Ihr explodierter Wischmop, so die hochoffizielle Bezeichnung für ihre Rothaar Frisur, sah unmittelbar nach dem Aufstehen noch ein wenig verwuschelter aus als tagsüber. Was auch daran liegen mochte, so mutmaßte der Professor im Gedanken, dass `Aufstehen` und `Aufwachen` keine sich gegenseitig begründende Kausalkette eröffneten, oder einfacher ausgedrückt, beides konnte in beliebiger Reihenfolge auftreten. Bei Elfriede in der eben vermuteten.
“Heute ist das Fantreffen in Noy! Wir müssen noch packen, in knapp zwei Stunden geht unser Zug.”

JETZT war Elfriede wach. “Ich mach Frühstück”, rannte in die Kochecke, “Und duschen muss ich auch noch”, bog kurz davor ab ins Bad, “Und ich will meinen neuen Kittel ausführen!” Aber den brauchte sie zumindest nicht zum Duschen, wie der Professor richtig vermutete.

Während das Wasser plätscherte, bereitete Riedlhauser schon einmal das Frühstück vor: 4 Sorten Brot, bereits in Scheiben geschnitten, alle 12 Marmeladensorten, deren Gläser bereits auf einer kleinen Schwebeplatte standen, wegen Dauereinsatz und so, mehrere luftdicht verschließbare Schalen mit Käse, an die zehn Arten von Wurst, dazu Schinken, kalter Braten, Oliven, eingelegte Weinblätter und Knoblauch, sowie eine große Schüssel Taramas. Zaziki war – wie üblich – schon wieder aus.

Dann kochte er Tee, vorsichtshalber auch noch Kaffee und breitete ein paar Spiegeleier zu. Das alles platzierte er auf dem Esstisch vor dem offenen Fenster, durch das man über die Stadtmauer auf die Wiesen und Felder bis zu den bewaldeten Hügeln im Zentralbergsvorland schauen konnte. Man sollte dazu erwähnen, dass Neubayern eine Insel im Bayrischen Meer, einem fast 1500 km durchmessenden Kratersee auf Rabaul war.

Dann – nach den obligatorischen 45 Minuten – kam Elfriede, bekleidet mit ihrem neuen Kittel, den sie anscheinend im Bad zwischengelagert hatte, frisch gewaschen und frisiert – insofern letzteres bei ihrer Art von Frisur überhaupt möglich war – aus dem Bad, meinte: “Oh, Mampf ist schon fertig?” und begann, sich ein paar Brote mit Allem herzurichten.

Die beiden saßen sich gegenüber, ließen sich die laue Vormittagsluft um die Nasen wehen und strahlten sich an, während sie ein Brot nach dem anderen verspachtelten. Nach einer Weile wollte Elfriede wissen, ob Stefan auch an Proviant für die Fahrt gedacht hatte.
“Logo. Russische Butterbrote.”
“Mit einer Folie darunter, dass sie nicht zu den Büchern durch fetten?”
„Sowieso.”
“Und was zum Trinken?”
“Zwei Liter Limo.”
“Zitrone und Waldmeister?”
“Orange und Waldmeister. Zitrone war aus.”

Elfriede grinste mit einem Marmeladenbrot in der Hand:
„Vor-Bahnfahrts-Checkliste abgearbeitet. Eigentlich können wir dann. Wann fährt denn der Zug?”
“Laut Fahrplan in einer Viertel Stunde.”
“Dann müssen wir uns aber beeilen. Zum Hauptbahnhof brauchen wir zu Fuß garantiert 5 Minuten, wegen: Wir – Stadtrand, Hauptbahnhof – Stadtmitte.”
“Keine Hektik. Die Bahn hält sich an alle Traditionen. Normalmensch - Viertel Stunde, Bahn - eine Stunde.”

Das Programm
Im Zug – einem Exemplar aus dem frühen neunzehnten Jahrhundert nachempfunden, von einer elektrischen Dampflokomotive gezogen, mit einem DTMC Fusionsgenerator versorgt – hatten es sich der Professor und Elfriede in einen Abteil auf den etwas harten Holzbänken – die natürlich nicht aus echtem Holz, sondern einem Imitat aus UKU, dem Universalkunststoff bestanden – bequem gemacht, wobei der Picknickkorb wie gewohnt neben Elfriede auf der Bank saß. Den Reiseproviant hatten sie inzwischen aufgegessen, und irgendwann, als beide genug von der Landschaft gesehen hatten, durch die der Zug mit fast 30 km pro Stunde fuhr, beschloss Elfriede, doch endlich einmal das Programm des Fantreffens anzusehen. Also holte sie ihr eBlatt aus der Kitteltasche, faltete es auf – sie hatte etwas gegen das Zusammenrollen, das die meisten Leute bevorzugten, da sie fand, das würde zu sehr auftragen – und suchte auf der Ren Dhark Seite des Verlags, wo sie auch sofort fündig wurde.

Elfriede hielt das eBlatt so, dass Stefan mitlesen konnte. Wobei der sich wunderte, dass der Picknickkorb nicht mindestens ein Kameraauge soweit ausgefahren hatte, dass er ebenfalls etwas sehen konnte. Seine ungeprüfte Arbeitshypothese sagte, dass auch Picknickkörbe mitunter müde sein konnten. Und wer wusste schon, was er in der Nacht alles angestellt hatte?

“Schau mal, da sind sogar Fotos vom Tagungshotel.” stellte Elfriede fest. Riedlhauser kannte natürlich die Geschichte des Hotels, sowie seines Vorbilds auf der Erde, das Hajo einmal in einer etwas anderen Publikation brutal wegsprengen lassen hatte, aber bei dem Gebäude hier auf Rabaul fiel ihm sofort das Gerücht ein, dass einige der Balken aus echtem Holz gefertigt sein sollen. Aber das glaubte er nicht, erzählte die Geschichte daher auch nicht weiter.

Elfriede las den Text unter den Bildern:
“Ah, hier steht, dass es das erste Fantreffen in Noy ist. Bisher haben hier immer nur die Autorenkonferenzen stattgefunden. Da fällt mir ein: Hast du eigentlich ein Zimmer dort gebucht?”

“Logo. Sogar eins mit einem Himmelbett!”
“Cool. Darauf fahr ich echt ab.”
“Ich weiß...“, mit einem Schmunzeln im Gesicht.

Weiter unten auf der Seite entdeckten die beiden dann eine Liste aller `Special Guests`, bei denen als erster Artoon vorgestellt wurde. Den kannten sie natürlich von einem Fantreffen – DEM legendären Treffen – vor 4 Jahren. Nach eigenen Angeben war er der einzige Ren Dhark Fan aus Namerika, was vermutlich daran lag, dass dort praktisch niemand die Sprache der Romane verstand. Für einen Toon stellte das natürlich kein Hindernis dar.

Auf den Fotos sah er wirklich aus wie Artus aus den Büchern, er trug sogar das obligatorische Stirnband mit dem eingestickten “A”.  Als der Professor – untypisch für ihn – keinen Kommentar abgab, fragte Elfriede:
“Träumst du?”

“Nein, mir ist nur gerade eingefallen, dass Artoon bei seinem letzten Besuch behauptet hat, vom Namerikanischen Presidator, Nome Fergusson, eine Sonderlizenz bekommen zu haben: Er durfte ins Ausland reisen, ohne eine Waffe zu tragen. Das wird in Namerika ja als extrem unmoralisch angesehen, in Westnamerika wird es sogar mit Knast bestraft, wenn man ohne Waffe erwischt wird. Soweit ich weiß, ist es dort Pflicht, mindestens 10 Schusswaffen zu besitzen, von denen man mindestens eine immer bei sich tragen muss. In Ostnamerika sieht man das etwas lockerer. Da soll man nur eine Waffe tragen, es wird aber nicht bestraft, wenn man mal keine dabei hat. Man wird dann nur gesellschaftlich geächtet.”

“Hab ich auch gehört. Und ich hab in der Klatschspalte gelesen, dass Nome Fergusson einen ganz berühmten, aber total unbekannten Vorfahr hat. Der hieß auch Nome Fergusson, obwohl er gar nicht so hieß. Das kam so - “

“Ich kenn die Geschichte! Ein Osteuropäischer Einwanderer, der gehört hatte, dass man auf Elis Island einen amerikanisierten Namen verpasst bekommt - “

“- weshalb er sich einen guten neuen Namen ausgedacht hatte, an den er sich aber nicht mehr erinnern konnte, als er vor dem Einreisebeamten stand. Die Aufregung. Daher hat er gemurmelt: `Name vergessen, Name vergessen...`, was der etwas tolerantere Beamte für seinen Namen hielt, `Nome Fergusson` verstand, und in seinen neuen Ausweis eintrug.”

Beide lachten schenkelklopfend.

Riedlhauser las den Eintrag unter dem Foto von Artoon weiter, bemerkte dabei:
“Schau mal, Namerika ist als Hyperlink ausgeführt. Klopf da mal drauf.” Was Elfriede sofort tat.

Der Wikipedia-ArtikelEs klappte der Wikipedia Eintrag zu Namerika auf, den der Professor nur überflog, den seine Dauerlebensabschnittsgefährtin jedoch umso gründlicher durchging.

„Also eins weiß ich,” meinte Elfriede anschließend, “nach Namerika will ich ganz bestimmt nicht.”. Was Riedlhauser aber sofort relativierte: “Also auf der Erde waren die noch ganz cool damals. Ich sag nur: Woodstock. Da kann ich gar nicht oft genug hin reisen.”

„Ja, gut. Ich hab sogar vor ein paar Jahren gelesen, dass die Kinder in Namerika keine Teddys, sondern Donnys  haben. Das sind kleine gelbe wuschelige Meerschweinchen. Beide erinnern irgendwie an längst verstorbene Präsidenten oder Presidatoren.” grinste Elfriede ergänzend.

Dann lasen sie weiter, sahen sich die Bilder vom RD Fanclub Lummerland an, einer Insel mit zwei Bergen im Bayrischen Meer vor der Küste Nietaliens – oder Niechenland? Da waren sich beide nicht wirklich sicher. Jedenfalls wollte eine Delegation des Clubs mit einem gelben U-Boot anreisen, das aussah wie eine Lokomotive und sogar Räder hatte, damit es an Land fahren konnte. Der Professor nickte anerkennend, als er das Foto bewunderte:
“Was man doch alles mit 3d-Druckern herstellen kann.”

Noch etwas weiter unten begann dann der “offizielle” Teil: Der Ort, an dem das Treffen stattfindet, die Wegbeschreibung nach Noy, inklusive dem Hinweis, dass man das Dorf “Neu” aussprach, gefolgt von Bildern des Tagungshotels. Innen, außen, aus der Luft, bei Tag, bei Nacht. Irgendwie zu viele Fotos, wie der Professor fand. Aber gut. Im Internet gab es genügend Platz. Sogar die Anmerkung, dass hier sonst nur die Autorenkonferenzen abgehalten wurden, dieses Fantreffen das erste in Noy war, und jede Menge weiterer Informationen, die eigentlich niemand brauchte, die zu schreiben aber den `Entwerfern der Webseite` nötig erschienen waren.

Endlich – ENDLICH! - kam jetzt die Liste mit den Programmpunkten:

Freitag:
1300: Begrüßungsrede vom Exposéautor Kurt Meischner (87) und Randolf Zell jr. (23), dem momentanen Herausgeber der Serie.
1315: Verlesung des Grußwortes von Joseffa Ylderim II, der amtierenden Lokalmonarchin von AltNeu-Bayern. (Die natürlich ebenfalls RD Fan ist, aber wegen dringender Amtsgeschäfte gerade an diesem Wochenende in Neu Frankreich ist.)

“Wieso kommt sie eigentlich nicht selbst zum Treffen? Im letzten Jahr hat sie doch immerhin den dritten Platz im Anja Field Ähnlichkeitswettbewerb gewonnen.” wunderte sich Riedlhauser, worauf ihn Elfriede ganz entrüstet anstarrte:
“Stefan! Du hast es wohl endgültig aufgegeben, Zeitung zu lesen!”
“Äh, nein. Eigentlich nicht. Wieso fragst du?“
„Auf der Klatschseite seht seit Tagen nichts anderes, als dass sie mit einer Delegation vom Blatt, unserer Stadtzeitung, nach Paris Nouveau geflogen ist, um dort bei den Verhandlungen mit der Redaktion von Charlie Hebdo wegen einer Kooperation mitzuhelfen.”
“Hm. Charlie Hebdo? Du meinst das Satiereblatt, dessen halbe Redaktion 2015 von Islamisten ermordet worden ist, vermutlich wegen der Mohammed Karikaturen?”
“Also ich kenne Mohammedkarikaturen, aber was sind Islamisten???”
“Nicht so wichtig, um nicht zu sagen: echt bedeutungslos.” grinste der Professor schräg und irgendwie erleichtert, mit einem Hauch Genugtuung.

1500 - 1800: Vorträge
1500: Gilian Voltz: Sonderbare Aliens
1600: Stefan Riedlhauser: Blaue Riesen und Rote Zwerge
1700: Karen Blau: Agenten, Geheimdienste und Verschwörungen

Parallel dazu finden Ausstellungen von Fanprojekten und Diskussionsrunden von Fans mit Fans statt.

Samstag:
Am Vormittag (ab 1000):
Modellflugwettbewerb: 3 Kategorien: Modellflash bis 3 kg, Ringraumer mit Steg bis 7 kg, Richtige Ringraumer bis 7 kg
Fuchsjagd für Defensive
(Anmeldung beim Organisationskomitee bis spätestens Samstag, 0959 nötig)

1300 – 1600: Vorträge
1300: Stefan Riedlhauser: Exosoziologie
1400: Norge Samuelson: Band 628

1600 – 1800: Tauschbörse

1800 – 2000: Gemeinsames Abendessen unter freiem Himmel

2000 – bis alle besoffen auf dem Boden liegen:
Fan-Fest
Musik: Die Utarisky (utarische Musik)

Sonntag:
1000: Die Wahl des jimmygsten Jimmys
1100: Wahl des sonderbarsten Teilnehmers.

1400 – 1800 Vorträge
1400: Johan von Neuhausen: Superintelligenzen und PSI
1500: Stefan Riedlhauser: Inspirationen für die Wissenschaft
1600: John Theiner: Die Ren Dhark Filme

1800 bis in die Puppen: Die Diskussionsrunde

Im Rahmenprogramm stellt die Künstlerin Rosi Rosebud Skulpturen aus, die sich (angeblich) an den Ren Dhark Geschichten orientieren.

Während der Vorträge kann man die traditionellen urbayrischen Spezialitäten für Unterwegs essen: Döner mit Allem und viel Scharf, drei Arten von Börek und Baklaba ohne Honig.

Zyklen und rote Fäden
Vom Bahnhof in Noy bis zum Tagungshotel waren es gerade mal 3 Kilometer. Das konnte man bequem zu Fuß erledigen, dachten sich Elfriede und der Professor. Dem Picknickkorb war das egal, der trottete schweigend – wie immer – hinter den beiden her. Als nach einer Stunde das etwas rustikal aussehende Gebäude in Sicht kam, zog Riedlhauser seine echt antike mechanische Taschenuhr aus der Weste, klappte sie auf, murmelte “Oh, schon fast 2”, steckte sie wieder weg und meinte dann, an Elfriede gewandt:
“Also die Begrüßungsvorträge haben wir verpasst.”
“Die mag ich eh nicht so gern.”
“Ich weiß. Geht mir genau so.”

Im Hotel angekommen wollten sie eigentlich erst einmal nach bekannten Gesichtern Ausschau halten, aber als ein Rudel Fans an ihnen vorbei strömte, einige etwas riefen, das klang wie: “Der Vortrag fängt gleich los!”, was andere mit “Gschwind, gschwind!” kommentierten, folgten sie ihnen einfach.

Die beiden setzten sich neben ein paar andere Besucher, die sie aber nicht kannten. Der Professor, der eigentlich dachte, das Programm auswendig zu kennen, fragte seinen Nachbarn:
“Was für ein Vortrag ist das eigentlich?”
Und der antwortete:
“Den hat Kurt Meischner vorhin angekündigt. Tabby Marsden vom astrophysikalischen Institut auf Nerd ist seit gestern auf Rabaul, und als sie vom Fantreffen gehört hat, das war heute Vormittag, hat sie bei den Veranstaltern angefragt, ob sie auch einen kurzen Vortrag halten darf. Und der wurde hier eingeschoben.”
“Ja dann!”, und an Elfriede gerichtet: “Das müssen wir unbedingt hören.”

