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Sherlock Holmes – eine Weihnachtsgeschichte

StorySherlock Holmes –
Eine Weihnachtsgeschichte

Sir Arthur Conan Doyle

Sherlock Holmes ist Kult. Vermutlich ist er der populärste Detektiv aller Zeiten. Im vergangenen Jahr konnte Sherlock Holmes sein 120-jähriges Jubiläum feiern, denn im Jahr 1886 erblickte er als Figur des Mediziners Arthur Conan Doyle das Licht der Welt.

 

Nach der ersten Geschichte mit dem exzentrischen Detektiv und seinem Helfer Watson als Hauptfigur (die Geschichte trug den Titel "A Study in Scarlet"), wurde es erst einmal wieder ruhiger. Erst zwei Jahre später und nur auf Bemühungen eines amerikanischen Verlages hin, der gute Geschäfte witterte, setzte Doyle seine Geschichte um den Mann mit Pfeife und Tweedmütze fort. 

 

 Ein Weihnachtsgeschenk vom Autor Martin Schülbe und Sven Schreivogel (Nocturna Audio): Der Text ist auch als kostenloses HÖRBUCH auf den Seiten von Claudio.de verfügbar. Direkt zum Hörbuch geht es: Hier.  

 

Der Erfolg war unermesslich, allenfalls vergleichbar mit dem Hype, der um heutige Superstars in Hollywood getrieben wird. Die Menschen liebten die Geschichten - und sie verehrten Sherlock Holmes. Wie groß die Verbundenheit der Menschen mit dieser (ja doch nur fiktiven) Person war, bekam Doyle zu spüren als er - der Figur überdrüssig geworden - sie in einem Kampf mit seinem großen Widersacher Professor Moriaty über eine Klippe in den Tod stürzen ließ.

 

Die Leserschaft erlaubte es einfach nicht! Doyle ergab sich dem Druck und so konnte Holmes wieder auferstehen.

 

{xtypo_left} Die "Kölnische Tageszeitung" schrieb damals: "Es ist sicher, dass das gegenwärtige Europa an einer Krankheit leidet, die man den Sherlockismus nennen kann..." {/xtypo_left}

 

Eine Geschichte aus dem "Fankreis" um Sherlock Holmes und eine Adaption der großen Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens "A Christmas Carol" ist diese Geschichte von Martin Schülbe.

 

Direkt zu den einzelnen Teilen der Geschichte:

 

Teil 1 - Im Ohrensessel 
Teil 2 - Besuch
Teil 3 - Kurz vor Mitternacht 
Teil 4 - Das Gestern
Teil 5 - Das Heute
Teil 6 - Von Federn und Fäden 
Teil 7 - Das Morgen 
Teil 8 - Der Morgen 
Teil 9 - Watson

Im Ohrensessel

 Martin Schülbe, Jahrgang 1979, ist leidenschaftlicher Lokaljournalist mit einer literarischen Ader. In dieser fließt erst seit einem knappen Jahr Blut, und so hat er bislang erst ein Hörbuch und diese Weihnachtsgeschichte (auf einem Sherlock-Holmes-Hörbuch) veröffentlicht. Zuhause ist er in Nordhessen.

Den ganzen Abend hatte er es ausgehalten, aber jetzt begann Sherlock mit dem Suchen. Er suchte langsam und auf seine sorgfältige Art, zog die Schubladen aus Schreibtisch und den Kommoden in seinem Arbeitszimmer, weil er sicher war, dass sich irgendwo noch ein Rest befinden müsste. Irgendwo hatte er ihn einmal versteckt, vor Watson, weil der immer noch glaubte, sein Arbeitgeber sei von dem Zeug losgekommen. Aber wo er es damals hingetan hatte, wusste er nicht mehr. Das war eine der Nebenwirkungen davon. Es machte vergesslich.
 
Da war es doch fast ein Widerspruch, dass es gleichzeitig die Kombinationsgabe erhöhte. Kurz nach der Einnahme war man zu Überlegungen fähig, die er sich selbst so nicht einmal erträumt hätte. »Holmes, der Meisterdetektiv – er kann es noch!« hatten die Zeitungen endlich getitelt, nachdem er eine lange Durststrecke hinter sich hatte. Nicht, dass das diese Durststrecke an mangelndem Können gelegen hätte, nur war er an seinen eigenen Maßstäben schließlich gescheitert: Seine Leistungen waren nichts besonderes mehr.
 
Arbeitete er wirklich nur noch für die Publicity? Nein. Er war sich sogar sicher, dass er das nicht tat. Ziemlich sicher.  

Aber warum hatte er dann überhaupt mit diesem Zeug angefangen? Und wie brachte es diese Ungeheuerlichkeit fertig, dass er sogar Watson dafür anlog? War es nicht eine Lüge? Eine schreckliche Lüge?

»JAAA«, schrie er auf, gleichzeitig als Antwort auf die Frage seiner Gedanken, ebenso aus Freude über seinen Fund.

Er nahm das Fläschchen am Deckel hoch und schüttelte es vor dem Licht des Kamins. Dem einzigen Licht im Zimmer. Er atmete zufrieden aus, als er sah, dass sich hinter dem braunen Glas gut zehn Milliliter befanden.

Nur wenige Minuten später, weil er die Spritze und seine Vene nicht hatte suchen müssen, saß er noch zufriedener in seinem Ohrensessel und dachte dort weiter, wo er zuvor nicht mehr hatte weiterdenken können.

