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Nächtlicher Abstecher – Eine Weihnachtsgeschichte

StoryNächtlicher Abstecher
– Eine Weihnachtsgeschichte –

Olava Wick hörte das Getuschel jedes Mal, wenn sie die Norwegisch-Amerikanische Kirche betrat oder mit ihrem Pony zum Gemischtwarenladen in Nickelbo ritt. Die Leute nannten die Hebamme eine alte Hexe wegen ihrer Behandlungen mit und ihren Gebräuen aus Kräutern. Sie sagten, dass sie Dinge wüsste, noch bevor sie passierten. Sie verkniffen es sich zu sagen, sie hätte in Norwegen bleiben sollen, obwohl es in ihrem Alter klüger gewesen wäre, dort zu bleiben, wo ihr Leben gewesen war.

Natürlich zögerten die guten Leute von Nickelbo nicht, nach ihr zu rufen, wenn sie sich einen Knochen gebrochen hatten oder an Fieber erkrankt waren. Auf den Prärien von Dakota war sie diejenige, die am Ehesten so etwas wie ein Arzt war.
Olava seufzte, zog ihren Schal enger vor ihr Gesicht und zwang ihr Pony über den gefrorenen Boden. Vielleicht war sie eine Hexe. Warum sollte sie sonst die junge Mutter und ihr Neugeborenes zurücklassen, um so spät an diesem kalten Heiligabend ein Wagnis einzugehen?
Die Geburt hatte lange gedauert, aber das Baby war gesund. Groß und stark war es, ein wunderschöner Junge. Wie ein Wikinger-Berserker brüllend war er zur Welt gekommen. Was für Lungen! Er hatte eine ungewisse Zukunft vor sich, sogar in Amerika. In Olavas langem Leben hatte sie noch nie ein eukte, ein Bastardkind, kennen gelernt, das mit dem Skandal, dass es überhaupt geboren worden war, fertig geworden war.
Nächtlicher Abstecher – Eine WeihnachtsgeschichteVor ihnen lag der Nickelbo-See, der von Cottonwood-Bäumen wie von Wächtern gesäumt wurde.  Olava ritt auf einem mondbeschienenen Pfad durch einen Ozean mit Eis überzogener Rohrputzer auf den zugefrorenen See. Über ihr blinkten eine Million Sterne. Eine schneeweiße Eule schrie, und man sah die Schatten ihrer gewaltigen Flügelschläge. Ein Wolf heulte ein einsames Lied.
Tiefe Kälte durchdrang ihren Büffelfellmantel. Ihre Füße waren Eisblöcke, als sie das Anwesen auf der anderen Seite des Sees erreichte. Ein schmales Licht zeigte sich unter der Tür des Unterstandes. Als sie versuchte abzusteigen, knarrten ihre bejahrten Gelenke wie alte Scharniere, und feurige Schmerzen schossen durch beide Füße. Sie war zu alt für so etwas.
Sie klopfte an die Tür und rief etwas. Dabei presste sie den Beutel mit ihren Sachen gegen ihre Brust. Niemand antwortete. Sie konnte ihr Gesicht und ihre Hände nicht mehr spüren. Sie pochte nochmals gegen die Tür, wobei ihre schweren Handschuhe das Geräusch dämpften. Langsam öffnete sich die Tür einen Spalt und sprang dann ganz auf.
„Kommen Sie rein“, sagte ein junger Mann. „Kommen Sie rein aus der Kälte.“
Er hatte lange Haare, und ein wilder krauser Bart verdeckte seinen Hals. Seine Augen sahen so rot aus wie sein Bart. Rote Ränder hatten sie, als hätte er gerade geweint. Er wischte sich die Nase an einem Ärmel ab.
„Was machen Sie so spät am Heiligabend da draußen?“ Der Mann wischte mit dem Ärmel über seine Augen und schniefte. „Sind Sie allein gekommen?“
Auf einem groben Tisch brannte eine Öllampe. Der Unterstand stank nach gekochtem Fisch, Kreosot und schmutzigen Socken. Er war so beengt, dass das in die Westwand eingebaute Bett als Stuhl für den in die Ostwand eingebauten Tisch diente. Ein Ofen und ein Holzstapel füllten das hintere Ende. In den Hang eines Hügels hineingebaut bestanden sein Fußboden aus Erde und die Wände aus Lehm.
Olavas Zähne klapperten und ihre Gliedmaßen zitterten, so dass sie nicht sprechen konnte. Sie fror bis auf die Knochen. Sie fingerte an dem Kräuterbeutel, den sie um den Hals trug, hielt ihn an ihre Nase und nahm einen tiefen Atemzug von Kampfer und Knoblauch. Vielleicht würde es genügen, um eine Lungenentzündung zu verhindern.
„Ein frisches Baby“, sagte sie schließlich zwischen dem Zähneklappern. Sie lehnte sich gegen den Tisch, um sich abzustützen. „Eines Tages werde ich Gott fragen, warum Babys so spät abends geboren werden.“ Ihre Worte kamen nahezu im Flüsterton heraus. „Mein Pony lahmt.“
Mit der Schnelligkeit der Jugend kam der junge Mann in Gang. Er steckte Holz in den Herd und öffnete die Klappe des Ofens. „Kommen Sie, wärmen Sie sich auf.“ Er zog einen Baumstumpf zum Herd. „Stellen Sie Ihre Füße in den Ofen. Kümmern Sie sich nicht um gute Manieren.“
Er zog die Decken von seinem Bett und wickelte sie um sie. Vom Saum ihres Rocks tropfte geschmolzener Schnee. Er goss eine Tasse heißes Wasser ein und fügte einen Fingerbreit Aquavit hinzu.