Auf der Bühne liefen mehrere Leute etwas unkoordiniert umher, dann trat eine blonde Frau – mit viel Charakter, wie Riedlhauser fand – ans Mikrofon und stellte Tabby Marsden vor, auch wenn das nicht nötig gewesen wäre, da sie eh jeder kannte. Immerhin war sie eine der berühmtesten Astronominnen ihrer Zeit, und sie ruhte sich garantiert nicht auf den Lorbeeren ihrer Urgroßmutter aus. Das alles schoss dem Professor durch den Kopf, weshalb er auch von der Rede der blonden Sprechern kaum etwas mitbekam.

Tabby – mit der selben Körpersprache wie ihre Urgroßmutter, die Riedlhauser gut gekannt hatte – schob ihren schwebenden Kugelrobot, der vermutlich als Projektor für Diagramme und dergleichen arbeiten sollte, ein wenig zur Seite, damit er ihr Gesicht nicht verdeckte. Der Professor fand, dass sie die selben roten Pausbacken hatte, wie ihre Urgroßmutter im selben Alter.

“Hallo! Auf Rabaul wissen es vermutlich nur wenige, aber auf Nerd fast alle: Ich bin ein Riesen-Ren-Dhark-Fan!”

Yeah Rufe und Beifall aus dem Publikum.

„Erst vor drei Monaten hatte ich für die Literaturseite der Nerd-News, einer der großen Tageszeitungen in Kibbuz, einen Artikel über den Aufbau der Ren Dhark Serie geschrieben. Und nicht, dass ihr denkt, wir hinken beim Lesen der Bücher hinterher, wegen der Lieferzeiten oder so, nein, wir bekommen die Druckdaten per Hyperfunk und die Bücher werden auf unserem Hinterwäldlerplaneten (grinst bei dem Begriff noch schräger als sonst) zur selben Zeit ausgeliefert wie hier auf Rabaul. Was auch immer man in dem Zusammenhang unter zur selben Zeit verstehen mag.

Man hat mir gesagt, ich solle mich kurz fassen, weil heute noch drei weitere Vorträge geplant sind, sogar einer von meinem Kollegen Riedlhauser. Professor? - “

Sie sah ins Publikum, entdeckte ihn aber erst, als er ihr zuwinkte. Das alles lief mit Tabbys üblicher Körpersprache ab: Kein Teil von ihr befand sich länger als ein paar Millisekunden in Ruhe.

“Ah! Da hinten! Hallo Stefan! (Sie winkte mit beiden Armen zurück) Ist das Elfriede neben dir? Ja, genau. Das ist sie. Hallo Elfriede! (Beide winkten sich zu.) Da müssen wir drei uns heute Abend unbedingt zusammensetzen und reden. Ist schon bald vier  Jahre her, dass wir uns zuletzt getroffen haben. So, dann kommen wir mal zur Struktur der Ren Dhark Serie - “

Wobei sie zum Rednerpult zurück hüpfte, mit einer Hand den schwebenden Robot in eine günstigere Position verschob und gleichzeitig mit der anderen ihr Manuskript vom Pult nahm.

Elfriede musste feststellen, dass Tabby noch schlanker und durchtrainierter aussah, als bei ihrem vorigen Treffen. Was sie aber nicht weiter wunderte. Bei dem Bewegungsdrang...

„Dann wollen wir mal. Ren Dhark ist als Endlosserie konzipiert, es gab zwar am Anfang vor weit über 100 Jahren noch echte Zyklen, aber die wurden mit Weg Ins Weltall verschliffen. Es gibt zwar immer noch Handlungsblöcke von jeweils 12 Romanen, die man im weitesten Sinn als Zyklen bezeichnen könnte, in denen auch jeweils ein Problem als Aufhänger bearbeitet und meistens auch gelöst wird, aber im Grunde genommen sind es die roten Fäden, die den Reiz der Serie ausmachen. Manche davon wurden bereits in der Vergangenheit gelöst, andere sind offen, und man kann als Leser nur Spekulieren, was daraus wird. Und liegt trotzdem fast immer falsch. Zudem entstehen in unregelmäßigen Abständen neue rote Fäden, die im Extremfall auch schon mal 100 Romane lang scheinbar vergessen im Hintergrund lauern, dann aber plötzlich eine ganz unerwartete Bedeutung erlangen. Ein Beispiel sind die Kalamiten. Sie wurden noch von Hajo eingeführt, verschwanden dann wieder, tauchten gelegentlich erneut auf, aber man wusste nie, was es mit denen eigentlich auf sich hat. Die wirklich überraschende und gleichzeitig geniale Lösung kam erst in den Bänden ab 576, die nicht umsonst Das Reich der Kalamiten hießen. Also nicht die einzelnen Romane, der Zyklus aus 12 Büchern hieß so.

Seit der Mitte des einundzwanzigsten Jahrhunderts hat sich als Bezeichnung für solche roten Fäden ein Begriff eingebürgert, den der Literaturwissenschaftler Marek Meander geprägt hat: Ein Strang. Wobei man unterscheidet zwischen Langzeitsträngen, die über mehrere Zyklen behandelt werden, zerhackte Stränge, wie den der Kalamiten, die nur gelegentlich, dafür aber immer einmal wieder auftreten und einfachen Strängen, die praktischen ein Oberbegriff für mehrere Zyklen sein können. Solche einfachen Stränge können auch mit zeitlichem Versatz immer wieder auftreten, können aber im Extremfall auch nur einen einzelnen Band in einem Zyklus umfassen. Ein Beispiel dafür wäre Band 397,`Das Rätsel der verlorenen Monde`, wo in einem einzelnen Roman der erste Hinweis auf eine technische Superzivilisation gefunden wird. Die Geschichte gehört zum Strang Suche nach den Superzivilisationen, der erst wieder in Band 648 aufgenommen wurde.

Das Problem mit dem Begriff Strang besteht jedoch darin, dass verschiedene Ebenen von Strängen ineinander verwoben sein können. So taucht der Kalamitenstrang meistens im Strang Entwicklung in der Milchstraße auf. Professor Erik Strassmeier hatte deshalb vorgeschlagen, eine Stranghierarchie einzuführen, die er als Grad eines Strangs bezeichnet hat. Eine an und für sich gute Idee, die sich jedoch nie durchsetzen konnte. Der Grund dafür liegt unter anderem darin, dass sich der Grad verschieben kann, wenn etwa ein neuer oberster Strang auftritt.

Auf Nerd verwenden wir den Begriff deshalb undifferenziert, bezeichnen alles als Strang, was eine Ebene – oder auch mehrere – über einem Zyklus liegt. Und wir versuchen, die Aufteilung in Stränge klein zu halten. Daher teile ich die Serie, oder zumindest die letzten 400 Bände, in nur vier Stränge ein: Entwicklung in der Milchstraße, Suche nach den Balduren, Suche nach den Superzivilisationen und Kosmische Geheimnisse. Natürlich können diese selbst auch wieder untergeordnete Stränge enthalten, auf die ich aber nicht näher eingehe.

Liste der ZyklenEigentlich erscheinen durchschnittlich 7 Bände pro Jahr, nur während der Tropenfieberpandemien und der Trockenbrände waren es weniger. Fällt euch bei der Zahl 7 etwas auf? Das ist die Basis das Zahlensystems der Worgun. Absicht? Vielleicht. Jedenfalls inspirierend zum Spekulieren. Speziell für Leute, die Zahlen mögen.

Hier seht ihr jetzt die Tabelle der letzten 400 Bände, aufgeteilt nach dem eben genannten Schema. Wer die Tabelle für alle bisher erschienen Ren Dhark Bücher und Spin Offs sehen möchte, der kann sich im Internet auf der Seite von Nerd-News meinen Artikel ansehen. Er heißt – wie auch sonst? - Ren Dhark.

In dem Artikel findet ihr auch eine Analyse der Struktur der einzelnen Romane – nicht zu jedem Roman, klar, sondern das Prinzip, wie sie aufgebaut sind. Das habe ich speziell für Leute geschrieben, die noch nie einen Ren Dhark Band gelesen haben. Und ja, so etwas soll es tatsächlich geben, auch wenn man es sich kaum vorstellen kann. Sogar auf Nerd.

Das Prinzip ist im Grunde genommen ganz einfach: Spannende Geschichten brauchen Abwechslung. Daher findet man in jedem RD Roman mindestens zwei, manchmal bis zu fünf Handlungsebenen – oft hat jeder der Autoren eine davon – und diese müssen nicht unbedingt zusammenhängen. Wie sie untereinander verknüpft sind, erfahren wir Leser oft erst am Ende eines Zyklus, aber es kann auch vorkommen, dass einzelne Ebenen bereits früher zusammengeführt werden, oder dass sie selbst weiter aufsplitten. Alles, um die Spannung durchgehend hoch zu halten, und die Leser zum spekulieren und mitdenken einzuladen. Daher gefallen mir auch die Krimi und Agenten Geschichten so besonders gut. Nicht nur die Klassiker mit Ömer und Sanders, sondern vor allem auch Oma Homan, eine echte Miss Marple.

Ganz anders funktionieren die Sonderbände. Die erzählen fast immer eine abgeschlossene Geschichte, sind auch von nur einem Autor geschrieben, vom dem auch oft das Exposé kommt.

Jedes Jahr erscheinen durchschnittlich 3 Sonderbände, wobei manchmal auch 4 oder nur 2 publiziert wurden. Hier seht ihr eine Tabelle mit den letzten 30 Sonderbänden.”

Liste der SonderbändeListe der neuesten Sonderbände, früher Unitall, noch früher auch schon Sonderband:

„Das war es dann erst einmal von mir. Wenn ihr mehr zur Analyse der Serie lesen wollt, seht euch die Seite der Nerd-News ab! Macht`s gut! Wir sehen uns!”

Wobei sie auf die typische Tabby Art ins Publikum winkte, und mit noch roteren Backen als vor ihrem Vortrag ganzkörperwinkend von der Bühne hopste.


Sonderbare Aliens
Da Tabby Marsden – wie nicht anders zu erwarten war – ein klein wenig überzogen hatte, nervöselte Gilian Voltz, der langjährige Titelbildmaler der Serie, bereits am Rand der Bühne auf und ab. Er fand zwar Tabbys Vortrag extrem spannend, befürchtete aber, mit seinem eigenen nicht ganz fertig zu werden, bevor er Platz für seinen Nachfolger machen musste.

Als sich Tabby endlich mit ihrem typischen Ganzkörperwinken verabschiedete, entdeckte sie plötzlich Gilian, den sie natürlich kannte. Stürze auf ihn zu, umarmte ihn und rief:
“Gilian! Ich bin ein Riesenfan von dir! Wir haben sogar in der Eingangshalle des astrophysikalischen Instituts in Kibbuz das Titelbild von Band 672 mit einem Durchmesser von 2 Meter 68 an die Wand malen lassen. Das Bild ist so was von genial, und das passt derart gut...”

„Ich weiß. Also das mit dem Bild. Hab es auf der Titelseite des astrophysikalischen Journals vor ein paar Jahren gesehen. In der Größe kommt es besonders gut rüber. Wer ist eigentlich der Typ neben dem Foto? Und hat der wirklich ein Ren Dhark Buch in der Hand?”

„Das ist Mark Eisenstein, ein Planetologe. Und logo! Er hat Band 672 in der Hand, war ja seine Idee mit der Kunst am Bau.”

Dann endlich trat Gilian ans Rednerpult und begann:

“So ganz grob geschätzt sind bei Ren Dhark bisher rund 1000 Arten von Aliens aufgetreten. Einige sind ausgesprochen menschenähnlich, was, wie Tabby schon erläutert hat, der Tradition der Seefahrergeschichten geschuldet ist, aus der heraus sich die Space Operas entwickelt haben. Andere sehen zwar fremdartig aus, verhalten sich jedoch menschlich, was den Vergleich mit Tierfabeln nahe legt. Der Grund für diese beiden beiden Kategorien ist leicht zu verstehen: Die Aliens müssen kommunikations- und interaktionsfähig sein. Andernfalls wären sie für die gewünschten Inhalte kaum geeignete Protagonisten.

Die dritte Kategorie, die real wirkenden Aliens, die sich verhalten und aussehen wie wir es aus dem realen – was auch immer das sein mag – Universum kennen, sind für mich als Maler am interessantesten, da ich mich hier mit meiner Phantasie – und der der Autoren – so richtig austoben kann. Klar sind die meisten der realen Aliens und der für die Serie diesen nachempfundene nicht oder so gut wie nicht kommunikationsfähig, auch leben sie unter Umweltbedingungen, unter denen Menschen nicht existieren könnten, aber sie wirken eben in ihrer vollkommenen Fremdheit real.

Klar gibt es in unserem Universum auch kommunikationsfähige Arten – wenn ich das richtig verfolgt habe, kennen wir inzwischen sogar über zwanzig Spezien davon – von denen einige sogar unter Bedingungen leben, die auch für Menschen erträglich sind. Etwa die Tahari, deren Biologie gleichzeitig so fremdartig ist, dass Menschen auch ohne Schutzausrüstung mit ihnen interagieren können. Wenn ich von denen lese, habe ich gelegentlich den Eindruck, dass auch unser Universum nur eine Erzählung ist, die Autoren sich die Tahari nur ausgedacht haben, damit wir mit ihnen interagieren können. Und dann fällt mit jedes mal der Klassiker The Man in the High Castle von Philip K. Dick ein. Ich suche mir dann oft 3 Münzen, werfe sie sechs mal und erwarte, dass die I-Ging Figur Innere Wahrheit erscheint. Tut sie aber nie. Sagt das etwas aus über unser Universum?

Egal. Jedenfalls ahnt ihr jetzt, wieso in meinen Bildern so oft sechs Zeilen mit Strichen und Punkten vorkommen. Morsezeichen sind das jedenfalls nicht.

Von den menschenähnlichen Aliens fallen einem bei Ren Dhark sofort die Utaren und die Tel, die Schwarzen-Weißen, ein. Sie gehören zu den klassischen Völkern, die bereits Kurt Brand eingeführt hat. Mein Großvater hat sie oft gemalt, und von mir kommen insgesamt 8 Titelbilder von Sonderbänden, die während des Tel Bürgerkriegs handeln. Utaren habe ich dagegen nicht ganz so oft gezeichnet. Vier mal, wenn ich nicht irre.

Meine Lieblingsviecher sind aber nach wie vor die Wiesel, die Plagiatoren. Nur gut, dass die wieder in die Serie hinein geschrieben wurden. Die Wiesel waren auch auf dem ersten Titelbild, das ich für Ren Dhark gemalt habe: Der Sonderband “Aufbruch der Plagiatoren”. Dabei bestand die besondere Herausforderung darin, die Sprache der Wiesel, die sich ja in den schnellen Veränderungen der Körperfarben ausdrückt, darzustellen. Übrigens hatte nur wenige Monate zuvor ein Forscher des IDI auf Nerd eine Farbwechselsprache entworfen, die ich in das Bild eingebaut habe. Wenn ihr die drei Plagiatoren links im Bild der Reihe nach anschaut, dann sagen sie in ihren Farbwechseln `Hello`.”

Ein erstauntes Raunen im Publikum. Offensichtlich war das bisher noch niemand aufgefallen, und der Professor dachte: “Aha. Ein sprechendes Bild!”

Gilian zog einen der unvermeidlichen Schwebeprojekoren aus seiner Jacke, flüsterte irgend etwas zu ihm, worauf der Projektor das Bild der Wiesel an die Wand warf. Tatsächlich zeigten die drei linken Wiesel unterschiedliche Farben und Muster. Nur gab es im Publikum niemand, der eine Farbwechselsprache verstehen konnte. Nicht einmal Professor Riedlhauser.

“Mit den Plagiatoren hatte Kurt Brand in den neunzehnhundert sechziger Jahren einen genialen Einfall. Eine Spezies, die durch Abschauen von anderen lernt. Erst fast 20 Jahre danach hat Bill Gates mit – ich zitiere - `Wir stehen alle auf den Schultern eines Riesen` die selbe Kernidee zum Ausdruck gebracht. Damit hatte er bereits in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts solche absurden Konzepte wie Copyright oder Patente widerlegt und als echten Hemmschuh für die Entwicklung der Menschheit entlarvt. Nur wurden damals keine Konsequenzen daraus gezogen,

Ich nehme an, dass die Wiesel mit dieser Eigenschaft die Aliens bei Ren Dhark mit dem größten Entwicklungspotential sind. Deshalb hat mir auch der Sonderband `Aufbruch der Plagiatoren` so gut gefallen, in dem die überlebenden Wiesel der galaktischen Katastrophe – Hypermagnetfeldstürme – es schaffen, aus einem abgeschossenem Scoutboot, dem Wrack eines Amphi Raumschiffs und ein wenig Technik, von der wir immer noch nicht wissen, woher sie die haben, ein eigenes Raumschiff basteln.”