»Watson«, sagte er leise und wischte sich über die Wange, weil er seine glasigen Augen einen kurzen Augenblick nicht hatte kontrollieren können. Er betrachtete seinen Handrücken, der sich feucht anfühlte und es tatsächlich war. »Watson.«

Nein, er würde ihm immer treu sein. Nach so langer Zeit würde er ihn selbst nach einer solchen Lüge nicht mit einer Kündigung strafen. Ohnehin war Sherlock schon genug damit gestraft, dass er diese Lüge lebte. Er hatte niemals von diesem Teufelszeug abgelassen, dass dieses graue Leben wenigstens manchmal ein wenig farbig machte. Er hatte es gegenüber Watson geschworen, aber er ließ nicht ab. Er hätte es nie getan. Er war gar nicht in der Lage dazu.

War das seine Ausrede? Vielleicht. Wenn es Watson herausbekommen würde, wäre es seine Ausrede.

»Ich möchte, dass Sie mit meiner Familie den Weihnachtsabend verbringen«, hatte Watson gestern zu ihm gesagt. »Feiern Sie mit uns«, sagte er, »und feiern Sie Ihren Erfolg über diese schreckliche Sucht.«

»Nein«, hatte er darauf geantwortet, obwohl er das ›Ja‹ schon auf seiner Zunge geschmeckt hatte. Aber es schmeckte salzig und bitter und giftig, also hatte er es heruntergeschluckt. Und daran hatte er sich wohl den Magen verdorben.

Vielleicht hätte er es noch einmal herauswürgen können, vielleicht von Magensäure zerfressen, aber er hätte es schaffen können. Wenn Watson noch einmal gefragt hätte. Ein wenig bohrender nur. Aber er tat es nicht. Er sah in die Augen des vermeintlich Allwissenden, die Augen der großen Legende, ihn Sherlock Holmes, und nahmErstausgabe "The Hound of the Baskervilles" das ›Nein‹ hin.

In der Erinnerung suhlend, ließ sich Sherlock in den Sessel fallen, schloß seine Augen und öffnete stattdessen seinen Mund. »Ich bin Sherlock Holmes«, murmelte er; »ich bin Sherlock Holmes. Ich ... bin ... Sherlock ... Holmes.«

Im flackernden Schwarz seiner Augenlider konnte er die Zeitung noch einmal sehen. Die Story war auf der Titelseite und für Jedermann lesbar, der an der Box vorbeiging. Wie stolz war er doch gewesen, als er eine Münze hineinsteckte und ein Exemplar herausnahm. Die Leute zogen ihren Hut, grüßten, und gingen mit einem Lächeln weiter. Sie hatten ihn gesehen, Sherlock Holmes. Den großen Meisterdetektiv. Der es immer noch kann.

Er wollte nach der Zeitung greifen, doch als er seine Augen öffnete, war da nur der Tisch, auf dem seine Pfeife neben dem Aschenbecher lag. Er betrachtete sie lange, überlegte ob er sie neu stopfen und noch einmal entzünden sollte, kam aber zu keinem Entschluss. Seine Gedanken darüber fühlten sich schwer an, und er wusste nicht warum, also wendete er seinen Blick von dem Tisch ab.

Im Kamin knackte laut ein Stück Holz.

Völlig zusammenhanglos rief er sich die Vorstellung daran in den Kopf, wie es wohl gewesen wäre, wenn er Watsons Einladung bejaht hätte. Seine Frau hätte sicher etwas besseres gekocht als zwei Scheiben Brot mit Garwurst, die heute Sherlocks Weihnachtsmenü gewesen waren. Vielleicht wäre ihr Rotwein nicht so gut gewesen wie seiner, aber er hätte sicher ein paar Flaschen mitgebracht. Wozu geizig sein? Watson war sein bester Freund, und seine Familie ebenso. Sie hätte sich komplett gefreut, mit dem Meisterdetektiv, der es noch kann, an einem Tisch zu sitzen. Seinen Rotwein zu trinken. Und ihm vielleicht sogar ein Geschenk zu machen, ihm dabei zuzusehen, wie er das Papier aufreißt, sich über seine leuchtenden Augen zu freuen und den Dank, den er ausspricht. Weniger der Dank für das Geschenkt, sondern die Tatsache, dass er überhaupt eines bekommen hatte. Eines, das in buntem Papier eingewickelt war. Mit einem roten
Band drumherum, das oben zu einer hübschen Schleife gebunden war.

Holmes griff endlich nach der Pfeife und schüttelte seinen Kopf. »Gleich fange ich an zu kotzen«, sagte er angewidert und wischte sich über die Augen. Er spürte, wie die Glasigkeit darin wich.

Erst würde er seine Pfeife genießen und sich dann den anderen fünf Millilitern widmen.

 

Besuch

Sherlock atmete zufrieden aus.

Seine Gedanken gingen jetzt noch schneller als nach der ersten Dosis, und irgendwie schienen sich manche Dinge um ihn zu drehen. Sie drehten sich nicht im Zimmer, denn dort befanden sie sich nicht wirklich, aber sie taten es in seinem Kopf. Ihm war, als spürte er die elektrischen Impulse, auf denen diese Dinge über seine Synapsen ritten. Ihre Pferde hinterließen dabei Spuren auf seinen Neuronensträngen; halbrunde Hufabdrücke, denn sie waren nicht mit Hufeisen beschlagen. Die blanken Hufe, wie die reine Natürlichkeit.

