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Jupp und Jim - Zur Authenzität des Romans „Jim“ alias „Kopfgeld 20 000“ oder Wie ein Erfolgsautor seine Leser zum Narren hielt

Jupp und JimJupp und Jim
Zur Authenzität des Romans »Jim« alias »Kopfgeld 20 000«
 oder Wie ein Erfolgsautor seine Leser zum Narren hielt

1972 erschien im Verlag Herder der Roman »Kopfgeld 20 000« von Christopher S. Hagen. Zu dieser Zeit wurde schon kein Geheimnis mehr daraus gemacht, dass es sich bei dem Namen des Verfassers um ein Pseudonym handelte und er bürgerlich Heinz-Josef Stammel hieß.

 Jupp und JimWas verlagsseitig allerdings nicht erwähnt wurde, war, dass Stammel seit Mitte der 1950er Jahre Leihbücher, wie sie damals populär waren, und Heftromane geschrieben hatte. Einen dezenten Hinweis darauf gibt es zwar im Klappentext seines 1970 bei Econ erschienenen Sachbuchs „Das waren noch Männer“, wo es heißt:

Heinz-J. Stammel ist Autor mehrerer, zum Teil unter Pseudonym erschienener Buchreihen, authentischer Western und soziologischer Studien über die Ereignisse der amerikanischen Pioniergeschichte.

Allerdings benötigte man schon viel Fantasie oder Hintergrundwissen, um zu erkennen, dass damit Leihbücher und Romanhefte bzw. teilweise daraus abgeleitete Bücher mit Sachbuchcharakter gemeint waren.

Jupp und JimKonkreter wird der Klappentext zu seinem Cowboy-Lexikon aus dem Jahre 1972:

Er fand den Weg nach Amerika über eine Wette, ausgetragen zwischen ihm, einem Kultusministerium und der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften. Gegenstand der Wette: Western-Groschenhefte. Die Behörden meinten, sie als Schund verbieten zu müssen; Stammel dagegen wollte beweisen, daß auch bessere Texte geschrieben werden können, wenn man nur wollte. Er machte sich auf in den Westen der USA, sammelte Material an Ort und Stelle und fing selbst an zu schreiben. Was dabei herauskam, war weit mehr als nur Groschenhefte. Es waren viele Sachbücher, u.a. eine 24bändige Reihe über Amerikas Pioniergeschichte, waren authentische Westernromane und zahllose Aufsätze […].

Die 24-bändige Reihe habe ich bis heute nicht entdecken können, und seine früheren Pseudonyme wurden damals, Anfang der 1970er Jahre, noch nicht gelüftet. So dürfte nicht nur dem Verfasser dieser Zeilen seinerzeit unbekannt gewesen sein, dass Stammel alias Hagen sich jahrelang insbesondere hinter dem Pseudonym „Robert Ullman“ verborgen hatte (1), das sich mit der Zeit zu demjenigen entwickelt hatte, das er am Häufigsten verwendete. Letztlich hatte es Markencharakter bekommen, als darunter nicht nur Romane erschienen, die Stammel verfasste, sondern auch solche, die von dem Schweizer Autor Werner J. Egli stammten. Die beiden waren offenbar so vertraut miteinander, dass Egli seinen Mentor „Jupp“ nennen durfte (und dies bis heute tut, wenn er von ihm spricht).  

Jupp und JimEiner der letzten Ullman-Romane, deren Verfasser Stammel war, ist „Jim“, der im Jahre 1966 als Leihbuch bei Mülbüsch, schon 1968 als Taschenbuch bei Moewig (Western # 35) und im November 1969 als Romanheft (Rodeo-Western # 407) erschien.

Die Handlung der Geschichte ist schnell erzählt. Deputy Sheriff Matt Larkin stellt kurz hinter der Grenze zu Mexiko einen des Mordes Verdächtigen namens Jim, auf den eine hohe Belohnung für den Fall ausgesetzt ist, dass er lebend zurück gebracht wird. Matt hat sein Pferd bereits eingebüßt, und Jims Reittier macht es auch nicht lange. Es folgt ein höllischer Fußmarsch durch die Gila-Wüste. Als die beiden körperlich beinahe am Ende sind, gelingt es ihnen, sechs arglose Apachen zu töten und sich deren Wasservorräte zu sichern. Jim nutzt die Gelegenheit, um den Spieß umzudrehen und Matt die Handschellen anzulegen.
 
Jupp und JimSie stoßen auf tote bzw. sterbende Goldsucher und entdecken deren äußerst ergiebige Goldader sowie einen verborgenen See, haben aber keine Möglichkeit, das Gold abzutransportieren, sodass sie sich nach einigen Tagen Ruhepause wieder auf den Weg Richtung Zivilisation machen. Mittlerweile hat Jim erkannt, dass es ihm nichts nützt, wenn er Matt in der Wüste umkommen lässt, und ist Matt von der Unschuld Jims überzeugt. Aber kurz vor dem Ziel schlägt das Schicksal nochmals zu. (Konkreter möchte ich hinsichtlich des Ausgangs der Geschichte aus gewissen Gründen, die sich im Weiteren erschließen werden, an dieser Stelle nicht werden.)
 
Jupp und JimDer Roman beeindruckt durch die – entweder sehr sachkundigen oder ungeheuer gut ausgedachten – Beschreibungen der Wüste und ihrer Gefahren sowie des fortschreitenden körperlichen Abbaus der beiden Hauptpersonen, außerdem durch die punktgenauen sowie streckenweise psychologisch spannenden und scharfsinnigen Dialoge zwischen diesen beiden sowie durch unzählige Details, die in den Text eingeflochten sind. Man muss ja als Autor bei einem Szenario mit sehr begrenztem Personal erst einmal in der Lage sein, -zig Seiten zu füllen, ohne sich zu wiederholen, ohne den Leser zu langweilen und ohne in irgendwelche Stereotypen zu verfallen. Das gelingt Stammel glänzend. So gesehen ist der Roman kein typischer Western, sondern er könnte mit geringen Änderungen auch an einem anderen Ort und zu einer anderen Zeit spielen und würde genauso funktionieren und den Leser packen.
 
Jupp und JimEinige Kostproben.
Moewig, S. 22; Herder, S. 31:

Allmählich begann sich die Wüste im Norden mit einem Schein flüssigen Goldes zu überziehen. Die täglichen Farbtönungen des Lichts hatten begonnen, Yukkastaudenblätter warfen Schatten, nicht breiter als Messerschneiden, drahtiges Kerosotgesträuch reckte sein blattloses Gestrüpp aus dem Boden wie die wirren Haarbüschel eines verschütteten Riesen. Als Matt Larkin hoch im Norden der Gila zum ersten Mal diesen penetrant stinkenden Büschen begegnete, war er ihnen ausgewichen, so gut er konnte. Jetzt hatte er nichts dagegen, daß Jim den Wallach mitten durch die Kerosotfelder lenkte.