„Kein Wort“, sagte er, als sie gegen den Alkohol protestierte. „Trinken Sie und wärmen Sie sich auf.  Ich werde mich um Ihr Pferd kümmern.“
In einem Schwall kalter Luft ging er hinaus. Sie tadelte sich selbst. Ihr Pony lahmte nicht. Sie hatte einem Fremden eine Lüge erzählt – und das zu Weihnachten. Die Worte waren aus ihrem Mund gekommen, ohne dass sie nachgedacht hatte. Es war leichter für sie, eine Lüge auszusprechen als die harte Wahrheit ihres Anliegens. Sie trank den heißen Grog.
Als die Hitze in ihr Inneres vordrang und das Blut in ihren Adern zu zirkulieren begann, machte sie sich einen Plan für ihre Worte. Sie durfte nicht zu viel sagen… oder zu wenig. Ein Leben hing davon ab, nein, zwei Leben.
„Ihr Pony ist erschöpft“, sagte der junge Mann, als er zurückkam. „Sie müssen die Nacht hier verbringen, und morgen überlegen wir, was zu tun ist.“
„Sie sind sehr freundlich“, sagte sie. Sie sah sich in der engen Behausung um. Sie war in Scheunen gewesen, die sauberer waren. „Aber es gibt wenig Platz zum Teilen.“
„Unsinn“, sagte er. Seine Stimme hatte einen verzweifelten Klang, ähnlich dem Ton, in dem die  neue Mutter ihre wilden Drohungen ausgestoßen hatte. „Wo ein Wille ist, ist immer Platz genug im Haus.“
Das norwegische Sprichwort entlockte ihren Lippen ein Lächeln. Sie nahm wieder einen Schluck und spürte, wie das Feuer des Alkohols ihr Gesicht rötete.
„Sie sind ein Fremder“, sagte sie. Sie starrte ihn mit vorgespielter Strenge an, zog die lange Hutnadel aus ihrem Hut und hielt sie wie ein Wikingerschwert. Der Lichtschein der Lampe wurde von dem dünnen Metallstab reflektiert. „Ich kenne nicht mal Ihren Namen.“ Noch eine Lüge. Sie kannte seinen Namen. „Kann ich mich bei Ihnen sicher fühlen?“ Der junge Mann stand mit weit geöffnetem Mund da. „Ich versichere Ihnen“, sagte er mit einem nervösen Stottern. „Sie brauchen sich keine Sorgen um Ihre Sicherheit zu machen. Ich bin Magnus Madson.“
Sein Unbehagen löste ein Kichern bei ihr aus, das anschwoll, bis sie lauthals lachte. Sie war alt genug, um seine Großmutter zu sein, und weit über das Alter hinaus, in dem sie sich um unerwünschte Avancen von fremden Männern hätte sorgen müssen.
„Sie sollten Ihr Gesicht sehen!“ Sie lachte, bis sie keine Luft mehr bekam und husten musste. „Vor dreißig Jahren hätte ich vielleicht Grund zur Sorge gehabt.“
Er stand da, als wäre er unsicher, was er von seiner Besucherin halten sollte.
„Ich bin Olava Wick“, sagte sie. „Auch aus Norwegen. Allerdings sollten Sie wissen, dass die guten Leute von Nickelbo mich eine Hexe nennen.“
„Sie gackern wie eine Hexe“, sagte er. „Sie sind die alte Ärztin.“
„Das stimmt“, sagte sie und klatschte in die Hände. „Sie sind derjenige, der sich im letzten Herbst mit einer Axt ins Bein geschlagen hat, aber zu stolz war, um meine Hilfe zu bitten – obwohl Sie sie nötig hatten.“
„Es war nicht schlimm“, verhaspelte er sich. Er strich mit seinen Fingern durch seinen Bart und wickelte eine Masse von Locken um sie. „Ich wollte Sie nicht belästigen.“
„Sie haben nicht gefragt, weil Sie kein Geld hatten“, sagte sie. Die jungen Männer waren alle gleich. Mehr Stolz als Verstand.
Er protestierte schwach und nickte dann. „Sie haben Recht. Ich hatte kein Geld.“
„Ich habe noch nie um Geld gebeten“, sagte sie. „Ich habe Babys zur Welt gebracht, Knochen gerichtet und sogar gefrorene Zehen amputiert. Manchmal geben mir die Leute ein paar Eier oder eine Portion Fleisch. Niemand hier auf der Prärie hat Geld. Ich habe noch nie jemanden abgewiesen.“
„Es tut mir leid“, sagte er. „Ich wollte Sie nicht beleidigen.“
„Meine Salbe hätte Ihr Bein im Handumdrehen kuriert.“ Die stolze Art dieses jungen Mannes war in der Gemeinde bekannt. Ein harter Arbeiter, aber stolz. „Ist es verheilt?“
„Fast“, sagte er. „Damals war es nicht so schlimm, nur lästig wegen der Fliegen.“
Sie nahm ihre Füße aus der Ofentür und griff in ihre Tasche. „Hier“, sagte sie, als sie ihm einen kleinen Behälter mit Salbe in die Hände drückte. „Ich mache sie selbst. Manche behaupten, dass sie Zehn-Penny-Nägel aus Brettern zieht, so eine Zugkraft hat sie.“
Er schnüffelte. „Riecht nach Terpentin.“
„Ich werde Ihnen mein Rezept nicht verraten“, sagte sie lachend. „Ich drehe mich um, und Sie können Ihre Wunde behandeln. Sie wird bis Neujahr verheilt sein – wenn Sie es aushalten.“
Sie drehte ihm den Rücken zu und gackerte, als er vor Schmerz keuchte. Es war immer das Gleiche. Die stärksten Männer waren die größten Babys. Eine Frau ertrug manchmal das Kindbett mit kaum einem Wimmern, aber ein Mann war eine andere Geschichte. Sie hatte einen erwachsenen Mann in Ohnmacht fallen sehen, als sie einen Karbunkel durchbohrte. Sie drehte sich rechtzeitig um, um noch zu sehen, wie er seine Hose fest zog.
