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Ausgezeichnete Western-Literatur - Will Henry und sein Roman »Chiricahua« (Apachen kennen kein Erbarmen)

Ausgezeichnete Western-LiteraturAusgezeichnete Western-Literatur
Will Henry und sein Roman »Chiricahua«
(Apachen kennen kein Erbarmen)

Freundlicherweise hat Thomas Jeier dem Zauberspiegel gestattet, eine Buchbesprechung zu veröffentlichen, deren Grundlage ein Vortrag ist, den er im Jahre 2006 auf der Tagung des Münsteraner Westernforschungszentrums hielt, und die damals im Jahresheft der »Deutschen Gesellschaft zum Studium des Western« erschien.

Ausgezeichnete Western-LiteraturWir haben sie nur geringfügig bearbeitet und mit hoffentlich nützlichen Anmerkungen versehen.

Mit seinem Roman „Chiricahua“ (1), der 1972 als Hardcover bei Lippincott erschien und seitdem zahlreiche Neuauflagen erlebte, setzte Will Henry den Apachen ein bleibendes Denkmal. Der historische Western, eher eine „Novel of the West“ à la „Lonesome Dove“ (2) und kein „Formula Western“, wie seine Mitbewerber Louis L’Amour und Luke Short sie am Fließband schrieben, wurde 1973 mit dem Spur Award der „Western Writers of America“ für den besten historischen Western sowie dem Western Heritage Wrangler Award ausgezeichnet und steht in einer Reihe mit anderen Indianerbüchern des Autors wie „From Where the Sun Now Stands“ (3) und „The Bear Paw Horses“ (4).


Die Qualitäten dieses außergewöhnlichen Romans liegen in seiner literarischen und doch eingängigen und wirkungsvollen Sprache, den humorvollen und pointierten Dialogen, der originellen Story, die klassische Versatzstücke des traditionellen Western geschickt variiert und den „Code of the West“ neu definiert, den eindrucksvollen Charakteren und, last but not least, seiner Schilderung der Indianer als „wirkliche Menschen“ und eigenständige Charaktere, wie sie viele Jahre später nicht einmal ein preisgekrönter Film wie „Dances With Wolves“ (5) fertigbrachte. „Chiricahua“ ist ein Meisterwerk, war seiner Zeit weit voraus und taucht nicht umsonst in Listen der besten Western aller Zeiten auf.


Ausgezeichnete Western-LiteraturHenry Wilson Allen, der unter den Pseudonymen Will Henry und Clay Fisher schrieb, weil er zu Beginn seiner schriftstellerischen Karriere bei MGM unter Vertrag stand, und der privat „Hank“ bevorzugte (6), wurde am 29. September 1912 in Kansas City, Missouri, geboren. Seine erste Story schrieb er mit elf Jahren: „The Wolf Who Cried Out“. Einige Jahrzehnte später veröffentlichte er sie, fast ohne ein Wort zu ändern, in der Anthologie „Sons of the Western Frontier“. Er besuchte die Southwest High School und entdeckte sein Talent (7) „having the basic gifts of indolence, cowardice, crass greed, sociopathic personality, the scruples of a mongoose, and a certain stray-dog survivability”. Nach zahlreichen Jobs als Goldsucher, Möbelpacker, Arbeiter in einer Zuckerfabrik, Krankenpfleger in einer Tierklinik, Stallhilfe und Zeitungsreporter arbeitete er zwölf Jahre lang als Script Writer für die MGM Studios in Los Angeles. Im Short Subjects Department verfasste er Geschichten und Drehbücher für Western-TV-Serien wie „Zane Grey Theater“ und „Wells Fargo“, seine Hauptarbeit waren aber – wenig bekannt – Scripts für die Cartoon-Serie „Tom and Jerry“, darunter Stories mit so einfallsreichen Titeln wie „Dixieland Droopy“ und „The Impossible Possum“.

Doch die Zeiten waren schlecht (8): „I lived in an operating two-dollar whorehouse... when the girls got busy in the back of the house, my lease called for me to take a hike so as not to be in restraint of trade.“ 1950 wurde er gekündigt, weil er während der Arbeitszeit an einem Roman schrieb. Er hielt sich mit einem Fabrikjob bei General Motors in Van Nuys über Wasser, bis seine ersten Romane „No Survivors“ (9) und „Red Blizzard“ (10) erschienen und ihm den Weg für eine erfolgreiche Karriere als Schriftsteller ebneten. Zu Lebzeiten verkaufte er ungefähr fünfzehn Millionen Bücher. Er gewann fünf Spur Awards, den ersten Levi Strauss Saddleman Award (1961) und den Western Heritage Wrangler Award, und verkaufte fünfzehn seiner Romane und Stories nach Hollywood. Zu den bekanntesten Filmen gehören „Mackenna’s Gold“ (11) – ein Film, den er verabscheute – und „Yellowstone Kelly“ (12).