Moewig, S. 36; Herder, S. 52:

Der Spätnachmittag hatte die Gila in ein Meer von Farben getaucht. Matt Larkin ließ Jim auf den Wallach steigen und setzte sich hinter ihn. Der harte Lavaboden wurde bald von schiefergrauem Sand abgelöst, darin die vom Wind blankgenagten Felsen rostrot und türkisgrün schimmerten. Der Himmel hatte die Farbe einer reifen Orange, und die Ferne erschien in der kristallklaren Luft wie ein Vorhang aus tiefblauer Seide.

Jupp und Jim Moewig, S. 45; Herder, S. 61:

Larkin ließ sich vom Pferd gleiten. Er bemerkte am Ufer des Seebetts dichte Grasbüschel von etwa einem Fuß Länge. „Bring den Gaul hierher! Hier ist Gras.“
„Sacaton-Gras“, brummte Jim. „Kau mal auf einem Blatt.“
Larkin riß eines der harten Blätter ab, kaute darauf und spuckte es aus. „Verdammt, das pure Salz!“
„Soda. Maultiere sind so blöde und fressen es. Nach einer Stunde blähen sich ihre Bäuche, und sie kriegen Krämpfe. Am nächsten Morgen sind sie dann verendet.“

Moewig, S. 86 f.; Herder, S. 112 f.:

Das Wasser hatte seine Zunge angefeuchtet, aber die Haut des Gaumens fühlte sich, wenn er mit der Zungenspitze vorsichtig an ihr entlangtastete, wie ein schartiges, gewölbtes und halbfertig geschnitztes Stück Brett an. Tief in seinen Lippen begann es zu hämmern; die Zähne schienen Fremdkörper in einem gefühllosen Kiefer zu sein, und unzählige Stellen an seiner Haut brannten. Besonders in den Achselhöhlen hatten sich wunde Knoten gebildet, die einen anhaltenden stumpfen Schmerz bis zu den Nieren ausstrahlten. […]
Mit der Zeit gewöhnte sich Larkin so an die Schmerzen, daß er nach zwei Stunden nicht mehr hätte sagen können, welche Körperstellen am meisten wehtaten. Der Himmel über der Wüste war tiefschwarz wie das Innere eines Sackes und mit funkelnd klaren Sternen übersät. Der kalte Wind war erloschen. Stille herrschte, die nur durch das Knarren des trockenen Stiefelleders, das Knirschen des Sandes oder das knallartige Brechen eines zertretenen Astes unterbrochen wurde.
Für Larkin war es ein ebenso ungewohntes wie immer wieder nervenaufreibendes Gefühl zu wissen, daß die Geräusche, die er hörte, von ihm selbst stammten.
Sobald sie stehenblieben, um zu trinken, gab es Augenblicke, in denen die Stille um sie herum vollkommen war. Dann räusperte sich Larkin und rasselte mit der Handschellenkette, nur um etwas zu hören.
Er nahm die hingereichte Melone entgegen, trank jedesmal, schluckte, empfand Schmerz dabei, als sei das Wasser glühendheiß, und dachte… an ganz andere Dinge. Immer wieder ertappte er sich dabei, daß er schon vieles rein mechanisch tat. Wenn Jim sich hingesetzt hätte und nicht wieder aufgestanden wäre, hätte er sich wahrscheinlich auch hingesetzt und wäre nicht mehr aufgestanden.
„Bald werden die Halluzinationen kommen, Matt.“ Die rostige Stimme des Revolvermannes klang wie von weither an sein Ohr. Larkin spürte einen brennenden Zorn in sich aufsteigen, als er bemerkte, daß er eine immer länger werdende Zeitspanne brauchte, um etwas in seiner unmittelbaren Nähe so wahrzunehmen, daß er es erkennen konnte.

Jupp und JimMoewig, S. 73 f.; Herder, S. 97 – 99:

Plötzlich stieß Larkin einen Ruf aus und reckte die gefesselten Hände nach Süden. „Wolken!“ schrie er, „sieh nur, richtige schwarze Wolken!“
Jim schüttelte den Kopf. „Sie ziehen gegen den Wind. Das bedeutet Kälte, aber keinen Tropfen Regen.“
„Aber sie sind doch schwarz, verdammt noch mal! Seit wann sind das keine Regenwolken? In Wyoming würde man jetzt schleunigst eine Herde in einen Blind-Canyon treiben.“
„Hier bist du in der Gila, Matt, und Regen kommt immer nur aus dem Nordwesten.“ […]
Als sie am Rande einer flachen Senke lagerten und sich Matt Larkin niederließ, riß die Hose über seinem rechten Knie auf und klaffte weit auseinander.
„Ich habe sie mir erst vor sechs Wochen gekauft“, meinte er.
„Hier wird in wenigen Tagen alles trocken wie Zunder. Du mußt dich mit dem Gedanken vertraut machen, bald nackt zu laufen. […] Übrigens, sieh mal, wo deine Regenwolken geblieben sind.“
Die Wolken schienen von Süden her immer höher gestiegen zu sein und sich schließlich in der Stratosphäre zu einem durchsichtigen Schleier aufgelöst zu haben. Der Wind zerrte an den langen Samenfäden eines Acacias-Strauches und blies einige davon in Larkins Gesicht, wo sie augenblicklich ein heftiges Brennen auf der Haut verursachten.
„Das ist vielleicht eine komische Landschaft!“

Moewig, S. 48; Herder, S. 67:

Er nahm dem Wallach den Sattel ab, legte ihn mit den Säckchen zu Boden und fuhr herum, als Jim hohl auflachte.
„Was gibt es da zu lachen?“
„Ich denke gerade daran, daß du mir jetzt mein Gewehr und den Revolver zurück geben mußt, wenn du es nicht selber tragen willst.“
„Richtig, Jim, aber die Munition werde ich behalten.“
„Fein. In den Satteltaschen sind zweihundert Schuß .44-40er Patronen. Das sind neun Pfund. Und wieviel .45-60er Gewehrpatronen hast du noch?“
„Ungefähr hundert.“
„Ausgezeichnet, das sind noch mal sechs Pfund. Dein Gewehr wiegt zehn Pfund und der Revolver mit dem Gürtel sieben Pfund. Zusammen – hahaha – warte mal – zusammen wirst du also zweiunddreißig Pfund schleppen!“

Jupp und JimMoewig, S. 76 – 79; Herder, S. 101 – 104:

Jim beugte sich vor und betrachtete den Deputy wie eine seltene Kuriosität. „Sag, Matt, du glaubst doch nicht im Ernst, daß du hier lebend rauskommst? So dämlich kannst du doch nicht sein!“
„Doch, so dämlich bin ich, Jim. Und ich will dir auch sagen, warum: Ich habe erreicht, was ich wollte. Ich wußte, daß du in der Wüste Bescheid weißt. Drehst du mir eine Zigarette?“
„Sicher, sprich weiter, alter Freund.“
Der Deputy hob die gefesselten Hände und kratzte sich an der Stirn. „Well, ich war keine vier Tage in der Gila, als ich bereits wußte, daß ich nicht mehr umkehren konnte. Die zwanzigtausend Dollar waren bis dahin für mich das Wichtigte gewesen. Aber von dem Zeitpunkt an, da mein Pferd zu lahmen begann und du mir den Wassersack zerschossen hattest, ging es für mich nur noch darum, lebend wieder hier rauszukommen.“
„Aha“, sagte Jim und streckte Larkin das Tabakröllchen zwischen die Lippen. „Das ist auch etwas von den wenigen Vorteilen, die die Wüste hat, Matt: sie macht den Menschen nach einer gewissen Zeit ehrlich.“
„Nur du konntest mir die Chance zum Überleben geben.“
„Du hättest mit nach Mexiko reingehen sollen.“
„Nun, du gibst zu, daß man als amerikanischer Sheriff nicht gerne auf eine glühende Bratpfanne steigt. Du hättest mich dann vollkommen in der Hand gehabt. Die Greaser hätten mich auf ein bloßes Augenzwinkern von dir über die Klinge springen lassen.“ Larkin lächelte hintergründig.
„Wie du siehst, schärft die Gila auch den Verstand, Matt.“ Jim gab dem Mann aus Montana Feuer.
„Also gab es für mich nur eins: ich mußte es schaffen, dich wenigstens auf amerikanisches Territorium und dann so weit wieder in die Gila hinein zu kriegen, daß ein Weg zurück nach Mexiko einfach nicht mehr in Frage kam. Und das habe ich geschafft.“
„Stimmt, Matt, das hast du. Und wie gehen deine Kombinationen weiter?“
„Ganz einfach. Die Landkarte bestimmt alles weitere. Der nächste Weg aus der Wüste führt nach Gila Bend oder zum nächsten Brunnen im Osten. An jedem Brunnen aber gibt es einen Ort. In jedem Ort einen Marshal. Und überall liegen deine Steckbriefe.“
„Das ist gar nicht sicher.“
„Nein, Jim? Wie schnell mag es sich herumgesprochen haben, daß du zwanzigtausende Dollar wert bist?“
Jim benagte die Unterlippe und nickte bedächtig. „Weiter, Matt, sprich weiter.“
„Da gibt es nicht mehr viele Möglichkeiten. Wo du auch rauskommst, wirst du erwartet. Du wirst viel zu geschwächt sein, um dich deiner Haut wehren zu können. Sie werden dich wie einen Hasen jagen. Und in jedem Fall ist dein Schicksal besiegelt.“ Larkin blies Jim Rauch ins Gesicht. „Wenn du Männer irgendeines Aufgebots erschießt, Jim, bist du geliefert. Ergibst du dich, so werden sie dich nach mir fragen. Und sie werden nach meiner Leiche suchen. Ob sie sie finden oder nicht, das alles spielt keine Rolle, du bist auch in Prescott geliefert. Die Beweise gegen dich sind zu stark. Du hast nur eine einzige wirkliche Chance.“
„Und die wäre, dich lebend und gesund mit herauszubringen, wie?“
Larkin nickte ernsthaft.
„Eben, Jim, nur diese eine. Und du kannst dir an deinen Fingern ausrechnen, was es dir einbringt, wenn ich waffenlos und gefesselt neben dir erscheine.“
„So  soll ich dich losmachen, mich wieder fesseln lassen, damit du ein gutes Wort für mich einlegst?“
„Genau, Jim.“
Jim beugte sich vor, starrte dem Deputy ins Gesicht, nahm ihm den Zigarettenstummel aus dem Mund und zertrat ihn am Boden. „Hör zu“, sagte er gepreßt, „du machst einen Fehler: Du denkst, ich hänge so am Leben wie du. Das ist ein Irrtum. […] Meine Freiheit ist mir wichtiger als mein Leben! Und wenn meine Freiheit bedroht ist, dann schneide ich dir den Lebensfaden ab! Du mußt also beten, Freund Matt, jede freie Minute, die du hast, mußt du beten, daß dort, wo wir rauskommen werden, kein Steckbrief von mir liegt! Sonst jage ich dir vor den Augen deiner Retter sechs Kugeln in den Bauch!“
Larkin betrachtete Jim von der Seite, und in diesem Augenblick glaubte er ihm jedes Wort.

Moewig, S. 129 f.; Herder, S. 161 f.:

Er bückte sich und hob eine Revolverpatrone auf, die aus einer Patronenschlaufe zu Boden gefallen war. Er hielt sie zwischen zwei Fingern hoch und betrachtete sie.
„Da, vor fünf Jahren noch plagte man sich mit den Perkussionsrevolvern ab. Du hattest die Taschen voll Bleikugeln, Papierstopfen, Zündhütchen und Pulverflaschen. Ein bißchen zu wenig Pulver, und du hast nicht mal auf zehn Schritte einen Baum getroffen. Ein paar Krümel zu viel, und die Kanone flog dir um die Ohren. War das Pulver feucht, ging es nicht los. Und jetzt? Patronen. Zuerst die Weichbleigeschosse wie das hier. Aber du kaufst ja schon seit zwei oder drei Jahren die teuren Kupferhalbmantelpatronen.“
„Weil sie genaueres Treffen erlauben. Sie treffen auf größere Entfernungen besser. Die Wirkung ist auch besser“, sagte Baker. „Was ist?“
„He“, meinte Matt Larkin. „Moment mal, Jim. Du hast doch .44-40er Patronen, nicht wahr?“
„Klar, weil sie auch ins Gewehr passen. […]“
„Mensch, jetzt werde ich verrückt“, sagte Larkin und wischte sich über die Augen. „Jetzt weiß ich, daß du Johnny Carruther gar nicht erschossen haben kannst, Jim!“

Jupp und JimMoewig, S. 21 f.; Herder, S. 30 f.:

„Du hast vergessen, ihm sein Futter zu geben, und etwas Wasser.“
„Das wollte ich heute Mittag tun, wenn die Hitze am größten ist.“
„Er würde es in einer halben Stunde ausdünsten. Er muß morgens und abends Wasser bekommen, morgens Eicheln, mittags Mais und abends beides gemischt. Dann verliert er am wenigsten Flüssigkeit. Was hast du deinem Pferd gegeben?“
„Hafer.“
„Der treibt. Es gibt keinen besseren Weg, um in der Wüste ein Pferd umzubringen.“

Moewig, S. 23; Herder, S. 32 f.:

Die Sonne tauchte nun als feuerroter Ball über der östlichen Montezuma-Range auf, und Jims Nacken bekam vor Larkins Augen die satte Farbe heiß gebrannten Tons. Larkin bemerkte nun die tiefe Kraternarbe dicht neben Jims Genick. Er dachte daran, daß dies eine 45er Kugel gewesen sein mußte, ein Einschuß, nicht glatt verheilt, sondern sternförmig zackig nach allen Seiten wie eine Wunde, der eine schwere Blutvergiftung gefolgt war. Larkin wußte, daß die meisten Patronen einen Film von alkalischem Schmierfett besaßen, der sie vor Korrosion schützen sollte. Dieses Fett hatte manchem Mann schon das Leben gekostet, der eine an sich nur harmlose Fleischwunde erhielt.