„Ich merke schon, wie es zieht“, sagte er. Tränen schossen ihm in die Augen, und er rieb sich das Gesicht wieder mit dem Ärmel. „Es ist mein erstes Weihnachtsfest von zu Hause weg.“ Er murmelte die Wörte so leise in seinen Bart, dass sie nur ein paar davon verstand. „Es ist schwer… allein.“
Er zog eine gusseiserne Bratpfanne auf die Herdplatte und warf eine Schweineschwarte hinein. „Sie müssen hungrig sein.“ Der Geruch von brutzelndem Fett erfüllte die Luft. Dann schnitt er Kartoffeln in das heiße Fett und ließ sich ihr gegenüber auf das Bett fallen.
Candace Simar „Ich bin ein Arzt“, sagte sie, „zumindest so nahe dran an einem echten Arzt, wie die meisten Leute hier jemals einem begegnen werden.“ Sie beugte sich vor und schaute in seine blauen Augen. „Ich erkenne in dieser kurzen Zeit, dass Sie Ihr livsgleden verloren haben, Ihre Lebensfreude.“
Er wand sich und versuchte wegzuschauen, aber sie blieb beharrlich. „Streiten Sie es ab, Mr. Madson?“
Er schüttelte den Kopf. „Um die Wahrheit zu sagen, ich bin verzweifelt.“ Er erzählte, wie er von einem Yankee-Pferdehändler betrogen worden war, der ihm sein ganzes Geld abgeschwindelt hatte. Die Geschichte brach so aus ihm heraus, wie das neue Baby vorher in der Nacht zur Welt gekommen war. „Ich halte es nicht aus, hier allein auf der Prärie zu sein und zu hören, wie der Wind unaufhörlich bläst. Ich war dabei, mir einen Strick zu drehen, um mich aufzuhängen, als Sie gekommen sind.“ Er deutete mit seinem Kinn auf ein Seil, das auf dem Erdboden neben dem Herd lag. „Sie sind ein Engel, den Gott geschickt hat, um mich aufzuhalten.“ Er vergrub seinen Kopf in beide Hände und murmelte etwas über die Gebete seiner Mutter. „Sie sind der erste Mensch, den ich seit mehr als einem Monat gesehen habe.“
Sie stellte ihre Füße wieder auf die Ofenklappe und hörte ohne eine Anmerkung zu. Natürlich betete seine Mutter in Norwegen für ihn. Natürlich hatte Gott Olava in dieser Nacht zu seiner Tür geschickt, aber sie war kein Engel. Sie schloss die Augen und beugte sich näher zur Hitze des Ofens. „Ihre Kartoffeln brennen an“, sagte sie mit einem Schniefen. „Es braucht eine Frau, um sich um einen Herd zu kümmern.“
Er sprang auf und rührte die Kartoffeln mit seinem Messer um.
„Sie haben Ihre Jugend, Ihr Stück Land und diesen guten Start in Amerika.“ Sie stand auf und zog ihren Mantel aus. Sie steckte die Hutnadel in den Hut. „Sie wurden von einem Yankee-Burschen übers Ohr gehauen, aber Sie sind von gutem Wikingerblut.“ Sie legte ihren Mantel über das Fußende des kleinen Bettes. „Der Yankee ist noch nicht geboren, der einen entschlossenen Norweger übertrumpfen könnte.“
Er zerschlug ein Ei über den Kartoffeln und rührte wieder um.  Sie verspürte einen plötzlichen Hunger.  Es war lange her seit ihrer letzten Mahlzeit, so beschäftigt war sie mit dem neuen Baby gewesen.
„Ich habe immer mein eigenes Geschirr dabei.“ Sie kramte in ihrer Tasche nach einem Blechteller und einer Gabel. Sie bezweifelte, dass der Mann einen zusätzlichen Teller besaß, und falls er einen hätte, wäre er zu schmutzig, um ihn zu benutzen. Sie streckte ihm ihren Teller hin, und er verteilte das Essen. Sie aßen schweigend. Er aß mit der Messerspitze direkt aus der Pfanne.
Die Lampe flackerte. Wieder das Heulen von Wölfen und das Stöhnen des Windes. Mit einem dumpfen Schlag kam ein Holzscheit im Herdkasten zur Ruhe. Eine Rauchwolke sickerte aus dem rotglühenden Rohr.