Warum saß er hier? Warum war er allein? Er suchte nach dem Ursprung seiner Überlegungen darüber und fand sie nicht. Da waren nur diese Bilder, die eigentlich nicht wie Bilder, sondern wie reale Dinge aussahen. Sie schwirrten um ihn herum. Eine Kerze, die von einer Hand getragen wird. Sie flackert im Fahrtwind des Mannes, der sie trägt. Nein ... kein Fahrtwind. Gehwind.

Ein Ohrensessel, der alt aber gepflegt ist. Sein grünes Polster glänzt in einem schimmernden Licht.

Funken, die glühend auseinanderfliegen und dann langsam verglimmen.

Eine Brotscheibe, auf dem eine Weihnachtsgans liegt. Ihre Haut ist ganz braun und trieft vor Fett. Und an der Stelle, wo ihr Kopf sein müsste, befindet sich ein weißes Tuch. Es ist mit einer roten Schleife um den Hals gebunden.

Dann, endlich, begann ein Kopf sich in das Karussell einzureihen. Er stellte sich hinter die Brotscheibe, die im Vergleich zu der Gans absurd groß aussah, und vor die Kerze. Der Kragen, aus dem der Kopf ragt, kam gefährlich nahe an die Flamme heran. Sie drohte schon fast, ihn anzusengen, als der Kopf sich durch eine Drehung nach oben schraubte und sich dadurch rettete. Dann sprach er mit einer bekannten Stimme.

»Hooolmmmesss ... Shhhhhhhhh...«

Sherlock blinzelte. Er hatte den Kopf noch nicht identifiziert, weil er immer noch auf den Kragen starrte, und wanderte mit seinem Blick nach oben, was seine Ahnung bestätigte. Als das Gesicht das nächste Mal vorbeikam, sah er, dass die Stimme Watson gehört hatte. Sein treuer Assistent war zum Jahrmarkt gegangen und dann auf das Karussell gestiegen.

»Sherlock!« rief der Kopf, als er wieder vor seinen Augen auftauchte.

Das Karussell ging schneller, und der Kopf wieder verschwunden.

Sherlock drehte seinerseits den Kopf nach rechts und folgte Watsons Kopf bei der nächsten Halbdrehung.

»Sherlock Holmes«, sagte der Kopf, obwohl Watson ihn niemals gleichzeitig mit den Vor-und dem Nachnamen anredete, »Sherlock Holmes, Du bist Sherlock Holmes, Du bist Sherlock–« Und dann war der Kopf wieder weg.

Das Karussell drehte sich wieder langsamer, und bei der nächsten Runde blieb es ganz stehen, als der Kopf genau vor Sherlocks Augen angekommen war.

(Holmes ab jetzt in ironischem und fragenden Tonfall sprechen) »Hallo Watson«, sagte  Sherlock in genau der aufgeweckten Art, als wäre er gerade damit beschäftigt, einen Fall zu lösen.

»Sherlock Holmes«, sagte der Kopf wieder, »heute Nacht werden Dich drei Geister besuchen.«

»Drei Geister werden mich heimsuchen?« fragte Sherlock.

»Besuchen« beharrte der Kopf.

»Was wollen diese Geister?«

»Der erste kommt um Mitternacht«, sagte der Kopf und verschwand, ohne mehr zu verraten.

Sherlock wiederholte noch einmal seine Frage. »Was wollen diese Geister? Watson? Was wollen diese Geister? Watson!«

 

Kurz vor Mitternacht

Eine halbe Stunde, nachdem das Karussell verschwunden war, dachte Holmes immer noch darüber nach, was die Kerze zu bedeuten hatte. Zwischendurch überlegte er kurz, wie wohl die gebratene Gans, deren rote Schleife genau wie die bei Missus Watson ausgesehen hatte, geschmeckt hätte, aber die meiste Zeit dachte er über die Kerze nach. Ihm war ihre Bedeutung immer noch nicht eingefallen, als er das Umschalten der Standuhr hörte.

Der große Zeiger war endlich da angekommen, wo der kleine schon auf ihn zu warten schien. Es war genau Mitternacht.

»Der erste kommt um Mitternacht«, hörte er unvermittelt den Widerhall einer bekannten Stimme und hatte sofort eine Frage.

»Wer kommt?« fragte er in die Leere des Zimmers, bekam aber keine Antwort. Jedenfalls keine, die aus Worten bestand.

Das Fenster schlug auf und krachte laut gegen den Rahmen. Der Vorhang davor hob sich unter dem Hauch eines Windes, der ein bisschen vom Nebel mitbrachte. Sherlock spürte in seinem Rachen, dass die Luft um ihn dabei an Feuchtigkeit zunahm. Er atmete tief ein, denn die vorhin noch vom Tabak kratzige Luft hatte seinen Hals kratzig gemacht. Unter einem Schmatzen genoss er das Eindringen der Wasserpartikel.

»Sherlock Holmes?« fragte eine Stimme, die sich tief und dennoch quietschig anhörte, »bist du es persönlich? Bist du tatsächlich der große Holmes?«

»Ja, ich«, stammelte Sherlock, der jetzt unsicher wurde, weil er einem ausgewachsenen Riesen gegenüberstand. Er schien gar nicht ins Zimmer zu passen, so groß war er, aber auf eine absurde Weise tat er es trotzdem.

