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Denton - 1. Teil: Viel Grün und kein Netz

StoryDENTON

1. Folge: Viel Grün und kein Netz
„Ach, verdammt, Clyde. Mir ist jetzt erst so richtig bewusst geworden, dass ich nie mehr neue Comics der Avengers und Wolverine lesen werde...“, nöhlte Harv, wobei er den idiotischsten Gesichtsausdruck auf sein Gesicht quälte, den sein beschränktes Repertoire bot.

„Was?!? Wieviel von Deinem Oberstübchen-Porzellan ist denn da zerbrochen?“

 

DentonIch konnte es nicht fassen! Nach all dem, was in den letzten Tagen passiert war, hätte ich von Harv, dieser Knalltüte, wahrlich andere Sorgen erwartet.

„Das sind deine einzigen Sorgen? Ist dir schon mal in den Sinn gekommen, dass du all diese süßen Mädels aus Coopville nie mehr sehen wirst? Dass du nie mehr einen Big Mac zwischen deine warzigen Lippen schieben kannst? Dass du vielleicht an einer stinknormalen Sommergrippe krepieren wirst, wenn Doc Burns den Löffel abgibt oder sein Vorrat an Antibiotika aufgebraucht ist? Hm?“

Harv sah mich gequält und leicht beleidigt an – beides brachte er gekonnt in einer hervorragenden Kombination zustande.

„Mann, Clyde, es doch nur so, dass Wolverine in der letzten Ausgabe von diesen Yakuza-Typen in 1000 Fetzen geschossen wurde und seine Überreste in einen Häcksler geworfen wurden...und...und jetzt weiß ich nicht, wie er wieder aus so einer Scheisse rauskommt!!!“

Ich schüttelte resigniert den Kopf und widmete mich meiner eigentlichen Aufgabe – Tante Trudies Hühner einzufangen. In unserer augenblicklichen Situation waren dieser Hühner wertvoller als Gold. Die Hühner waren verdammt wendige Biester, die mich mit ihrem hässlichen Gekeckere auszulachen schienen. Schließlich gelang es mir eines zu packen, aber mit einem präzisen Schnabelstoß in meine Leistengegend gelangte es wieder in die Freiheit.

„Herrje, Clyde. Hühnergrabschen ist wirklich nicht dein Ding, wah?“

Ich grunzte einen lahmen Fluch in Harv’s Richtung und klopfte mir den Staub von den Hosenbeinen.

„Kuck mal. Da schlurft Garrett ran.“

Garrett hatte seine alte Flinte dabei, die er lässig über die rechte Schulter baumeln ließ.

„Gar nicht clever von euch zwei Nasen ohne Ballermann hier draußen rumzulaufen, eh…“

„Ach was! Ich fang‘ nur die Hühner meiner Tante ein…“

„Na, die Hühner sind ja auch nicht so dolle gefährlich…obwohl…wenn ich mir’s so recht bedenke, wie dich das fette braune überwältigt hat, hehe. Du brauchst vielleicht doch besser ein Narkosegewehr, wie man’s im Zoo bei Löwen verwendet…“

„Garrett, du alter Ziegenarsch…“

Garretts Hohn machte mir auch bewusst, dass wir wohl nie mehr einen Zoo besuchen würden. Ich war mir jedoch nicht sicher, ob wir vielleicht nicht doch demnächst ein paar Löwen zum Kaffeklatsch vorbeikommen würden. Nach all den seltsamen Viechern, die wir in den letzten Tagen im neuen Grüngürtel, der nun Denton umschloß, gesehen hatten.

Aber vielleicht sollte ich mit dieser seltsamen Geschichte von vorn beginnen, ich möchte schließlich niemanden mehr verwirren, als nötig.