Er deutete auf das Titelbild an der Wand:

“Das rechts im Bild sind die unbekannten Geräte. Die Reste der terranischen und der amphischen Technik erkennt ihr ja selbst. Damit treffen wir in der Serie endlich auf die Protagonisten, die vielen Fans seit mindestens 50 Jahren abgegangen sind. Die Wiesel sind zum einen knuddelig, zum anderen schlau, mutig, durchtrieben, aber auch auch vertrauenswürdig. Kurz, was bei Perry Rhodan die Mausbiber sind, sind bei Ren Dhark in erheblich verbesserter Form die Wiesel. Und – Kurt, darf ich spoilern? Nur ein ganz klitzekleines Informationshäppchen? Nur einen Namen?”

Kurt Meischner, der am Rand der Bühne neben Babett Schöntaler saß, zog die Stirn kraus, überlegte eine Weile. Schweigende angespannte Stille im Raum. Dann nickte er:
“Aber nur einen Namen.”

Und Gilian grinste von einem Ohr zum anderen: “Sie nannten ihn Plofron, den Retter der Galaxis.”

Lautes Gemurmel im Publikum. Dazwischen kurze fragende Rufe: “Echt jetzt?” “Wow!” “Ab wann?” “In den Bänden oder in einem Sonderband?” “Bleibt der? “Ja! Plofron soll bleiben!” „Bekommt er einen Nagezahn?” “Was frisst der?” “Kann er PSI?” “Fliegt er in der PO mit?” “Hat er ein eigenes Raumschiff?” “Kann er sprechen?” „Wann?”, und nach einer Minute, können auch zwei gewesen sein, stand Kurt kurz auf, meinte dazu:

“Da haben wir die Misere. Ich könnte euch die Fragen schon beantworten. Aber sie würden euch garantiert verunsichern, vielleicht sogar beunruhigen...”

Womit wieder Stille einkehrte und Gilian mit seinem Vortrag weiter fortfuhr.

“Gut. Dann kommen wir zu meinen Lieblingsaliens. Als man im Real Life die ersten außerirdischen Lebensformen entdeckt hatte, war bei den meisten Forschern das Staunen groß, als man keine DNA fand. Die Einzeller hatten ein vollkommen anderes Erbmolekül. Lediglich die Wissenschaftler am IDI wunderten sich nicht, denn sie hatten genau das erwartet: Die Erkenntnis, dass die DNA nur eines von sehr vielen Erbmolekülen ist und Leben sich auf wirklich die unterschiedlichsten Arten entwickelt hat.

Natürlich ist der damalige Exposèautor sofort auf dieses neue Wissen abgefahren. Die ersten Aliens, bei denen Forscher der POINT OF bemerkten, dass deren Erbinformationen auf einer Lipidmembran gespeichert sind, waren die Zoooiten. Sie hatten noch einen Bauplan, wie man ihn von der Erde her kennt, sie sahen aus wie Nacktschnecken mit Krebsscherenhänden. Bereits wenige Jahre danach – man wusste zu diesem Zeitpunkt bereits von mehreren interstellaren Expeditionen, dass die Baupläne von Säugetieren, Vögeln, Fischen, Reptilien und dergleichen wahrscheinlich wirklich nur auf der Erde vorkommen – tauchten auch bei Ren Dhark immer öfter Aliens auf, die nach wirklich fremdartigen Bauplänen aufgebaut waren.

Die ersten, die mich von diesem Standpunkt her ernsthaft begeistert haben, waren die Schschschfaff. Als ich den entsprechenden Band als Kind gelesen hatte, gleichzeitig die Berichte in der Terranian Geographics, der ehemaligen National Geographics, über die Mikim verschlang, war ich davon derart begeistert, dass ich anfing, die Aliens aus Ren Dhark zu zeichnen, später auch zu malen. Begonnen habe ich damals mit den eben erwähnten Schschschfaff. Mich faszinierte deren Lebenszyklus, eine Art, die sich durch Knospung vermehrte, wobei sich einzelne Knospen verschiedener Individuen vereinigten, um ihr genetisches Material auszutauschen, und dann der ganze Rest – aber das kennt ihr ja selbst. Immerhin ist der Sonderband, in dem sie auftauchten, der dritt beliebteste der Serie. “

Der Projektor zeigte jetzt Bilder der Schschschfaff, darunter auch einige, die Gilian nie veröffentlicht hatte. Weshalb auch sofort ein Ruf aus dem Publikum kam: “Kann man die Bilder irgendwo her bekommen?”

“Klar. Die sind seit heute auf der Ren Dhark Webseite.”

Was sofort zu dem in solchen Fällen üblichen Gemurmel und Geraschel führte, als einige Teilnehmer ihre eBlätter entrollten, um auf der Seite nachzusehen, und die Bilder zu downloaden.

“Trotz aller Anlehnungen an die Realität ist die Serie bei ihrem ursprünglichen Konzept, dem von Seefahrerromanen, geblieben. Und das sehr erfolgreich. Einen Grund dafür hatte der große Hajo F. Breuer (einige Zuhörer kicherten, da sie die Doppeldeutigkeit von “groß“ im Zusammenhang mit Hajo verstanden) vor über 130 Jahren bereits in einem Gespräch mit einem Forscher des IDI ausgedrückt: `Die Leser wollen spannende Abenteuergeschichten lesen, keine wissenschaftlichen Abhandlungen'. Womit er zweifellos recht hatte.

Wie sollte man auch in einem Universum, in dem es kaum kommunikationsfähige Arten gibt, mit denen interagieren? Uns ist - bisher! - keine einzige Spezies bekannt, die expansiv kriegerisch agiert, oder sich sonst wie in die Belange anderer Planetenbewohner einmischt. Klar gibt es auch in unserem Universum Kooperationen, ich denk da nur an die Terraformer, an die Roboterzivilisation, die biologisches Leben erhalten und verbreiten will. Aber sonst? Interstellare Verschwörungen oder gar Kriege? Fehlanzeige. Zum Glück! Denn wenn man ansieht, wie viel weiter einige technische Zivilisationen sind als wir, hätten wir bei einem Konflikt wirklich schlechte Karten. Aber genau das ist der Kern einer Space Opera: Tierisch gefährliche Gefahren, extrem geheime Geheimnisse und jede Menge fiese Aliens, die sich so verhalten, wie das sonst nur Menschen tun. Die üblen Aliens sind der Spiegel, den die Autoren uns Menschen vors Gesicht halten. Ein friedliches Universum ist keine Bühne für spannende Geschichten.”

Baffes Staunen im Publikum. Dann langsam einsetzender Applaus, der sich immer weiter steigerte, bis Gilian sich anschickte, die Bühne zu verlassen.

Blaue Riesen und Rote Zwerge
Gilian Voltz hatte den Professor natürlich längst im Publikum entdeckt, beugte sich, als er eigentlich bereits im Begriff war die Bühne zu verlassen, noch einmal zum Mikrofon und rief:
“Riedlhauser, du bist an der Reihe!”, weil der keinerlei Anstalten machte, aufzustehen und die Moderatorin Babett Schöntaler viel zu sehr damit beschäftigt war, ihren Kartoffelsalat zu verputzen, als dass sie das Ende von Gilians Vortrag mitbekommen hätte.
“Echt? Was, jetzt schon?”
Worauf ihm Elfriede einen ihrer bekannten Rippenstubser verpasste:
“Tu nicht so. Geh schon los, auf die Bühne mit dir.”

Riedlhauser erreichte die Bühne mit wenigen weit ausholenden Schritten, zog das Mikrofon zu sich hoch und meinte:
“Hallo alle zusammen. Ich bin der Riedlhauser und will etwas über Blaue Riesen und Rote Zwerge bei Ren Dhark erzählen. Die blauen Zwerge hat Gilian ja bereits erwähnt.”

Allgemeines Kichern im Publikum. Wobei sich der Professor ernsthaft fragte, worüber. Aber egal. Er zog einen kleinen Schwebeprojektor aus einer der unzähligen Taschen seiner Hose, ließ ihn auf Kopfhöhe neben sich schweben.

„Wieso rentiert es sich, über Sterne bei Ren Dhark zu sprechen? Blöde Frage, oder? Die Serie spielt schließlich im Weltraum. Aber es ist nicht DER Weltraum, wie wie ihn aus unserem Universum kennen, sondern ein fiktiver, der nur teilweise an die Realität – was auch immer das sein mag – angelehnt ist.

Zum einen ist RD eine Abenteuerserie, in der man möglichst spektakuläre Schauplätze benötigt, in denen unsere Helden mit allen möglichen Aliens interagieren können. Das klassische Konzept von Seefahrerromanen eben. Aber da wir inzwischen doch so einiges über das Weltall wissen, orientieren sich die Autoren natürlich auch daran. Jedoch wäre eine Hard-SF Serie, in der nur die Wirklichkeit abgebildet wird, wie wir sie kennen, bald recht unspannend, einfach weil keine Überraschungen mehr auftreten.

Ganz am Anfang, als Kurt Brand mit Ren Dhark begann, wusste er vermutlich nicht allzu viel über Sterne, deren Entwicklung und Lebenslauf. So hatten immer wieder blaue Riesensterne bewohnbare Planeten, ebenso fand man die bei roten Riesen. Davon, dass blaue Riesen ganz besonders jung sein müssen, weil ihre Lebensdauer nur wenige 10 Millionen Jahre beträgt, wusste Kurt Brand vermutlich noch nichts, oder es war ihm egal. Immerhin müsste ein blauer Riesenstern am Himmel recht spektakulär aussehen, wären seine Planeten nicht zwangsläufig genau so jung wie er selbst. Weshalb sie sich im Hadaikum, dem frühesten geologischen Zeitalter befinden. Und das sind eben glutflüssige Welten ohne feste Oberfläche, oder einer solchen, die gerade beginnt zu erstarren. Die Atmosphäre besteht aus heißen giftigen Gasen und an Leben ist in den nächsten paar hundert Millionen Jahren nicht zu denken. Nur: So alt wird kein blauer Riese.

Weshalb gibt es dann immer noch blaue Riesen in der Serie: Tradition. Und weil es cool aussieht. Außerdem ist das RD Universum nicht unser reales Universum. Kurz: Die Autoren dürfen das, immer vorausgesetzt, sie stricken eine tierisch spannende Geschichte darum herum.

Je weiter sich die Serie entwickelte, je mehr Zeit verstrich und je mehr die Astronomen in der Realität über das Universum heraus fanden, umso mehr näherten sich die Handlungsorte – oder einige davon – denen in unserem Universum an. Besonders auffällig war in diesem Zusammenhang ein bewohnbarer Planet von Proxima Centauri. Auf ihm lebten die `Eisläufer` mit ihrem Wahldiktator Ischko. Wieso ist das so bemerkenswert?

Hajo F. Breuer hat die Geschichte 2006 entworfen, der erste Band erschien im August des Jahres. Der erdähnliche Planet von Proxima Centauri wurde im August 2016 entdeckt!

DAS nenne ich `Das richtige Gespür haben`.

Es dauerte jedoch noch fast 10 Jahre, bis die gängigen Theorien über Sterne und deren Planetensysteme als fester Bestandteil in die Serie einflossen. Mittlerweile sind praktisch alle Sterne und Planeten in der Serie so konzipiert, dass sie in der selben Konfiguration auch im Real Life vorkommen könnten. Bis auf die für Menschen geeigneten Lebensbedingungen, wenn diese irgendwo mit Aliens zusammentreffen sollen. Aber anders würden viele Konzepte nicht funktionieren. Wie sollte ein gesellschaftliches Miteinander von Menschen und Aliens funktionieren, wenn die einen Raumanzüge tragen und sich nach jeder Begegnung dekontaminieren müssen?

Ein echtes Problem gab es allerdings mit den `Altlasten`. Unsere Lieblingsaliens, die Wiesel, lebten in den ersten Heften der Serie auf dem 9. Planeten im Col System wohnten, brauchten schon einen Massiven Treibhauseffekt, um dort überleben zu können, falls die Temperaturen auf Hope, dem 5. Planeten im System noch im erträglichen Bereich liegen sollten. Bei einem Doppelstern aus 2 B Sternen? Da passt nicht wirklich viel zusammen.

Trotzdem war die Lösung des Problems recht einfach: In Band 100 stellte sich heraus, dass die beiden Col Sonnen von den Worgun manipuliert und ursprünglich zwei alte F9 Hauptreihensterne waren, und so weiter und so fort. Den meisten Lesern gefiel das, vor allem, als Ren Dhark und seine Freunde dann `Das Geheimnis der Col Sonnen`, so auch der Titel von Band 100, lösten. Den Band kann man als echten Klassiker bezeichnen, denn dort trifft man seit langem erstmals wieder das Heft-Feeling der Anfangszeit.“

Riedlhauser starrte kurz ins die Luft, ins Leere, meinte dann:
“Je mehr ich über Band 100 rede, umso mehr Lust bekomme ich, `Das Geheimnis der Col Sonnen` noch einmal zu lesen...”

Dann sah er kurz auf seinen Notizzettel, und fuhr fort:
“Überhaupt nehmen Astronomie, Astrophysik und Technik seit damals wieder mehr Raum in den Romanen ein. Etwa in Form der Gespräche an Bord der POINT OF, wenn diese in ein neues Planetensystem `einfliegt`. Ein Begriff, den bereits Kurt Brand verwendet hat. Vermutlich leitet er sich vom `einlaufen` aus den Seefahrerromanen ab und ist ist die gelungene Transposition in die SF Romane.

Aber zu den Gesprächen: Auch wenn dabei eine große Anzahl von Fachbegriffen aus den eben genannten Wissenschaften verwendet werden, es nicht mehr die Brachialsprache, die Kurt Brand gerne benutzt hat, um eine Art von rustikaler Dramatik zu erzeugen, eben wie man es aus den alten Seefahrergeschichten kennt. Bei Ren Dhark reden die Beteiligten dagegen seit langem wie Techniker, Ingenieure und Wissenschaftler.

Bei den Briefings der Schiffsführung durch die Astronomen hatte ich schon oft den Eindruck, das Gespräch sei eins zu eins einem Dokumentarfilm über ein interstellares terranisches Forschungsschiff entnommen. Vergleicht das mal mit der Dokumentation `Die Dishwasher Expedition` von 2097. Die Szene, als sie das Planetensystem der Tahari entdecken, könnte genau so auch bei Ren Dhark geschehen sein.

Was die Bordastronomen zu berichten haben, stellt an die Allgemeinbildung der Leser durchaus Ansprüche: Man kann den Erklärungen wirklich nur dann folgen, wenn man weiß, was eine planetenartige und was eine sternartige Umlaufbahn eines Planeten in einem Doppelsternsystem ist, auch koorbitale Bahnen sollten den Lesern vertraut sein. Falls nicht: An Bord der PO gibt es immer wieder einen `Erklärbär`, der einem ahnungslosen Besatzungsmitglied die Begriffe erläutert. Genial gelöst, und selbst für mich immer wieder eine Freude, so etwas zu lesen.

Sehr gelungen sind auch die Diskussionen unter den Wissenschaftlern, etwa wenn sie anhand eines Sternspektrums dessen Alter bestimmen wollen. Man merkt dann so richtig, welchen Spaß es dem entsprechenden Autor gemacht hat, einen solchen Text zu schreiben. Was mich aber wirklich begeistert hat, war – ich glaub, es war in Band 536, könnte auch 537 gewesen sein – als einer der Bordastronomen einem Techniker etwas über die Elementarsynthese beim Schalenbrennen erklärt. Und dabei einen Fehler macht! Im ersten Moment war ich ein wenig enttäuscht, aber als ich zwei Monate später den Folgeband las, bin ich vor Begeisterung fast ausgeflippt: Da hat der Chefastronom seinen Kollegen zur Sau gemacht, weil er `so einen Scheiß` erzählt hat. Natürlich hat er dem Techniker dann erklärt, wie das wirklich abläuft.“

Der Professor warf einen Blick auf seine Taschenuhr, weil im aufgefallen war, dass Babett Schöntaler so seltsam nervös auf ihrem Stuhl neben der Bühne zappelte.

An sie gewandt fragte er:
“Wird Zeit, dass ich zum Ende komme?”

Sie nickte, wobei sie mit dem rechten Zeigefinger auf ihren linken Unterarm klopfte, wo sich keine Uhr befand. Riedlhauser verstand die Geste aber trotzdem.