Ausgezeichnete Western-Literatur„Chiricahua“ erzählt die historisch belegte Geschichte von Pa-nayo-tishn oder „The Coyote Saw Him“, eines Apachen, der von den weißen Soldaten, für die er als Scout arbeitete, verabscheut und von seinen Stammesbrüdern, die er angeblich verraten hatte, gehasst wurde. In die Geschichtsbücher ging er als „Peaches“ ein, ein Spitzname, den ihm einige Kavalleristen wegen seiner hellen Haut gegeben hatten (13). Ihm gegenüber in dieser – für Will Henry typischen – „Dual Hero Story“ steht ein namenloser Drifter, ein Satteltramp, der zu Beginn des Romans im Gefängnis aufwacht und später zum stillen Helden mutiert. Sein Verhältnis zu Peaches, zuerst feindlich, dann gleichgültig und später respektvoll und freundschaftlich, und seine im „Western Lingo“ vorgetragenen bissigen Kommentare machen den eigentlichen Reiz des Romans aus.

Die Action beginnt, als eine Kutsche der Southwest Stagelines mit Apachenpfeilen gespickt in Pima Bend einläuft. Chatto und seine Bande sind auf dem Kriegspfad, haben ihr Versteck in Mexiko verlassen und geschworen, so viele Weiße wie möglich zu töten. Doch T.C. Maddens Kutschenlinie steht vor dem Bankrott, und er ist gezwungen, die Kutsche weiterfahren zu lassen, um eine Goldladung zur Deckung eines Kredits nach Tuscon zu bringen. Der schwarze Stallknecht Clooney Borrum übernimmt die Zügel, ein flüchtiger Satteltramp und Pferdedieb wird Beifahrer. Im Passagierraum: T.C. Madden selbst, ein Gelegenheitsarbeiter, ein Schmied und ein schwangeres Mädchen. Sie erreichen Sifford Wells, eine Kutschenstation in der Arizona-Wüste, und werden dort von Chatto und seinen Kriegern angegriffen und belagert.

Peaches ist bei den Soldaten und muss erleben, wie Lieutenant Kensington und seine Einheit eine Gruppe von Apachenfrauen niedermachen. Er deckt den Rückzug von Estune, der Ehefrau von Chatto, wie sich später herausstellt, kann aber nicht verhindern, dass die Soldaten ihr Baby töten. Als er von Chatto gefangengenommen wird, rettet ihm die noble Tat das Leben. Er erlebt den andauernden Streit zwischen Lucero, dem wahren Vater des Babys, und Chatto, der aber darauf verzichtet, seiner Ehefrau die Nase abzuschneiden, die Strafe der Apachen für Ehebruch. Estune kann ihm glaubhaft versichern, dass sie nur ihn liebt. Aus Rache überfällt und tötet Chatto den verhassten Lieutenant und einige seiner Soldaten. Als er mit seinen Kriegern die Kutschenstation belagert, lässt er Estune zu den Weißen reiten und der blonden Frau bei der risikoreichen Geburt ihres Kindes helfen, einem Ersatz für sein ermordetes Baby. T.C. Madden sorgt mit Waffengewalt dafür, dass dieses Versprechen eingehalten wird. Er will sich mit dem Schmied absetzen. Die Apachen haben die meisten Pferde gestohlen, und er fürchtet um sein Leben und das weitere Bestehen der Kutschenlinie. Die Krieger nehmen ihm die Sorge ab.

Nachdem die Apachen abgezogen sind, bleibt der Drifter mit Peaches und dem Schwarzen zusammen. Er hat sich in das blonde Mädchen verliebt und will ihr das Kind zurückbringen. Tatsächlich gelingt es ihnen, das Kind zu befreien, und zu ihrer Verwunderung schließt sich auch Estune ihnen an. Eine innere Stimme treibt sie zu dem seltsamen Drifter. Die Apachen bleiben ihnen auf der Spur, und vor dem Schacht einer verlassenen Goldmine kommt es zum entscheidenden Kampf zwischen dem Drifter und Lucero, die stellvertretend für alle Beteiligten für klare Verhältnisse sorgen sollen. Der Drifter besiegt Lucero, verzichtet aber darauf, ihn zu töten. Als Chatto darauf besteht, ihren „Code of the Apaches“ einzuhalten, übernimmt Estune diese Aufgabe. Sie schneidet Lucero die Nase ab, eine zynische Anspielung auf seine Beteiligung an dem Ehebruch. Lucero reitet in einen Abgrund und begeht Selbstmord. Peaches flieht nach Mexiko, ins alte Versteck von Geronimo, und der Drifter und sein schwarzer Freund suchen nach der blonden Frau, die aber inzwischen einen Captain geheiratet hat und nichts mehr von ihrem Baby wissen will. Der Drifter behält das Baby und bleibt bei Estune, seiner wahren Liebe.