Moewig, S. 123; Herder, S. 154:

Sie hatten die zwei Wasserbälge, die sie in der Höhle gefunden hatten, voll Wasser geschöpft. Dann türmten sie vor der Höhle Steine auf, bis nicht einmal mehr ein kleiner Spalt vom Eingang zu sehen war. Jim Baker brachte Klumpen von Lehm und Sand, verstopfte damit die Fugen und steckte überall Wurzeln von Tobosa-Gras dazwischen.
„In dieser Jahreszeit schlägt sich die Verdunstung des Sees nachts an den Wänden nieder. In vierzehn Tagen sind die Wurzeln angegangen“, sagte Jim Baker. „Niemand wird die Höhle finden, wenn er nicht weiß, wo der Eingang ist.“
 

Jupp und JimEtwa seit Mitte der 1960er Jahre scheint Stammel, damals knapp 40 Jahre alt, bestrebt gewesen zu sein, als seriöser Schriftsteller wahrgenommen zu werden. Unter dem neuen Pseudonym Christopher S. Hagen veröffentlichte er Bücher zur amerikanischen Pioniergeschichte, wie es sie in ihrer Mischung aus sachbuchartigem Charakter und erzählendem Text bis dahin in deutscher Sprache kaum gegeben hatte („Feuerroß im Wilden Westen“, 1966; „Faustrecht und Sternenbanner“, 1967; „Mr. Colt“, 1969). Und bald darauf brachte er bei einem angesehenen Verlag ein lupenreines Sachbuch („Das waren noch Männer“, 1970) heraus, für das er erstmals unter seinem bürgerlichen Namen als Autor in Erscheinung trat. Dass er dies bis dahin vermieden hatte, weil der Klang seines Nachnamens für einen Schriftsteller nicht unbedingt vorteilhaft ist, wird man vermuten dürfen.

Mit dem in jenen Jahren erworbenen Renommee, Deutschlands Western-Experte Nr. 1 zu sein, machte er sich daran, einige seiner früheren Romane zu überarbeiten und angereichert mit Zitaten aus vermeintlich seriösen Quellen als „Authentic Western“ erneut auf den Markt zu bringen. Die Bücher erschienen zwischen 1969 und 1974 beim Verlag Herder.

Allerdings vermieden es Verlag und Autor, die Käufer/Leser darüber aufzuklären, dass es für diese Bände Vorläufer gab, die zu einem großen Teil inhaltsgleich waren.

Aus heutiger Sicht erscheint es so, dass durch die Änderungen des Verfassernamens und der Buchtitel ganz bewusst der falsche Eindruck erweckt werden sollte, es handele sich um Neuveröffentlichungen. Dass Stammel dabei nicht nur die Käufer, sondern auch den Verleger getäuscht haben könnte, ist unwahrscheinlich. Denn das würde bedeuten, dass man im Verlag Herder nicht gewusst hätte, was nur wenige Jahre zuvor von anderen Verlagen publiziert worden war. Das erscheint kaum vorstellbar (2).

Der sechste dieser „Authentic Western“ war im Jahre 1972 „Kopfgeld 20 000“, der eine überarbeitete Version von „Jim“ darstellt.

Jupp und JimDie Besonderheit beider Ausgaben besteht darin, dass Stammel die Leser daran teilhaben ließ, wie er angeblich auf die darin geschilderte Geschichte gestoßen war. Dazu verfasste er ein Vorwort, das sich in der Taschenbuchausgabe von 1968 (3) wie folgt las:

„PRESCOTT MINER“ vom 21. Juli 1878:
Er schoß sich den Weg zum Erbe frei und erwarb sich einen Platz unter dem Galgenbaum!
„Vorgestern ist Johnny Carruther, Hamp Carruthers Sohn, im Lonesome Valley der Sundown-Ranch bei einer Schießerei mit Jim erschossen worden. Jim war der Schütze, der gleiche Mann, den der alte Hamp vor vier Jahren schwer verletzt im Busch fand, gesundpflegte und wie einen Sohn aufnahm, und den er erst vor einer Woche in seinem Testament wie einen eigenen Sohn bedachte: Er vermachte ihm nach seinem Tode die Hälfte der Sundown-Ranch. Offenbar war das aber dem ehrgeizigen Burschen, dessen Familiennamen man nie erfahren hat, zu wenig. Er nutzte die Unstimmigkeiten zwischen dem alten Hamp und seinem etwas aus der Art geschlagenen wilden Sohn Johnny aus, um sich während der letzten Jahre in ein um so besseres Licht zu setzen, was den Erfolg hatte, daß der alte Hamp ihn zu seinem Erben einsetzte. Einen Viehdiebstahl, der einen Tag vor der Schießerei passierte, benutzte Jim, um seinen „Bruder“ ins Lonesome Valley zu locken und dort niederzuschießen. Er hatte allerdings nicht damit gerechnet, daß Johnnys Freunde Nat King und Bonney Gonzales in der Nähe waren. Als es Bonney Gonzales gelungen war, schwer verwundet in der Dunkelheit zu entkommen, während Nat King mit einem Kopfschuß im Fluß lag, wußte Jim, daß seine Spekulation auf die ganze Sundown-Ranch wie eine Seifenblase geplatzt war. Er tat das einzige, was ihm übrigblieb: er floh.
Sheriff Bill Raines hat seinen besten Deputy, Matt Larkin, auf Jims Spur gesetzt. Hamp Carruther sagte demjenigen eine Belohnung von 20 000 Dollar zu, der den Mörder seines Sohnes lebend nach Jerome zurückbringt. So, wie wir im vergangenen Jahr Matt Larkin als einen Mann kennengelernt haben, der noch immer sein Wild zur Strecke brachte, hat Deputy Larkin das Geld bereits in der Tasche, wenn auch nicht zu vergessen ist, daß Jim vielleicht der härteste Brocken ist, den er jemals gejagt haben mag.
Der alte Hamp will Jim persönlich die Schlinge um den Hals legen, und wenn es, wie der todkranke alte Löwe wörtlich sagte, das letzte sein sollte, was er in diesem Leben noch vollbrächte. Den Strick für Jim hat er Tag und Nacht auf dem Schoß liegen, wenn er mit seinem Rollstuhl durch seine Wildnis-Residenz fährt. Und in Jerome wartet der Richter, warten zwölf Geschworene und 800 bis in die Stiefel zornige Einwohner darauf, über Jim den Spruch zu fällen. Auch wir in Prescott, die wir wahrhaftig nicht zimperlich sind, was Schießereien betrifft, gönnen Deputy Matt Larkin den Batzen Geld, der für ihn auf der City National Bank bereitliegt, denn wer Wohltaten so beantwortet, ist nicht wert, daß er lebt.“
– Will O’Reilly, Redakteur.
Ich kenne diesen Artikel seit etwa zehn Jahren. Er fiel mir immer wieder bei Recherchen in die Hände, aber ich habe nie gelesen, was aus der Jagd Matt Larkins nach Jim geworden ist. Der „Prescott Miner“ brachte nach dem 21. Juli 1878 nichts mehr hierüber. Da die zeitgenössischen Berichte von solchen Nachrichten über Mord und Totschlag nur so wimmeln und diese Geschichte nach einer ganz normalen „Wildwest Story“ aussah – ich aber hauptsächlich hinter außergewöhnlichen Geschehnissen her bin –, habe ich sie vergessen.
Bis ich vor einem halben Jahr plötzlich auf den Artikel einer längst untergegangenen Wüstenzeitung stieß.
Unter der Schlagzeile „DRAMA IN DER GILA-WÜSTE! – WER IST DER MANN, DER SICH ,JIM‘ NENNT?“ bekam ich im „QUIJOTOA PROSPECTOR“ vom 14. Oktober 1878 etwas zu lesen, das der Phantasie eines opiumsüchtigen Schriftstellers wert gewesen wäre. Aber das, was man dort in eine kleine Artikelserie des Redakteurs hineinpackte, waren Tatsachen.
Es galt nun, aus folgenden Dingen die Tatsachen herauszufinden: Aus den fragmentarischen Akten der untergegangenen Stadt Jerome im Yavapai County von Arizona. Aus dem Tagebuch Hamp Carruthers und den Untersuchungsprotokollen des Richters Henry T. Upsill. Aus den Erinnerungen eines Goldsuchers der später vom Staub zugedeckten Stadt Quijotoa am Rande der Gila-Wüste.
Als aber zu guter Letzt noch das 1909 in El Paso, Texas, privat veröffentlichte Tagebuch von Matt James Baker – auch durch einen Zufall – hinzukam, da war das Mosaik jenes neunzig Jahre alten Dramas vollständig.
Ich habe es niedergeschrieben, wie es sich für mich aus diesen Tatsachen ergibt. Und ich beginne dort, wo es an einem heißen Abend im August 1878 mitten in der Gila-Wüste begann…