»Bist du es nun oder nicht?« fragte der Riese noch einmal.

»Ja, ich bin es.«

(Staunend) »Ooooh«, machte der Riese und nahm die Hände von seinem gewaltigen Bauch, um sie vor seinem Gesicht zusammenzuklatschen, »ich sehe die Schlagzeile noch vor mir: ›Holmes, der Meisterdetektiv – er kann es noch!‹, war das nicht herrlich? Ich muss unbedingt daran denken, dass du mir später ein Autogramm mitgibst. Meine Frau würde sich nämlich sehr darüber freuen.«

»Du bist verheiratet?« fragte Sherlock.

 »Natürlich!«, sagte der Riese, »was denkst du denn?«

»Nun«, fuhr Sherlock fort, »ich wusste nicht, dass Riesen verheiratet sind.«

»Ich bin doch kein Riese!«, entfuhr es dem Selbigen, »ich habe vielleicht ein bisschen zugelegt in der Adventszeit, aber ich bin bestimmt nicht riesig!«

Sherlock wusste nicht so recht, was er daraufhin sagen sollte, also fuhr sein Gegenüber stattdessen einfach fort.

(Ruhiger) »Genaugenommen bin ich ein Geist«, sagte der, »und ja, Sherlock, ich muss zugegen, dass es wirklich ungewöhnlich ist, dass Geister heiraten. (Wieder genauso quietschig tief wie vorher) Aber verdammt, ich bin glücklich. So ... wo waren wir?«

Auch darauf wusste Sherlock keine Erwiderung, weil er noch unsicherer und noch ratloser geworden war. Auch alle Wirkung seines Schubladenfundes schien plötzlich verflogen zu sein. Dennoch blieb er hellwach.

»Achso«, sagte der vermeintliche Geist, »mir fällt es wieder ein: Ich soll Dir die vergangene Weihnacht zeigen.«

Sherlock Holmes
Lebenslauf:
geboren ca 1854, setzte sich in 1904 zur Ruhe, nachdem er 23 Jahre als Detektiv tätig war. Stammt aus dem niederen englischen Landadel, Enkel einer Tochter des französischen Künstlers Emile Jean Horace Vernet.

Berufserfahrung: Arbeitete seit 1878 professionell als Detektiv, 1882 Beginn der Zusammenarbeit mit Dr. Watson. Löste zwischen 1878 und 1889 knapp 500 Fälle. Hauptgegner: Professor Moriaty, dem er sich 1878-1891 verstärkt widmet. Taucht nach seinem angenommenen Tod 1894 wieder auf und löst im Anschluss daran bis 1901 weitere Hunderte von Fällen. 1895 Privataudienz bei Queen Victoria. Lehnte 1902 die Erhebung in den Adelsstand ab.

Hobbies: Kunst, Studium der Honigbiene (verfasste ein Buch darüber), betrieb Studien über den Buddhismus in Ceylon, Cornish (Sprache in Cornwall), Liebhaber von Orlando di Lasso, Mittelalter (vor allem die Mysterienspiele und Töpferei).

 

Das Gestern

»Wohin bringst du mich?« fragte Sherlock, der sich in einer ungewöhnlich bunten Welt wiederfand, durch die er zu rasen schien.

»Wart´s nur ab«, antwortete der Riese, auf dessen Rücken er saß. Er saß, wie er in Kindertagen auf den Schultern seines Vaters gesessen hatte, und merkte erst spät, dass er selbst schrumpfte. Er wurde kleiner, und der Riese immer größer.

Irgendwann hatte Sherlock die Größe, die er als Jugendlicher hatte. Und er hätte schwören können, dass er auch so aussah. Er war 17, vielleicht 18 und trat aus einer Tür in der Farbenwelt das Wohnzimmer seiner Familie. Seine Eltern standen vor ihm, hinter ihnen ein Weihnachtsbaum, und in ihren Händen ein Geschenk. »Fröhliche Weihnachten, Sherlock«, sagte sie.

Und Sherlock nahm das Paket und legte es auf den Tisch vor dem Sofa.

»Willst du es gleich auspacken?« fragte seine Mutter.

»Nein«, gab er als Antwort. »Ich habe mich gleich draußen mit Peter verabredet.«

»Na dann«, sagte seine Mutter auf ihre verständnisvolle Art.

Die Verabredung mit Peter war tatsächlich eine, obwohl sie sich für Sherlock wie eine Lüge angefühlt hatte. Er wusste, dass er in seiner Pubertät manchmal gelogen hatte und auch, wie sich das angefühlt hatte, deshalb war er leicht irritiert. Und er war es nicht mehr, als er sah, worum es bei der Verabredung ging.

Peter zog eine Pfeife aus der Tasche. »Hier«, sagte er und reichte sie an Sherlock. »Ich hab keine Streichhölzer, aber sie ist schon gestopft.«

»Du bist ein echter Freund«, gab Sherlock zurück und merkte endlich, dass er zwar in diesem Körper steckte, den er als Jugendlicher gehabt hatte, aber nicht selbst handeln konnte. Es war nämlich schon gehandelt worden. Er selbst hatte gehandelt. Dies war ein Blick in die tatsächliche Vergangenheit.

»Ich weiß«, sagte der Freund, »aber viel lieber würde ich sie selbst anmachen, wenn mir mein Vater nicht die Streichhölzer abgenommen hätte.«

Beide lachten.