Ausgezeichnete Western-LiteraturAllein die bloße Schilderung des Plots zeigt schon, wie sehr Will Henry in „Chricahua“ vom genre-typischen Klischee des Indianers abweicht. Obwohl er lange für Hollywood gearbeitet hat, sind ihm die schablonenhaften Schilderungen der damaligen Zeit fremd. Bei Will Henry sind die Apachen weder die gesichtslosen Wilden, wie sie z. B. in „Stagecoach“ (14) auf wendigen Ponies hinter der Kutsche herjagen, kehlige Kriegsschreie ausstoßend, und lediglich als aufregende Kulisse für eine Story unter Weißen dienen, sie sind aber auch nicht die noble savages, die noblen Wilden, wie sie James Fenimore Cooper und in Deutschland auch Karl May in ihren Romanen geschildert haben. Sie sind characters, wirkliche Menschen aus Fleisch und Blut, mit allen Eigenschaften und Eigenheiten, wie sie auch weißen Protagonisten zugeschrieben werden.

So wie Peaches, der Apache zwischen den Fronten. Ein Krieger mit ungewöhnlich heller Haut, der als Krieger mit Geronimo ritt und als Scout unter den Soldaten diente und die Weißen besser versteht als jeder andere (15):

As an Apache, who had gone over to the white man, young Peaches knew that the future of his wild people was foredoomed. The fighthers, like these eleven Chricahuas from whom he had deserted..., were admirable men, true Apaches. Yet they were what the tame Apache like Peaches called „crazies“. Their minds were twisted. They did not understand the power of the white man. Peaches did... All of the Apache scouts, enlisted or irregular, understood it; still Peaches worried.

So wie Chatto (16)

He was of average size for an Apache, short, squat, powerful. The eyes were level in set and widely spaced beneath a broad brow. The nose seemed broken by some accident of the past, giving him his spreading nostrils and indeed his very name. The mouth was narrow-lipped, large, a second line of straightness to match the fierce eyes. The face was a classic Chiricahua face, the only surprise in it the unexpected youthfulness of the man behind its unforgiving mask: Chatto, or chato in the Spanish, „Flat Nose“, next only to Geronimo in wildness and in war.

Ausgezeichnete Western-LiteraturWill Henry war überzeugter Humanist. Er interessierte sich für die wahren Werte der Indianer, er wollte wissen, wie sie wirklich waren. Was sie ängstigte, traurig, ärgerlich, glücklich oder ruhelos machte. Was sie von der Gesellschaft erwarteten. Wie sie Grausamkeit definierten. Ehre. Schande. Loyalität. Verrat. Freundschaft. Familie. Niederlage. Leben. Natürlich gefiltert durch das Hirn eines weißen Mannes (17):

„No non-Indian, of course, can see the Indians as the Indians would. But he can try. In fact, he must try.“

Will Henry versucht es vor allem in scheinbar beiläufigen Szenen, die den unterschiedlichen Charakter und die so vollkommen andere Denkart der Indianer auf ungewöhnliche und sehr einprägsame Weise deutlich machen. Zum Beispiel in diesem Ausschnitt, der auch den trockenen und manchmal sehr bissigen Humor der Apachen zur Geltung bringt (18)

Do-klini, a man very large for his squat people, had put the arrow across the driver’s belly. His brother of the same mother, Dust Devil, a small man, had killed the second man atop the stagecoach. Dust Devil had used a rifle. There was some joking at Do-klini’s oldfashioned bow. Also of the odd long-sleeved underthing the big arrow shooter had taken from the horse rancher killed up near the fort. It looked funny for a man to wear such a garment in the full of summer, when all of the rest of them rode only in their breechclothes and thigh boots.
       „I think“, said Noche, „that Do-klini is trying to become a white man.“
    Bosque thought this sally worth a chuckle.
       Another brave, Nevado, old White Hair, so named for his prematurely snowy mane of hair, believed differently. He was a lonely man much preoccupied with tribal law and the ways of his people in sterner times. It was wrong, he frowned, for any Chiricahua to dress in a manner to imitate the hated White Eyes. It was immoral and dangerous. To give in anywhere to the white man was one more step in the death march of the Apache. Indeed, Do-klini ought not to be permitted to wear that strange red unterthing.