„Wir machen alle Fehler“, sagte sie leise. „Es kommt darauf an, wie wir mit ihnen umgehen.“
Er sah ihr mit einem Blick in die Augen, in dem sie einen Hoffnungsschimmer zu erkennen meinte. „Haben Sie ein Heilmittel für jemanden, der seine Lebensfreude verloren hat?“, platzte es aus ihm heraus. Er kauerte vor ihr, als ob er auf einen Tadel wartete.
„Oh ja“, sagte sie. „Ich habe ein Heilmittel, wenn Sie stark genug sind, es anzunehmen.“
„Brennt es wie Ihre Salbe?“
„Also brennt sie doch, oder?“ Sie brach in schallendes Gelächter aus. Egal wie oft sie sagte, dass ihre Salbe wie eine reinigende Flamme wirkte, sie hatte gelernt, dass die Menschen immer wieder überrascht waren. Er nickte. „Wie Feuer.“
„Dann wirkt sie“, sagte sie mit einem selbstgefälligen Lächeln. „Alle meine Behandlungen wirken, wenn man bereit ist, den Schmerz zu ertragen.“ Sie zögerte. „Sie werden bis Neujahr geheilt sein, wenn Sie es aushalten können.“
„Und das Heilmittel für das verlorene livsgleden?“
„Ach ja, das Heilmittel.“ Sie erspürte ihren Weg durch das Gespräch, wie ein blinder Mann seinen Weg in einem dunklen Raum erspürte. Gott schützte die Narren. Sie machte einen Vorstoß. „Zuerst müssen Sie ein Bad nehmen, und ich werde Ihnen die Haare schneiden.“
„Bei diesem Wetter?“ Er machte große Augen und schüttelte den Kopf. „Ich würde mir eine Lungenentzündung und den Tod holen.“ Er stand auf und ging rasch vor dem Herd hin und her. „Es ist spät, und der See ist völlig zugefroren. Ich müsste ein Loch ins Eis schlagen, um an Wasser zu kommen.“
„Es ist Jul“, sagte sie. „Es gibt einen Vollmond.“ Der junge Mann tat ihr leid, aber es musste sein, so wie eine eiternde Wunde gereinigt werden musste. „Jeder wäscht sich zu Weihnachten.“
Er hielt inne. Sie sah, wie er mit ihren Worten rang. Schließlich gab er nach. Er sah nicht glücklich darüber aus. Sie atmete erleichtert auf, als er mit zwei Eimern und einer Axt hinaus ging. In Wahrheit stank er wie ein alter Ziegenbock, und sein Haar hing ihm fast bis auf die Schultern.
Sie schürte das Feuer, bis der Ofen rot glühte. Während sie auf seine Rückkehr wartete, wusch sie ihr Geschirr und räumte den Raum auf. Sie legte einen kleinen Behälter mit Schmierseife auf den Tisch, zusammen mit einer Schere, wie man sie zum Gewinnen von Wolle benutzte. Er kehrte mit einem roten Gesicht und vollen Eimern zum Unterstand zurück. Sein Atem dampfte in der kalten Luft von draußen, Rotz war auf seinem Bart gefroren. Sie stieß einen Warnruf aus, damit er nicht  das kalte Wasser gleich in die Pfanne schüttete. Sie goss zuerst das heiße Wasser in eine hölzerne Schüssel, die sie ebenfalls aus ihrer Tasche zog.
„Nun denn“, sagte sie und fasste die Schere mit festem Griff. „Sie müssen sich Ihren skjegg, Bart, rasieren, und ich werde Ihnen die Haare schneiden.“ Sie betrachtete ihn im Lampenschein. „Wir werden sehen, wie Sie unter all dem Gestrüpp aussehen.“
Er protestierte. „Ohne einen helskjegg, Vollbart, wird mir nicht warm werden.“
„Es ist meine Behandlung“, sagte sie. „Machen Sie mit oder lassen Sie es bleiben.“
Er biss die Zähne zusammen, als sie seinen langen Bart abschnitt. Er strich sein Rasiermesser ab und seifte sein Gesicht ein. Als er seine Wangen rasierte, spürte sie, wie seine Stimmung sich besserte. Vielleicht kam neues livsgleden in ihm auf. Sie schnitt ihm die Haare, während er sich rasierte. Die Locken fielen auf den Boden.
„Wann war Ihr letzter Haarschnitt?“, fragte sie.
„Meine Mutter hat mir die Haare gestutzt, bevor ich Norwegen verlassen habe.“ Sie hörte das Stocken in seiner Stimme. Er schluckte schwer. „Fast ein Jahr.“
Sie stopfte die heruntergefallenen Haare in den Ofen. „Und jetzt baden Sie“, sagte sie. „Haben Sie saubere Kleidung?“
Er wühlte in der Truhe und fand ein zerknittertes Hemd und einen Pullover. Ein sauberes Paar löchrige Socken lag unten in der Kommode und Strickunterwäsche. Ein paar alte Hosen.
„Jetzt überall mit Seife, und vergessen Sie nicht, Kopf und Füße zu waschen.“
Er stand da mit seinen Kleidungsstücken. Sie kicherte. Ein Mann könnte einen Acker bestellen, einen Krieg führen und Berge bezwingen. Aber kein einziger kam mit den einfachsten Haushaltsdingen zurecht, ohne dass eine Frau ihn anleitete.