Jupp und JimNur vier Jahre später hieß es in der Einführung zum Herder-Roman von 1972 unter der Überschrift „Ein Brief mit Folgen“ hingegen:

Es war ein purer Zufall, daß ich am 26. August 1971, von Flagstaff nach Prescott (Arizona) fahrend, mein vollklimatisiertes Mobil-Home für sechs Personen nach der Geisterstadt Jerome lenkte. Ich habe so viele Minenboom-Geisterstädte gesehen, die sich alle gleichen, daß es mir auf die eine gar nicht mehr angekommen wäre. Der Touristenrummel um diese an den Highways liegenden „Ghosttowns“ ist überall derselbe. Es lohnt sich nicht, die ewig gleichen Stories anzuhören und festzustellen, daß man es mit Übertreibungen und Vereinfachungen zu tun hat, die alltägliche Geschichten zu welterschütternden Tragödien aufblasen.
Für eine dieser üblichen „Schieß-und-Stich-Stories“ hielt ich auch das, was mir ein freundlicher, alter Herr, Carl G. St. John, an einem drückendheißen Sommertag erzählte. Wir tranken Eisgekühltes, genossen die Kaltluft der häuslichen Klimaanlage und den feuerroten Sonnenuntergang. Ich bestaunte alte Brandeisen, sonnenverfärbte Originalflaschen, alte Goldwaschpfannen und eine feine Nuggetsammlung. Und dann einen Brief, den der Großvater des Hausherrn am 21. Juli 1878 erhalten hatte:
 Jupp und Jim„Vorgestern ist Johnny Carruther, Hamp Carruthers Sohn, im Lonssome Valley auf dem Gebiet der Sundown-Ranch bei einer Schießerei von Jim erschossen worden. Ich kenne diesen Jim flüchtig, ein imposanter Mann, der sicherlich einen Nachnamen hat, aber ich habe nie einen gehört. Ich weiß nur, daß der alte Hamp ihn vor vier Jahren schwer verletzt im Busch fand, ihn gesundpflegte und ihn wie einen Sohn aufnahm. Erst vor einer Woche hieß es, daß Hamp ihn in seinem Testament wie seinen eigenen Sohn bedachte, also mit der Hälfte der ganzen Ranch.
Die allgemeine Empörung ist ganz verdammt groß, und ich konnte nur erfahren, daß es einen Tag vor der Schießerei einen großen Viehdiebstahl gegeben hat und daß Johnny einen Kopfschuß erhalten hat und sein Freund Nat King ebenfalls einen Kopfschuß erhielt und sein Freund Bonney Gonzales schwer verwundet in der Dunkelheit entkommen sein soll. Er sagte bei Deputy-Sheriff Matt Larkin aus, und der hatte gleich die Nase tief auf Jims Spur. Der alte Hamp hat 20 000 Dollar Belohnung ausgesetzt und will dafür Jim lebend haben. Wer Matt Larkin kennt, der weiß, daß er das Geld bereits so gut wie in der Tasche hat, denn einen härteren Brocken von Mann als ihn gibt es nicht. Der alte Hamp will Jim die Schlinge persönlich um den Hals legen. Den Strick für Jim hat er auf dem Schoß liegen, wo immer er mit seinem Rollstuhl auftaucht. In Jerome warten der Richter und die Jury der Geschworenen, und wir hier in Prescott warten nur darauf, daß Jim zurückgebracht wird; dann werden wir hinfahren und uns das Schauspiel ansehen, wenn dieser Kerl aufgeknüpft wird. Also halte Dich bereit. Du kannst jeden Tag ein Telegramm kriegen, und dann setz dich in die Postkutsche und komm auf dem schnellsten Wege her, damit du das auch mitkriegst.“
Bruce (W. O’Neill)
George St. John, der Briefempfänger, wartete, aber der ominöse Jim wurde von Sheriff Matt Larkin nicht zurückgebracht, die grimmigen Geschworenen warteten vergebens, der Richter von Jerome wandte sich anderen Dingen zu, der alte Hamp Carruther legte die Seilschlinge weg und starb. Eine anhaltende Dürre vernichtete das Weideland der Sundown-Ranch, die Stadt Jerome starb, als das Goldschürfen sich nicht mehr lohnte. Eine Story wie viele andere. Wirklich?
Ich fuhr über Wickenburg, Phoenix weiter nach Tucson, um dort eine Reportage über die Filmstadt Old Tucson (High Chaparral) zu machen, und von dort durch die Papago-Reservation nach Gila Bend. Und hier, am Rande des Highway 86, bei Maish Vaya, in einer kleinen, heißen Tankstelle, mitten in der Wüste, passierte dann dies:
Weil ich immer nach alten Zeitungen, Stories und anderen Überresten fragte, deutete der Tankwart, ein kleiner, dicker, fast negerschwarzer junger Papago-Indianer, auf einen alten Schuppen. Wenn es keine teuren Luftfrachtraten, keine Zollgebühren gäbe, dann hätte ich am liebsten gleich den ganzen Schuppen mitgenommen. In einer Kiste lag ein dünner Packen alter Zeitungen, im feuchtigkeitslosen Wüstenklima wohl erhalten. Es waren zwei Jahrgänge des Quijotoa Prospector, einer vierseitigen, sechsspaltigen Wochenzeitung, deren Text mit mindestens vier Dutzend verschiedenen Schrifttypen gedruckt war und in der der Chefredakteur jeder Frau, die ihm sechs Abonnenten brachte, die Ehe versprach. Und die Ausgabe vom 14. Oktober 1878 enthielt folgende Nachricht, die mich elektrisierte:
„Drama in der Gila-Wüste – Wer ist der Mann, der sich Jim nennt? Und wer ist der Mann mit dem Sheriff-Stern, den Jim auf dem Rücken trug? Ist dies eine Handschellen-Story? Eine Tragödie oder eine Groteske? Wir werden es wissen, wenn Jim wieder aufwacht und mehr als nur „Wasser“ sagt. Nach Tucson zum Doktor kann keins der beiden männlichen Gespenster gebracht werden. Der muß schon geholt werden. Mrs. Blane ist über Nacht zur Amme zweier Männer geworden, die eine hohe Anwartschaft auf einen feinen Platz in unserem Friedhof haben. In der nächsten Ausgabe mehr.“
Die nachfolgenden Ausgaben waren nicht vollständig. Zwei fehlten ganz, bei dreien fehlte eine Doppelseite. Aber was in den anderen über „den Mann, der sich Jim nennt“, und Sheriff Matt Larkin, den „lebenden Toten“, zu lesen war, ist nicht Stoff für einen Roman, das ist ganz einfach ein Roman.

