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Nur eine Testperson

StoryNur eine Testperson

Als er zu sich kam und die Augen öffnete, konnte er seine Umgebung nur wie durch eine Milchglasscheibe wahrnehmen. Sein Kopf schmerzte mörderisch und der restliche Körper gehorchte den Befehlen seines Gehirns nicht.

„Bin ich tot?“, dachte er verwirrt und verwarf diese These sofort wieder, da er nicht glauben konnte, dass man sich im Jenseits, falls es wirklich eins gab, so beschissen fühlen würde.


„Glammron?“ fragte er in Gedanken, erhielt aber keine Antwort.

Da drang eine weibliche Stimme an sein Ohr.

„Doktor Miike, ich glaube, er kommt zu sich!“

„Wird ja auch Zeit. Informieren sie die Bullock.“

Kaum hatten sich die Schritte der Frau entfernt, sprach ihn der Arzt an.

„Willkommen im Jahr 2064, Herr Fossillo. Keine Sorge, eine kurze Phase der Desorientierung ist völlig normal. Es geht ihnen schon bald besser.“

„Wie .... ich ....“, krächzte Jack fast unverständlich, geschockt und unsicher, ob er sich eventuell verhört hatte.

„Bleiben sie einfach ruhig, war nur ein Scherz. Für weitere Erklärungen ist Frau Bullock zuständig.“

***

„Hi, ich bin Linda Bullock von der Firma Mentpowers“, sagte die hübsche junge Frau mit einem gewinnenden Lächeln, als sie Jacks Krankenzimmer betrat.

„Mich interessiert nicht, wer sie sind, sondern was passiert ist. Warum wurde ich entführt, wo bin ich und ....“

„Nur die Ruhe, Jack. Ich darf doch Jack zu ihnen sagen?“

„Ihre psychologische Art des Einschleimens zieht bei mir nicht. Ich will Antworten.“

„Nicht aufregen, Herr Fossillo, genau dafür bin ich ja hier.“

„Und?“

„Nun, zunächst einmal wurden sie nicht entführt. Ihre Erinnerungen wurden vom PJHSystemhelm manipuliert.“

„Und?“

„Wir fangen besser vorn an. Vor etwa fünf Wochen haben sie sich freiwillig als Testspieler bei Mentpowers beworben. Sie unterschrieben einen Vertrag und kamen wie ihre neun Mitbewerber pünktlich zur Helmanprobe. Für ``World of Dreams Ein traumhaftes Abenteuer´´, einem Computerspiel der neuen Generation, sollte es der ultimative Test werden, und den Gewinner erwartete ein Preisgeld von zehn Millionen € oder ein ....“

„Ich erinnere mich, zumindest teilweise. Hab ich gewonnen?“, unterbrach Jack sie unhöflich.

„Dazu komme ich noch, oder haben sie es eilig?“, antwortete sie und versuchte, trotz seiner ablehnenden Art, freundlich zu bleiben.

Jack durchschaute ihr falsches Lächeln, sagte aber nichts.

„Eigentlich lief alles hervorragend, bis einer der Spieler an Gehirnblutungen starb und ....“

„Wer?“, unterbrach er sie erneut.

„Herr Takashima.“

„Nein, nicht er“, stöhnte Jack auf und starrte sie fassungslos an.

„Er war der älteste Teilnehmer und ....“

„Scheiße, nicht Otomo!“, fluchte Jack und kämpfte mit den Tränen.

„Ich habe während der Aufzeichnung gesehen, wie sie Freunde wurden ....“

„Welche Aufzeichnung?“

„Nun, ihre Gedanken und die ihrer Mitspieler, um sie während des Werbefeldzugs für Spots und Trailer zu nutzen. Sie wären verblüfft, wenn sie ihre Gedankenbilder gestochen scharf in Form einer Fernsehserie sehen würden.“

„Es gab nur zehn Spieler?“, fragte Jack ungläubig.

„Nicht hinter allen Suchern verbarg sich ein echter Spieler.“

„Kommen sie zum Ende. Habe ich gewonnen?“

„Nun, sie lagen gut im Rennen, aber da die Leute vom Gesundheitsministerium darauf bestanden, dass wir das Spiel wegen des Todesfalls vorzeitig beenden, wurden die restlichen Spieler ihrer Chance beraubt, das Ziel des Spiels zu erreichen. Auch Herr Machmut und Frau Kitama befanden sich noch aktiv im Spiel, als wir den Stecker ziehen mussten.“

„Und das bedeutet ....?“

„Dass sehr wahrscheinlich aufgrund der Umstände auch keine Punktprämien ausgezahlt werden, da es durch den Todesfall, wenn ich ehrlich bin, nicht gut um die Zukunft der Firma steht.“

