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Der Heftroman: »Die Nr. 1« - Lassiter

Der Heftroman - Die Nr. 1Lassiter

Jede neue Serie muss sich an den Verkaufsständen beweisen. Ein Schlüsselroman - wahrscheinlich der Schlüsselroman schlechthin - dürfte bei einem Serienneustart der jeweilige Auftaktband sein.

Bereits mit Band 1 muss die neue Serie den potenziellen Käufer am Kiosk ansprechen. Der Roman muss überzeugen, eine zweite Chance wird vom Leser nur selten gewährt. Das Konzept muss stimmen, die Optik muss passen und nicht zuletzt muss der Roman unterhalten.


Und er muss Lust auf eine Fortsetzung machen. Wenn der Leser den Folgeband schlicht haben will, dann hat es funktioniert.

In unregelmäßigen Abständen möchte ich einige Nr.-1-Bände der Vergangenheit nun näher betrachten.

Die Nummer 1Da schlug Lassiter zurück
LASSITER – Der härteste Mann seiner Zeit 001
Amerikas großer Western-Erfolg von Jack Slade (= sehr wahrscheinlich entweder Günther Bajog oder Karl Wasser)
Bastei Verlag Gustav H. Lübbe, 14.07.1972 (1. Auflage), 05.10.1976 (2. Auflage), 04.03.1986 (3. Auflage, gekürzt)
Pueblo, Colorado:
Das von Arkansas-Tom und Lassiter vor einem Jahr gegründete Transportunternehmen Colorado-Freight-Company (CFC) ist fast am Ende. Die Konkurrenz, die South-West-Company (SWC) duldet keine zweite Firma neben sich, die Auseinandersetzung eskaliert immer mehr. Die CFC verliert innerhalb kurzer Zeit ein halbes Dutzend Wagenladungen, Fahrer werden getötet; der Ruf der Unzuverlässigkeit ereilt das Unternehmen.

Ein Transportauftrag mit den letzten verbliebenen Wagen, von Lassiter selbst geführt, soll die CFC retten. Doch Lassiter und seine Begleiter geraten in eine Falle. Nur mit viel Glück überlebt Lassiter als Einziger.

Sein Partner, der in Pueblo zurückgebliebene Arkansas-Tom, verkraftet den Ruin nicht und erhängt sich.
Lassiter schwört Rache.

Er stellt Jeffrey Duncan, den Boss der SWC, zur Rede; erfährt, dass hinter den eiskalt geplanten und durchgeführten Anschlägen tatsächlich die Wells Fargo steht.

Lassiter kann Sheriff Lee Buchanan von seiner Geschichte überzeugen, unterschätzt den Gegner aber gewaltig. Plötzlich muss er sich wegen Mordes an Lee Buchanan und Jeffrey Duncan vor Gericht verteidigen und wird – obwohl unschuldig - verurteilt.

Mithilfe der Saloontänzerin Estelle kann er vor der Hinrichtung aus dem Gefängnis fliehen.

Wells Fargo reagiert prompt. Die Gesellschaft setzt ihren besten Mann auf Lassiter an: Sidney Blood, den Bluthund.

Der Auftaktband der „Lassiter“-Heftserie beginnt sehr tröge: Sim Bracket, der erfahrenste Fahrer der CFC, wird in einem Saloon provoziert und zu einer Schießerei gedrängt, bei der er von Revolvermann Clay Webster getötet wird.

Clay Webster schob zwei frische Patronen in die Trommel. Sein Gesicht war unbewegt. „Holt den Sheriff!“ sagte er. „Es muss alles seine Ordnung haben.“

                           Lassiter Band 1 (2. Auflage), Seite 4

Lassiter, der den Saloon betreten hat, fordert nun seinerseits den Revolvermann heraus. Es kommt zu einer weiteren Schießerei, die der Titelheld gewinnt.