“Muss mich beeilen. Hm. Was bleibt noch zu sagen? Ja, in den letzten 800 Bänden sind die Autoren immer weiter auf die reale Astronomie eingegangen. Das Betrifft die Sternhäufigkeiten, das Alter der Sterne, die Beschaffenheit von Planetensystemen, und diverse weitere Kleinigkeiten. Auf Seefahrerromane transponiert heißt das: Es fahren keine Hochseedampfer mehr die Isar hoch, und der Starnberger See liegt nicht in der Südsee. Zusammengefasst: Da passt alles.

Jetzt hoffe ich, dass ich nicht bis in die Pause hinein überzogen hab. Zumindest nicht so weit, dass keine Zeit mehr für eine Tasse Kaffee bleibt.”

Jetzt meldete sich die Schöntaler:
“Eine schnelle Tasse geht noch. Aber in 10 Minuten kommt der Vortrag von Karen Blau. Beeilt euch also”.

Lautes Klatschen aus dem Publikum, wobei die meisten bereits zum Ausgang liefen, dort wahlweise zu den Klos abbogen, oder zum Restaurant – wegen Kaffee! Dringend!

Agenten, Geheimdienste und Verschwörungen
“Warte noch ein oder zwei Minuten, bis alle zurück sind.”, sagte Babett Schöntaler zu einer Frau mit einem leuchtend blauem Pferdeschwanz.
“Ja, hatte ich sowieso vor. Weil solange alle herumlaufen, mit den Stühlen ruckeln und miteinander reden – auch wenn sie versuchen zu flüstern – hört mir eh niemand zu.”
“Stimmt. Aber das dauert nicht lange. Apropos lange: Dein Pferdeschwanz – ist der echt?”
“Klar. Nur die Farbe nicht. Die ist wegen meinem Namen...”

Kurt Meischner hatte das Gespräch mitgehört, schüttelte sich innerlich ob der Grammatik. Aber er war ja tolerant.

Nach ein paar Minuten hatten tatsächlich alle Platz genommen, einige kauten noch an ihren Böreks oder tranken Kaffee, aber es kehrte schnell Ruhe ein. Die Moderatorin zog das Mikrofon zu sich heran, sprach:
“Ihr kennt Karen ja vermutlich alle aus dem Forum. Daher, bitte - “, womit sie der Blauhaarigen das Mikrofon vor den Mund schob.

“Hallo Leute, ich bin Karen, mein Name ist wie mein Haar, ich bin 23 und komm aus einem Ort mit Ing. Ay!”

Betretenes Schweigen im Publikum.

“Oh, der ist wohl nicht angekommen. Das war Poetry Slam, aber das kennt wohl niemand mehr. Also: Ich komme aus Aying, bin seit meiner Schulzeit dort Heimatforscherin und habe mich nicht nur mit der Geschichte von Aying auf Rabaul, sondern auch mit der des gleichnamigen Ortes auf der Erde beschäftigt.

Als ich etwa 12 Jahre alt war, entdeckte ich in einem alten Buch über Aying, dass der Ort bekannt war für eine Brauerei, und die verteilte im zwanzigsten Jahrhundert Aufkleber, auf denen stand: O`zapft is. Das ist ein Bayrischer Spruch, mit dem man bekannt gab, dass ein Bierfass angezapft – in der Bedeutung von geöffnet – ist. Angezapft hat aber noch eine weitere Bedeutung: In der Sprache der Agenten und Geheimdienste heißt es, dass eine Kommunikationsleitung abgehört wird.

In dem Buch über Aying stand auch, dass damals viele Leute genau diesen Aufkleber auf ihre Wählscheibentelefone klebten. Sozusagen als Symbol bürgerlichen Widerstands gegen die allgegenwärtige Bespitzelung. Die begründete sich im Misstrauen der Politiker gegenüber den Bürgern. Ausgesprochen perverse Einstellung.

Und da die Geheimdienste schon immer politisch sehr weit rechts waren, diese Haltung als staatstragend betrachteten, versuchten sie in unreflektiertem Gehorsam gegenüber den Politikern jeden überall und immer abzuhören. Selbst die Harmlosen und Unauffälligen. Begründung: Wer harmlos und unauffällig tut hat garantiert Dreck am Stecken, muss also noch intensiver bespitzelt werden, als die, von denen man eh weiß, dass sie üble Dinge planen.

So etwas findet man in Slapstick Soap Operas wie `Maxwell Smart jr.`, wo der Urenkel von Agent 86, Agent 86.2.1, Buddy Overstreet jagt, der das Geheimnis von `Klein Hühnchen` kennt, aber nicht verraten will. Zum Totlachen.

Aber mich interessierten mehr die alten Agentenromane, etwa von Ian Flemming oder John le Carré, und in der Sekundärliteratur zu deren Agentengeschichten stieß ich auf Figuren aus Ren Dhark. Etwa Jos Achten van Haag, einen von James Bond 007 inspirierten etwas zu glattem Helden, oder auf Ömer Giray und Liv Sanders, die schon von ganz anderem Kaliber waren.

Nicht ganz schlau geworden bin ich aus Bernd Eylers, bei dem ich sicher bin, dass auch er ein literarischen Vorbild hat, das ich aber nicht kenne. Meine Vermutung: Kurt Brand ließ sich 1967 durch irgend eine Romanfigur, die anscheinend ziemlich nahe an die Realität angelehnt war, zu seinem Eylers anregen. Der wirkt einfach zu echt, als dass er ein reines Phantasieprodukt sein kann. Aber das Vorbild? Ich befürchte, dass es der Roman, den Brand damals verwendete, nicht bis nach Rabaul geschafft hat.

Nach 2000 gab es dann für eine Weile einen weiteren Agenten, der jedoch – leider – nur wenige Auftritte hatte: Putin. Er arbeitete für den Geheimdienst von Wallis, dem großen Industrieellen, von denen viele vermuten, dass sich der damalige Exposéautor Hajo F. Breuer mit ihm selbst in die Serie eingebaut hat. Zumindest sind sich beide – Hajo und Wallis – ausgesprochen ähnlich. Und Putin? Den gab es wirklich. Er begann seine Karriere als Agent des KGB, des sowjetischen Geheimdienstes, arbeitete sich schließlich hoch bis er Präsident von Russland wurde. Man könnte ihn am ehesten als intellektuellen Machtmenschen und begnadeten Selbstdarsteller bezeichnen. Er hätte bestens in die damaligen James Bond Filme gepasst. Da hätte wirklich alles zusammengestimmt. Im realen Leben eine ambivalente, aber nicht unsympathische Figur. Aber eben leider ein Machtmensch. Schade. Aber als Romanfigur bei Ren Dhark? Genial!

Leider war mit den Agenten ab dem Quiet Earth Zyklus erst einmal Schluss, weil sie ja alle verschwunden waren. Andererseits denke ich, dass der Zeitsprung um 100 Jahre in Richtung Serienzukunft dringend nötig war, hätten doch sonst die neuen Ren Dhark Romane zu einer Zeit gespielt, die vor unserer aktuellen Gegenwart lag. Für eine Science Fiction Serie, die manch einer gerne als `Zukunftsromane` bezeichnet, nicht unbedingt das Gelbe vom Ei. Ich würde sagen: Der Zeitsprung hat die Serie gerettet.

Als dann im nächsten Zyklus die Siedler auftauchten, die, ohne es zu wissen, mit einer Transition die durch die Milchstraße laufende Ebene des Sammlers übersprungen hatten, somit nicht verschwanden, ging es auch schnell mit den Agentenstories weiter. Die drei `Sicherheitswächter`, deren ursprünglicher Job es gewesen wäre, bei der Besiedlung von Atlas IV darauf zu achten, dass sich nicht irgendwelche Schrägvögel unter den Siedlern von den anderen unrechtmäßig bereicherten. Als dann klar wurde, dass sich kein von Menschen bewohnter Planet mehr im Hyperfunk meldet, sich die Kolonie auf dem Planeten erst einmal vorsichtshalber versteckter, gründeten die drei einen Geheimdienst mit dem Ziel, herauszufinden was passiert ist. Und die Agentengeschichten sind wirklich heftig!

Mir kam das damals – ok, ich hab die Romane erst mehrere Jahre nachdem sie heraus gekommen sind gelesen – als einen Schritt `back to the roots` empfunden. Die Abenteuer der Siedler entsprachen von der Grundidee her den ersten Ren Dhark Heften von Kurt Brand. So ein Degrader scheint auch dringend nötig gewesen zu sein, andernfalls hätte sich die Serie womöglich doch noch `zu Tode gebläht`, wie es der Perry Rhodan Serie oft vorgeworfen wird. Aber hier scheint es durchaus gelungen zu sein, genau das zu verhindern.

Besonders spannend für mich war es mitzuverfolgen, wie sich aus den drei Wächtern langsam, aber immer Schritt für Schritt nachvollziehbar, ein echter Geheimdienst entwickelte, dessen primärer Zweck es war, Informationen zu beschaffen, die den Menschen auf Atlas IV weiterhalfen. Natürlich gab es gelegentlich Fehlentwicklungen, die zwangsläufig in Sackgassen geführt hätten, aber da es nur noch so extrem wenig Menschen gab, war ihnen klar, dass sie sich keine Fehler erlauben durften, wollten sie nicht ganz untergehen. Deshalb gab es auch immer wieder Korrekturen, manchmal auf ganz unorthodoxe Weise, aber immer so, dass die `Firma` ihre Aufgaben erfüllen konnte, ohne zu viel Macht anzusammeln und die Menschen so zu gängeln, wie das auf der Erde im zwanzigsten und am Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts üblich war.

Die meiner Meinung nach beste Geheimdienstgeschichte explodierte als DIE Überraschung im Zyklus `Die alte Macht`, als Oma Homan, unsere Miss Marple, den Zusammenhang zwischen dem Sammler und den Kalamiten aufdeckte. Vom Sammler wissen wir immer noch nichts. Nicht einmal wie und wieso er die Menschen verschwinden lassen hat. Daher ist das galaktische Versteckspiel, dass die Menschheit seit dem betreibt, eine bittere Notwendigkeit. Die Agenteneinsätze sind von daher gesehen extrem riskant. Die Folgen einer Enttarnung könnten immense Folgen haben. Gerade deshalb sind ja auch die Abenteuer so extrem spannen und nervenzehrend. Bei den Geschichten, in denen sich die Agenten als Kalamiten getarnt hatten, um auf deren Planeten zu spionieren, habe ich wieder mit dem Nägelkauen angefangen.

Die gigantische Verschwörung der Kalamiten gegen die Menschen, die ja bereits Hajo eingeführt hat, ist derart undurchsichtig, dass ich mir immer noch keinen Grund und keine Hintergründe vorstellen kann. Was habe ich mir darüber schon das Gehirn zermartert.”

Zustimmendes Nicken und Grummeln im Publikum. “Ich auch!” “Und ich erst mal!” Rufe, dann eine Zwischenfrage aus der letzten Reihe:
“Kurt? Wann kommt da endlich eine Auflösung?”

Kurt nahm sein Mikrofon:
“Kosmisch gesehen: Bald.” und setzte sich wieder.

Weiteres Gegrummel aus dem Publikum. Vereinzeltes Kichern.

Karen zupfte an ihrem blauen Pferdeschwanz:
“Kosmisch gesehen... Eine traditionelle Exposéautoren Antwort...
Ja, ja, die Verschwörungen. Aber da habe ich jetzt auch eine: Und zwar: Ich werde jetzt zusammen mit Babett das Lieblingsgetränk von Oma Homan einlitern.“

Rufe aus dem Publikum: “Bloody Mary!”

Babett Schöntaler stand schon neben ihr, was Karen Blau nicht bemerkt hatte:
“Und die Betonung liegt auf `einlitern`. Bis alle unter dem Tisch liegen. Also Leute, wir sehen uns gleich an der Bar.

Und bevor ich es vergesse: Morgen um 13 Uhr gehen die Vorträge weiter: Riedlhauser will etwas über Exosoziologie erzählen. Was auch immer das sein mag.”

Exosoziologie
Nach einem nicht ganz so exzessiven Besuch der Bar – weder Elfriede noch Riedlhauser machten sich etwas aus Alkohol – und einer umso längeren Nacht in ihrem Hotelzimmer, von der wir aber zum Schutz ihrer Privatsphäre nicht berichten werden (höchstens davon, dass Elfriede ihren speziellen Kittel zum Einweihen von Himmelbetten mitgebracht hatte) verputzten die beiden ein besonders ausgiebiges Frühstück, das unmittelbar ins Mittagessen überging.

Irgend wann kam ein Serviererinnen Toon auf die überdachte Terrasse und gab bekannt:
“In 10 Minuten beginnt der Vortrag von Professor Riedlhauser zum Thema Exosoziologie. Wer ihn hören will, sollte jetzt in den Vortragssaal gehen. Und falls der Professor hier ist: Man erwartet ihn bereits. Danke für eure Aufmerksamkeit.”

Riedlhauser biss gerade von einer gelantierten Hühnerkeule ab, die ihm Elfriede vor den Mund hielt, während er für sie eine Weintraube abriss, die er ihr in den Mund stecken wollte, meinte dann aber kauend:
“Das sollten wir anhören! Könnte interessant werden.”
“Ich schon, du nicht, Stefan.”
“Wie meinen?”
“Du musst den Vortrag halten...” und bekam während sie sprach die Traube in den Mund.

“Stimmt. Dann sollten wir so langsam mal los.”, worauf beide runter schluckten, Elfriede mit einem Glas Brombeertee nachspülte und der Professor ganz schnell seinen Kaffee einschüttete. Dann standen beide auf und spazierten ganz gemütlich ins  Innere des Tagungshotels.

Im Vortragsraum wartete bereits die Schöntaler. Obwohl? Besonders wartend wirkte sie eigentlich nicht. Eher verkatert. Als sie Riedlhauser erkannte, setzte sie an:
“Sag nichts. Geh einfach nur auf die Bühne und fang an, sobald genügend Leute da sind. Ich muss ganz dring- “, hielt sich beide Hände vor den Mund, so dass nur noch Teile ihres fahlgrünen Gesichts durchschimmerten und verschwand im Laufschritt in Richtung zu den Klos.

“Einer von den Bloody Marys muss wohl schlecht gewesen sein.” flüsterte Elvira mit einem besorgten, fast bedauernden Unterton zu Stefan.

In den folgenden Minuten tröpfelten vereinzelt Leute in den Saal, aber so richtig voll wurde er nicht. Einige der Neuankömmlinge wirkten leicht angeschlagen, andere dagegen machten einen ausgesprochen munteren Eindruck. Wie Riedlhauser schon vermutet hatte: So ein Kneipenbesuch kann Folgen hinterlassen. Aber dann tauchte Kurt Meischner auf. Gefolgt von einem Schwebetablett.

“Hyper-Turbo-Eichengrün? Wasser?” und lies das Tablett durch die Reihen gleiten, wo es eine erstaunlich große Zahl von Abnehmern fand. Und tatsächlich dauerte es danach nur zwei, vielleicht drei Minuten, und die fahle Gesichtsfarbe einiger Teilnehmer veränderte sich in Richtung zu dem, was man für gewöhnlich als `gesund` bezeichnete.

Elfriede sprach kurz mit Kurt über Babett, aber er hatte ihr bereits einen Sanitätsrobot nachgeschickt. Nur um sicher zu sein, dass sie nicht an Erbrochenem erstickt. Außerdem war er der Ansicht, dass die jungen Leute nichts mehr vertrugen, und dass Babett noch den 20 Bloody Marys nicht noch mit Whiskey hätte weitermachen sollen. Als ausschlaggebend für ihren Zustand machte er jedoch das abschließende Weißbier verantwortlich. Die Kohlensäure. Die vertrug eben nicht jeder. Oder jede, wie hier.

Riedlhauser kam sich während dessen irgendwie ein wenig verloren vor. Wie bestellt und nicht abgeholt. Weshalb er er wenig mit seinem Schwebeprojektor herumspielte, ein gestengesteuertes antikes Tetris. Aber dann kam doch Kurt Meischner auf die Bühne:

“Hallo! War ein anstrengender Tag gestern, daher hat sich Riedlhausers Vortrag jetzt doch ein wenig verzögert. Geht es euch inzwischen allen wieder so halbwegs gut?”

Ein paar nicht besonders enthusiastische “Ja!” Rufe aus dem Publikum.

“Perfekt. Dann, alter Freund, kannst du anfangen...”