„Pusten Sie die Lampe aus. Ich werde mich umdrehen“, sagte sie. „Danach werde ich mir anschauen, wie Sie aussehen. Ich hoffe, Sie verstecken in dem Wust hinter all dem Schmutz keine Hässlichkeiten.“
Er lachte nervös und löschte das Licht.
„Mehr Salbe auf Ihre Wunde, wenn Sie sie ertragen können.“
Er platschte mit dem Wasser. Sie konnte nur beten, dass der Lappen auch seine Einsamkeit und Verzweiflung wegwaschen würde. Wirklich, ein Strick zum Aufhängen. Er hatte alles, wofür es sich zu leben lohnte. Er prustete und schnaufte wie ein Pferd, das aus einem Trog trinkt. Sie hörte, wie er sich die Kleidung anzog.
„Sind Sie salonfähig?“ Sie wartete seine Antwort nicht ab. Der Ofendeckel klapperte, und die Lampe flackerte wieder. „Ich hab es doch gewusst“, sagte sie voller Freude. Sie grub wieder in ihrer Tasche und zog einen kleinen Handspiegel heraus. „Hinter diesem Bart versteckte sich ein gutaussehender Mann, ein echter Wikingerbursche.“
Er blickte in den Spiegel. Sie bemerkte den Ausdruck der Zufriedenheit in seinen Augen. Livsgleden begann immer mit einer guten Säuberung.
„Ich hoffe, Sie erwarten nicht, dass ich mit Ihnen das Bett teile“, sagte sie. Sie lachte laut und lange. Die Hoffnung wuchs auch in ihr. Vielleicht war ihre Mission nicht vergebens. „Obwohl Sie gut genug aussehen, um selbst eine alte Witwe wie mich in Versuchung zu führen.“
Seine blanken Wangen erröteten. „Sie können mein Bett haben, und ich werde auf dem Boden schlafen.“ Er zögerte. „Oder ich könnte in die Scheune gehen.“
Nächtlicher Abstecher – Eine Weihnachtsgeschichte„Nicht nötig“, sagte sie. „Bleiben Sie drinnen am Feuer.“ Sie sammelte seine schmutzigen Kleider ein und legte sie in die Pfanne auf dem Herd. „Es wäre schade, das Wasser zu verschwenden. Sie werden die ganze Nacht kochen. Am Morgen werden sie fast sauber sein.“ Sie sammelte ihren Spiegel und andere kleine Gegenstände ein. „Übrigens muss ich etwas gestehen.“
Sie blies das Licht aus. Zugedeckt mit ihrem Büffelfellmantel lag sie auf seinem Bett, während er in Decken eingehüllt auf dem Boden lag. Das Bett stank nach Schweiß und Kuhdung. Die klumpige Matratze drückte immer an den falschen Stellen. „Mr. Madson“, sagte sie. Sie wog ihre Worte ab und entschied sich für das Offensichtliche. „Sie haben vielleicht bemerkt, dass mein Pony nicht lahmt.“
„Das Pferd ist erledigt.“
„Mag sein“, sagte sie. Das Ofenrohr zog sich mit einem Knall zusammen.  „Es pfeift immer auf dem letzten Loch und geht trotzdem weiter. Wie auch ich es muss, selbst in meinem Alter. Aber mein Pferd lahmt nicht.“
„Das verstehe ich nicht.“
„Das Baby“, sagte sie. „Das Neugeborene.“
Die Dunkelheit schützte wie eine zusätzliche Decke. Ein Lichtspalt glühte um die Ofenklappe herum. Irgendwie fielen die Worte in der Dunkelheit leichter.
„Die junge Mutter ist aus Norwegen und neu in Dakota. Sie hat vorher in einer Holzfällerstadt im Osten am Mississippi River gelebt.“ Sie seufzte. „Ein wilder Ort. Tanzsäle und Saloons. Schlechte Männer nutzen an solchen Orten Frauen aus. Besonders, wenn sie alleine und ohne Geld sind.“
Er antwortete nicht. Sie wartete. Hinter dem Holzhaufen raschelte eine Maus.
„Und heute Abend hat sie ein Baby bekommen?“, fragte er schließlich.
„Einen kleinen Jungen ohne Vater und ohne Zukunft“, sagte sie. „Und eine junge Frau ohne livsgleden droht, sich umzubringen und auch ihr Kind.“
Er schnappte nach Luft. Sie hatte den starken Eindruck, dass er wieder an den Strick dachte, der immer noch auf dem Boden lag.
„Ich bin heute Abend gekommen, weil ich gehört habe, dass Sie ein guter Mann sind, der eine Frau braucht.“ Sie holte Luft und fuhr fort. „Mein Mann hat sich in Norwegen aufgehängt.“ Sie machte eine Pause. „Er hatte sein livsgleden verloren.“ Das Ofenrohr knackte, und Magnus atmete scharf ein. „Ich kenne die Abgründe des Lebens. Ich kenne sie gut.“
Sie erzählte, wie die junge Frau ihrem Onkel Bescheid gab, als sie sich in Schwierigkeiten befand. Er schickte Geld, damit sie hierher kam. „Aber er wurde krank und starb, bevor sie ankam“, sagte Olava. „Auf seinem Sterbebett musste ich ihm versprechen, ihr zu helfen.“
„Gibt es keine anderen Angehörigen?“, fragte er.