Dass die zweite Version schon wegen der genannten Daten nicht wahr sein kann, weil Stammel dieselbe Geschichte ja schon längst veröffentlicht hatte, bevor er Brief und Zeitungen erst gefunden haben wollte, ist offensichtlich.

Und dass es äußerst unwahrscheinlich ist, dass ein vom 21.07.1878 datierender Brief fast wortwörtlich mit einem Zeitungsartikel vom selben Tage übereinstimmt, liegt auf der Hand; es sei denn, man würde annehmen, dass der Verfasser des Briefs aus der Zeitung abgeschrieben hätte, ohne dies offen zu legen. Aber wenn der Verfasser des Briefs dann angeblich O’Neill heißt und der Zeitungsredakteur angeblich O’Reilly…


Es mutet schon sehr erstaunlich an, dass Autor und Verleger sich trauten, die Käufer- und Leserschaft so dreist zu täuschen, ja: zu belügen.


Mir ist nicht bekannt, ob dies damals in irgendeiner Weise bemerkt und publik gemacht wurde oder nicht. Sollte dies der Fall gewesen sein, scheint sich der Aufschrei der Empörung in Grenzen gehalten zu haben, denn noch bis in die zweite Hälfte der 1970er Jahre hinein blieb der gute Ruf erhalten, den Stammel sich auf den Gebieten, für die er als Experte galt, erworben hatte.

In der heutigen Zeit wäre eine solche Vorgehensweise, wie sie Stammel und der Verlag Herder damals an den Tag legten, kaum noch vorstellbar. In den Medien, wie sie uns als Lesern und Konsumenten jetzt zur Verfügung stehen, würden Autor und Verleger vermutlich rasch und erbarmungslos entlarvt und öffentlich vorgeführt werden.

Jupp und JimDennoch kann man sich fragen: Gibt es Anhaltspunkte dafür, dass die in dem Roman erzählte Geschichte trotzdem in ihrem Kern wahr ist?
 
Nun, Stammel selbst zerstörte den Anschein von Wahrhaftigkeit spätestens dadurch, dass er einen wesentlichen Teil der Geschichte änderte, als er „Jim“ überarbeitete und daraus „Kopfgeld 20 000“ machte, nämlich ihren Ausgang. Während Matt Larkin in der ersten Version des Romans in ein Asbestfeld gerät und an einer Staublunge stirbt, sodass Jim Baker allein in Quijotoa ankommt, wird er in der zweiten Version von einer Giftspinne gebissen, woraufhin ihm Jim kurzentschlossen die betroffene Hand abhackt, wodurch Matt überlebt und beide in Quijotoa ankommen (4).

Wenn aber in der Zeitung vom Oktober 1878 daher von zwei halbtoten Männern die Rede gewesen sein soll und Stammel behauptet, genau diese Zeitungsausgabe habe ihm schon 1967/68 vorgelegen, er aber dennoch seinerzeit nur Jim überleben ließ, dann ist offenkundig, dass er dem Leser einen Bären nach dem anderen aufbindet.

Da verwundert es nicht, dass auch die von Stammel im Epilog genannten Namen und Lebensdaten von Personen, die mit den beiden Hauptfiguren verwandt gewesen sein sollen, reine Fantasiegebilde sind. Gibt man sie oder die Namen sonstiger im Roman auftauchender Personen auf den Genealogie-Seiten ein, die man heutzutage im Internet findet, dann ist die Trefferquote: Null.

Außerdem scheint es auch eine Zeitung „Prescott Miner“ nicht gegeben zu haben. Was es in Prescott seit 1864 gab, war „The Weekly Arizona Miner“, ein Wochenblatt, das jeweils am Freitagabend erschien. Der 21. Juli 1878, von dem die Ausgabe stammen soll, auf die sich Stammel eingangs der ersten Version seines Vorwortes bezieht, war jedoch ein Sonntag (was Stammel eigentlich aufgefallen sein müsste, weil es der Tag war, an dem Sam Bass starb, der ihm aufgrund seiner historischen Recherchen bestens vertraut war).

Bezeichnenderweise fehlt diese angebliche Quelle in der Bibliografie am Ende der Herder-Ausgabe denn auch völlig (und folgerichtig, weil Stammel sie ja durch den angeblichen Brief vom selben Tage ersetzt hatte). Auch die in diesem Anhang außerdem erwähnte „Hillcrest Sun“ scheint eine erfundene Zeitung zu sein (5).