Der Professor schaltete das Spiel ab, wandte sich an das Auditorium:
“Nachdem es so schleppend begonnen hat, gehen wir am besten gleich in die Vollen: Die Geschichten in den ersten Hundert Ren Dhark Büchern haben, ohne dass es die Autoren wussten, eine neue Wissenschaft begründet. Das kam so:

In den Romanen kamen regelmäßig Zivilisationen vor, die teils recht exotisch Regierungsformen und Sozialsysteme hatten. Speziell Hajo F. Breuer hatte einen riesigen Spaß daran, solche Systeme zu erfinden und von den Autoren beschreiben zu lassen. Dabei war oft nicht alles gut, oder so, wie es am Anfang den Anschein hatte. Jedes politische oder soziale System hat auch seine Schattenseiten, und die wurden in den Geschichten immer gefunden und offen gelegt.

Die Erzählstruktur erinnerte dabei oft an Tierfabeln, aber da es um Aliens, nicht um Tiere ging, war den Lesern die entsprechende Metasprache nicht bekannt. Kunststück, die gab es nicht. Die Aliens fungierten lediglich als Projektionsfläche für mögliche menschliche Gesellschaften, später auch für Gesellschaften, die mit Menschen nie funktionieren konnten, weil die Aliens ganz andere Voraussetzungen und Bedürfnisse hatten, sich deren Psychologie oft ganz grundlegend von der menschlichen unterschied.

Das brachte einen Forscher am IDI – Jahrzehnte bevor die ersten außerirdischen Zivilisationen entdeckt wurden – auf die Idee, Exosoziologie als neue Wissenschaft einzuführen, die sich mit den sozialen und politischen System fremder Zivilisationen beschäftigt.

Ja, den Grundstein dazu hat tatsächlich eine Science Fiction Serie geliefert. Schon erstaunlich, oder?

Riedlhauser ließ den Projektor ein Phasendiagramm an die Wand werfen, wie man es aus der Geologie oder Mineralogie kannte. Nur beschrieb das hier die möglichen Arten der Selbstorganisation von Zivilisationen.

(Schlomonische Anmerkung: Die Diagramme existieren momentan nur aus schnell hin gekritzelte Bleistiftzeichnungen, und mir fehlt die Zeit, sie in sauber zu zeichnen. Daher lass ich sie weg. Im gedruckten Roman sind sie natürlich drin.)

Die rot eingefärbten Bereiche sind Methoden, die von menschlichen Staaten und Organisationen bereits ausprobiert wurden. Wie ihr seht, umfasst das nur einen kleinen Teil der denkbaren Formen.

Im nächsten Diagramm seht ihr die Kommunikationsfähigkeit von Zivilisationen, was jedoch nur sehr bedingt auf die ihrer einzelnen Wesen (insofern es so etwas dort gibt) Rückschlüsse erlaubt. Das Diagramm links zeigt abhängig davon die möglichen technischen Zustände, im rechten den Grad der Forschung und gestrichelt jeweils die Geschwindigkeit, mit der in beiden Fällen Veränderungen ablaufen.

Das ist in etwa der aktuelle Stand der Forschung. Daneben gibt es natürlich noch die Klassifizierungen: Hier sind die Exosoziologen mindesten genau so einfallsreich wie die Biologen. Nur mit einem Unterschied: Bei Gesellschaftsformen ist eine exakte Taxonomie ungleich schwieriger als beispielsweise bei Insekten. Einerseits sind die Formen zeitlich sehr variabel, weiter kann es in einer Zivilisation an verschiedenen Orten auch verschiedene Gesellschaftsformen geben. Kennt man ja von der Erde. Das scheint sogar eher die Regel als die Ausnahme zu sein.

Und jetzt kommt`s: Ren Dhark ist Science Fiction. Daher ist die Exosoziologie, die je erst durch die Romane ins Leben gerufen wurde, in die Romane zurück geschwappt. Das gilt ganz besonders für die Klassifizierungen von Gesellschaften. Jeder von euch erinnert sich an Gespräche unter den Wissenschaftlern an Bord der POINT OF, wenn eine neue Alienart entdeckt wurde. Und die Begriffe, die sie dazu verwenden, gäbe es nicht, hätten nicht die frühen Bände die Anregung für die Exosoziologie gegeben.

Cool. Oder?”

Der Professor ließ den Blick über das Publikum schweifen, erkannte, dass es einigen dort immer noch nicht so besonders gut ging, und richtete daher eine Frage an Kurt:

“Kurt, wann beginnt eigentlich der nächste Vortrag?”

Der sah auf die Uhr, meinte dann:
“In 20 Minuten.”

“Dann schlage ich vor, dass wir jetzt abbrechen. Dann können sich alle noch einen Kaffee hinter die Binde kippen, und vielleicht einen Döner mit viel Scharf essen. Das soll recht gut gegen Kater helfen.”, sinnierte Riedlhauser leicht frustriert, da er gerne noch jede Menge mehr erzählt hätte, aber vor Leuten, die so verkatert sind, dass sie womöglich nur die Hälfte mitbekamen?

Da einige der Zuhörer offensichtlich gestern nicht ganz soviel Alkohol abbekommen hatten, noch ein wenig diskutieren wollten, blieb er dann doch noch. Es entwickelte sich mit der kleinen Gruppe, bestehend aus fünf Leuten, darunter Kurt Meischner, Elfriede blieb natürlich auch, eine recht spannende Unterhaltung:

Wie kam es, dass man sich auf der Erde vor der Entdeckung der ersten außerirdischen Gesellschaften nur ein derart eingeschränktes Bild der möglichen Sozialsysteme gemacht hatte?

Kurt Meischner hatte dazu bereits Gedanken gehabt, die zu einem Modell geführt hatten:
“Als die Menschen noch nichts von anderen Wesen und deren Zivilisationen gewusst hatten, begrenzte das ihre Vorstellung, ließ nur kleine `Erweiterung` bekannter Gesellschaftsmodelle zu. Das selbe galt für die Baupläne von außerirdischen Lebensformen. Da waren alle von den auf der Erde bekannten Formen abgeleitet. Es herrschte bei Wissenschaftlern sogar die Vorstellung, alle anderen hätten auch eine DNA als Erbmolekül. Wie viele verschiedene, sogar extrem unterschiedliche Träger von Erbinformationen es wirklich gab, wurde erst klar, als Leben außerhalb der Erde entdeckt und genau untersucht wurde.

Vielleicht kennen einige von euch den uralten Asterix Band `Der Seher`. Dort werden mehrere Seher ganz kurz – nur in jeweils einem Bild – vorgestellt. Die meisten `seriösen` Seher beschrieben die Zukunft mit den selben strohgedeckten Häusern wie zur Zeit von Asterix, nur ein wenig größer. Aber dann gab es auch Spinner: Die redeten von zwanzigstöckigen Wolkenkratzern, Düsenflugzeugen, Autos, Verkehrsstaus und so weiter. Aber solche durchgeknallten Spinner konnte man natürlich nicht ernst nehmen.

Bei uns befürchteten die Science Fiction Autoren, aber auch die Wissenschaftlern, die sogar noch mehr, ebenso verlacht zu werden. Niemand wollte mit extremen Spekulationen seine Reputation verlieren.”

KosmodromBand 628
Als der Professor die Bühne verlassen wollte, kam der nächste Redner auf ihn zu, klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter, meinte dann so laut, dass alle es hören konnten, auch wenn er kein Mikrofon benutzte:
“Super Vortrag! Trotzdem hätte ich da eine Anmerkung: Mach doch BITTE heute Nacht das Fenster von eurem Zimmer zu. Es soll Leute geben, die in der Nacht schlafen wollen...”

Riedlhauser brachte nur ein verdattertes “Öh...“ heraus, setzte sich im Zuschauerraum neben Elfriede. Und die flüsterte mit einem unschuldigen Lächeln im Gesicht an ihn gelehnt:
“Ich hab doch gleich gesagt, dass das Himmelbett quietscht...”

Langsam füllte sich der Saal mit Leuten, die ein wenig frischer aussahen, als noch vor einer Stunde. Was den Professor vermuten ließ, dass das Hyper-Turbo-Eichengrün (Schlomonische Anmerkung: zwischenzeitlich hieß es mal Aspirin), genügend Kaffee und ein Döner mit extra viel Scharf endlich anfing zu wirken. Nach einer weiteren Minute tauchte Karen, die Frau mit dem leuchtend blauem Pferdeschwanz auf und setzte sich neben Elfriede. Beide begannen sofort ein Gespräch:
“Wo hast du eigentlich die Schöntaler gelassen?”
“Die füllt gerade auf dem Klo eine Schüssel. Hätte nie gedacht, dass da so viel hinein passt.”
“Bestimmt 20 Liter, schätze ich.” antwortete Elfriede.
“Ich meinte die Schöntaler, nicht die Schüssel...” grinste Karen.

Als der Saal fast voll war, stieg Kurt Meischner auf die Bühne, der Redner, dessen Namen Riedlhauser nicht kannte, gesellte sich zu ihm und Meischner zog das Mikrofon zu sich:
“Da unsere Moderatorin gerade - öh - verhindert ist, übernehme ich mal kurz ihre Rolle.”

Gekicher im Publikum “Verhindert?” “Nennt man das jetzt so?”

Kurt ließ sich davon nicht irritieren:
“Wie auch immer. Jedenfalls folgt jetzt der Vortrag, auf den viele sicher schon ungeduldig gewartet haben. Eine Buchbesprechung – eines der letzten Romane, die auf der Erde geschrieben wurden.

Den Vortrag hält Norge Samuelson, den wohl noch kaum jemand auf Rabaul kennt, da er erst vor zwei Monaten von der Kalinin Station nach AltNeu-Bayern übergesiedelt ist.

Norge, dann leg mal los!”

Norge zog das Mikrofon zu sich, einen kleinen schwebenden Kugelroboter benutzte er als Projektor für das Titelbild eines alten Ren Dhark Buches.
“Danke Kurt. Das Leben auf einem Planeten gefällt mir schon deutlich besser als in Raumstation. Ich denke, hier bleibe ich!”

“Klar”, “Logo”, “Kann ich nachvollziehen” Gemurmel aus dem Publikum.

“Ich werde über Band 628, Kosmodrom, reden. Das Buch wurde noch vor meiner Geburt auf der Erde geschrieben, ist einer der letzten Bände von dort. Zuerst ein paar Fakten:

Band 628 erschien im April 2104, das Titelbild, ihr seht es hinter mir an der Wand, kommt von Gilian Voltz, der ja auch hier beim Fantreffen ist. Das Exposé hat – wer auch sonst? - unser Kurt Meischner verfasst.”

Kurzer aber heftiger Beifall für Kurt.

“Die Autoren waren Anton Trefil, Günter Scheer, Turgut Bernt, Miriam Giesa und  Hans-Jürgen Levi.

Zum Titelbild kann sagen, es stellt den Raumhafen von Cent Field da, der seit etwa 100 Jahren nicht mehr von Menschen betreten worden ist, der von der Natur zurück erobert wurde.”

Ein Zwischenruf aus dem Publikum:
“Es sieht so aus, als wäre das Bild nicht in der Mitte. Ist das so? Und wenn ja, wieso?”

Norge grinste.
“Stimmt. Es gab einige Jahre bevor der Band geschrieben wurde eine Wette: Der damalige Verleger Janosch Kowalski hatte gewettet, dass sich die Politiker nie dazu aufraffen können werden, die Erde zu evakuieren. Ein Leser hielt dagegen. Als dann der Beschluss fiel, nach Rabaul auszuwandern, musste Kowalski seine Wettschuld einlösen. Und die bestand darin, dass bis zu dem Zeitpunkt, an dem alle Leser die Erde verlassen hatten, sie an der Gestaltung der Titelbilder mitwirken durften.

Sein Konzept war genau so einfach wie genial: Da garantiert alle Leser bei jedem Titelbild mitbestimmen wollten, gab er die Position des runden Bildes frei. Jeder, der sich ins Ren Dhark Forum einloggte, konnte – bei jedem Login – eine Stimme abgeben. Zur Auswahl stand: nach Oben, nach Unten, nach Rechts und nach Links. Immer nur ein Pixel weit. Die Grenzen waren dann erreicht, wenn der Kreis an einen Rand oder eine Schrift anstieß.

Bei den Fans bildeten sich schnell zwei Gruppen: Die Zentralisten und die Exzentriker. Bei den zuletzt genannten ging es etwas inhomogen zu: Es gab `Die Hohen`, die das Bild ganz oben haben wollten, die `Unten links Fraktion`, die `Ultrarechten`, die `Diagonalen`, auch die Eckenfans genannt und so weiter und so fort.

Auf der Webseite konnte man den Kreis auf dem Titelbild wandern sehen, was mitunter fast einem Kampf gleich kam. Stichtag, bis zu dem man `mitbestimmen` konnte, war der Tag, an dem die Daten zur Druckerei geschickt wurden.

Wenn man alle Titelbilder dieser Epoche ganz schnell nacheinander ansieht, bekommt das durchaus Ähnlichkeit mit dem Klassiker von Brösel, `Der springende Punkt`.

Aber zurück zum Roman. Der gehört zum Quiet Earth Zyklus, ist dessen fünfter Band, und da womöglich nicht alle diesen Zyklus im Kopf haben, hier sein Grundkonzept:

Nachdem die PO von den Balduren entführt wurde, Ren Dhark und seine Besatzung zuerst eingefroren und dann zwangsweise regeneriert wurden, kommt die PO im Jahr 2207 zurück in die Milchstraße, 114 Jahre später als erwartet. Dort findet sie die Erde menschenleer. Ebenso Babylon, Eden und die anderen von Menschen besiedelten Planeten. Im Hyperfunk stellt RD fest, dass sich das Tel Imperium aufgelöst hat, ein gigantischer Bürgerkrieg stattgefunden hat und sich aus den Resten eine Vielzahl kleiner und kleinster Sternenreiche gebildet haben.

Die Idee ist natürlich ein Kind ihrer Zeit: Da klar war, dass die Erde in wenigen Jahren menschenleer sein würde, stellten sich einige, gerade aber auch Science Fiction Autoren die Frage, was wohl geschehen würde, wenn eine lange verschollenen Expedition zur Erde zurückkehrt, nur um dort festzustellen, dass keiner mehr zu Hause ist. Und ganz real verschollene Expedition gab und gibt ja bekanntlich so einige.

Dann zum Vorwort des Bandes. Das ist natürlich – wie könnte es anders sein – von Kurt. Kurt! Erinnerst du dich noch, was du damals geschrieben hast?”

Der sah ganz ernst ins Publikum:
“Logo. Ich erinnere mich an jedes der 407 Vorwörter, die ich verfasst habe. Oder, wie Riedlhauser sagen würde: An Allem, einschließlich dem Dativ.”

Dem der Professor mit einem extra lautem Kopfnicken zustimmte. - Was auch immer man sich darunter vorstellen mag. -

„Ich lese es trotzdem schnell vor:”, worauf der Kugelrobot den Text an die Wand projizierte.

„Vorwort:
Seit dem letzten Fantreffen im November sind nun vier Monate vergangen. Ich hoffe, alle Teilnehmer haben sich von den Feierlichkeiten anlässlich des achtzigsten Jahrestages der Verleihung des Literaturnobelpreises an das damalige Ren Dhark Team gut erholt.
Ihr erinnert euch noch an den Gimmick, den Randolf Zell, unser Verleger, an einige Fans und Foristen verteilt hat? Er ist so gut angekommen, dass wir uns auf vielfachen Wunsch entschlossen haben, ihn diesem Band beizulegen, damit alle Leser einen bekommen. Die ursprünglich angekündigte Beilage, den Datenträger mit einem Modell-Flash für 3dDrucker, findet ihr daher erst im nächsten Band.
Neu im WiW Team dürfen wir Günter Scheer begrüßen, der sich bereits mit seinen beiden Sonderbänden ‘Schatten über Corruba’ und ‘Eisglanz’ einen Namen gemacht hat. Miriam Giesa, die viele Leser in den vorigen drei Bändern bereits schmerzlich vermisst hatten, schreibt wieder! Ihre Babypause ist zu Ende, ihr Sohn Kurt krabbelt bereits. Nicht dass ihr jetzt denkt, Kurt sei nach mir benannt, nein, weit gefehlt. Es ist der zweite Vorname von Miriams Urgroßvaters, der, wie viele von euch sicher wissen, selbst Ren Dhark Geschichten geschrieben hat und sogar mit dem legendären Kurt Brand befreundet war, damit zum Urgestein der Serie zählt.