Und einen kurzen Moment später spürte Sherlock, wie der zuvor befeuchtete Rachen wieder anfing zu kratzen. Er sog das Kratzen tief in sich hinein, weil es dadurch – wie Peter ihm erklärt hatte – schon sehr bald weniger kratzen würde. Also hielt er es mit zusammengekniffenen Augen aus, atmete noch tiefer und begann dann, ganz fürchterlich zu husten.

Diesmal lachte nur Peter, und Sherlock räusperte sich noch ein paar Mal, bevor er wieder etwas sagen konnte. »Gutes Zeug«, sagte er.

»Hast du dein Geschenk schon aufgemacht?« fragte Peter.

»Nein«, sagte Sherlock.

Das sagt Dr. Watson über Holmes: Holmes sei "der schlimmste Mieter Londons, der seine Zigarren im Kohlenkasten aufbewahrt, seinen Tabak in den Zehen seiner Persianerhausschuhe, und seine Briefe mit einem Schnappmesser in der Mitte des hölzernen Kaminaufsatzes befestigt."

Sherlock räusperte sich noch einmal und war dann wieder umgeben von Farben. »Was soll mir das sagen?« fragte er den Riesen, der ihn nur anstarrte.

»Denk darüber nach, schließlich bist du doch der Meisterdetektiv. Oder kannst du es nicht mehr?«

Also dachte Sherlock nach. Und bekam eine dunkle Ahnung, dass – wenn er schon an der Pfeife hatte ziehen wollen – er erst das Geschenk hätte auspacken müssen. Die Form seiner Augen änderte sich durch das Zusammenkneifen seiner Lider, die schließlich nur noch einen schmalen Sehschlitz übrig ließen, und bedeuteten dem Riesen scheinbar, woran er dachte.

»Ganz richtig«, bestätigte der.

Sherlock schaute wieder normal. »Aber«, sagte er, »Tabak ist doch nicht ungesund?«

»Das steht auf einem anderen Blatt. Aber darum geht es nur zum Teil. Wichtg war das Geschenk. Dass du es gerade wegen einem solchen Suchtmittel liegenlässt, passt zwar zum Thema, aber ist nicht wesentlich.«

»Ich verstehe Dich nicht! Warum sagst du, dass Tabak ein Suchtmittel ist? Ich weiß ja, dass ich abhängig bin, aber–«

»Sherlock!« unterbrach ihn der Riese, »war Dir das Geschenk nicht wichtig?«

»Doch, aber«, sagte Sherlock und konnte seinen Satz schon wieder nicht beenden, weil der Riese unbeirrt weitersprach.

»Also war Dir das Geschenk wichtig«, sagte er, »und darum verstehe ich nicht, warum du es nicht ausgepackt hast. Familie und Liebe und solche Sachen hätten für Dich schon damals wichtiger sein müssen, denn dann fällt man nicht so leicht in solche Löcher wie das, in dem Du gerade steckst. Verstehst Du?

 

Das Heute

»Was?« fragte Sherlock, statt zu antworten, aber es war ohnehin zu spät. Der Riese war verschwunden, und er saß wieder in dem Ohrensessel. Er schaute zum Fenster – es war geschlossen. Und die Luft im Zimmer fühlte sich trocken an.

Er war sich fast sicher, dass er es wieder mal mit seinem Mittel übertrieben hatte, obwohl zehn Milliliter kaum für derartige Halluzinationen ausgereicht hätten, aber ... die Logik sagte einfach, dass er schleunigst ins Bett gehörte. Er stand auf, warf noch einen prüfenden Blick zum Kamin, dass das Feuer darin nicht mehr allzu groß war, und verließ das Zimmer.

Der Flur war dunkel, aber er kannte den Weg. Trotzdem hielt er mit einer Hand Kontakt mit der Wand, während er ging. Er zählte die Türen, zwei genau, bis er das Badezimmer erreichte. Die Tür schwang auf und im Mondlich, das durchs Fenster hereinfiel, sah er ein düsteres Bild von sich im Spiegel.

Er sah alt aus, dieser Holmes, alt und manchmal vergesslich vielleicht, aber immer noch ein Meister seines Fachs. Er hatte noch jeden Verbrecher hinter Gitter bringen können, selbst die, die allein der Logik wegen niemals greifbar gewesen wären. Aber einer wie er, der es immer noch konnte, war nicht zu überlisten. Schon gar nicht von der Logik.

»Nein«, antwortete das Spiegelbild. »Schon gar nicht von der Logik.«

»Sage ich doch«, sagte Sherlock, »einer wie Du schafft das.«

»Denk doch nur an die Schlagzeile«, sagte das Spiegelbild.

Und Sherlock nickte. »Ich denke daran, Holmes.«

»Oh Sherlock«, sagte das Spiegelbild; »weißt du noch, wie die Leute zu Dir geschaut haben, als Du die Zeitung aus der Box genommen hast? ›Guten Tag, Herr Meisterdetektiv‹, haben sie gesagt, ›bitte schütteln sie meine Hand, ich werde sie auch nie wieder waschen.‹«

(Nachdenklich) »Ja«, sagte Sherlock, »genau so war es.«

»Also ich hab mir den Artikel ausgeschnitten und eingerahmt«, sagte das Spiegelbild.