In zwei anderen Szenen wird aber auch deutlich, dass sich Menschen verschiedener Hautfarbe in ihren Grundbedürfnissen kaum unterscheiden. So sexistisch wie ein weißer Mann denkt Peaches, als er die schwangere Weiße betrachtet (19):

„I would rather look at that woman,“ said Peaches honestly. „Even ill from birthing, one can see that she ist still as desirable as when she danced goo-Chitalth!“
   „What?“ said Do-klini. „The Virgin Dance? That one? Ah, brother, let me advise you, that one never was a virgin. I think she was born with her membrane broken. But I will agree with you, sikisn, every time that I look at the deepness of her buttocks and the way those breasts stand out there, Ysun! especially now that there is all the milk for the dead baby and, well, you know how it is, Coyote. It makes a man’s pico ache just to look at her walk around.“

Wie selbst ein unnachgiebiger Krieger beim Anblick seines toten Babys zu Tränen gerührt wird, schildert Will Henry in dieser anrührenden Szene (20):

Chatto received the babe, watching as he did so the eyes and the vacant face of his woman. He felt the stiffness of the tiny form within his strong hands, and he knew.
   „A man-child?“ he said gently to his wife.
   „Yes, and beautiful“, she answered.
   Chatto looked down, parting the swaddling blanket to see the face of his son. It was not there. Where it would have been had passed a .50 caliber bullet of the soldiers.
   The stillness upon the slope was a felt agony.
   Chatto raised his eyes and gazed at his woman in mute compassion. Gently, his dark hands recovered the pitiful form he held. He turned his horse and went back down the slope, the woman following him upon the pony of the Mescalero. The he men pulled aside from the trail letting their leader pass. They did not look at the woman and only they remembered it always in their hearts.
   Chatto was weeping.

WAusgezeichnete Western-Literaturill Henry vermeidet Klischees, auch wenn er auf stereotype Charaktere wie den blindwütigen Lieutenant oder geldgierigen Kutschenbesitzer und einen traditionellen Plot nicht verzichten kann, variiert diese Bestandteile aber sehr geschickt und führt klassische Plots oder Szenen ad absurdum, indem er mit unerwarteten und originellen Wendungen überrascht: Peaches, ein Apachenscout der Kavallerie, sympathisiert mit beiden Seiten, lässt ein Massaker an hilflosen Frauen und Kindern zu, desertiert aber wenig später und lässt die Ehefrau des kriegerischen Chatto entkommen. Der namenlose Drifter verliebt sich in ein schwangeres weißes Mädchen und empfindet mehr als Sympathie für Estune, die Ehefrau eines gefürchteten Apachenchiefs. Estune hilft der blonden Frau bei der Geburt ihres Kindes. T.C. Madden lässt die Apachenfrau mit dem Baby entkommen. Lucero begeht Selbstmord. Der DrAusgezeichnete Western-Literaturifter gewinnt einen schwarzen Stallknecht als Freund und reitet mit einer Indianerin und dem Baby einer weißen Frau in den Sonnenuntergang. Nur einige Szenen, die man in keinem anderen Western findet, schon gar nicht in den siebziger Jahren.

Bezeichnend für Will Henry, der sich der Geschichte der Herrschenden, wie sie in den Geschichtsbüchern erzählt wird, immer verweigerte und sich auf die einfachen Menschen konzentrierte, ist, dass er zwei Randfiguren der Historie als Protagonisten wählte: einen namenlosen Satteltramp und Pferdedieb, der sich ziellos über das Land treiben lässt, und Peaches, einen wankelmütigen Apachen, der im Krieg gegen Geronimo auf Seiten der hesh-kes, der aufständischen Apachen, kämpfte und wenige Jahre später als Scout unter den Soldaten diente. Ihre Charaktere entwickelt Will Henry sehr behutsam, denn anfangs ist Abneigung zwischen ihnen, und nur ganz allmählich flammt Sympathie auf (21):