Nürnberg, 1.März 2104                Kurt Meischner



Da es schon eine etwas längere Weile her ist, seit das Buch erschienen ist, kann vermutlich wild drauf los spoilern, ohne irgend jemand die Spannung zu nehmen. Sollte doch einer im Publikum sitzen, der den Roman noch nicht kennt, aber plant, ihn bald zu lesen, kann er sich ja so lange etwas in die Ohren stopfen.

Die ersten Kapitel hat  Anton Trefil verfasst:

Shanton, der zusammen mit Artus und Jimmy in einem Flash nach Hope geflogen ist, versucht im verlassenen Maschinendom Ersatzteile und Ausrüstung für die PO herzustellen. Dabei entdeckt er eine Nachricht von Doris, der Wächterin an Arc Doorn. Keiner der 3 kann die Nachricht entschlüsseln. Jimmy trifft auf einen (Wie heißen die kleinen Eisenfresser?) und erfährt von ihm, dass die Menschen vor über 100 Jahren plötzlich von Hope verschwanden. Wieso, und vor allem, wie, wusste er nicht. Artus untersucht inzwischen mehrere verlassene Ringraumer und findet in einem die Aufzeichnungen einer Überwachungskamera. Sie zeigt 8 Menschen, die gelangweilt in der offenen Hauptschleuse stehen, und von einem Bild zum nächsten übergangslos verschwunden sind. Plötzlich melden sich die Wiesel im Hyperfunk!

Der zweite Block kommt von  Günter Scheer, seinem ersten Einsatz bei Weg ins Weltall:

Osorn, Craig, Bentheim und Monty Bell experimentieren an Bord der PO mit einem Gerät, das die Spuren längst abgestrahlter Hyperfunk Sendung anmessen kann. Dabei entdecken sie einen mindestens 100 Jahre alten Impuls, der vermutlich nur 10-23  sek gedauert hat, aber keinen Ausgangsort zu besitzen scheint. Der Impuls ist nicht identisch mit dem weisen Blitz. Die vier bekommen Kontakt zu einem Synthie, der folgende Botschaft übermittelt: “Fliegt nicht nach El Bbuh.” Danach bricht die Verbindung ab. Die PO folgt weiter der Spur nach W97, dessen mögliche Koordinaten sie den Balduren abgejagt hatten, bevor sie eingefroren worden waren. Während des Fluges orten sie ein Kleinstraumschiff, das sich aber ohne Kontakt aufzunehmen sofort mittels Transition absetzt.
Der Mittelteil stammt das der Feder von Turgut Bernt:

Die Lowim (Hippies und Anarchisten) vom Planeten Golim beobachten während eines Probeflugs mit ihrem neuesten interstellaren Raumschiff ein gigantisches ringförmiges Raumschiff und ziehen es vor, sich abzusetzen. Man weiß ja nie. Die Nottransition geht schief und sie müssen auf einem unbekannten Planeten notlanden. Dort treffen sie auf die Norak, eine bürgerliche, konservativ strenge Zivilisation.
Nach einigen Verwicklungen können die Lowim einen Notruf per Hyperfunk absetzen.

Im vierten Abschnitt schreibt Miriam Giesa unter anderem über ihre Lieblingsfigur, Malcom Dhark:

Die PO empfängt einen nicht zu entschlüsselnden Hyperfunkspruch und bittet die Kaluna, die RD noch einen Gefallen schulden, sich darum zu kümmern. Was die auch sofort machen. (Mixmode: Abschnitt springt zwischen den 3 Schauplätzen hin und her.)
Die Lowim schließen sich nach einer Intervention des 17 jährigen Malcom Dhark, dem Sohn von Ren und Tanja Dhark, der Expedition der PO an.

Und der Abschluss des Romans mit einem (nicht ganz so schlimmen) Cliffhanger stammt von Hans-Jürgen Levi:

Die PO erreicht die Position von W97. Hier ist aber nichts. Nach einigem Suchen entdeckt Wonzef mit seinem Flash eine im All treibende Flasche. Sieht aus wie eine gewöhnliche, zugekorkte Weinflasche. Ist es auch! In ihr steckt ein Zettel, den Brandis Mayer, dem Namen nach ein Terraner, geschrieben hat. Er berichtet von seltsamen Dingen, von Menschen, die sich urplötzlich in Luft aufgelöst haben und dergleichen. Sehr wirr. Etwas später entdeckt die PO ein Raumschiffswrack mit offener Schleuse. Als RD an Bord geht, findet er Kistenweise alte Weinflaschen und einen Roboter. Der ist sehr gesprächig, aber schwer beschädigt.

Der Mittelteil von Turgut Bernt kann nur eine Hommage an die Anfänge von Ren Dhark und Perry Rhodan sein. Experimentiert einmal ein wenig mit den Namen der Protagonisten:

Die Lowim: Akinom und Ewut Umleh Evarg, Leby Zoj, Nam Edragnaj, Ualhe Fdlawe, Dnalniew der Fnam, Aseig Truk Renrew, Ztei Waromanin, Tren Hemmicha, Drehpesh Darnoc, und Reu Erbfojah (Der große Planer)

Der Anarch von Golim: T`n Rebmich Aojsnah (T`n heißt Anarch in der Lowimsprache)
 
Hauptstadt der Lowim: Nerkrahd

Das Raumschiff der Lowim: „Der blaue Kurt“, 5,98 Meter lang, 3 Meter 20 im Durchmesser, mehrere Luken und Bullaugen, 3 stummelartige Schwanzflossen. Himmelblau angemalt und mit Blümchen, Vögeln (die wie Uhus aussehen), Lowim`schen Peace-Zeichen und so weiter verziert. „Kurt“ heißt in der Sprache der Lowim: “Der Wanderer, der selbst bestimmt, wohin er geht”. Und genau diese Übersetzung scheint sich auf Kurt Brand zu beziehen: Der hatte sich selbst aus der Kriegsgefangenschaft entlassen. Weil es ihm keinen Spaß mehr gemacht hat, wie er später einmal meinte.

Das Lowim`sche Peace-Zeichen ähnelt frappierend einem antiken terranischen VW-Zeichen.
„Das Emblem sieht handgemacht aus...“
„Ja. Das haben wir von einem Bus abgeschraubt und umgesägt…”.

Ich habe lange gebraucht um herauszufinden, wie das gemeint ist. Meine Vermutung: Es bezieht sich auf einen antiken Comic von Gilbert Shelton, `The Fabulous Furry Freak Brothers`. Die hatten einen VW Bus, bei dem sie das VW Zeichen umgesägt hatten zu einem Peace Zeichen.

In einem der Kapitel von Miriam Giesa gibt es dazu einen köstlichen Dialog an Bord der POINT OF, wobei allerdings nicht klar wird, wer was gesagt hat. Vermutlich weil es keine Bedeutung hat:

„Der blaue Kurt? Etwa nach unserem legendären…”
„Woher sollten sie den kennen?“
„Weiß nicht. Vielleicht hatten sie mal Kontakt zu Terranern...“
„Das müssen dann aber belesene Terraner gewesen sein.”
Jetzt meldete sich der Checkmaster: „’Kurt’ ist ein Begriff aus der Lowimsprache. Er bedeutet: ‚Der Wanderer, der selbst bestimmt, wohin er geht’“
„Ja dann...“

Wenn ihr die Szene lest, als die auf Norak abgestürzten Lowim auf Malkom Dhark treffen , erkennt ihr sofort, wer mit Reu Erbfojah gemeint ist:

Vor dem auffallend winzigen Raumschiff der Lowim:
„Wie passt ihr nur alle in das Ding rein?“
„Ganz einfach: Klappe auf, einsteigen, Klappe zu“
„Ja, dann...“

„Ist aber bestimmt ganz schön eng.”
„Das geht schon. Man braucht nur genügend Yeksihw.“
„Stimmt. Tlamelgnis am besten.“
„Aha?“

Noch deutlicher war es etwas früher, kurz nach dem Absturz:

Sie standen neben dem abgestürzten 6 Meter langen Raumschiff und starrten die 5 Meter hohe Wand der Schlucht an.
Ztei Waromanin: „Und nu?“
Reu Erbfojah sah sie etwas indigniert von der Seite her an: „Ich habe natürlich auch an solche Situationen gedacht. Im Laderaum liegt eine Leiter.“
Tren Hemmicha öffnete die Klappe des Laderaum und zog eine 7 Meter lange, sehr solide aussehende Aluminiumleiter heraus.
Ztei Waromanin: „Wie passt die denn da rein?“
Reu Erbfojah: „Glaubst du etwa an Geometrie? Also ich nicht.“
Nam Edragnaj: „Sei nicht so streng mit ihr. Die ist noch ganz neu im Team.“

Und auch die Freunde der Slapstick Szenen kommen nicht zu kurz:

Ewut Umleh Evarg fuchtelte mit seiner Taschenlampe wie mit einem Laserschwert. Der Norak hielt sich eine Hand vor die Augen, um nicht geblendet zu werden.
„Lass das.“
„Du sprichst meine Sprache?“
„Nein. Ich bin Telepath. Ich tu nur so.“

Die Norak kommen nicht ganz so gut weg wie die Lowim, dafür gibt es von ihnen sehr viele. Und wieder erleben wir das Spiel mit den Namen:

Die Norak: Dnarb Truk (Schließt sich bald den Lowim an), Notl Rad Kralc, Sre Wegh, Ffohdl Eftrebor, Gid Nif Saerdna, Sic Narfgh, Eseir Gretep, Nnam Ffohtsroh, Lefi Enksnah, Rhamtruk, Alugan Leahcim, Not Tapy Evrah, Reech Streb Rehlrak, Zraw Schnasus, Drehp Ehsdarnoc, Slohsww, Wody Sennairam, Dirr Etretep, Kecl Vtsnre, Ztlov Mailliw, Ret Niwgvelted, Relgeiz Samoht, Ckurbyn Nhoj, Notna Ewu, Chsrob Knarf, Rotsa Creniar, Remll Etdnra, Lesne Ahtrebuh, Nerre Hacram, Sakuloel, Nol Litnom Naitsirch, Renruht Sucram Leachim, Naamred Navmiw, Trem Heobknarf, Chabne Schesaerdna, Sfeah Trebsig, Nrek Aidualc, Rell Uumsutit

Das Buch enthielt natürlich auch einen Gimmick: Funguidum aliensis bertii, ein außerirdischer Organismus + Aufzuchtanleitung

Ich habe meinen noch immer, und den hatte damals noch mein Vater angesetzt.

Das war jetzt doch länger ich vorhatte, aber mir hat es echt Spaß gemacht!”

“Uns auch!” “Yeah”, “Ich auch so einen Gimmick!” “Vielleicht einen Ableger?” und dazu frenetischer Applaus.


Nach einer Weile, als der Applaus langsam abebbte, ging Kurt Meischner ans Mikrofon:
“Das war es für heute mit den Vorträgen. Macht euch frisch, wir sehen uns dann auf dem Fanfest. Und morgen geht es dann hier weiter. Bis später!”

Superintelligenzen und PSI
Kurt Meischner betrat die Bühne, flüsterte kurz mit Babett Schöntaler und sprach dann ins Mikrofon:
“Jetzt darf ich euch einen Sprecher vorstellen, von dem vermutlich alle schon gelesen haben, den aber kaum jemand persönlich getroffen hat. Er setzt sich mit einer Frage auseinander, die viele Fans seit Jahrzehnten beschäftigt: Wieso gibt es bei Ren Dhark keine Superintelligenzen, wie man sie aus einer anderen Serie kennt? Und weshalb kommt so wenig PSI vor?

Ich darf vorstellen: Den größten vergleichenden Literaturwissenschaftler auf Rabaul, Professor Johan von Neuhausen!”

Meischner trat einen Schritt zurück, und in der ersten Reihe im Publikum stand ein älterer Herr auf – nicht so alt wie Kurt Meischner, aber eben auch nicht mehr der jüngste – und ging zu Meischner. Beide schüttelten sich ausgiebig die Hände, dann trat Johan ans Mikro:
“Es ist mir eine besondere Freude, diesen Vortrag vor Leuten halten zu dürfen, die das Thema wirklich betrifft. Als ich vor wenigen Monaten rein zufällig Kurt beim Abendessen im Eisner hinter der Universität in En-Em traf, erzählte er mir von den Leserbriefen, die sich mit Superintelligenzen in Romanserien beschäftigten. Und wie es der Zufall eben will, hatte ich mich mit eben diesem Thema bereits beschäftigt. Kurt kam dann auch sofort auf die Idee, dass ich doch beim nächsten Fantreffen darüber sprechen solle. Und hier bin ich.

Auf die Frage: Gibt es bei Ren Dhark Superintelligenzen, kommt meistens die Antwort: Nein. Und sofort lautet die zweite Frage: Aber die Balduren?

Diese Frage zu beantworten erfordert zuerst eine Begriffsklärung. Superintelligenzen, wie man sie zum Beispiel aus Perry Rhodan kennt, sind Einzelwesen, die eigentlich nur zwei Dinge gemeinsam haben: Sie sind auf möglichst merkwürdige Weise entstanden und verfügen über extreme Mittel, sei es intellektueller oder technischer Natur, es können aber auch `PSI-Fähigkeiten` sein. Solche Wesen gehören ins Reich der Fantasie Fiction. In der Science Fiction findet man dagegen Superzivilisationen. Bei Ren Dhark bilden die Balduren – vermutlich, nicht genaues weiß man nicht – eine solche Superzivilisation. Auch die `Erste Zivilisation`, die Ren Dhark nach sehr langer Suche im Virgo Haufen entdeckt hat, gehört zu dieser Kategorie.

Von den `Ersten` wissen wir, dass sie etwa 3 Milliarden Jahre nach dem Urknall entstanden sind, aus einer biologischen Zivilisation, die sich immer weiter entwickelt hat, langlebig wurde und inzwischen seit fast 10,5 Milliarden Jahren existiert. Sie selbst vermuten, dass sie nicht die einzigen, vermutlich nicht einmal die ersten sind. Und was ist das Geheimnis ihrer Langlebigkeit? Sie halten sich aus allem raus.

Wieso gelang es Ren Dhark dann trotzdem, einen Kontakt – wenn auch nur einen ganz kurzen, oberflächlichen – herzustellen? Da hatten unsere Autoren eine wahrhaft geniale Idee: Sie lassen die Gruppe um Ren Dhark zu folgender Überlegung kommen: Was muss eine Ameise tun, um mit einem Menschen kommunizieren zu können? Die Antwort war nur logisch: Die Ameise muss seine Neugierde wecken, indem sie etwas tut, das sonst nur Menschen können.

Bei Ren Dhark war es das `Ping` am Großen Attraktor. Auch wenn das anschließende `Gespräch` mit der Ersten Zivilisation nur eine halbe Seite lang war, brachte es mehrere Erkenntnisse, die vermutlich auch in unserem Universum gelten: Es interagieren eigentlich immer nur mehr oder weniger gleichartige – in der Bedeutung von ähnlich weit entwickelten – Entitäten. Bei Menschen heißt das, kein Mensch würde sich Ameisenstaaten als Hilfsvölker engagieren. Wobei das keine allgemeine Regel ist, da sie nicht bei Bienenvölkern gilt. Bei Zivilisationen gilt in etwa das selbe: Eine Superzivilisation benötigt keine Hilfsvölker, da ihre Machtmittel so extrem weit entwickelt sind, dass sie keine Hilfe – egal vom wem – nötig haben.

Diese wenigen Zeilen kann man durchaus als Ohrfeige für das Perry Rhodan Weltmodell ansehen. Nur muss man dann fairer Weise dazu sagen, dass ein Vergleich zwischen Ren Dhark und Perry Rhodan einem Vergleich von Äpfeln mit Birnen gleich kommt. Science Fiction und Fantasie Fiction sind eben zwei unterschiedliche Klassen von Literatur, die beide ihre Berechtigung haben, das sie beide ihre Leser unterhalten und inspirieren.

Wo stehen in dem Modell die Balduren? Wir wissen es nicht. Womöglich sind sie der Struktur der Seefahrerromane geschuldet, eben als jemand oder etwas, der oder das mit den Protagonisten interagieren kann. Vielleicht ist es aber auch so, wie es einige Fans schon oft vermutet haben: Sie wollen nur spielen!

Ich tippe jedoch darauf, dass wie als Leser irgend wann einmal eine absolut geniale Lösung präsentiert bekommen werden. Als ich Kurt dazu befragen wollte, hat der nur einen Zeigefinger vor seinen Mund gehalten, gegrinst und gemeint: Alles zu seiner Zeit...

Denkbar wäre natürlich auch, dass es nie eine Auflösung geben wird, die Balduren für immer ein ungelöstes, sogar ein unlösbares Geheimnis bleiben. Vielleicht hat man aus dem Schicksal der Mysterious gelernt: Als sie als Worgun geoutet wurden, war ihr geheimnisvoller Charme dahin.