***

Ich wachte mit scheußlichen Kopfschmerzen auf, ein Dutzend kleiner Psychopathen mit Presslufthämmern bearbeiteten höchst erfolgreich die Innenseite meines Schädels. Mühsam quälte ich mich hoch, wobei ich mich wunderte wie stickig und feucht die Luft in meinem Schlafzimmer war. Meine Heizung konnte dafür nicht verantwortlich sein, schließlich hatte sich diese Ruine seit ein paar Tagen in einen Todesschlaf verabschiedet, die sie letztlich auf den Friedhof aller Heizkörper bringen würde. Ich wischte mir den klebrigen Schweiß von der Stirn – zum Teufel, war ich krank? Es war Anfang Januar, ich hätte eher Raureif von meiner Stirn kratzen sollen, schließlich hatten’s die Winter in Osttexas gehörig in sich.

Langsam bemerkte ich auch den üblen Gestank, der aus der offenen Tür vom Flur her seinen Weg in meine Nase gefunden hatte.

„Verflucht, Krpyto, das darf doch nicht wahr sein!“

Krypto, mein treuer Gefährte und zugleich faulster Hund der Welt hatte einen fast künstlerisch anmutenden Pfad an Kotze von meinem Schlafzimmer zu meinen weiteren prächtigen Gemächer gezogen.

Kryptos massiger Kopf lugte um die Ecke zur offenen Tür herein. Dabei legte er seinen Standard-Unschuldsblick auf, der sich im Laufe der Jahre zu seiner stärksten Waffe gegen meine Schimpfattacken entwickelt hatte.

Ich stand auf und tänzelte um die Kotzpfützen herum in die angrenzende Küche, um auf diesen Schock erst einmal mit einem ordentlichen Kaffee zu reagieren.

Leider weigerte sich die Kaffeemaschine ihren Job zu erledigen. Ich linste verschlafen auf das rote Kontrolllämpchen, welches leider nicht leuchtete und hakte diesen Vorfall geistig auf meiner Tagesliste-des-Grauens ab.

„Der ganze Fußboden mit Hundekotze gesprenkelt und die Kaffeemaschine kaputt – kann’s heute noch schlimmer kommen?“, fragte ich Krypto, der so aussah, als ob er angestrengt grübelte, ob meine Frage strikt rethorisch gemeint war.

Deprimiert tappte ich zum Kühlschrank, um Milch zu holen und musste feststellen, dass auch der Kühlschrank seinen Dienst versagte und die Innentemperatur desselbigen fast die Schwüle der Zimmertemperatur übertrumpfte.

„Jessas, Maria und Josef! Das kann doch nicht sein! Nicht auch noch Du, mein Sohn Brutus! Kühlschrank, Kaffeetanke und treuester Freund des Menschen haben sich gegen mich verschworen!“

Wieder richtete ich einen kritischen Blick auf Krypto, der sich beleidigt abwandte, um seine Kotze intensiv in Augenschein zu nehmen.

So viel Pech musste ich unbedingt und umgehend Harv mitteilen, einem zweifelhaften Experten für Verschwörungstheorien und unzweifelhaftem Experten für selbst erlebtem Pech – zudem mein bester Freund in Denton (auch wenn dies nicht unbedingt für mich sprach).

Aber leider war auch das Telefon nicht funktionsfähig. Kein beruhigendes Freizeichen erklang aus dem Hörer. Langsam aber sicher wurde mir etwas mulmig zumute. Leicht gereizt holte ich mein Handy, das ich letzte Nacht auf mein fransiges Sofa gepfeffert hatte und spähte auf’s Display: Kein Netz – welche Überraschung!

Ich lugte aus dem Fenster, in der leicht dämlichen Erwartung, einen wuchernden Atompilz zu erspähen, was sich natürlich als Blödsinn erwies. Dennoch hatte der Himmel einen seltsam grünlichen Schimmer, unterlegt mit fasrigen, Granitfarbenen Wolken. Ich ging zur Haustür, wobei ich natürlich nicht an Kryptos kotziger Hinterlassenschaft gedachte und latschte treffsicher natürlich hinein.