Wenn man die von Stammel zitierten angeblichen Zeitungsartikel mehr als einmal liest, wird zudem immer deutlicher, dass ihr Schreibstil nicht derjenige von Redakteuren des 19. Jahrhunderts ist, sondern derjenige eines Schriftstellers des 20. Jahrhunderts.
 
Jupp und JimAch ja: Hinweise darauf, dass der Ort Quijotoa schon vor 1883 existierte, konnte ich ebenfalls nicht finden.

Zum Schluss sei betont, dass ich keine Bedenken habe, dass ein Romanautor ein angeblich historisches Geschehen erfindet, indem er beispielsweise konkrete Zeit- und Ortsangaben macht, die man – wenn man will – überprüfen kann, um dann fest zu stellen, dass sich die im Roman beschriebene Handlung so nicht abgespielt haben kann.

Ich habe auch keine Bedenken, dass eine Rahmenhandlung erfunden wird, so wie es beispielsweise im Western-Genre Clay Fisher in seinem Debütroman „No Survivors“ (6) mit dem angeblichen Tagebuch John Claytons und Thomas Berger in „Little Big Man“ (7) in Gestalt des angeblichen Interviews mit Jack Crabb oder in ganz großem Stil der Schotte George MacDonald Fraser in seiner Flashman-Saga (8) mit den angeblichen Memoiren Harry Flashmans getan haben.


Der Unterschied zu Stammels Roman „Jim“  besteht darin, dass Stammel ausdrücklich leugnete, sich alles nur ausgedacht zu haben, und es bei ihm schon fast wie ein Ehrenwort klingt, wenn er die angebliche Authenzität seiner Geschichte beteuerte. (Denn sonst hätte man ja annehmen müssen, er sei doch der von ihm erwähnte „opiumsüchtige Schriftsteller“ gewesen.)

Auf die Spitze getrieben wurde diese Perfidie durch den Mitarbeiter des Herder-Verlags, der den Klappentext von „Kopfgeld 20 000“ verfasste und dort unverfroren schrieb:

Der Stoff dieser Geschichte ist keineswegs erfunden: er ist authentisch. 1878 waren die Zeitungen voll von dieser Verfolgungsjagd, die in der Nähe von Tucson ein sensationelles Ende fand.

Jupp und JimUnverständlich ist für mich, weshalb Stammel sich so verhielt, wie er es tatsächlich tat.

Als er die Herder-Ausgabe für das Jahr 1972 vorbereitete, hätte er ja ohne Weiteres an der Zeitschiene wie im Vorwort für die damals rund vier bis sechs Jahre zurück liegende Erst- und/oder Zweitausgabe (Leihbuch, Taschenbuch) festhalten und – wenn er schon eine konkrete Zahl nennen wollte – beispielsweise angeben können, ihm sei der „Quijotoa Prospector“ im Jahre 1965 in die Hände gefallen. Eine Notwendigkeit dafür, dem damaligen Publikum vorzutäuschen, seine angebliche Entdeckung sei sozusagen taufrisch (1971 entdeckt, im nächsten Jahr bereits verarbeitet und auf dem Markt), kann ich beim besten Willen nicht erkennen.

Und es stellt sich natürlich die Frage, was ihn bewogen hat, das Ende der Geschichte zu verändern. Die einzige Erklärung, die mir dafür einfällt, ist eigentlich nur die, dass – entweder vom Autor oder vom Verlag – Rücksicht auf die eher jugendliche Leserschaft des Herder-Verlags genommen wurde, der man das brutale Ende nicht zumuten wollte, das Matt Larkin in der Originalversion ereilt.

Unverzeihlich ist jedoch, dass Autor und Verlag dabei in Kauf nahmen, dass ihre Käufer und Leser von ihnen zum Narren gehalten wurden.

________________________________

(1) Aufmerksame Leser könnten dies allerdings durchaus erkannt haben. Denn beispielsweise in dem Pabel-Wildwest-Roman Nr. 392 („Bis zum bitteren Ende“) aus dem Jahre 1964 befindet sich ein Porträtfoto Ullmans mit der Herkunftsangabe „Archiv: R. Ullman – H.J. Stammel“.
(2) Dieser Punkt ließe sich wohl nur klären, wenn man Zugriff auf die Verträge zwischen Stammel und dem Verlag hätte.
(3) Das voraus gegangene Leihbuch liegt mir nicht vor.
(4) Seltsamerweise zeigt das Cover der Leihbuch-Erstausgabe einen Mann, der auf ein Grab mit dem Namen „Jim“ schaut, wodurch der Eindruck erweckt wird, Jim sei derjenige, der die Geschichte nicht überlebt. Die Titelbilder aller folgenden Ausgaben passen ebenfalls nicht zum Inhalt des Romans. Keiner der Verlage scheint sich in dieser Hinsicht viel Mühe gegeben zu haben.
(5) Sie fehlt jedenfalls in einer online verfügbaren Liste der in Arizona erschienenen Zeitungen: newspaperarchive.com. Und selbst der von Stammel außerdem genannte Zeitungsname „Mineral Park Alta“ stimmt nur teilweise, denn das in den 1880er Jahren im Ort Mineral Park heraus gegebene Blatt hieß „Alta Arizona“.
(6) Deutsche Titel: „Cetan Mani“, „Der letzte Mann“, „Keine Überlebenden“
(7) Deutscher Titel: „Der letzte Held“
(8) Der siebte Band „Flashman and the Redskins“ (dt.: „Flashman – Die Rothäute“, „Flashman und die Rothäute“) besteht aus zwei Teilen, die in einem Abstand von rund 26 Jahren im amerikanischen Westen spielen.

Kommentare  

#1 Grubert 2018-07-24 14:05
Sehr guter Artikel.

Ich halte Jim für einen der besten Western die ich je gelesen habe, und er ist fraglos ein Höhepunkt im Werk von Stammel.

Aber die schriftstellerischen Qualitäten Stammels kontrastieren dann leider mit mit seinem Hang Sachen munter zu erfinden, denn auch in diesem Bereich war er auffallend "kreativ". Den Leser zu täuschen ist ja im deutschen Romanheft und Leihbuch Bereich an der Tagesordnung gewesen, und auch Stammel und seine jeweiligen Verlage haben das ja von Anfang an gemacht. Z.b. in dem sie Ullman zu einer realen Person machten die natürlich gebürtiger Amerikaner ist, und in dem die frühen Ullmänner als Übersetzungen aus dem amerikanischen ausgewiesen wurden.

Daß Stammel mit Ullman zu tun hatte war immerhin schon den frühen LBs zu entnehmen, denn dort gab er sich als der "Übersetzer" der Romane aus, die dafür auch mit einem fiktiven Englischen Titel versehen wurden. Das hatte er schon zuvor gemacht bei ein paar Krimis die unter Clint H. Fowler erschienen waren. Und dann soll es eine Sendung in einem "Westdeutschen Kulturspiegel" am 25.4.1963 gegeben haben in dem "einer der meistgelesenen deutschen Westernautoren sein Inkognito lüftete". Falls das nicht auch erfunden ist, dann wurde zumindest schon lange vor seinen weiteren Verschleierungen zumindest einmal klar gestellt, daß Stammel hinter Ullman steckt.