The two men were silent. Both cocked heads listening to the stillness above them. A little wind was rising. They could hear it lisping in the salt grass overhead.
   „You hate ´Pache Injun bad?“ said Peaches.
   „They kilt my wife and baby,“ answered the drifter.
   The San Carlos impostor nodded. „This day yesterday,“ he said, „my soldiers kill four `Pache wife, one baby.“
   „That`s different,“ rasped the white man. „They was at war. They had it coming.“
   Peaches nodded. „Yes“, he said. „Them Injuns.“
   „Murdering bastards, all of them,“ said the wihte man. He hesitated, awkward over what he had said. „You know what I meant“ he explained lamely. „Iffen you didn`t, you wouldn`t be no cavalry scout fighting your own kind.“
   Again the small Apache nodded.
   „I fight your side,“ he said. „Me, you, friend.“
   The drifter denied it, voice rising. „Me and you ain`t nothing!“ he snapped. „You better understand that, you little red-assed shithead. You and me...„
   „Shh!“ whispered the Apache. The white man and he could make out one another dimly now, eyesight adjusted to the cistern`s gloom. „Horses come“, he said. „Be no more talk. Listen.“

Doch als sich der Drifter und Peaches am Ende des Romans voneinander verabschieden, hat sich die schüchterne Sympathie in tiefe Freundschaft verwandelt (22):

„As ever was“, said the drifter in all soberness and turned to Pa-nayo-tishn, the small White Mountain coyote, who had guided them so craftly and well.
    „Peachy“, was all he said, and he put out his hand.
    The Apache took the hand, obviously with some emotion. He did the same with Clooney. Overcome, he said no word to either man, white friend or black. It was not the way of his people to show weakness.
    Wheeling his pony, he kicked the disreputable animal up the rocky incline. He waved once to them from the top of the draw, then sent Little Cat over the ridge, away from Tanque Verde, into history.

Als Schriftsteller verweigert Will Henry sich dem „Literary Code“ des klassischen Western und seinen Mechanismen. Als Philosoph und Romantiker verschreibt er sich der Legende, wie sie der Herausgeber in „The Man Who Shot Liberty Valance“ (23) propagiert. Als Historiker verlässt er sich auf Daten und Fakten für die authentische Schilderung des „Real West“ (24):

A woman, still breathing, crawled from under a badly wounded companion. She got to her feet, dazed, not trying to run, only standing there calling in Apache for kindness, for capture. A nearby trooper put his gun’s muzzle in her belly and shot her. She went slowly to the ground. Her friend beneath whom she had lain tried to reach her, comfort her. Another soldier, stepping over a dead horse, shot the second woman. Her soft moaning ceased with the ricochet of the trooper’s bullet. Then and truly Peaches heard no more sound from up there.

Ausgezeichnete Western-LiteraturLiterarisch zeigt sich Will Henry in „Chiricahua“ von seiner besten Seite. Mit seiner bildhaften und bei der Figur des Drifters vom Slang geprägten Sprache, durch authentische Dialoge und trockenen Humor geprägt, zieht er den Leser mitten in die Handlung hinein. Allein sein scheinbar unermesslicher Wortschatz und sein anspruchsvoller Stil, vor allem aber die nuancenreichen Charaktere heben ihn meilenweit über die klassischen Vertreter des Formula Western hinaus. Henry Wilson Allen alias Will Henry und Clay Fisher war kein klassischer Westernautor à la Louis L’Amour und Luke Short, schrieb eher in der Tradition eines Mark Twain oder Bret Harte. Dass ihm die Anerkennung der literarischen Fachwelt größtenteils verwehrt blieb, lag am Western-Genre selbst, das bis heute von so genannten anspruchsvollen Kritikern belächelt wird.

Wie Will Henry zu den Indianern kam, schrieb er mir in einem Brief aus dem Jahre 1982, den ich leider nur noch in meiner deutschen Übersetzung vorliegen habe:

„Ich glaube, der Ursprung meines Interesses an den Indianern war die Tatsache, dass der Bruder meiner Mutter zwei Indianerfrauen geheiratet hatte und von jeder Kinder hatte. Ich traf diese indianischen Cousins, als ich noch klein war, und sie faszinierten mich. Mehr als das, sie entfachten ein Feuer in mir, das nie mehr verlöschen sollte. Sie waren so verschieden von meinen weißen Vettern. Durch ihre kupferfarbene Haut, ihr langes, blauschwarzes Haar, ihre scharf geschnittenen Profile und ihre ruhige, weitsichtige Art waren sie einzigartig in der Gesellschaft, die ich kannte. Ich war so stolz auf diese indianischen Vettern! Sie brachten die Kohlen eines ruhelosen Lagerfeuers zum Glühen, das immr noch in meinem Herzen brennt. Oh, hätte ich nur ein Indianerjunge sein können! Ich wollte mit diesen Halb-Navajo-Jungen nach Arizona zurückreiten. Ihre Reservation kennen lernen. Mit ihnen um den Handelsposten ihres weißen Vaters rennen. In einen Hogan gehen und den wilden Duft der Kiefern riechen, diesen Geruch gegerbten Leders, dieses aufregende Indianerdasein erleben, das kein Junge sich je vorstellen kann, der nicht solche großartigen indianischen Vettern hat.
   Diese Leidenschaft führte dazu, dass ich mich mit dem Brauchtum der Indianer beschäftigte. Mit den Indianern der westlichen Prärien und Berge, den sogenannten „Horseback Indians“. Und das führte mich als Teenager in den Westen und Südwesten, um dann als junger Mann wieder zurückzukehren und dort für immer zu bleiben. Diese kleinen Indianerjungen, die so aufrecht wie eine Lanze standen und so wenig sprachen, und die einem das Gefühl gaben, niemals so bemerkenswert, so vornehm, so beneidenswert wie sie werden zu können – ja, sie waren diejenigen, die das Feuer für die Indianer des Westens in meiner Fantasie entfachten.“

Will Henry gehörte zu den wenigen Westernautoren seiner Zeit, die das Indianerproblem in ihren Romanen von zwei Seiten betrachteten. Indem er die Geschichte von „Chiricahua“ aus dem Blickwinkel zweier Helden erzählt, des namenlosen Drifters und des Apachenscouts Peaches, und auch bei den anderen Passagen ständig zwischen Weißen und Indianern wechselt, gelingt es ihm, ein authentisches Bild der Frontier zu zeigen. Er nimmt sich sogar heraus, beide Seiten als Dummköpfe zu verspotten (25):  

In example, he gave Lieutenant Kensington speaking grandly of the Chiricahua Nation, when the most innocent Apache child knew that all of the Chiricahuas in all bands going down to Pa-gotzin-kay numbered but seven hundred souls. And that, of these, only a hundred and fifty were able fighters, old men to young boys. If one wished to speak of real fighters, Geronimo could mount perhaps seventy-five full warriors. That was the Chiricahua Nation. Santa! Was that not ridiculous?
       But yet wait. There was a man like Geronimo thinking he could defeat the White Eyes with those seventy-five Apache riders. And another Chiricahua man like Lucero believing he could lead the hesh-kes into a new rising of all Apache peoples, such as had destroyed the blackrobe mission so long ago.
      Peaches gestured spontaneously, lapsing into English for purpose of effect on his final summation.
    „Man damnfool any color“, he declared. „Sumbitch!“

Doch seine Sympathien gehören den Indianern, daraus macht er auch in „Chiricahua“ kein Hehl. „As to Will Henry“, sagte er selbst (26), „he rides with the Red Brother. It follows that he must have made a conscious choice in the beginning. It would do him no good to deny it. He never would in any event. His fascination with the nomad tribesmen of Western desert, plain and mountain, is an article of original faith. They were right and we were wrong; simple as that. You pick a dog in a fight, you don’t pick the one on top. You start yelling for the one underneath. It’s the American Way.“