Fluchend zog ich nun eine schleimige Spur hinter mir her und trat in den texanischen Januarmorgen hinaus, der sich eher wie ein pappiger Miami-Juli-Nachmittag anfühlte. Ich wohnte am Stadtrand von Denton/Tx, einem 200-Seelen-Kaff, dessen höchste kulturelle Errungenschaft der Zeitschriftenständer der Tankstelle war. Hinter meiner Veranda wuchsen ein paar ausgezehrte Eichen, die einen inzwischen 10 Jahre dauernden Todeskampf angetreten hatten, der sie in einen stockhässlichen und entlaubten Zustand versetzt hatte. An diesem Morgen war jedoch von den Eichen nichts mehr zu sehen. Statt dessen wucherten satt grüne Mammutbäume an meiner Grundstücksgrenze entlang, die jeden Tarzan-Urwald zum poppeligen Schrebergarten degradierten.

Ich rieb mir über die Augen, aber die Bäume blieben an Ort und Stelle.

Ich schüttelte meine Birne und ließ meine Augäpfel kugeln – immer noch der Mordswald.

Ich klatschte in die Hände und gab mir selbst eine Ohrfeige (nicht allzu heftig, ich mochte meine Wangenknochen) – uff – immer noch die grüne Masse.

„Krypto, entweder habe ich einen an der Waffel oder ich habe die letzten 500 Jahre verpennt! Was meinst du?“

Krypto starrte missmutig aus seinen Beagle-Augen und konnte sich nicht recht für eine der beiden Varianten entscheiden.

Ich beschloss, dass Krypto nicht der angemessene Gesprächspartner für eine solche Situation war und machte mich auf den Weg zu Harv’s Bude.

Harv kam dem am nächsten, was man im gewöhnlichen Sinne als besten Freund bezeichnen konnte. Er arbeitete gleichfalls in Conroys Dosenfabrik, drüben in Tyler, nur war er seit zwei Monaten krank geschrieben – er hatte vor, wie er mir feierlich versicherte, den Sachbearbeiter seiner Krankenversicherung in den Wahnsinn zu treiben. Harv war nun kein Genie – zuviel schlechte Comics, noch schlechtere Splatter-Filme und viel schlechtere Ernährung hatte seine Entwicklung in eine solche Richtung zu verhindern gewusst, aber vielleicht hatte er Informationen im Fernsehen aufgeschnappt, warum ein monströser Wildwuchs den Ortsrand befallen hatte.

Als ich so dahin lief, bemerkte ich, dass sich der Urwald , so weit ich sehen konnte, rings um Denton herum zog. Ein Truck und mehrere Autos hatten auf der Zufahrtsstraße angehalten, die Fahrer waren ausgestiegen und schnatterten aufgeregt miteinander und wiesen auf Tarzan’s Dschungelparadies.

Jetzt bemerkte ich auch, dass die Straße vor den neu gesprossenen Bäumen aufhörte.

Ich kam bei Harv’s Bude an, oder besser gesagt, dem Haus seiner Mutter, das er mit seinen 28 Jährchen immer noch okkupierte.

Ich klingelte und Harv’s Mama, für mich natürlich Mrs. Frizzer, öffnete mit jener Miene, die auch ich heute morgen spazieren trug.

„Clyde, mein Junge, ist bei dir auch der Strom ausgefallen? Bei uns geht gar nix mehr, auch mein Gas-Herd tut’s nicht! Und diese Hitze, das ist doch nicht normal, Herrgottjessesnochmal!“

„Ja, Mrs. Frizzer, mein Kühlschrank und das Telefon tut’s auch nicht mehr. Das ist schon’n verdammt seltsamer Morgen! Ist Harv schon wach?“

„Wo denkst du hin! Der Faulpelz kommt vor 12 nicht aus den Federn!“

„O.k., ich rolle ihn mal von der Matraze, wenn sie’s gestatten, Mrs. F.“

„Nur zu, Clyde. Ich setze inzwischen mal einen Kaffee auf. Ojemineh, das geht ja gar nicht…“

Mrs. Frizzer krallte ihre schockroten Fingernägel in den mit Lockwicklern verunstalteten Haarschopf und gab ein enttäuschtes Quiecken von sich, das einer Maus alle Ehre machte.