 Lassiter stellte sich an die Theke und verlangte einen Drink. Er ließ sich ein Wasserglas bis zum Rand mit Whisky füllen. Er leerte es mit einem Zug, und noch immer wagten sie es nicht, sich auf ihn zu stürzen.
 „Jetzt kann einer von euch den Sheriff holen“, sagte Lassiter. „Alles muss seine Ordnung haben“

                            Lassiter Band 1 (2. Auflage), Seite 7

Eine sehr kalte Einführung des Titelhelden. Nicht nur, dass er zu spät zu der Schießerei kommt, bei der einer seiner Männer vom Revolvermann getötet wird (übrigens der dritte Mann in zwei Wochen!), fehlt jegliche Gefühlsregung. Nüchtern wird erzählt, was sich abspielt, Emotionen, (Selbst-)Vorwürfe und Reflexionen fehlen völlig.

Die anschließende Handlung verläuft absehbar, der Anschlag auf den so wichtigen Transport kommt natürlich. Lassiter verliert seine Leute, agiert aber weiterhin so emotionslos wie bei seiner Einführung. Ja, er ist wohl tatsächlich der im Reihenuntertitel angegebene „härteste Mann seiner Zeit“.

Einerseits muss man dem Auftaktband zugutehalten, dass er bereits vor mehr als 40 Jahren erstmals erschien, andererseits muss aber auch angeführt werden, dass es sehr wohl viele Western aus dieser Zeit gibt (oder sogar noch früher verfasste), die sich auch heute noch sehr gut lesen lassen.

Ein weiteres Ärgernis: Der Autor wechselt häufig die Perspektive, springt während des Fließtextes von Figur zu Figur, bietet dem Leser keinen Kapitel-Blickwinkel durch einen speziellen Charakter, sondern einen Gesamtüberblick, der sofort jede Spannung zerstört.

So könnte z. B. Estelle, Lassiters spätere Retterin (ja, natürlich: auch seine spätere Bettgefährtin!) Lassiters Aussage vor Gericht bezeugen und somit einen Freispruch erwirken, doch sie unterlässt dies. Als Leser frägt man sich natürlich: Warum?

Statt aber dann Spannung mit und um diese Frau aufzubauen, werden drei kurze Absätze eingefügt, die deutlich machen, dass sie im Auftrag anderer gehandelt hat. Ersichtlich für den Leser, wohlgemerkt, nicht für Lassiter.

Fast möchte man als Kritiker schreiben, dass sich der Roman stilistisch an den Leseanfänger wendet, wenn da nicht …

Lassiter verspürte Verlangen nach einer Frau. Frauen waren schon immer seine Schwäche gewesen. Aber in den letzten Monaten hatte er manchen Wunsch in den Hintergrund gedrängt. Er war zu sehr in seine Aufgabe verbissen gewesen.

                        Lassiter Band 1 (2. Auflage), Seite 26

„O Lassiter!“ flüsterte sie. „Was bist du für ein Mann …!“

                        Lassiter Band 1 (2. Auflage), Seite 27

Im Auftaktband ist die erotische Komponente noch eher zurückhaltend. Selbst das Titelbild der Erstauflage kam noch ohne dargestellte nackte Frau aus, die später serientypisch werden wird. Bei den Nachauflagen von Band 1 wird das Titelbild ersetzt.

Mit der Einführung des Bluthundes Sidney Blood kommt tatsächlich ein interessanter Charakter in die Handlung. Durch und durch ein Wells-Fargo-Mann, durch und durch seinem Auftraggeber hörig, hat er dennoch ein Gewissen und selbst auferlegte Regeln. Eine Figur also, die das Schwarz-Weiß-Schema durchbricht. Es ist nicht vorhersehbar, wie er agieren, wie er in letzter Konsequenz vorgehen wird.

Besonders hervorzuheben (was auch der Autor gemacht und ungewöhnlich oft geschildert hat): Sidney Bloods Ähnlichkeit mit Lassiter.

 Estelle kam zurück.
 „Er heißt Sidney Blood“, sagte sie. „Spezialagent der Wells Fargo. Besser noch, er ist der Boss der Sicherheitsabteilung. Der beste Mann der Company. Er ist deinetwegen gekommen, Lassiter. Ich habe kurz mit ihm gesprochen. Ein sympathischer Mann. In seinem Wesen scheint er starke Ähnlichkeiten mit dir zu besitzen.“
 Lassiter nickte.
 „Das Gefühl hatte ich auch, als ich ihn sah. Seltsam. Von diesem Mann geht eine gewisse Faszination aus. Gegen ihn werde ich es nicht leicht haben.“