  • (1) 1975 erschienen als Heyne-Taschenbuch Nr. 2400 unter dem Titel „Apachen kennen kein Erbarmen“, übersetzt von Alf Keldun (Pseudonym von Alfred Dunkel) und dabei – wie damals üblich – leider stark gekürzt. Amerikanische Ausgaben haben 269 Seiten (Hardcover) oder 336 Seiten (Softcover), die deutsche Ausgabe gerade einmal 159. 1983 oder 1984 erschien als Band 11 der kurzlebigen Reihe „Super Marken-Western“ sogar eine 66-seitige Heftromanausgabe.
  • (2) Larry McMurtry, 1985 (dt.: „Weg in die Wildnis“)
  • (3) 1960 (dt.: „Weg der Tränen“, 1976, Heyne-Taschenbuch Nr. 2426)
  • (4) 1973 (dt.: „Bis zum letzten Atemzug“, 1976, Heyne-Taschenbuch Nr. 2440)
  • (5) 1990 (Regie: Kevin Costner; dt.: „Der mit dem Wolf tanzt“)
  • (6) Häufig zu lesen ist, dass sein Rufname „Heck“ war. Als „Heck Allen“ soll er auch in manchem Abspann genannt sein.
  • (7) „ausgestattet mit den Grundtugenden Trägheit, Feigheit und unersättliche Gier sowie einer soziopathischen Persönlichkeit, den Skrupeln einer Raubkatze und der Überlebensfähigkeit eines streunenden Hundes“
  • (8) „Ich wohnte in einem Zwei-Dollar-Hurenhaus… Gemäß dem Mietvertrag musste ich immer dann verschwinden, wenn die Mädchen in den hinteren Räumen zu tun hatten, damit ich die Geschäfte nicht störte.“
  • (9) 1950 (dt.: „Cetan Mani“, 1953; „Der letzte Mann“, 1962, Heyne-Taschenbuch Nr. 2007). Kürzlich hat der Apex-Verlag https://www.apex-verlag.de/apex-western/ diesen Roman in einer neuen, ungekürzten Übersetzung unter dem Titel „Keine Überlebenden“ als E-Book heraus gebracht. Vielleicht besteht ja Hoffnung, dass auch „Chiricahua“ nach fast einem halben Jahrhundert in einer angemessenen deutschen Ausgabe erscheinen wird.
  • (10) 1951 (dt.: „Roter Blizzard“, 1953; „Nur ein Halbblut“, 1965, Heyne-Taschenbuch Nr. 2083)
  • (11) 1969 (Regie: J. Lee Thompson; dt.: „Mackennas Gold“)
  • (12) 1959 (Regie: Gordon Douglas; dt.: „Man nannte ihn Kelly“)
  • (13) Einen guten Überblick über den historischen Peaches gibt es hier: https://www.desertusa.com/desert-people/peaches.html
  • (14) 1939 (Regie: John Ford; dt.: „Höllenfahrt nach Santa Fé“)
  • (15) In der Heyne-Ausgabe (S. 22): Als Apache, der zu den Weißen übergelaufen war, wußte der junge Peaches nur allzu gut, daß das Schicksal seines wilden Volkes besiegelt war; die Chiricahuas waren dem Untergang geweiht. Mochten die Apachen selbst zwar die endgültige Macht der Weißen noch immer nicht begriffen haben, so gab sich Peaches in dieser Hinsicht keinen Illusionen mehr hin. … Alle Apachen-Scouts, die bei der Armee registriert waren, verstanden die Situation. Und doch machte Peaches sich immer noch Sorgen.
  • (16) In der Heyne-Ausgabe (S. 18): Für einen Apachen war er von durchschnittlicher Größe; stämmig und kräftig. Unter einer breiten Stirn standen die tiefliegenden Augen ziemlich weit auseinander. Die Nase schien früher einmal gebrochen worden zu sein und wirkte nun schief und platt. Das rechtfertigte den Namen des Häuptlings: Chatto oder chato, also „Plattnase“. An Wildheit im Kampf stand er dem gefürchteten Geronimo kaum nach.
  • (17) „Natürlich kann jemand, der kein Indianer ist, die Indianer nicht so sehen, wie sie es selbst täten. Aber man kann es versuchen, ja, man muss es sogar.“
  • (18) In der Heyne-Ausgabe (S. 16 f.): Do-klini, ein ungewöhnlich großer Mann für diesen Stamm, hatte dem Kutschenfahrer den Pfeil in den Bauch geschossen. Dust Devil, sein Bruder von derselben Mutter, ein sehr kleiner Mann, hatte den zweiten Mann auf dem Kutschbock getötet. Dazu hatte Dust Devil ein Gewehr benutzt.
    Die beiden Krieger Noche und Bosque verhielten sich recht schweigsam. Sie folgten damit dem Beispiel von Nevado oder Weißhaar, so genannt wegen seiner silbergrauen Mähne. Dieser alte Mann beschäftigte sich überwiegend mit den Gesetzen der Apachen und mit all den Dingen, die sein Stamm in ernsten Zeiten tun sollte.
    Der humoristische Teil wurde humorlos herausgekürzt; nichts zu sehen von einem Indianer in langärmeliger roter Unterwäsche.
  • (19) Diese Passage fehlt in der deutschen Ausgabe. Allerdings dürfte sich der Dialog zwischen Peaches und Do-klini nicht auf die weiße Frau, sondern auf Estune beziehen, die gerade ihr Baby verloren hatte.
