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Die Freiheit des Moist von Lipwig - VIII - Wahre Freiheit

In (Multi-)Medias Res - Die Multimedia-KolumneDie Freiheit des Moist von Lipwig
VIII - Wahre Freiheit

Im letzten Teil lässt sich fragen: Was ist eigentlich das Fazit des Romans? Und was ziehen wir Leser eigentlich vor, wenn wir von Freiheit reden? Was für einen Begriff haben wir eigentlich von ihr?

Das Finale des Romans - der Wettkampf zwischen Klacks und Kutsche - ist spannend inszeniert.

Vor allem weil der Leser natürlich weiß, dass Moist ein As im Ärmel hat, wenngleich es auch nicht das As ist, was das Smoking Gnu angedacht hat.

Allerdings: So sehr auch das ungleiche Kräftemessen den Leser in den Bann zieht, das Thema Freiheit spielt hier keine Rolle. Und dass Moist am Ende Gilt schlägt - auch nicht weiter verwunderlich, denn das deutete sich schon im zweiten Drittel des Romans an. Das Thema Freiheit kommt erst wieder auf den letzten Seiten zur Sprache. Das Thema schleicht sich ein als Moist und Vetinari die Zukunft des Trunks diskutieren. Während Vetinari den Trunk gerne verstaatlichen würde, stellt sich Moist dagegen: Der Trunk gehört den Dearhearts, er ist kein öffentliches Eigentum. Wenn er, Moist, schon als Administrator des Trunks agieren soll, dann unter der Prämisse, dass der Trunk nicht zum allgemeinen Eigentum wird. Allerdings wendet Vetinari ein: „But the trouble is, you see, they weren’t good at business…“ Denn sonst hätten sie Gilt und dessen Machenschaften schon rasch entdeckt. Das Talent der Dearhearts liegt im Erfinden und Designen, nicht im geschäftlichen Tageshandwerk. Und Vetinari bemerkt etwas, was ganz in seinem Verständnis von Freiheit liegt: „The freedom to succeed goes hand in hand with the freedom to fail.“ Die Freiheit des Erfolgs bedingt auch die Freiheit des Scheiterns. Die Eine ist nicht ohne die Andere denkbar. Und aus dem Scheitern mag vielleicht etwas Neues entstehen, vielleicht aber auch nicht - weil das, was propagiert wurde nicht gut genug war. Vetinaris Verständnis der Freiheit kommt hier nochmal zum Tragen: Wenn, dann ist Freiheit absolut. Ohne Einschränkungen. Ohne Eingrenzungen. Zum Guten wie zum Schlechten.

Kurz nach diesem Gespräch, bei dem Moist klar wird, dass er eine ganze Menge Arbeit vor sich hat - und eigentlich fühlt er sich überhaupt nicht wie ein Gewinner wird ihm klar - taucht das Thema der Freiheit etwas direkter auf. Mr. Pump ist nicht länger Parole Officer von Moist. Etwas, was Moist zwar beobachtet - Mr. Pumps Chem wird ausgewechselt - aber das er nicht sogleich begreift. Pratchett scheint Moist nicht den Sieg zu gönnen, den wir erwarten: Keine Fanfaren, keine glorreiche Zukunft, kein Ritt in den Sonnenuntergang. Das scheint allerdings nur so, denn Moist muss sich erstmal bewußt werden, dass Mr. Pump jetzt jemand Anderen auf die Nerven gehen darf. Vermutlich ist das Gilt - was sich später indirekt bestätigen wird - aber vorerst ist Moist zum ersten Mal seit Beginn des Romans zumindest in dieser Hinsicht frei. Auch, wenn er den Trunk ans Bein gebunden bekommen hat, auch, wenn das Post Office noch zu verwalten ist - Mr. Pump ist nicht länger mehr seine Fußfessel. „I am free to go?“, fragt er Pump. „I’m Not At Liberty To Say,“ so dessen Antwort.

