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Meine Berlinale 2024 - Genrefilme neben Kunstkino

Meine Berlinale 2024

Genrefilme neben Kunstkino

 

Am vergangenen Wochenende sind die 74. Internationalen Filmfestspiele von Berlin zu Ende gegangen. An elf prall gefüllten Festivaltagen konnte man sich zwischen rund 200 verschiedenen Filmen und etlichen weiteren Live-Veranstaltungen entscheiden – wenn man denn in den Genuss eines der heißbegehrten Tickets kam, was selbst für akkreditierte Journalisten wie mich in diesem Jahr nicht immer einfach zu bewerkstelligen war.

Zum 20. Mal war ich im Jahr 2024 als Journalist für die Berlinale akkreditiert, bis auf die zwei Corona-Jahre haben sich die Festivaltage im Februar bei mir in den letzten zwei Jahrzehnten verlässlich im Terminkalender verankert. Nach all den Jahren (und unter bislang drei aktiv erlebten Festival-Leitungen) dachte ich zu wissen, was mich auf dem einzigen deutschen A-Filmfestival so erwarten wird. Insbesondere im Programm des Internationalen Wettbewerbs setzten auch die scheidenden Verantwortlichen, Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek und Künstlerischer Leiter Carlo Chatrian, nach wie vor auf politische Filme mit Message. Das kann spannend und wichtig sein, wird aber auch rasch mal dröge und allzu gekünstelt, weswegen den dort gezeigten Filmen zumeist nur dann eine reguläre Kinoauswertung in Deutschland gegönnt ist, wenn sie am Ende einen der Festivalpreise für sich verbuchen können. Wie ich in all den Jahren festgestellt habe, finden sich die wesentlich lohnenderen Werke zumeist in den Nebensektionen, insbesondere im „Panorama“, in dem sich vor allem innovative queere Entdeckungen machen lassen. Aber auch die Reihe „Generation“ (Kplus und 14plus) bietet häufig höchst unterhaltsame Filme, die auf die jüngste Zuschauerschar abzielen. Da die Berlinale ein Publikumsfestival ist, sitzt man hier gerne auch mit etlichen Schulklassen gemeinsam im Kino und kann die Begeisterung der Jüngsten für das Geschehen auf der Leinwand hautnah miterleben.

Was ich trotz allem auf der Berlinale selten zu sehen bekam, waren astreine Genrefilme. Deswegen war ich in diesem Jahr umso überraschter, als direkt meine ersten beiden Sichtungen in diese Richtung gingen. Unter der Rubrik „Berlinale Special Gala“ sah ich am Eröffnungsabend Tilman Singers („Luz“) neuesten Film „Cuckoo“, mit der überragenden Hunter Schafer („Euphoria“) in der Hauptrolle. Als Gretchen ist sie darin gezwungen, mit ihrem Vater und der Stiefmutter sowie mit ihrer kleinen, stummen Halbschwester in einen Ferienort in den deutschen Alpen zu ziehen. Die Erwachsenen sollen dort für einen schmierigen Geschäftsmann (genial: Dan Stevens als Herr König) die Erweiterung seines Domizils planen, Gretchen wird als Aushilfe für die Rezeption des bestehenden Komplexes engagiert. Aber vor Ort mehren sich die seltsamen Vorkommnisse – apathische Menschen streifen nachts durch die Anlage, unheimliche Geräusche und beängstigende Visionen suchen die Heranwachsende heim. Selten zuvor habe ich mich bei einem Berlinale-Film dermaßen gegruselt. Tilman Singer ist es gelungen, eine überaus wirkungsvolle Kombination aus Soundeffekten, Kameraführung und effektvollem Schnitt zu erschaffen, die gehörig an den Nerven zerrt. Ein gelungener deutscher Horrorfilm mit internationaler Besetzung!

Gruselig ging’s dann auch direkt im ersten von mir gesehenen Wettbewerbsfilm weiter, Aaron Schimbergs „A Different Man“. Der New Yorker Filmemacher („Chained for Life“) erzählt darin eine Art „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“-Geschichte. Ein im Gesicht stark deformierter Schauspieler (Sebastian Stan unter Latex-Maske) erhält hier die Gelegenheit, an einem neuartigen Operationsverfahren teilzunehmen, um wieder gut auszusehen. Doch die Autorin aus der Nachbarwohnung (Renate Reinsve) hat seine unglaubliche Geschichte gerade als Vorlage für ein Theaterstück verwendet. Die Hauptrolle kann Edward nun als blendend aussehender Mann (Sebastian Stan ohne Maske) nicht mehr überzeugend ausfüllen – hierfür bietet sich vielmehr Oswald (der an Neurofibromatose erkrankte Adam Pearson) an, der noch immer so aussieht wie Edward vor seiner unglaublichen Verwandlung. Schimberg zitiert in „A Different Man“ sowohl B-Movies als auch den Body Horror eines David Cronenberg, um am Ende eine zutiefst berührende und auch sehr witzige Beziehungsgeschichte zu entfalten, so etwas wie eine Mischung aus „Der Elefantenmensch“ und Woody Allens „Der Stadtneurotiker“. Sebastian Stan, der die beiden höchst unterschiedlichen Phasen im Leben seiner Figur überaus glaubhaft verkörpert, wurde hierfür mit dem „Silbernen Bären“ als bester Darsteller ausgezeichnet.