»Ich auch«, sagte Sherlock, »aber ich habe es nicht aufgehängt.«

»Wegen Watson?« fragte das Spiegelbild.

»Ja«, erwiderte Sherlock, »wegen Watson. Sicher hätte er wissen wollen, warum ich auf einmal auf solche Dinge Wert lege.«

Das Spiegelbild nickte. »Und der große Meisterdetektiv sucht sich seine Fälle nun mal aus, weil sie ihn interessieren, und nicht weil sie ihm Publicity bringen.«

»Genau«, stimmte Sherlock zu, »und schon gar nicht, weil ich das Geld brauche!«

»Nein«, sagte das Spiegelbild. »Du bist nämlich reich.«

(Schreiend) »Genau« tönte Sherlock, »wir sind reich, reich, reich! Du und ich, verstehst du? Die ganz große Nummer!«

(Ebenfalls schreiend) »Ja«, erwiderte sein Gegenüber, »wir sind die Helden dieser Stadt. Nein, was sage ich, wir sind die Helden im Land!«

(Plötzlich ruhig und klingend, als hätte er eine Idee) »Nein«, unterbrach Sherlock ihn, und hob dabei seinen Zeigefinger mahnend vor sein Gesicht, »wir sind: ›Die reichen Helden der westlichen Welt! Könige und Kaiser verneigt Euch, sie beehren unseren Hofstaat mit ihrem Besuch, applaudieren sie jetzt für Dr. Sherlock und Mr. Holmes!«

Beide klatschten in die Hände, und es hörte sich an wie der begeisterte Jubelstrom eines echten Hofstaates, viele Diener, Narren und holde Maide. Und der Regent klatscht von allen am lautesten und ruft dazu: ›Sie leben hoch!‹«

Als kurz darauf wieder Stille herrschte, sank Sherlock in die Kauerstellung zusammen, legte seinen Kopf auf die Knie, seine Arme um die Schenkel und begann zu weinen. Endlich hielten seine glasigen Augen dem Druck nicht mehr stand.

 

Von Federn und Fäden

Das Kissen war unbequemer als je zuvor. Sherlock spürte nur noch die Spitzen der Federn, mit dem es gestopft war und riss es mit solcher Wucht von der Matratze, dass es zerriss. Er warf es an die gegenüberliegende Wand, betrachtete die Federn, die sanft zu Boden segelten und staunte, weil er nicht gewusst hatte, wie stark er eigentlich war. Vielleicht sollte er einmal versuchen einen Baum auszureißen.

Während die anderen Federn schon bald zu Boden gesegelt waren, blieb eine von ihnen in der Luft hängen, wie an einem unsichtbaren Faden. Ein anderer Faden schien die Feder außerdem langsam aufzurichten, wodurch sich ihm ein seltsames Bild bot.

Die Feder schien zwei Kiele zu haben.

Cover des ersten Romans um Sherlock HolmesAls sie an ihren unsichtbaren Fäden langsam zu ihm flog, erkannte Sherlock, dass die Kiele eigentlich Beine waren. Beine eines Wesens, dass offenbar nur so weiß erschien, weil es leuchtete. Es leuchtete immer heller, bis schließlich das ganze Zimmer von Licht erfüllt war. Sherlock hätte geglaubt, es sei Tag, wenn er seinen Blick von diesem Wesen hätte abwenden können. Es sah aus wie ein Kind. Nur noch viel kleiner. Ein Mädchen. Es hatte lange Haare und trug ein flatterndes Gewand. Und als direkt vor seinem Gesicht schwebte, sah Sherlock zwei hauchzarte Flügel an ihrem Rücken flattern. Es setzte sich auf seine Nase.

(Im Tonfall eines Kindes) »Hallo Sherlock«, sagte das Mädchen.

»Hallo Kleines«, antwortete er.

»Weißt du, warum ich hier bin?« fragte es.

»Nein«, sagte er, »ich glaube nicht, dass ich es genau weiß. Obwohl ich eine Ahnung habe.«

Das Mädchen begann, über beide Backen zu strahlen, wodurch ihr Gesicht noch heller leuchtete. »Das ist schön! Ich denke, dass deine Ahnung richtig ist! Dann bist du vielleicht schon dabei, zu verstehen!«

»Was zu verstehen?«

Das Lächeln auf ihrem Gesicht verschwand. »Vielleicht bist du es doch nicht. Aber wenn du wenigstens schon eine Ahnung hast, wird meine Lektion wohl ausreichen.«

»Was für eine Lektion erwartet mich denn?« fragte Sherlock, der tatsächlich eine Ahnung hatte, was ihn erwartete. Mittlerweile fühlte er sich nicht mehr so ratlos wie zuvor, auch wenn er sich in einer Geschichte gefangen glaubte.

»Folge mir«, sagte das Mädchen.

 

Das Morgen

Während er durch einen großen Garten neben dem Mädchen herging, das ständig neben seinem Kopf flog, sah er aus den Augenwinkeln, dass sie sich fast beiläufig eine grotesk große Zigarette in den Mund schob. Sie war konisch gerollt und am äußeren Ende sogar größer war als der Kopf des Mädchens. Die Kleine hatte plötzlich auch ein Feuerzeug und steckte sich die Zigarette an. Sherlock konnte hören, wie sich der Rauch in ihre kleinen Lungen schob.

»Ist das etwa ein Joint?« fragte er.