„Keine in diesem Land“, sagte sie. „Und sie würde nicht willkommen geheißen, wenn sie mit einem Bastard im Schlepptau nach Hause zurück gehen würde.“
„Das glaube ich auch“, sagte er. „Die Menschen sind grausam.“
„Meinen Sie nicht auch, dass eine Frau und eine Familie das Leben lebenswert machen?“, wollte sie wissen. „Eine Frau, die für Sie kocht und Ihr Bett wärmt. Ein Sohn, der aufwächst und auf der Farm helfen kann.“ Sie machte eine Pause. „Sie stecken hier draußen fest und ersticken in Arbeit.“
Er antwortete nicht.
„Sie wäre Ihre Frau, wenn Sie den Großmut hätten, über ihre Sünden hinweg zu sehen und ihren Sohn wie Ihren eigenen aufzuziehen.“
„Ein fremdes Kind?“, fragte er in der Dunkelheit. „Ich glaube nicht, dass ich…“ „… das Kind eines anderen Mannes annehmen könnte?“, unterbrach sie ihn. „Sie können keine Frau heiraten, die eine Vergangenheit hat, mit Sünden, die man verstecken muss?“
„Das ist richtig.“
„Sie können über die Sünden eines jungen Mädchens nicht hinweg sehen, obwohl Sie in Ihrem Stolz hoffen, dass andere Ihnen Ihre Fehler vergeben werden?“
Die Stille wurde lauter als ihr Herzschlag.
„Sie heißt Hannah Lothen. Sie besitzt das Anwesen ihres Onkels, eine Hütte und was an Vieh und Ausrüstung er angeschafft hatte. Sie kann es alleine nicht schaffen.“ Ihre Stimme wurde ein wenig schwer. Wie müde sie sich fühlte. Das musste die Wirkung des Aquavits sein. „Auch Sie können es nicht alleine schaffen.“
„Die Frau und das Kind sind also, womit Sie mein verlorenes livsgleden behandeln wollen?“
„Meine Mittel wirken, wenn Sie sie aushalten können.“
Sie sagte ihm, dass niemand sonst in der Gegend von der jungen Frau oder ihrer Lage wusste. Ihr Onkel hatte Olava zur Verschwiegenheit verpflichtet. „Er sagte, es sei eine Chance für sie, einen neuen Anfang zu finden. Er wollte nicht, dass sie die Last eines Skandals tragen muss.“
„Die Schande wird sie verfolgen“, sagte er. „Ihre Sünde würde nachts zwischen uns liegen.“
„Wir alle tragen Sünden in uns“, sagte sie.
Das Holz kam im Herdkasten zur Ruhe, und eine Rauchwolke sickerte aus dem rotglühenden Rohr. Es war kalt draußen, wie kalt, konnte man sich vorstellen. Ihre Augenlider waren schwer vor Müdigkeit. Sie hatte in der vergangenen Nacht kaum geschlafen, während Hannah in den Wehen gelegen hatte.
„Der Pfarrer kommt übermorgen. Es wird bis zum Frühjahr das letzte Mal sein, dass er hierher kommt“, sagte sie. Ihre Stimme war nur wenig mehr als ein Flüstern. „Lernen Sie Hannah Lothen morgen kennen, und lassen Sie den Pfarrer den Bund besiegeln, solange er hier ist.“
Sie zwang sich, nicht aufzugeben, obwohl sie spürte, wie sein Interesse nachließ. Wieder der Stolz. Er dachte, seine dritt stinke nicht.
„Die meisten werden denken, dass Sie nach ihr geschickt haben und sie bereits Ihr Kind erwartete. Nicht ganz die Wahrheit, aber nicht ungewöhnlich in solchen Zeiten.“ Sie machte einen rauen Atemzug und hustete wieder. „Sie wären nicht der Einzige, der vor der Hochzeit im Dunkeln gemunkelt hätte. Das geht niemanden etwas an.“
„Ist Hannah hübsch?“, platzte er heraus.
„Wenn Sie ein Mann sind, der den Großmut hat, ihr zu vergeben, dann werden Sie feststellen, dass sie die schönste Frau der Welt ist.“ Sie machte eine Pause. „Aber wenn Sie ihr nicht vergeben, wird sie nie gut genug sein, egal wie hübsch ihr Gesicht ist.“ Die Stille vertiefte sich, und sie war fast eingeschlafen, als sie hörte, wie er näher an den Herd rückte.
„Ich habe an Josef und Maria gedacht“, sagte sie mit schläfriger Stimme.
„Ich bin kein Heiliger wie Josef", sagte er. „Ich kann Ihrem Freund nicht helfen.“
„Sie meinen, Sie wollen ihr nicht helfen“, sagte sie. „Wie geht es Ihrem Bein?“
„Ich überlege, nach draußen zu gehen und es in den See zu halten“, sagte er stöhnend. „Es brennt wie Feuer.“
„Gut“, sagte sie. „Es ist am Heilen.“
Als sie das nächste Mal aufwachte, hatte sie von einem schreienden Adler geträumt. Ihre Mutter in Norwegen hätte in dem Traum eine Bedeutung gesehen, vielleicht einen Todesfall oder ein weiteres Baby, das bald geboren würde. Olava wusste nur, dass Mr. Madson sich gegen eine Heirat mit Hannah Lothen entschieden hatte. Ein vergeblicher Weg. Ein Jammer.