Das müssen jetzt anfangs der 70er nicht mehr allzu viele gewusst haben, aber es macht seine widersprüchlichen Angaben zur Entstehung von Jim nur noch absurder.
Daß kein Hinweis auf die Trivialvergangenheit von 20 000
Dollar Kopfgeld erfolgte ist aus kommerziellen Gründen nachvollziehbar, aber da Jim zu diesem Zeitpunkt schon mehrfach veröffentlicht war, ist doch sehr wahrscheinlich daß die Lesergruppen von Ullman und Hagen sich auch in einigen Teilen überschnitten haben, und daß dann schon so manchem die Widersprüche in den Vorworten aufgefallen war.
Aber anscheinend hat das damals niemanden so wirklich gestört.

Mich eigentlich auch nicht. Ich hatte mir darüber immer meinen Teil gedacht, und genau so gegrinst, wie bei allen anderen Dingen von Stammel, die ich für eher unwahrscheinlich hielt.

Dem Lesevergnügen dieses kleinen Meisterwerks hat das jedenfalls keinen Abbruch getan.
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#2 Thomas Jeier 2018-07-29 10:34
Auch in den 1970ern hatte Stammel zahlreiche Kritiker, die ihm sogar nachweisen wollten, dass er abgeschrieben hätte. Ich hatte damals selbst einen Disput mit ihm (über Billy the Kid), aus dem aber eine lockere Freundschaft hervorging, die bis zu seinem Tod anhielt. Er war für mich der interessanteste deutsche Westernautor damals, und ich habe seinen Romanen regelrecht entgegengefiebert. Sicher hat er es mit seinen Angaben nicht immer genau genommen und vieles als authentisch ausgewiesen, was niemals passiert war, aber einige wichtige seiner Romane waren eben auch authentisch (z.B. seine Romane über Billy the Kid und die Donner-Tragödie), und seine Sachbücher waren Extraklasse. Und was soll's, ich halte es sowieso mit dem Redakteur in "Liberty Valance": "Wenn du die Wahrhheit kennst, drucke die Legende."
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#3 Grubert 2018-07-30 11:52
Und? Haben sie damals den Übergang von Stammel zu Egli bemerkt?
Und was haben sie gedacht als sie das wussten?
Und wie fanden sie Egli im Vergleich zu Stammel?
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#4 Thomas Jeier 2018-08-04 10:14
Ich erkenne einen Egli-Roman auf Anhieb. Er ist der weitaus bessere Schriftsteller, schreibt einen ganz anderen und besseren Stil. Aber mich interessierten damals vor allem die authentischen Romane in der Reihe "Westmann", und die waren tatsächlich fast alle von Stammel selbst.
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#5 Grubert 2018-08-04 13:28
Der weitaus bessere würde ich jetzt nicht sagen. Egli hatte natürlich den Vorteil in einer Zeit zu schreiben in der in mehrfacher Hinsicht auch mehr möglich war, und er hatte diese Freiheiten auch genutzt. In der Masse war Egli tatsächlich der besserer Ullman, aber Stammels beste Romane, und Jim gehört dazu, können sich durchaus mit den besten Eglis messen. Jedoch hat Egli dann insgesamt deutlich mehr der herausragenden Ullmänner geschrieben. Nicht zu vergessen auch die vielen tollen Western die er danach noch unter Jefferson Parker und Lee Roy Jordan schrieb.

Und so unterschiedlich war der Stil der beiden anfangs gar nicht. Auch weil Egli anfangs ein wenig seinen Stil anpasste. Aber seine späteren Western, die oft einen etwas ironischeren Stil hatten, sind dann sicherlich sehr leicht von denen Stammels zu unterscheiden. Trotzdem haben auch heute noch Leser Schwierigkeiten die beiden auseinander zu halten.

Ich hatte mir jedenfalls beim konzentrierten Lesen der Romane anfangs durchaus noch vorstellen können daß alle Ullmänner von einem Autor stammten, einem der sich in seinem Stil entwickelt hat. Der Stammel von Mitte der 60er ist ja auch teils anders als der Stammel von 1958, und Egli von 1974 ist anders als Egli von 1968, aber gleichzeitig gibt es eben auch Berührungspunkte zwischen all diesen Ullman Phasen, auch weil Egli einzelne Formulierungen von Stammel direkt übernommen hat, und auch Plots von Stammel variiert hat, und überhaupt auf dem Fundament, daß Stammel errichtet hat, sein Werk aufgebaut hat.

Ist denn ihrer Meinung nach damals der Autorenwechsel bei der breiten Leserschaft bemerkt worden, und wenn gab es damals dann auch eine Diskussion darüber?

Und noch mal die Frage, wann und wodurch haben sie den Autorenwechsel bemerkt?
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#6 Thomas Jeier 2018-08-06 10:12
Der Autorenwechsel ist von der Leserschaft nicht bemerkt worden. Und ich habe Egli damals kennengelernt und es von ihm selbst erfahren.
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#7 zeerookah 2018-08-07 13:47
zitiere Thomas Jeier:
Und was soll's, ich halte es sowieso mit dem Redakteur in "Liberty Valance": "Wenn du die Wahrhheit kennst, drucke die Legende."

"Ausführlich zu schildern, was sich niemals ereignet hat, ist nicht nur die Aufgabe des Geschichtsschreibers, sondern auch das unveräußerliche Recht jedes wirklichen Kulturmenschen."
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#8 R. Windeler 2018-09-08 11:53
Mittlerweile habe ich erfahren, dass die Leihbuch-Erstausgabe schon 1966 statt 1967 erschienen ist. Ich habe den Text entsprechend geändert und angepasst.
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#9 R. Windeler 2018-09-28 19:56
Thomas Dolina hat übrigens eine weitere Ausgabe des Romans entdeckt. In der Kelter-Reihe „Colt Western“ www.romanhefte-info.de/d_weitere_coltwestern3.htm wurde um 2009 herum als Band 26 ein Romanheft mit dem Titel „Jim Baker“ veröffentlicht, bei dem auf dem Cover eine Verfasserangabe fehlt. Auf Seite 3 wird dann aber Robert Ullman als Autor genannt.
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#10 Grubert 2018-10-04 14:05
zitiere R. Windeler:
Mittlerweile habe ich erfahren, dass die Leihbuch-Erstausgabe schon 1966 statt 1967 erschienen ist. Ich habe den Text entsprechend geändert und angepasst.


Das hast du leider etwas falsches erfahren. Das LB erschien laut Mülbüsch im Feb 67.
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