Ein weiteres, ungewöhnlich düsteres Werk, das die Meinungen im Publikum spaltete, stellte der Wettbewerbsbeitrag „Des Teufels Bad“ da. Inszeniert vom Regie-Duo Veronika Franz und Severin Fiala („Ich seh ich seh“) und produziert von Ulrich Seidl („Rimini“), rekonstruiert der Film einen authentischen Fall aus Oberösterreich im Jahr 1750. Agnes (fantastisch: Anja Plaschg) hat gerade den Fischer Wolf (David Scheid) geheiratet, ist in der Ehe aber unglücklich. Wolf begehrt eigentlich Männer, weswegen die Ehe mit Agnes unvollzogen bleibt und die junge Frau ihren einzigen Ausweg in einer erschütternden Tat sieht. Naturalistisch bis zur Schmerzgrenze haben Franz und Fiala hier das anstrengende Leben Mitte des 18. Jahrhunderts eingefangen, wobei insbesondere der detailreich geschilderte Leidensweg der Protagonistin ein zartbesaitetes Publikum nachhaltig verstören dürfte. Auch dieser Film wurde von der Internationalen Jury unter Leitung der Schauspielerin Lupita Nyong’o mit einem „Silbernen Bären“ prämiert, für die herausragende künstlerische Leistung von Kameramann Martin Gschlacht.

Lohnenswerte queere Geschichten habe ich darüber hinaus wie bisher insbesondere in den Nebensektionen entdeckt. „All Shall Be Well“ des Hongkonger Filmemachers Ray Yeung („Suk Suk”) erzählt wieder einmal von den Problemen am Ende einer jahrzehntelangen homosexuellen Beziehung. Hier geht es um ein Lesbenpaar, das auch mit der biologischen Familie einer der beiden sehr eng verknüpft ist. Als Pat (Lin-Lin Li) aber unerwartet stirbt, steht ihre langjährige Partnerin Angie (Patra Au) vor einem Scherbenhaufen. Da die beiden nicht verheiratet waren und es kein Testament gibt, stürzt sich Pats Familie auf das Erbe. Es wird sogar fraglich, ob Angie in der gemeinsamen Wohnung bleiben kann. Auf eindringliche Weise erzählt Yeung hier von einem Problem, das nach wie vor etliche gleichgeschlechtliche Paare auf der ganzen Welt betrifft. „All Shall Be Well“ ist ein emotional bewegender und vorzüglich gespielter Film, für den es am Ende den Teddy Award als bester queerer Spielfilm der Berlinale gab.

Noch ein weiteres Highlight meiner diesjährigen Berlinale-Sichtungen möchte ich gesondert herausgreifen, Anthony Schattemans Regiedebüt „Young Hearts“, das bei „Generation Kplus“ seine Weltpremiere feierte. Thematisch angelehnt an Lukas Dhonts Festivalerfolg „Close“ (Dhont fungierte bei Schattemans Film auch als Berater), geht es in dem Film um die aufkeimende Liebe zwischen zwei vierzehnjährigen Jungen, die nach einem Umzug in dieselbe Klasse kommen. Elias (Lou Goossens) kann selbst nicht so recht begreifen, was mit ihm geschieht, als er Alexander (Marius De Saeger) zum ersten Mal begegnet – diese Schmetterlinge im Bauch hat er bislang bei noch keinem anderen Menschen gefühlt. Mit viel Feingefühl taucht Schatteman in die Lebensrealität der Heranwachsenden ein und zeichnet ein kraftvolles, zu Tränen rührendes Porträt einer ersten (queeren) Liebe. Für einen Preis reichte es hier zwar nicht, aber die Kinderjury der Sektion sprach dem Film immerhin eine „lobende Erwähnung“ aus.

Auch die Berlinale 2024 steckte für mich wieder voller spannender und lohnender Entdeckungen. Vielleicht hätten es noch ein paar mehr werden können, wenn das aktuelle Online-Ticketsystem mir nicht bei so mancher Kartenbestellung einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte. Jeweils um 7:30 Uhr morgens waren Tickets für den übernächsten Tag erstmals buchbar, und häufig kam es bei mir vor, dass die gewünschten Vorstellungen schon wenige Minuten nach der Freischaltung ausverkauft waren. Gerade in den Nebensektionen, in denen es auch selten reine Pressevorstellungen gibt, scheint mir das Kontingent an Pressekarten dermaßen eng bemessen zu sein, dass es einem Roulettespiel gleichkommt, ob man es noch schafft, die gewünschten Filme sehen zu können. An diesem Vorgehen sollten im nächsten Jahr dringend Verbesserungen vorgenommen werden!

© Internationale Filmfestspiele Berlin / Claudia Schramke, Berlin, NEON, Faces Off LLC, Ulrich Seidl Filmproduktion / Heimatfilm, Mise en Scene filmproduction, Thomas Nolf, Frank Brenner

Kommentare  

#1 Mainstream 2024-02-28 14:42
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Ein kleiner, aber sehr feiner Überblick.
Macht richtig Lust auf die vorgestellten Filme.
Vor allem CUCKOO war schon einmal vorgemerkt,
jetzt aber ganz sicher in meinem Programm.

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