„Warum überrascht mich das jetzt nicht? Hauptsache, die Bosse konnten sich die Taschen füllen und gleichzeitig ihren guten Ruf wahren. Sehr wahrscheinlich plant man bereits in der Führungsetage, das Spiel in absehbarer Zeit doch noch zu vermarkten. Natürlich unter anderem Namen und von einer neugegründeten Firma.“

„Das habe ich jetzt nicht gehört, Herr Fossillo. Bitte glauben sie mir, dass ich ihnen gern bessere Nachrichten überbracht hätte.“

„Verschonen sie mich mit diesen Phrasen. Helfen sie mir, sie zu mögen, und suchen sie sich eine Telefonzelle.“

„Nun, wenn sie darauf bestehen“, sagte sie bemüht ruhig und legte einen professionellen Abgang hin.

Zwei Tage später
„Ich hatte schon befürchtet, dass du nach dieser Gehirnmanipulation total gaga bist“, gab Wolfgang offen zu, „und jetzt sieht es schwer danach aus, dass du deine geistige Gesundheit völlig umsonst riskiert hast.“

„Mein Anwalt regelt das schon, hoffe ich zumindest.“

„Du solltest mal lesen, was im Internet los ist. Nicht nur ich finde es äußerst erschreckend, wie gezielt die über den Helm deine Erinnerungen manipulieren können. Und das wird nicht das Ende der Fahnenstange sein, Alter!“

„Schon, aber nur, wenn du den Helm aufhast.“

„Trotzdem würde ich für kein Geld der Welt mitspielen. Überleg mal, Alter, was bietet sich besser an, um Menschen unauffällig bis in den kleinsten Winkel auszuspionieren? Vielleicht ist das Ganze sogar ein geheimes Projekt unserer Regierung und nur eine Vorstufe für das, was sie wirklich mit uns vorhaben. Das Gerät wird natürlich noch erheblich kleiner werden, bis es nur noch Chipgröße hat und jedem problemlos eingepflanzt werden kann.“

„Deine Paranoia scheint sich allmählich zu verselbstständigen“, sagte Jack besorgt, grinste seinen besten Freund dabei allerdings an.

„Du wirst schon sehen, wie weit du mit deiner Vertrauensseligkeit kommst.“

Drei Tage später
Jack schüttelte missmutig den Kopf. Die Nachrichten im Fernseher bestätigten seine Befürchtungen. Mentpowers sah sich einer Reihe von Klagen gegenüber und weil sie weder das Spiel noch die Aufzeichnungen veröffentlichen konnten, da die TVAnstalten in dieser Situation eine Ausstrahlung ablehnten, meldete die Firma Insolvenz an.

Otomo Takashima wurde in seinem Heimatland beerdigt, weshalb Jack nicht in der Lage war, dem Japaner die letzte Ehre zu erweisen. Dass zu diesem Zeitpunkt bereits zwei weitere Spieler durch Unfälle ums Leben gekommen waren, konnte die Psyche des Kölners nicht zusätzlich belasten, da er noch nichts davon wusste.

Einen Tag später
Jacks Anwalt gibt mit einer fadenscheinigen Erklärung sein Mandat zurück und rät ihm hinter vorgehaltener Hand, eine Zeit lang unterzutauchen, ohne darauf einzugehen, weshalb genau.

Als er am Abend im Internet von den anderen Todesfällen erfährt, glaubt Jack trotzdem noch, dass es sich um Zufälle handelte. Schließlich lebte er in Deutschland und nicht in den USA oder Asien!

Drei Tage später
Mushir Machmut war gestern bei einem Selbstmordattentat ums Leben gekommen, und Jack fühlte sich auch nicht gut, um nicht zu sagen schlecht. Er hatte in den letzten Tagen viel über gewisse Praktiken der Firma Mentpowers in Erfahrung gebracht. Vielleicht zu viel? Wie es aussah, viel zu viel! Seine Atmung machte plötzlich Probleme. Er bekam keine Luft, kämpfte verzweifelt um etwas Sauerstoff für seine Lungen. Doch vergebens, was jedoch hauptsächlich an der sich enger zuziehenden Schlinge um seinen Hals lag, und dem Mann, welcher vor wenigen Augenblicken den Hocker unter seinen Füßen umgestoßen hatte.

Sechs Tage später
Als man ihn fand, roch Jack nicht nur wegen der Exkremente in seiner Hose recht unangenehm. Bei der Todesursache war man sich schnell einig, dass es sich hier um einen klaren Fall von Selbstmord handelte, und legte die Akte irgendwo ab.

Sieben Monate später
Die Spielkonsole 'Dreammaster' kommt zusammen mit dem Spiel 'Dreamworld' der Firma Mindprog auf den Markt und entwickelt sich dank des dazugehörigen Helms in kürzester Zeit zu einem Verkaufsschlager.

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