Olava erhob sich von dem Bett, schritt über die auf dem Boden schlafende Gestalt und warf mehr Holz in den Ofenkasten. Es war vor Tagesanbruch. Man konnte ihm nicht vorwerfen, dass er nicht den Großmut hatte. Sie seufzte. Hannahs verzweifelte Worte gingen Olava durch den Kopf: „Ich werde ihn ersticken und mich erschießen, nachdem Sie gegangen sind.“ Es wäre Olavas Schuld, wenn sie es bei ihrer Rückkehr so vorfinden würde. Sie hatte einen Fehler gemacht, als sie die junge Mutter allein ließ.
Sie stöberte in ihrer Tasche nach einem Beutel Kaffeebohnen und einer kleinen Mühle. Als er aufwachte, kochte der Kaffee auf dem Herd.
„Frohe Weihnachten“, sagte sie. „Wie geht es Ihrem Bein heute morgen?“
„Besser“, sagte er überrascht, als er sein Hosenbein hochzog und eine kleinere Wunde zum Vorschein kam. „Ihre Salbe wirkt.“
„Meine Mittel wirken alle“, sagte sie. Es war nutzlos, noch einen weiteren Versuch zu unternehmen. „Ich muss mich auf den Weg machen.“
Sie erwähnte die Frau und das Baby nicht. Stattdessen plauderte sie über Skier und Pferde, Getreide und Windpocken. Der Kaffee stärkte sie wie eine kräftige Medizin.
Die Temperatur war stark gefallen, und der Himmel war klar. Nebensonnen flankierten die blasse Sonne, kleine Regenbögen zeigten sich zu beiden Seiten der Sonne, die ein milchiger Klecks in einem blauen Himmel war.
Nächtlicher Abstecher – Eine Weihnachtsgeschichte„Bei so einem Wetter sollten Sie nicht aufbrechen, Mrs. Wick“, sagte er. „Bleiben Sie noch.“
„Ich muss mich auf den Weg machen“, sagte sie. Sie sagte ihm nicht, dass sie zu der Hütte auf der anderen Seite des Sees zurückkehren musste, um zu sehen, ob Mutter und Kind noch am Leben waren. „Irgendwo könnte mich eine arme Seele brauchen.“
Er half ihr, in den Sattel ihres kleinen Ponys zu steigen. Sie sagte nichts über ihr Gespräch am Abend zuvor. Es war nutzlos. Sie hatte versagt. Sie schnalzte mit den Zügeln und winkte über ihre Schulter, als das Pony vorsichtig auf den See trat und dem gefrorenen Pfad durch den Schnee folgte.
Auf ihrem Weg über den See versuchte Olava, sich einen anderen Plan auszudenken. Hannah brauchte einen Mann für die Arbeit draußen. Sie konnte sich nicht sowohl um ein Neugeborenes kümmern als auch draußen arbeiten. Olava kannte keinen anderen Junggesellen in der Gemeinde.  Es gab einen Witwer, aber er war zu alt für das Mädchen, und Olava hatte gehört, dass er zu seiner ehemaligen Frau roh und plump gewesen war.
Sie ritt zur Hütte hinauf. Nicht gerade ein Haus, aber ein Palast im Vergleich zu dem schmutzigen Unterstand in der Nacht zuvor. Ein neuer Ehemann würde das Haus und die Scheune, ein Maultier und eine Schar Hühner erben. Sein Stolz hielt Mr. Madson davon ab, dass ihm die Welt auf einem Tablett serviert wurde. Sie klopfte an die Tür und machte sich auf das Schlimmste gefasst. Vielleicht traf sie auf eine Tragödie. Der kalte Wind schnitt in ihre Nasenspitze und ließ sie tropfen.
Die Tür ging auf. Hannah Lothens blondes Haar wirbelte in unordentlichen Locken um ihr dünnes Gesicht. Sie war hübscher, als es gut für sie war. Möglicherweise wäre ein schlichtes Mädchen von unerwünschten Annäherungen verschont geblieben, oder es hätte zumindest den Verstand gehabt, wilde Versprechungen skrupelloser Männer nicht zu glauben. Sie war in ein riesiges schwarzes Tuch gewickelt, das ein graues Flanellnachthemd fast ganz verdeckte. Unter dem Saum ihres Kleides lugten wollene Socken hervor.
Blaue Augen, so blau wie der Himmel über Ten Mile Lake, sahen sie an. Olava erkannte ihre Traurigkeit, den Verlust von livsgleden. Aber Hannah lebte. Wo es Leben gab, gab es Hoffnung.
Das Baby weinte, und Hannah wandte sich dem Laut zu. „Kommen Sie rein aus der Kälte“, sagte Hannah. „Ich wusste nicht, ob Sie zurückkommen.“ Ihre Aufmerksamkeit konzentrierte sich eindeutig auf das Baby.
Der Junge hatte ein rotes Gesicht und heulte. Das Mädchen saß auf dem Bett und bedeckte den Kopf des Babys mit dem Rand ihres Tuchs. Sie zeigte keine Feindseligkeit gegenüber dem Kind, das mit lautem Schlucken gestillt wurde. Olava hauchte ein stilles Dankgebet.
Ein schwaches Licht strömte durch die Fensterscheibe an der Südseite und fiel auf die Frau und das gestillte Baby. Das Baby stieß auf.