Durchaus ein eleganter Dialog im Englischen: Liberty ist bekanntlich auch eine Umschreibung für Freiheit oder Unabhängigkeit. „Mir steht es nicht frei, dies zu sagen“ - so könnte man Mr. Pumps Antwort übersetzen. Und Moist ist sich auch nicht sicher, ob er wirklich frei ist oder nicht. Zwar hat Mr. Pump ein anderes Ziel, aber irgendwie ist Moist momentan doch mehr durcheinander als dass er der strahlende Held wäre. „But, I’m still a fraught by trade“, bemerkt er gegenüber Adora. Und sie ist es, die schließlich den entscheidenen Satz sagt:

„You’re fooling no one, but you’re self.“

Das ist der Schlüssel zur eigentlichen Freiheit von Moist. Er betrügt sich selbst am Besten. Er könnte zwar sein altes Leben wieder aufnehmen, aber es wäre im Vergleich zu dem, was er in den letzten Wochen erlebt hat fade und abgestanden. Einerseits natürlich weil es ein Leben ohne Miss Dearhart wäre - was ihm selbst nicht so bewusst ist, dem Leser allerdings schon. Andererseits muss er mit dem Betrügen auch gar nicht aufhören, im Gegenteil - so lange er sich daran erinnert, dass er jederzeit aufhören könnte, solange kann er bleiben. Ein Paradoxon: Moist hat sich die ganze Zeit eher widerwillig in den Dienst von Vetinari begeben und jetzt, wo er aus dem Stadttor reiten könnte, möchte er das gar nicht mehr. Solange er sich selbst betrügen kann, so lange er sich selbst glauben machen kann, dass das was er tut etwas ist, was mit seinem Charakter übereinstimmt - so lange kann und wird er bleiben. Dass er zudem einen Teil seiner Freiheit schon längst gegen die Liebe getauscht hat, das allerdings ist ihm nicht bewußt. Oder vielleicht doch - schließlich wäre es fast zum endlich erwarteten Kuss zwischen den Beiden gekommen. Fast. In gewisser Hinsicht gibt es also doch ein Ende mit Fanfaren und Trompeten. Nur ohne Hochzeit.

Im Epilog bekommen wir erneut eine Spiegelung vorgeführt, die Situation zu Beginn des Romans wird aufgegriffen und vertauscht. Während es zuerst Moist war, der Vetinaris wortreichen Schilderungen etwas benommen lauschte, ist es nun Gilt. Pratchett schließt damit einen Kreis und erlaubt auch den Leser, sich im Epilog zurückzulehnen und zu spekulieren, was passieren wird. Eigentlich ist dies aber vorhersehbar, denn Gilt ist nicht Moist, der an die Situation mit einem gewissen Menschenverstand herangeht und den wörtlichen Abgrund erkennt. Eigentlich müsste Gilt zumindest vage bewußt sein, dass jemand wie Vetinari auch mit gezinkten Karten spielt. Gilt entscheidet sich gegen Vetinari. Und das ist etwas, was Vetinari durchaus anerkennt:

„You have to admire a man who really believes in the freedom of choice.“

Wobei Gilt nicht die Konsequenzen seiner Entscheidung mitbedacht hat und am Ende hat Vetinari das letzte Wort:

„Sadly, he did not believe in angels.“

Going Postal und wir, die Leser

Am Ende von Going Postal stehen wir als Leser angenehme befriedigt da: Held bekommt die Prinzessin - nun, irgendwie halt - und das Böse ist bestraft. Wir haben als Leser einen rasanten und gutgemachten Romane genossen, uns an den Handlungen des Helden erfreut, mit ihm gelitten, über Manches gelacht und über Anderes nachgedacht. Allerdings werden wir als Leser kaum gemerkt haben, dass Pratchett in die farbenfrohe Fantasyhandlung  moralische Fragen eingestrickt hat und eigentlich am Ende auch uns fragt: Welche Freiheit hätten wir denn jetzt gerne? Genauer: Welchen Begriff von Freiheit vertreten wir denn eigentlich im normalen Leben?

Was steht uns näher im heutigen normalen Leben? Gilt mit seinem Eigentumsbegriff? Ist unsere Freiheit immer nur an Besitz gebunden? Vermögen es nur Gegenstände, uns wirklich frei zu machen? Oder neigen wir nicht eher Lord Vetinaris Haltung zu: Wenn Freiheit, dann aber mit allen möglichen Konsequenzen - auch die, dass man notfalls der Freiheit in den Arm fallen muss? Die Antwort darauf muss jeder für sich selbst herausfinden und treffen. Und vermutlich wird kein Pratchett-Fan wirklich diese Fragen stellen, sondern sich an der amüsanten und rasanten Romanhandlung erfreuen. Dies ist nicht falsch, solange man daran denkt, dass unter der Oberfläche eines unterhaltenden Fantasyromans auch moralische und zeitgemäße Dinge liegen können. Gelegentlich sind es diese Dinge, die einen dann wie einen Anker auf den Kopf treffen.

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