Lassiter Band 1 (2. Auflage), Seite 49

 Mary Wegener sah ihm (Anm.: Sidney Blood) nach, als er davonritt.
 „Fast wie Lassiter“, murmelte sie vor sich hin. „Nur dass er anders aussieht …“

Lassiter Band 1 (2. Auflage), Seite 51

Prinzipiell eine sehr gute Idee, die allerdings nicht vom Autor dieses Romans stammt. „Da schlug Lassiter zurück“ ist zwar die Nr. 1 der Heftserie, aber nicht der erstgeschriebene Lassiter-Roman. „Rimfire“ von Jack Slade (= in diesem Fall Willis Todhunter Ballard) wurde bereits 1968 in Amerika veröffentlicht und war auch das erste 1970 in Deutschland veröffentlichte Lassiter-Taschenbuch, erschienen unter dem Titel „Wenn Lassiter kommt …“

Bereits in diesem Roman wird erwähnt, dass den Wells-Fargo-Mann Sidney Blood und Lassiter seit langer Zeit eine Hassliebe verbindet. Bei dem Heftroman Lassiter Band 1 handelt es sich also um ein Prequel zum ersten verfassten Lassiter-Roman, bei dem sich der Autor und die Redaktion bemüht haben, das vorgegebene Szenario aufzugreifen.

Leider wird das Verhältnis Sidney Blood/Lassiter vom Autor viel zu direkt angegangen. Es wird viel zu sehr erläutert als geschildert, und dabei zu penetrant in den Vordergrund gerückt.

Trotz dieser Kritik an den Sidney-Blood-Szenen sind diese die besten des Romans.

Titelheld Lassiter muss in diesem Roman kräftig einstecken – er wird immerhin vier Mal durch Schüsse verletzt. Die Gemeinsamkeit all dieser Verletzungen: Nach ausgestandener Gefahr wird kein einziges Mal mehr darauf eingegangen. Im Endteil des Romans darf Lassiter sich dann auch noch kräftig mit Sidney Blood prügeln, ohne dadurch gehandicapt zu sein. Respekt, Lassiter!

Fazit:
Ein Serienauftaktband, bei dem der Autor bemüht ist, später wichtig werdende Charakter- und Handlungskonstellationen einzubauen. Inhaltlich ist er lange Zeit zu sehr vorhersehbar, stilistisch ist er viel zu einfach gehalten.

Ein belangloser Roman.

LASSITER im Serienprofil:
Seriencharakter:
Ja, ist gegeben. Zwei miteinander verwobene rote Fäden zeichnen sich ab: Lassiters Auseinandersetzung mit Wells Fargo, und die persönlich motivierte Jagd Lassiters durch Sidney Blood.

Dabei ist die Serie aber so angelegt, dass diese Elemente nicht in jedem Band auftauchen müssen.

Cliffhanger:
Der Roman ist abgeschlossen.  

Charaktere:
Insgesamt ein Schwachpunkt des Romans. Ohne Emotionen und ohne Gedankengänge können Figuren nicht wirken.

Und der Titelheld hat nicht mal einen Vornamen. Warum auch? Wäre wohl zu persönlich?

Lust auf Fortsetzungen:
Nein.

Einzig die Frage, wie die finale Auseinandersetzung zwischen Sidney Blood und Lassiter ausgeht, würde ich gerne lesen wollen. Aber nur das betreffende Kapitel.    

Ausblick:
Trotz des schwachen Auftaktromans wurde „Lassiter“ die erfolgreichste Westernserie. Weltweit!
Ich mag es kaum glauben.

Die Erotikkomponente wurde dabei immer weiter in den Vordergrund geschoben – sowohl bei den Titelbildern wie auch in den Texten.

Das Konzept von „Lassiter“ wird mit dem Taschenbuch 42121 „Zahltag in Wyoming“ geändert. Die Wells-Fargo/Sidney-Blood-Handlung hat ein Ende gefunden und Lassiter gehört nun der ‚Brigade Sieben‘ an. Ab dem Taschenbuch 42125 und dem Heftroman 397 wird dies auch im Untertitel verdeutlicht.

Die Hintergründe für die Konzeptänderung sind sehr interessant – bitte bei Interesse den weiter unten aufgeführten Links folgen.