Na? War das kurz und schmerzlos?”

Johan von Neuhausen grinste breit ins Publikum, zwirbelte ein wenig an seinem Ulbricht-Bart, während er den Blick über das Publikum gleiten ließ, wo er teils verblüffte, teils begeisterte Gesichter erblickte.

“Dann fehlt noch PSI. Obwohl es ein typisches Fantasie Stilelement ist, taucht PSI gelegentlich in den Romanen auf, jedoch seit über 800 Bänden nicht mehr in einer tragenden Rolle. Ein Ausnahme sind jedoch einige Sonderbände. Speziell wenn es um die `Begabten` geht, etwa um Cris Nev. Er dürfte von Anfang an als Hommage an die X-Men oder andere Superhelden eingeführt worden sein, aber spätestens seit Sonderband 200 geniest er Kultstatus. Damals hatten er und einige weitere Begabte in einem alten Archiv einen alten Marvel Comic mit den X-Men gefunden. Wovon sie derart angetan waren, dass sie sich fortan `The Marvels` genannt haben. Und es vermutlich immer noch tun – was ein Wink mit der Landestütze ist, Kurt!

Übrigens ist es historisch nicht belegt, dass sich während der Lektüre von Band 200 ein Leser tot gelacht hat. Wahr ist dagegen, dass er an einem angeborenen Herzfehler litt, der Sonderband also schlimmstenfalls ein Kofaktor war.

Leute, das wars erst einmal. Und da Riedlhauser schon mit den Hufen scharrt, wie ich von hier aus deutlich sehen kann, tausche ich jetzt mit ihm den Platz, setze mich neben die liebreizende Elfriede und überlasse meinem Beinahekollegen die Bühne”

Inspirationen für die Wissenschaft
„Beinahekollege! Ha! Wie kann ein Professor fAedD - für Allem, einschließlich dem Dativ – nur ein `Beinahekollege` sein?”, schimpfte Riedlhauser, als er die Bühne betrat.
“Na, ich bin ein Literaturwissenschaftler. Du bist das nur unter anderem, also nur so nebenbei. Daher also ein Beinahekollege.”
Und in Riedlhausers Hinterkopf rumorte es: `Immer, wenn ich eine schlagfertige Antwort brauche, fällt mir keine ein. Die kommt jedes mal erst ein paar Tage später. Meistens, wenn ich auf dem Klo sitze und sie wirklich nicht brauchen kann. Aber der bekommt schon noch seine Retourkutsche...`

Da erst bemerkte der Professor, dass Babett Schöntaler ihren Arm um die Schultern von Johan gelegt hatte, ihm irgend etwas ins Ohr flüsterte und ihn so ganz ruhig von der Bühne führte. Da konnte selbst sein Lieblingsfeind nicht unken.

“So. Dann reden wir jetzt von richtigen Wissenschaften.” `Ha! Das musste sein! Aber hat es auch gesessen? Wohl eher nicht. Wegen zu viel Schöntaler vor Johans Gesicht. Mist.`

Da Riedlhauser sehr viel Übung darin besaß, die Fassung wieder zu erlangen – und er den leeren Stuhl neben Elfriede bemerkte – grinste er zufrieden, erinnerte sich an seinen Vortrag und stellte sich neben das Rednerpult. Seinen Schwebeprojektor hatte er bereits in die Luft gesetzt, was ihm zwar nicht bewusst gewesen aber offensichtlich bereits geschehen war, zumindest schwebte der winzige Projektor neben ihm auf Augenhöhe.

„Ideen, die zu grundlegenden wissenschaftlichen Erkenntnissen führten, gab es bei Ren Dhark öfters, daher will nur zwei herausgreifen, deren Bedeutung man nicht unterschätzen sollte. Beide kann man im weitesten Sinn als mathematische Konzepte ansehen.

Die erste gründet auf einen Witz von Hajo F. Breuer, der vermutlich nur aus Unachtsamkeit entstand. Ein Mitarbeiter des IDI stieß in einem der Bände, damals noch mit zweistelligen Nummer, das nur angemerkt, um zu zeigen, wie lange das schon her ist, auf eine Szene, in der der ein zwei Meter großer in einen Flash mit 1,2 Metern im Durchmesser einsteigt. Als der MdI (Mitarbeiter des IDI) Hajo darauf ansprach, meinte dieser: `Ist doch ganz einfach: Klappe auf, Roboter rein, Klappe zu.” Der darauf folgende legendäre Lachkrampf der beiden soll über 10 Minuten gedauert haben.

Gut, bei den 10 Minuten dürfte die historische Mehrwertsteuer bereits mit eingerechnet sein.

Ein Objekt, dessen innen gemessenes Volumen größer ist, als dessen außen gemessenes? Das faszinierte den MdI. Es erinnerte ihn an die Tardis von Dr. Who, und er begann sich eine mathematische Beschreibung zusammen zu basteln. Wenn der Raum Außen linear sein sollte, und Innen natürlich auch, musste es dazwischen eine nichtlineare Übergangszone geben. Die sollte nicht sprungartig sein, denn Sprünge, also Bereiche, in denen die Ableitung dessen, was den Sprung machen sollte, durfte nicht nach Unendlich gehen. So etwas macht unser Universum nicht. Also war irgend eine mindestens einmal differenzierbare Funktion gesucht. Der Parameter, der sich ändern sollte, war einfach nur ein Skalierungsfaktor. Den setzte unser MdI gleich 1 im Universum (zumindest in nichtrelativistischen Bereichen) und im Inneren auf großer 1, wenn es mehr Volumen haben sollte, als man von außen sieht, andernfalls auf kleiner 1. Negative Werte waren prinzipiell auch denkbar, führen aber zu einem sehr seltsamen Verhalten des Objekts.

Solche Funktionen sind zur Genüge bekannt. Daher experimentierte der MdI mit der `Breuer-Metrik`, wie er sie nannte – das Kind braucht schließlich einen Namen. Ein Ergebnis seiner Untersuchungen war: Das Objekt verhält sich wie eine optische Linse.

Und das brachte ihn auf eine geniale Idee: Man konnte mit der Breuer-Metrik das Verhalten von lichtbrechenden Materialien beschreiben, und das, ohne eine materialabhängige veränderte Lichtgeschwindigkeit anzunehmen. Es war lediglich der Raum innerhalb das Materials anders skaliert als außerhalb, die Lichtgeschwindigkeit war überall konstant und hatte exakt den Wert der Vakuumlichtgeschwindigkeit. Lediglich der Skalierungsfaktor war ungleich 1. Der MdI nannte das die `Extreme Akzeptanz der Relativitätstheorien`, kurz EAR. Wobei ihm die zufällige – also echt nicht beabsichtigte! - multilinguale Bedeutung des Akronyms besonders begeisterte. Speziell, da er bekannt dafür war, es mit der Erfindung von Namen nicht so recht zu haben.

Einige Jahre danach, Ben war damals der Exposéautor der Serie, tauche im Zentrum der Milchstraße ein winzig kleines Universum auf, in dem die Zeit rasend schnell ablief. Es dehnte sich aus, wobei die Zeit im Miniuniversum langsamer wurde, und drohte, das Ren Dhark Universum zu zerstören. Die Geschichte war extrem spannend, aber – zumindest für den gerade erwähnten MdI – noch spannender war die Mathematik, die ein solches Verhalten beschreibt.

Der MdI begriff, dass diese Ben-Metrik, wie er sie nannte, so etwas wie die relativistische Variante der Breuer-Metrik war. Während sich bei dieser nur der Raum neu skalierte, musste die Ben-Metrik offensichtlich Lorentz Invariant sein. Die Physik im Miniuniversum, kurz MU, änderte sich nicht mit dessen Größe. Die Lichtgeschwindigkeit war auch dort konstant.

Angenommen, die Lichtgeschwindigkeit betrug auch dort 300.000 Km pro Sekunde, und das galt für jede beliebige Skalierung, dann musste die Zeit im MU von außen gesehen` umso schneller ablaufen, je kleiner das MU war. Angenommen, es war um den Faktor 100.000 kleiner skaliert als das Universum, dann musste im MU die Zeit um den Faktor 100.000 schneller ablaufen, damit die Lichtgeschwindigkeit konstant blieb. Von außen gesehen, versteht sich. Damit ist die Lichtgeschwindigkeit im MU immer gleich der im Universum.

Was bedeutet das nun? Nun, da auch unser Universum Lorentz Invariant ist – wegen konstanter Lichtgeschwindigkeit und Lorentz Transformierbarkeit der Geschwindigkeit – gilt: Unser Universum ist von außen gesehen skalierungsinvariant. Speziell bedeutet das: Wenn es ein `außerhalb` des Universums gäbe, könnte unser Universum darin unendlich klein sein, und folglich auch nur für unendlich kurze Zeit existieren.

Und an was erinnert euch das?”

Betretenes Schweigen im Publikum.

“Na, an ein Boltzmann Gehirn. Stellt euch mal vor, man hätte unendlich viel Zeit, da tritt zwangsläufig irgendwann eine Quantenfluktuation auf, die genau die Struktur dieses Universum hier hat. Eben weil die Wahrscheinlichkeit dafür ein ganz winzig kleines Bisschen größer ist als Null. Da Quantenfluktuationen aber nur extrem kurz existieren, Stichwort Planck-Zeit, müsste diese Fluktuation unwahrscheinlich klein sein, weshalb die Zeit in ihr unwahrscheinlich schnell läuft. Von außen gesehen könnte unser Universum so winzig und so kurzlebig sein, dass man selbst mit den besten Messmethoden davon nichts mitbekommen kann.

Und jetzt stellt euch weiter vor, dass sich unser Universum so entwickelt, wie das die meisten Kosmologen annehmen, dann hätte es 10 hoch Googolplexplexplexplex  hoch Googolplexplexplexplex hoch … hoch Googolplexplexplexplex Jahre Zeit, dass genau so eine Fluktuation irgendwo auftritt und sofort wieder verschwindet. Und wenn jetzt noch jemand eine Möglichkeit findet, dass das rekursiv verschachtelt passiert, also dass das Universum, in dem `unsere` Fluktuation auftritt, selbst eine Fluktuation in unserem Universum ist, dann haben wir eine echte TOE, eine Theory of Everything. Sogar eine TORE, eine Theorie of Really Everything...”

Damit verließ der Professor die Bühne und ein erschlagen wirkendes baff schweigendes Publikum, nahm Elfriede in den Arm und die beiden gingen erst einmal einen Kaffee trinken.

Bis zum nächsten Vortrag war eine halbe Stunde Pause eingeplant. Und das, so vermutete Elfriede im Gedanken, weil die Veranstalter Stefan und seine Wirkung auf Zuhörer bei einigen speziellen Themen nur zu gut kannten...

(Schlomonische Anmerkung: Ich hab die Seiten mit der Mathematik und den Herleitungen weg gelassen. Nicht etwa, weil ich befürchte, im Internet sein nicht genug Platz dafür, sondern weil ich das Zeug noch einmal nachrechnen muss. Leider bin ich nicht so perfekt, dass ich die Gleichungen einfach nur hinschreiben muss und dann weiß, dass alles richtig ist. Vielmehr neig ich zu Fehlern, die ich frühestens beim dritten mal nachrechnen finde. Seufz. Aber im Roman sind die dann natürlich drin. [Man beachte die Doppeldeutigkeit des letzten Satzes...])

Die Ren Dhark Filme
Ein etwas unsicher wirkender junger Mann betrat die Bühne. Er sah sich um, grinste kurz, als er ein paar seiner Bekannten im Publikum entdeckte – zumindest vermutete Riedlhauser das – und wurde dann von der Sprecherin der Veranstaltung, Babett Schöntaler, vorgestellt:
“Jeder kennt ihn, aber nur die wenigsten sind ihm schon begegnet. Hier ist der phantastische John Theiner! Seine gleichnamige Verfilmung des Zyklus` Die Sternenstraße kann man nur als Monumentalwerk bezeichnen. Aber wusstet ihr auch, dass er alle – und zwar wirklich alle! - Ren Dhark Filme nicht nur kennt, sondern auch angesehen und analysiert hat? Von den frühen Anfängen bis heute. Und davon wird er uns nun berichten. Aber keine Bange, auch sein neuestes Projekt, Die Entdeckung der POINT OF wird nicht zu kurz kommen.”
Sie legte eine dramatische Pause ein, während der sie den Filmemacher zum Rednerpult lotste, nein, schob.
“Applaus für John Theiner!”
Worauf sie sich zurück zog, auf einem Stuhl am Rand der Bühne Platz nahm.

Der schallende Applaus und die „Theiner, Theiner!“ Rufe schienen dem Mann undefinierbaren Alters, den trotzdem alle für jung hielten, ein wenig unangenehm zu sein. Öffentliche Auftritte waren nicht seine Sache, er zog es vor, seine Filme sprechen zu lassen. Nach einigen Minuten beruhigte sich das Publikum wieder und John Theiner klopfte mit einem Finger an das Mikrofon, was die Lautsprecheranlage mit einem lauten Knacken beantwortete. Dann beugte er sich vor, blies in das Mikrofon, sagte “Test, Test – könnt ihr mich verstehen?”

Was vom Publikum mit Kichern und einem lauten “Ja, klar, logo” beantwortet wurde. Letzteres kam, wie nicht anders zu erwarten, von Professor Riedlhauser, der dafür einen leichten Rippenstubser von Elfriede einsteckte.

Theiner zog ein eBlatt aus seiner Jacke, entrollte es, klopfte mehrmals in die Menüzeile, murmelte dann: “Ah, hier.”, und räusperte sich. Dann sah er vom Blatt auf und begann:

“Die ersten Anfänge eines Ren Dhark Film gab es irgendwann zwischen 2005 und 2010. Ein paar Fans spielten mit dem Gedanken, einen Film als Community Project zu drehen, aber das Konzept wurde nach etwa einer Stunde Planungszeit wieder fallen gelassen. Die Gründe dafür sind uns leider nicht überliefert. Kurz vor 2020 entstand dann “Hope – Der Ringraumer”, ein Filmklassiker, den vermutlich jeder kennt. In einem internen Mitteilungsblatt des IDI, des Instituts für Dadaismus und Informatik, dem TubePunk, findet sich ein kurzer Artikel zur Idee, die hinter dem Film steht. Um 2017/18 herum sah sich ein Forscher des IDI einen Le(e/h)rfilm zur Finanzkrise an, und der war genial einfach gemacht: Papiermännchen wurden von zwei Händen vor einem Hintergrund bewegt, wobei man die Hände sah, aber bereits nach wenigen Sekunden nicht mehr wahrnahm, weil die Dinge, die ein Sprecher aus dem Off erzählte, zu spannend waren.

Das Konzept gefiel dem Forscher – der, wie am IDI üblich, nie namentlich genannt wurde – so gut, dass er beschloss, auf diese Art die ersten Ren Dhark Hefte zu verfilmen. Und wenige Wochen nachdem er die Idee gehabt hatte, tauchte auf YouTube dieser Zweistundenklassiker auf, den man auch heute noch mit Begeisterung ansehen kann.

Den Film dürfte damals auch Sevel Müllmann gesehen haben, den man als Autor einiger alternativer Perry Rhodan Hefte kennt, die alle auf der imaginären Achse um eins nach oben verschoben sind, gegenüber der offiziellen Erstauflage. Dessen Sohn, Janosch Müllmann, startete einige Jahre später, vermutlich 2024, eine Serie von Ren Dhark Kurzfilmen. Diese waren im Stil von South Park aufgebaut, also ebenfalls flache Papierfiguren vor einem gezeichneten Hintergrund, jedoch konnte man hier keine Hände sehen, welche die Figuren bewegten.

Die Bewertungen durch Kritiker und Fans waren beim ersten Film in extremer Weise zweigeteilt: Ein Teil der Zuschauer fand ihn grottenschlecht, abartiger Mist und vergaben 0 von 10 Punkten. Die anderen betrachteten ihn als geniales Meisterwerk, vergaben 10 Punkte. Dazwischen konnte man praktisch eine Nulllinie bewundern.

Bei der Kurzfilmserie zeigte die Bewertungskurve die übliche Glockenform, deren Scheitel je nach Folge zwischen 3 Punkten und 7 Punkten lag, was in etwa der Erwartung bei einer Comicfilmserie entsprach.