  • (20) In der Heyne-Ausgabe (S. 29): Chatto nahm das Baby und beobachtete dabei das blasse und leere Gesicht seiner jungen Frau.
    „Ein… Junge?“ fragte er leise.
    „Ja“, sagte sie. „Und ein sehr schöner.“
    Chatto blickte das in eine Decke gewickelte Bündel an und wollte das Gesicht seines Sohnes sehen. Aber dieses Gesicht war nicht vorhanden. Wo es eigentlich hätte sein sollen, hatte eine 50er Gewehrkugel eines Soldaten nichts mehr hinterlasssen.
    Die Stille hier oben wurde zur Qual.
    Schließlich hob Chatto seinen Blick und sah seine junge Frau voller Mitgefühl an. Sanft und behutsam zogen seine dunklen Hände die Decke wieder um das leblose Bündel zusammen. Er bestieg sein Pony und ritt wieder den Hang hinab. Seine junge Frau folgte ihm auf dem Pony des Mescalero-Scouts Bobbie. Die übrigen Apachen machten Platz, um ihren Anführer vorbeizulassen. Niemand blickte die Frau an. Nur einen einzigen Blick warfen sie auf ihren Anführer, der immer noch das leblose Bündel im Arm hielt. Aber niemand würde diesen Moment, diesen Anblick jemals vergessen.
    Chatto weinte.
  • (21) In der Heyne-Ausgabe (S. 71): Beide Männer schwiegen. Beide lauschten angestrengt in die Stille über ihnen, Aber nur das leise Rascheln von trockenem Gras im Wind war zu hören.
    „Sie hassen die Apachen wohl sehr?“ fragte Peaches.
    „Haben meine Frau und mein Kind umgebracht“, antwortete der Satteltramp.
    Peaches nickte. „Meine Soldaten haben vier Frauen und ein Kind der Apachen getötet.“
    „Das ist doch was ganz anderes!“ knurrte der Weiße. „So was passiert nun mal im Krieg.“
    Wieder nickte Peaches. Dann flüsterte er: „Pscht…!“
    Beide Männer lauschten erneut.
    „Kommen Pferde“, wisperte Peaches. „Nicht mehr reden! Nur noch lauschen!“
  • (22) In der Heyne-Ausgabe (S. 149 f.): „Abgemacht“, sagte der Satteltramp, dann drehte er sich nach Pa-nayo-tishn, dem kleinen White-Mountain-Coyote, um, der ihn bisher so gut und geschickt geführt hatte.
    „Peachy…“, begann er, aber das war auch schon alles, was er herausbringen konnte. Da streckte er dem anderen einfach die Hand hin.
    Der Apache ergriff die Hand und war offenbar genauso gerührt. Anschließend schüttelte Peaches auch Clooney die Hand. Sagen konnte er nichts, weder zu seinem weißen noch zu seinem schwarzen Freund. Es lag seinem Stamm nun einmal nicht, Gefühle oder gar Schwäche zu zeigen. Er riß sein struppiges Pony herum und trieb es den Felshang hinauf. Oben angekommen, drehte er sich noch einmal um und winkte nach unten, dann war er verschwunden.
    Pa-nayo-tishn alias Peaches hatte seinen Ritt in die Geschichte begonnen.
  • (23) 1961 (Regie: John Ford; dt.: „Der Mann, der Liberty Valance erschoß“); das Zitat lautet bekanntlich: „When the legend becomes fact print the legend“ (Auch wenn die Wahrheit über die Legende heraus kommt – gedruckt wird die Legende).
  • (24) In der Heyne-Ausgabe (S. 23): Eine Frau atmete noch und kroch unter einer schwerverwundeten Gefährtin hervor. Benommen kam sie auf die Füße. Sie versuchte gar nicht erst, davonzulaufen, sondern stand nur da und bat mit leiser, freundlicher Stimme im Apachen-Dialekt um Mitleid und Gefangennahme. Einer der Soldaten drückte ihr die Gewehrmündung in den Bauch und erschoß sie. Langsam sackte sie zu Boden. Ihre Gefährtin versuchte, nach ihr zu langen und sie zu trösten. Ein anderer Soldat stieg über ein totes Pferd hinweg und erschoß auch diese Frau.
    Dann konnte Peaches keinen Laut mehr hören.
  • (25) Diese Passage fehlt in der deutschen Ausgabe.
  • (26) „Was Will Henry angeht, so reitet er an der Seite des Roten Bruders. Demzufolge muss er am Anfang eine bewusste Wahl getroffen haben. Es stünde ihm nicht gut zu Gesicht, das abzustreiten. Er würde es auch niemals tun. Seine Faszination für die umherstreifenden Stämme der Wüsten, Ebenen und Berge des Westens ist eine grundlegende Glaubenssache. Sie waren im Recht, und wir waren im Unrecht. So einfach ist das. Wenn man einen Hund in einem Kampf anfeuert, dann nicht denjenigen, der obenauf ist, sondern den, der unten liegt. So läuft das in Amerika.“

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