Die Figur Lassiter:

 Niemand hatte bemerkt, dass bei der Tür ein Mann aufgetaucht war. Ein großer Mann; hager, geschmeidig. Harte Linien kerbten sein Gesicht.
 Er trug eine verwaschene Lewishose und ein kariertes Reithemd. Ein breiter Revolvergurt schlag sich um seine schmalen Hüften. Der Kolben eines schweren Revolvers ragte aus der Halfter. Ein Remington, Kaliber 45.
 Clay Webst sah den großen Mann zuerst, der noch immer in düsterem Schweigen bei der Tür verharrte.
 Die anderen drehten sich langsam um.
 „Lassiter“ flüsterte es heiser aus irgendeiner Ecke. „Lassiter!“
 Die Stille war abgrundtief.

Lassiter Band 1 (2. Auflage), Seite 5

Er hatte ein Jahr seines Lebens geopfert, um sich eine Existenz aufzubauen. Eine neue Existenz. Der Krieg war noch nicht lange vorbei. Der Krieg, der Lassiter alles genommen hatte. Seine Familie, seinen Besitz, jene riesige Plantage in Louisiana.
 Hier in Colorado hatte er einen neuen Anfang gesucht. Umsonst.

Lassiter Band 1 (2. Auflage), Seite 14


Weiterführende Links (die auch als Quellen von mir genutzt wurden):


Als zusätzliche Quelle:

  • Forum des Bastei-Verlags: verschiedene Beiträge.

 

Kommentare  

#1 Andreas Decker 2014-02-21 10:14
Der Werdegang der Serie ist schon interessant. In der Nr. 2000 in einem Artikel von Helmut Rhode zitiert er einen Aufsatz von Weigand mit einem Interview von Bajog. (Kann man nur empfehlen, den Artikel, überraschend freimütig für Bastei-Verhältnisse)

Im Grunde sagt Bajog, dass er das amerikanische Konzept des Helden aus den übersetzten Taschenbüchern zum Kotzen fand und es nicht machen wollte. Danach gab ihm der Verlag freie Hand, es so zu machen, wie er wollte. Also die 1 dürfte - laut diesem Interview - definitiv von Bajog sein.

Im Grunde ist das eine Neuauflage der Commander Scott-Thematik. Den Machern gefällt die "Moral" des Helden nicht, also wird an dem Konzept herumgebastelt. Es war also nicht immer nur der Jugendschutz. Bei einem Western konnte man es halt nicht so auf den Kopf stellen wie bei CS. Dass dem Jugendschutz dann selbst diese Variante ein Dorn im Auge war, nun ja.

(Es ist schon interessant, dass in den aktuellen Romanen weiterhin peinliche Sorgfalt darauf gelegt wird, Actionszenen "sauber" zu halten. Das ist kein Vergleich mit amerikanischen Gegenstücken, die neben den Sexszenen meistens gern harte Action bringen.)

Was die "weltweit erfolgreichste" Westernserie angeht, ist das eigentlich eher eine Frage der Statistik. In 40 Jahren kommt halt eine Menge zusammen. :D

Die erhöhte Erotikkomponente hat erst auf dem Cover stattgefunden, was lange Jahre - mittlerweile ist Bastei ja davon sichtlich abgerückt - auch das einzige Element war. In den Romanen wurde wie überall in Heften stets mehr oder weniger abgeblendet, wenn es zur Sache ging. Da expliziter zu werden kam erst in den 90ern auf.
#2 Heiko Langhans 2014-02-21 10:21
Ich weiß noch, wie einige Klassenkameraden Lassiter-Hefte in den Pausen gelesen und regelmäßig rote Ohren gekriegt haben ...
#3 Feldese 2017-06-15 20:25
Da der oben angegebene Link zu Old Reddys Titelliste im wildwester nicht mehr funktioniert, ist dieser Link hilftreich (Heftromanserien findet man dann links unter "DWB Romanheftreihen"):

wildwester.piranho.de/defaulta.htm

Hier sind bei LASSITER sogar die Titel der drei Auflagen (mit Cover) parallel dargestellt. Es gibt aber bei weitem nicht zu jedem Heft eine Autorennennung, und die Auflistung endete auch gut vor sechs Jahren...

(Und ich suche noch immer den Namen des Autoren, der die großartige 2291 geschrieben hat - und welche Hefte ansonsten von ihm stammen...)

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