Nächtlicher Abstecher – Eine Weihnachtsgeschichte„Wo sind Sie hingegangen?“, fragte Hannah. „Ich bin aufgewacht, und Sie waren weg.“
Olava wollte es gerade erklären, als es an der Tür klopfte.
„Wer kann das sein?“, fragte Hannah. „Ich kenne hier niemanden.“
Olava brach in ein Lachen aus. Letztlich hatte sie doch richtig gelegen. Sie wusste, wer es war, wer schließlich ihr Heilmittel angenommen hatte. Sie öffnete Magnus Madson die Tür. Seine Haut war vom Wind gerötet. Er hielt seine Skier in der Hand und hatte einen verlegenen Ausdruck auf seinem glattrasierten Gesicht.
„Kommen Sie rein, Mr. Madson“, sagte Olava. „Ich habe Sie erwartet.“
Diese beiden jungen Leute könnten sich sicherlich ein gutes Leben aufbauen, wenn sie zusammenarbeiten würden. Sie könnten in der Hütte leben und beide Stücke Land bewirtschaften. Die bereits gebaute Hütte wäre ein Vorteil. Felder, die bereits bestellt waren. Ein Maultier. Der Pfarrer würde kommen. Es gab viel zu besprechen.
„Wer sind Sie?“, fragte Hannah. „Suchen Sie meinen Onkel?“
„Ich bin Magnus Madson von der anderen Seite des Sees“, sagte er. Er deutete mit dem Kinn auf Olava. „Sie hat mich hergeholt.“
Irgendwie kamen die Worte, die Worte, die gesagt werden mussten. Die Worte, die Magnus offensichtlich sagen wollte, als er Hannah sah. Hannah hielt ihren Blick die ganze Zeit, während er sprach, auf das schlafende Baby gerichtet, und sah nicht einmal auf. Er sagte, dass der Pfarrer kommen würde, und sie könnten heiraten. Erst da hob sie die Augen und sah ihm voll ins Gesicht.
Er reckte seine Schultern und hielt tapfer Hannahs Musterung stand. Er zeigte sich als der feine junge Mann, auf den Olava ihre Hoffnung gesetzt hatte. Gott sei Dank war er zumindest glattrasiert und von seinen fettigen Locken befreit. Keine Frau würde einen schmutzigen Mann zwei Mal ansehen. Olava nahm das schlafende Baby aus den Armen seiner Mutter und trat beiseite. Sie dachte daran zu gehen, hatte aber fast Angst, dass sie, wenn sie sich bewegte, den Bann dessen brechen würde, was vor ihr geschah.
„Glauben Sie, Sie könnten meinen Sohn lieb haben?“, fragte Hannah endlich. Ihre Stimme war so weich und leise, dass Olava sich nach vorne beugen musste, um es zu verstehen.
Eine Wolke wurde verschoben, und ein Strahl der Weihnachtssonne strömte durch das Fenster und machte die Hütte so hell und klar wie ein norwegische Wintertag. Olava übergab das Baby dem jungen Unverheirateten und hoffte, dass er zumindest wusste, wie man einen Neugeborenen hielt. Es war der Augenblick der Wahrheit. Was er als nächstes sagte, würde über ihre Zukunft entscheiden.
„Ein feiner Bursche“, sagte Magnus. Er hielt ihn hoch, dann beugte er sich vor und drückte er ihm einen Kuss auf den Kopf. „Ein richtiger Wikingerjunge.“
Olava sah Hoffnung in beider Augen.

(© für die Übersetzung: R.H. Windeler)

Candace Simar Candace Simar wurde 1953 als Candace Ann Jensen im US-Bundesstaat Minnesota geboren, wo sie noch heute, verheiratet und Mutter zweier Töchter und eines Sohns, in Pequot Lakes lebt. Die Nachfahrin skandinavischer Einwanderer schreibt historische Romane und Kurzgeschichten. Für „Birdie“ erhielt sie den Spur Award 2012 als „Best Juvenile Fiction“, also als besten Western-Roman für Jugendliche.
Mit der hier erstmals in deutscher Sprache veröffentlichten Kurzgeschichte „Night Riding“ gewann sie 2018 den LAURA Award des Verbandes „Women Writing the West“.

Anmerkung des Übersetzers:
Olava Wick ist eine historische Persönlichkeit. Sie wurde 1807 in Norwegen geboren und starb 1904 mit fast 97 Jahren in Minnesota. Man nannte sie „Doctor Gamla“; „gamla“ bedeutet „alt“ und ist zwar nicht norwegisch, sondern schwedisch, aber das erklärt sich daraus, dass es damals in Minnesota Einwanderer aus ganz Skandinavien gab.

Das in der obigen Geschichte noch geheim gehaltene Rezept ihrer berühmten „Olava-Salbe“ ist überliefert:
1 Pfund frische Butter, 1 Pfund Schafstalg, Kolophonium im Wert von 10 Cent, Bienenwachs im Wert von 10 Cent, 1 zerdrückter Zuckerhut, eine Prise Alaunpulver.
Butter im Doppelkessel unter ständigem Rühren schmelzen. Die übrigen Zutaten hinzufügen. Nach dem Abkühlen eine Unze Rigaer Balsam hinzufügen.

Freundlicherweise hat die Autorin dem Zauberspiegel die Veröffentlichung ihrer Kurzgeschichte „Night Riding“ gestattet. Im Original gibt es sie hier als PDF.
Zur Homepage der Verfasserin geht es hier.

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