Das Mädchen blies ihm einen süßlichen, angenehmen Rauch ins Gesicht. »Natürlich«, sagte sie. »Scheißt der Papst im Wald?« Sie zog noch einmal, dann hielt sie ihm die Zigarette, die keine war, vor die Nase. »Auch mal?« fragte sie.

»Klar«, sagte Holmes. »Er scheißt im Wald, wohin soll er denn sonst gehen, wenn nirgendwo ein Klo zu finden ist?«

Er sog den Rauch tief ein und behielt ihn lange drin, damit die darin enthaltenen Wirkstoffe Zeit hatten, in seine Körperzellen einzudringen. Mit dem Ausblasen entwich ihm ein zufriedener Seufzer, und schon beim zweiten Zug merkte er, dass das Mädchen einen guten Dealer hatte. Sie hatte ›gutes Zeug mitgebracht‹, wie er zu sagen pflegte. »Wohin gehen wir?« fragte er, völlig entspannt.

»Was denkst du denn, wohin wir gehen?« fragte das Mädchen zurück.

»Ich weiß nicht«, sagte Sherlock. »Vielleicht in die Zukunft?«

»Vielleicht«, sagte das Mädchen.

Sie gingen noch eine Weile und teilten sich den Joint, und als Sherlock gerade den letzten Zug daran gemacht und ihn ausgetreten hatte, erblickte er ein paar Meter vor ihnen ein Tor. Es befand sich mitten auf dem Weg, und links und rechts davon erstreckte sich ein Zaun. Es war ein einfacher Zaun, der alle paar Meter aus einem Pfosten bestand, zwischen denen jeweils zwei Querplanken angebracht waren. Sherlock war sich sicher, dass dafür Nägel verwendet worden waren. Auf die Querplanken waren Bretter genagelt.

Als sie das Tor erreicht hatten, hob er seinen Blick vom Zaun, den er nur zu interessant fand, und sah was dahinter war. »Ein Friedhof«, stellte er nicht wenig überrascht fest. Dann fiel ihm endlich die Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens ein, und dass der Friedhof auch in dieser seltsamen Kopie davon eine logische Parrallele war. Er war also wirklich in einer Geschichte, und wenn sie so logisch war, musste sie gleich enden.

»Ja«, sagte das Mädchen, »ein Friedhof.«

Ein ängstlicher Schauer legte sich auf Sherlocks Rücken. Ihm war, als würden nun auch bei ihm Flügel dort wachsen, mit dem er dem Mädchen gleich dorthin nachfliegen würde, wo immer sie eben dann hinflog.

Das Mädchen schien für seine Größe ziemlich stark zu sein, denn es flog ziemlich zuversichtlich gegen das Tor, um es aufzudrücken. Sie gab nur einen ächzenden Laut von sich, dann ließ es davon ab und erschöpft die Arme baumeln. Das Tor hatte sich kein Stück bewegt. »Hilf mir mal«, sagte es.

Sherlock öffnete das Tür, während das Mädchen über den Zaun hinwegflog. »Weißt du, wohin wir gehen?« fragte es.

Sherlock wusste es, da war es sich so sicher wie nie zuvor in seinem Leben. So war das mit seiner Begabung, sie war Segen und Fluch zugleich, aber dass ihn dieser Fluch einmal an seine eigenen Gebeine bringen würde, hätte er nicht erwartet.

»Sherlock«, unterbrach das Mädchen seine Gedanken. »Ich habe dich was gefragt«, sagte es, und wiederholte ihre Frage: »Weißt du, wohin wir gehen?«

Er brachte nur ein Nicken und mit geschlossenen Lippen einen Laut zustande, der sich wie »Mhm« anhörte, und war wie gefesselt von den vielen Grabsteinen, deren Inschriften auf ihn zufliegen zu schienen. Die Namen unzähliger Toter schwirrten um seinen Kopf, wie zuvor das Karussell, in dem Watsons Kopf gesessen hatte, und er wartete nur darauf, dass er seinen eigenen Namen schwirren sah. Vielleicht würde er ihn nicht gleich bemerkten, aber irgendwann würde das Karussel schon stehen bleiben und ihm die Inschrift zeigen, die erhabenen Buchstaben auf schwarzem Granit

HIER RUHT SHERLOCK HOLMES,
MEISTERDETEKTIV BIS ZU SEINEM TODE.

ER WIRD IMMER EINE SCHLAGZEILE BLEIBEN.

»Hier ist es«, sagte das Mädchen und erschrak den in seinem Gedankenkarussell verlorenen Sherlock damit so sehr, dass er laut aufschrie.

Die kleine hielt sich die Ohren zu. »Psst«, machte sie, »sonst weckst du womöglich noch jemanden auf!«

Sherlock machte sich nichts darauf, könnte er bei der Gelegenheit doch gleich seine zukünftigen Nachbarn kennen lernen. Er schrie weiter, folge aber wenigstens mit seinem Blick dem Mädchen, das davonflog und sich auf einen Grabstein setzte.

Er war nicht schwarz und auch nicht aus Granit, nein, es war irgendein billiger Jedermannstein, grau und verwittert, als hätte der Bestatter ihn aus dem Gebrauchtbestand hervorgeholt.

»Komm her, Sherlock«, rief das Mädchen, deren Flügel jetzt still standen. Stattdessen baumelten ihre Füße gegen den Stein, dem das natürlich nichts ausmachte. Sie war ja nicht so stark, wie Sherlock ursprünglich angenommen hatte.