2026 produzierte dann eine der globalen Internetfirmen den abendfüllenden Film “Ren Dhark – Unser Mann im All”, dessen Titel nicht von ungefähr kam. Es gab etwa 60 Jahre früher einen Kinofilm, dessen Titel sich nur im Namen unterschied. Genau wie dieser fiel der bei Publikum und Kritikern gnadenlos durch. Lediglich Anna Petrolowa, die Darstellerin von Anja Field, genoss und geniest immer noch Kultstatus. Die ist aber auch derart -”

Die folgenden Sabberlaute lassen sich leider nicht wiedergeben.

“- Äh. Hm. Jedenfalls kann man den Film wirklich nur wegen der Petrolowa ertragen. Und dann die grauenhafte Musik. Kein Wunder, dass er es in die Liste der 1000 schlechtesten Filme geschafft hat. Zur Zeit steht er auf Platz 817.
Nur wenige Jahre danach, im August 2028, beschloss eine Gruppe von Filmstudenten in Freiburg, als erstes Projekt nach ihren Abschlussfilmen einen Ren Dhark Kinofilm zu drehen. Unterstützt wurden sie dabei von einem ihrer Professoren, dem Filmtheoretiker Mike Langwasser. Der schlug unter anderem vor, eine Crowdfunding  Kampagne zu starten, die dann tatsächlich innerhalb von 3 Monaten 8 Millionen Euro einbrachte. Der Film wurde in den Gasteig Studios mit massiver Computerunterstützung, teils aber auch mit echten Schauspielern vor Blue-screens produziert. Mit seiner Überlänge von 2 Stunden 35 Minuten spielte er in den Kinos etwa 25 mal mehr ein, als er gekostet hatte. 2030 war er für 4 Oscars nominiert, gewann aber nur einen – für den besten Regen. Kein Witz. Der simulierte Regen auf Deluge kam sowohl bei den Kritikern als auch beim Publikum derart gut an, dass man noch Jahrzehnte später vom “Regenfilm” sprach.

In den folgenden Jahrzehnten sah es mit Filmproduktionen recht mau aus, wegen der vielen Katastrophen. Allerdings gab es einige kleinere Produktionen, etwa den Sechsteiler Ren Dhark – Chaoten im Weltall. Eine typische Ein-Zimmer-Serie, die zwar extrem lustig war, mit Ren Dhark aber kaum etwas zu tun hatte.

Erst 2065 kam dann mit `Sternendschungel` wieder ein langer Film, der meistens in 12 Teile geschnitten gezeigt wird. Das besondere daran ist, er wurde von Toons produziert. Alle Schauspieler kommen also aus 3d-Druckern, sind praktisch die Nachfahren eines künstlerisch hochbegabten Toons, den seinerzeit Marek Le Karlson, der berühmte Aktionskünstler entworfen hat. Der Toon heißt – na, ihr kennt ihn alle – Sun-Sun. Er sieht aus wie ein verunglücktes Pokemon. Aber seine Idee, Romane aus dem Ren Dhark Spin Off Sternendschungel Galaxis zu verfilmen war einfach nur großartig. Meiner Meinung nach der künstlerisch wertvollste Ren Dhark Film überhaupt.

Danach folgte eine lange Pause, bis auf Rabaul wieder einige kleinere Ren Dhark Filme gedreht wurden, die beim Publikum aber auf kein besonderes Interesse stießen. Dass sich das mit der Sternenstraße änderte, muss ich euch nicht erzählen. Allerdings ist mir klar, worauf ihr alle wartet: Die Teaser zu  Die Entdeckung der POINT OF. Und exklusiv für dieses Treffen habe ich 15 Minuten des Films zusammengeschnitten und die werdet ihr jetzt sehen!”

Das Licht im Saal wurde etwas gedimmt, und der Schwebeprojektor begann den Film abzuspielen...

(Schlomonische Anmerkung: Das erspare ich uns. Es wäre echt fies, euch den Mund wässerig zu machen mit einem Teaser zu einen Film, den ihr nie sehen werdet. Daher blenden wir die nächste halbe Stunde aus.)

Die Diskussionsrunde
Kurz bevor die Diskussionsrunde beginnen sollte, spazierte auch der Picknickkorb in den Vortragssaal und setzte sich neben Elfriede auf den Boden. Der Professor bemerkte, dass am Griff das Korbes neuerdings eine Papierblume mit einer Schleife befestigst war, in deren Blüte die Zahl “2” stand. Als er Elfriede darauf aufmerksam machte, bückte die sich herunter, sah sich die Blüte näher an und fragte dann etwas irritiert:
“Was hast du da?”
Und der Picknickkorb antwortete:
“Ich hab bei der Wahl des jimmygsten Jimmys den zweiten Platz belegt. Und neben einer Urkunde bekommt man diesen Anstecker.”
Riedlhauser schüttelte leicht den Kopf”
“Aber du hast doch nicht die geringste Ähnlichkeit mit Jimmy. Du hast nicht einmal ein schwarzes Fell.”
“Äußerlichkeiten – Pah! Die zählen nicht. Ich hab gewonnen, weil ich die jimmygsten Sprüche drauf hab, und weil mein Erbauer Shantoon ist.”
“Shantoon?” wunderte sich Elfriede.
“Ja. Ein ziemlich dicker Toon, der kreativ sein wollte. Also hat er mich - “
“Und woher hast du die Jimmy Sprüche - “ wollte der Professor wissen.
“Ich hab die Ren Dhark Bücher gelesen, mit denen du mich am Freitag gefüttert hast. Hab sie sozusagen verschlungen.”
“Ja, dann.”

Elfriede beugte sich zu Stefan und flüsterte ihm ins Ohr:
“Ist dir aufgefallen, dass unser Picknickkorb neuerdings spricht? Das macht er doch sonst nicht.”
“Stimmt. Wirklich eigenartig...”
Worauf der Picknickkorb seine Kameraaugen zum Professor drehte:
“Sprechen zählt nicht zu den allgemeinen Erwartungen, die Menschen an Picknickkörbe stellen, deshalb - “
“Pssst! Die Diskussion beginnt!” zischelte Elfriede, und der Korb reagierte darauf wie gewohnt: Er schwieg.

Auf der Bühne tat sich tatsächlich etwas:  Babett Schöntaler ging zum Rednerpult, hinter ihr schleppten die allen bekannten Autoren Klappstühle, stellten sie in einem Viertelkreis – wie Riedlhauser abschätzte – auf und setzten sich. Die Moderatorin schien davon nicht allzu viel mitzubekommen, oder es interessierte sie einfach nicht, daher hauchte sie ins Mikrofon:
“Hallo alle zusammen. Jetzt - “
Dann räusperte sie sich gründlich, was wegen des geringen Abstands zum Mikrofon beinahe wie ein Gewitter klag, und sprach mit ihrer gewohnt etwas herben Stimme weiter:
“- Jetzt kommen wir mit der Diskussionsrunde als letzten Programmpunkt langsam zum Abschluss des Treffens. Es ist eine Open-End-Runde, aber denkt daran: In 8 Stunden ist die Nacht zu Ende, und wir haben das Tagungshotel nur bis Montag Vormittag nach dem Frühstück gemietet. Spätestens dann sollten alle ihr Zeug gepackt haben und verschwunden sein. Aber lasst euch nicht hetzen! Los geht es mit den Fragen.”

Ein Fan meldete sich. Babett deute in seine Richtung: “Ja?”
“Hallo. Ich bin Omar Bichler und habe eine Frage an unseren Exposéautor.”
Kurt Meischner nahm sich ein Mikrofon: “Gut. Nur zu!”

“Wenn die Karintar vom Planeten Zuzupmir ihre Plum-Plus Superwaffe fertig haben, und dann planen, die TSCHURP, also das Generationenraumschiff der Habahakir aus dem Sternhaufen K197 anzugreifen, würde es dann etwas nützen, wenn der oberste Harkar der TSCHURP eine Schoschlak Sonde zu den Melinim schickt, um sie zu bitten, ihnen die Pläne für den H9-Schirm zu überlassen? Der müsste ja die Didal Geschosse der Plum-Plus Waffe stoppen können. Oder ist die Plum-Plus der gewöhnlichen Plum so sehr überlegen, dass die Didal Projektile da einfach durchgehen? Oder haben die Melinim inzwischen einen H10-Schirm fertig? Und wenn nicht, bis wann erfahren wir das?”

Meischner lächelte kurz, blickte nachdenklich nach schräg rechts oben, dann wieder auf Bichler, nickte kurz und antwortete ohne eine Miene zu verziehen klar und eindeutig:
“Ja.”

Allgemeines Glucksen im Publikum, dann meldete sich ein weiterer Teilnehmer. Babett deute auf ihn.

“Wieso steht in Band 704 auf Seite 272 oben, 7 Zeile, “Gudmann`s Effekt” und nicht, wie sonst üblich “Gudrun`s Effekt”?”

Babett Schöntaler musste kurz nachhaken: “An wen richtet sich deine Frage?”
“An Anton Trefil. Der hat das Kapitel geschrieben.”

Trefil nahm sich ein Mikrofon, und begann zu sprechen:

“Das ist schon richtig. Als die Hyperphysiker Gudrun`s Effekt entdeckten, war natürlich eine ganze Gruppe von Wissenschaftlern beteiligt. Einer von ihnen hieß Gudmann, der aber nur ein einfacher Assistent war, trotzdem als erster die Messergebnisse richtig interpretierte. Da aber Wolfgang Gudrun das Projekt leitete, wurde der Effekt nach ihm benannt. In dem genannten Kapitel ist einer der Techniker etwas aufmüpfig, nicht mit der Namensgebung einverstanden, und bezeichnet dann den Effekt nach seinem wahren Entdecker.”
“Ich kann mich überhaupt nicht an einen Gudmann erinnern. Wo kam der denn vor?”
“Bisher noch gar nicht. Aber in einem der nächsten Sonderbände gehen wir noch einmal auf die Entdeckung ein. Und da wird natürlich Gudmann erwähnt.”
“Aha. Dann ist ja alles gut.”

Ein paar Lacher im Publikum, die offensichtlich den Wortwitz verstanden hatten.

Eine junge Frau stand auf, fragte: “Stimmt es, dass du schon Band 1000 gelesen hast?”
“Äh, an wem richtet sich deine Frage?” Wollte die etwas irritierte Schöntaler wissen. die, wie Riedlhauser vermutete, nicht wirklich aus dem Fandom stammte.
“An den Professor. An Professor Riedlhauser.”

Das hatte sich Stefan Riedlhauser schon gedacht. Zumindest ging er davon aus, dass er hier der einzige transuniversell Zeitreisende war. Er lehnte sich zurück, nahm das Mikrofon, das zu ihm herüber geschwebt war und antwortete:

“Ja, das stimmt. Ich habe sogar 12 mal den Band 1000 gelesen.”
“Ist der wirklich so gut?”

“Das auch. Aber er ist in jeder Zukunft anders. Angenommen, ich würde jetzt ins Jahr 2157 reisen, Band 1000 lesen und dann wieder hierher zurück kehren, dann wär der Text im Roman nicht exakt der selbe, den ich zu sehen bekäme, wenn ich das Experiment morgen wiederholen würde.

Noch extremer wird es, wenn ich in andere Universen reise. Da gibt es welche, in denen nie ein Band 1000 erscheinen wird, andere, etwa die Perryversen, kennen Ren Dhark überhaupt nicht. Zumindest die, in denen ich schon mal war.

Grob zusammengefasst kann man sagen: Je weiter man in die Zukunft reist, umso deutlicher unterscheiden sich die Zeitlinien, selbst wenn man jedes mal im selben Universum bleibt. Das bedeutet, dass die Zukunft undeterminiert ist, man heute beim besten Willen nicht herausfinden kann, wie der Band 1000 aussehen wird, den wir dann lesen werden, wenn wir uns ganz normal ohne technische Hilfsmittel wie Zeitmaschinen zu verwenden, in die Zukunft mitnehmen oder vielmehr treiben lassen. Selbst wenn ich dir kurze Inhaltsangaben der 12 Bücher geben würde, das Buch, das du in 20 Jahren lesen wirst, dürfte nochmal eine vollkommen andere Geschichte erzählen.”

“Oh. DAS habe ich nicht geahnt. Das empfinde ich gleichzeitig als schade wie auch als beruhigend.”
“Ja. Auch eine Art von Dualismus...” grinste Riedlhauser.
Ein Toon mit etwas verwuschelten Haaren meldete sich:
“Und wie ist das mit der Vergangenheit? Ist die immer gleich?”

Riedlhauser setzte eine etwas betrübte Mine auf.

“Nein. Leider überhaupt nicht. In seine eigene Vergangenheit kann man ohnehin nicht reisen, das würde Zeitparadoxa ergeben, und die scheinen in der Natur nicht vorzukommen. Kennt man ja aus der theoretischen Mechanik: Eine Spur im Phasenraum kann sich nicht selbst schneiden. Wenn man in die Vergangenheit reist, kann man zu einem Zeitpunkt auftauchen, bis zu dem diese Zeitlinie identisch war mit der eigenen. Aber durch sein Auftauchen spaltet sich sofort eine neue zukünftige Zeitlinie ab.

Es gab aber auch schon Fälle, in denen ein Zeitreisender in die Vergangenheit sprang, aber nicht in seiner, sondern in einer dieser nur ähnlichen Zeitlinie ankam. So etwas ist einmal einem Forscher des IDI passiert, etwa ein Jahr bevor das IDI gegründet wurde. Er reiste unabsichtlich etwa eine Stunde zurück, bemerkte das an der veränderten Tageszeit, dachte aber, er sei nach wie vor in seinem ursprünglichen Universum. Wir vermuten, dass er versehentlich durch eine lokale Zeitverwerfung gelaufen ist.

Dass er in einem Paralleluniversum gelandet war, bemerkte er erst einige Jahre später: Als er das Lied `The Passenger` hörte, klang das ein wenig anders, als er es kannte. Es war in diesem Universum von Iggy Pop, in seinem aber von Lou Reed.”

Nachbesprechung
Auf den Rückfahrt nach En-Em kratzte sich Riedlhauser am Kinn, sah dann zu Elfriede und fragte:
“Hast du eigentlich mitbekommen, wie die Wettbewerbe ausgegangen sind?”
„Dass unser Picknickkorb den zweiten Platz als jimmygster Jimmy gewonnen hat, das hast du ja mitgekriegt?”

“Klar. Er trägt ja immer noch die Schleife am Griff.” Wobei der Picknickkorb, der neben Elfriede auf der Bank saß, direkt gegenüber vom Professor, seine Kameraaugen immer auf den jeweiligen Sprecher richtete. Elfriede hatte inzwischen ein eBlatt aus ihrer Kitteltasche gezogen, es aufgefaltet, und klopfte mit dem Zeigefinger auf die Menüzeile, um eine Internetverbindung herzustellen.

Danach klopfte sie weiter auf das eBlatt, meinte dann “Ah, hier...” und nach einigen Herumgeschiebe began Elfriede dann die Kurzfassung vorzulesen:

“Seltsamster Besucher: Smurfi. Ein 4 Meter großer Robot mit einem roten und einem grünen Auge, der in Wirklichkeit ein Toon ist, und zwar ein Smurfbot, der sich selbst einen neuen Körper gebastelt hat und im Uncanny Valley wohnt.”

„Den hab ich gesehen! Der war beim Vortrag zu Band 628. Da ist er ganz hinten im Saal gestan- äh, nein, gehockt, weil aufrecht stehen konnte er in dem Raum nicht. Zu niedrig. Also nicht der Robot, der war hoch genug, äh, zu hoch, ich mein den Raum mit zu niedrig.”

“Hatte dich schon verstanden. Dann bei den Modellflugwettbewerben: Bei den Flash: Ein historischer Ausdruck nach der Bauanleitung aus Band 629 von Sabin Sabinsen – kenn ich nicht -, bei den Ringraumern mit Steg: Der Neubau von Alfred Ylderim. Den kenn ich natürlich. Ist unser oberer Nachbar. Und bei den richtigen Ringraumern: Die Gruppe der 4c der Erich Mühsam Grundschule. Und wie man auf den Bildern sieht, haben die es wirklich verdient.”
“Steht da auch was über die Fuchsjagd der Defensiven?”
“Ja. Insgesamt fünf Teilnehmer. Aber das Ergebnis steht noch nicht fest, da bisher keiner der Roboter zurück gekommen ist.”
“Hm. Dann fliegen also 5 Defensive W-Roboter durch AltNeu-Bayern, und vermutlich weiß keiner, wo sie sind.”
“Stimmt.”, wobei Elfriede die Stirn runzelte und der Professor – zum ersten mal seit überhaupt – vergaß zu schimpfen: “Nicht runzeln!”


Schalom,
Schlomo

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