Er schrie noch immer, griff sich mit beiden Händen ins schüttere Haar, fand dort seine karierte Detektivmütze, die er doch gar nicht hierher mitgenommen hatte, und warf diese von sich; er ließ seine Hände aus den Haaren über die schweißnasse Stirn und die tränenüberströmten Augen sinken, die er schloß, während er auf die Knie ging; er spürte die Erde des Grabes unter ihm zwischen den Fingern und ging noch tiefer; er schmeckte die Erde sogar auf seinen Lippen, auf seiner Zunge, er zerkaute diese Erde mit einem Knirschen, das ihm bis ins Hirn stieg und dann hangelte er sich an dem Jedermannstein hinauf, wischte sich das Glasige aus den Augen, fokussierte die Inschrift, erhaben und alt, die da lautete

HIER RUHT EBENIZER SCROOGE,
GEIZHALS BIS KURZ VOR SEINEM TODE,
IM ANSCHLUSS RETTER DER STADT.

 

Der Morgen

Ohne jede Erinnerung, wann und wie die Sonne aufgegangen war, blickte er in den hellen Schein, der durch das Fenster kam und ihn offenbar geweckt hatte. Er richtete sich auf und sah die Federn auf dem Fußboden verstreut liegen, hielt sich den Schädel, der nicht unwesentlich brummte und stand auf, um ein Glas Wasser zu trinken.

Er hatte einen unglaublichen Durst.

Was war passiert? Diese Frage stellte er sich, als er zum ersten Mal durch den Flur ging und getrocknete Erde auf dem Boden kleben sah, die ganz nach einst schlammigen Fußabdrücken aussah. Zwischen den Abdrücken sah er vereinzelt Blätter liegen, die – das erkannte Sherlock sofort – von einer Eiche stammten.

»Wo wachsen Eichen?« fragte er sich selbst, hielt aber nicht an, sondern setzte seinen Weg in die Küche fort.

Dort angekommen griff er in einen der Schränke, holte ein Glas heraus und ging damit zur Spüle. Er drehte den Wasserhahn auf und füllte das Glas. Das Plätschern der einlaufenden Flüssigkeit veränderte sich dabei von dumpf nach hell.

Er drehte den Hahn zu und setzte sich an den Küchentisch, auf dem seine Detektivmütze lag, so wie er sie gestern dort abgelegt hatte, um sie zu reinigen. Er hatte einen speziellen Stoffreiniger gekauft und sich diese Arbeit für den ersten Weihnachtstag vorgenommen. Er wollte das auf jeden Fall vor dem Frühstück erledigen, deshalb hatte er sie hier abgelegt. Aber irgendwie schien sie schmutziger zu sein als gestern, fast so, als wäre sie ihm in den Dreck gefallen. Nur konnte er sich nicht an einen solchen Vorfall erinnern.

Er trank sein Wasser und erhob sich nach einigem Grübeln über seine Mütze in der Schlussfolgerung, dass ihm doch nichts dazu einfallen würde und ging ins Wohnzimmer, um sich erst einmal eine Pfeife anzuzünden. Mütze hin oder her – eine Pfeife zu rauchen war kein Frühstück, also brach er seinen Vorsatz vom Vortag nicht.

Er ließ sich in den Ohrensessel sinken und übrlegte, ob er schnell noch ein Feuer im Kamin machen sollte, ließ es aber zugunsten eines schnelleren Rauchvergnügens sein. Er klopfte die eingeäscherten Tabakreste in dem Aschenbecher aus. Dann griff er unter die Tischplatte, wo sich eine weitere Ablageplatte und darauf der Pfeifentabak befand, nahm diesen und öffnete den Beutel. Er stopfte zwei Mal, dann legte er die Pfeife weg.

Dann machte er doch ein Feuer.

Als er damit fertig war, betrachtete er seine Pfeife und entschied, dass sein Körper jetzt eigentlich nach Essen verlangte. Also ging er zurück in die Küche, wo immer noch die Mütze lag. Er nahm den Spezielreiniger, der neben der Mütze lag, ging mit beidem zur Spüle und reinigte den karierten Stoff. Er tat dies äußerst sorgfältig, wie es nun mal seine Art war, spülte den Reiniger zum Abschluss sorgfältig unter dem laufenden Wasser aus dem karierten Stoff und hängte die Mütze dann zum Trocknen in das Küchenfenster.

Dann frühstückte er. Und als er das hinter sich gebracht hatte, war die Pfeife vergessen. Er dachte an diesem Tag nicht mehr daran.

Watson

Stattdessen dachte er an Watson, der ihn gestern doch eingeladen hatte. Warum hatte er noch einmal abgelehnt? Er könnte darüber nachdenken, aber irgendeine Stimme in ihm sagte, dass das nicht logisch wäre. Irgendwie war die Frage schon beantwortet.

Es war falsch gewesen, abzulehnen.

Er ging in den Flur nahm seinen Mantel von der Garderobe. Dann streifte er ein paar Handschuhe über, band sich einen Schal um und setzte eine andere Mütze auf. Keine Detektivmütze. Denn er wollte nicht zur Arbeit gehen. Er wollte zu Watson gehen. Sein Freund feierte Weihnachten mit seiner Familie, und er wollte ihn, Sherlock, gern dabeihaben.

Und vielleicht war sogar noch etwas von der Weihnachtsgans übrig.

ENDE

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