„Nur die Ruhe, Mrs. Frizzer, das wird schon wieder, bestimmt hat ein Sturm ein paar Strommasten umgesäbelt.“

Ich ging in Harv’s Zimmer, wo er friedlich vor sich hin schnarchte. Auf seiner Bettdecke eine Melange aus verschütteter Cola, Chips-Bröseln und Erdnußbutter-Resten zusammengemixt. Es stank grässlich im Raum und ich lüftete erst einmal das Fenster. Beinah wäre ich über das wilde Durcheinander von Playstation-Controllern, leeren Big-Mac-Schachteln und einem umgestürzten Berg an Comics gestolpert, aber die Angst auf die bekleckerte Bettdecke zu stürzen, hielt mich aufrecht.

„Harve! HARVE, wach auf, die Aliens sind gelandet und wollen dich mit ihren grünen Doppelschwänzen in den Arsch ficken!“

„Whhh….whhhu…cccchhhhr…“

Harv würgte etwas unaussprechlich Garstiges seine Kehle hoch, entschied dann aber Glücklicherweise es wieder nach unten zu schlucken.

„Ucccchhh…Clyde…bist du das?“

„Nein, ich hab‘ nur meinen Astralkörper in diese Stinkbude transferiert. Steh‘ schon auf, Mann. Es gehen Dinge in Denton vor sich, auf die die Idioten vom National Enquirer ihr Leben lang gewartet haben!“

„Sind…chchhh….die Aliens gelandet?“

„Nö, aber wir haben keinen Strom mehr und draußen vor der Stadt ist über Nacht ein prähistorischer Urwald gewachsen.“

„Häh, wegen `nem Stromausfall und Wildwuchs weckst du mich auf?“

„Am Stadtrand stehen 30 Meter hohe Mammuthbäume, so eng nebeneinander, dass dein dünner Arsch nicht zwischen ihnen durchpasst. Außerdem geht kein Telefon mehr, kein Handyempfang, die Straße nach Arness hört vor den Bäumen auf, wie von Gottes großer Schere abgeschnitten, capito?“

„Das muss ich sehen!“

Harv hievte sich aus dem Dreckspfuhl, den er Bett nannte und dann gingen wir nach draußen, vorbei an Mrs. Frizzer, die erschüttert ihre Kaffeemaschine anglotzte.

Wir liefen bis an das Ende der Straße, wo sich schon einige andere Einwohner von Denton eingefunden hatten, die das große Mysterium in Augenschein nahmen.

„Schau dir das an, Harv: Der Asphalt hört einfach auf, wie von einem Lineal gezogen!

Und gleich dahinter fängt’s an zu wuchern…“

Aus der Nähe wirkten die Bäume noch gewaltiger. Farne so groß wie Festzelte wickelten sich um vieler der Riesen. Die monströsen Äste der Bäume hatten sich jeweils ineinander verflochten, so dass die Bäume wie ein einziges organisches Lebewesen wirkten.

„Potztausend. Beim Bart des Propheten. Bei Danny Kayes heiliger Lachprothese, das gibt’s doch nicht.“, grunzte Harv.

Ich nickte nur, ging in die Knie und befühlte den fransigen Rand des plötzlich endenden Straßenasphalts.

„Ich träume eine nicht gesendete Akte-X-Folge. Komm‘, lass uns sehen, ob der Wald um ganz Denton `rum führt, Clyde.“

Wir ließen die anderen Leute stehen, die wild miteinander diskutieren und liefen los und hielten erst wieder vor Roger Cobb’s Tankstelle an, wo die Straße in entgegen gesetzter Richtung, nach Norden, wieder aus Denton heraus führte.

„Heiliges Kanonenrohr! Bei Clark Kents stählernem Pimmel!“

„Es ist, als ob die Götter mit einem riesigen Zirkel einen Kreis um Denton gezogen haben, es ausstanzten, hochhoben und in einen vorzeitlichen Urwald plumpsen ließen.“, sagte ich zu Harv.

„Ach, welche Götter würden so’ne Scheiße wohl machen?“

„Götter, mit einem kruden Sinn für Humor?“

„Vielleicht müssen wir uns nur durch dieses lustige kleine Wäldchen sägen und dahinter fängt die Straße nach Seven Oaks wieder an.“

Ein markerschütterndes Knacken ließ mich und Harv zusammenzucken.

„Was war das?“

„Klingt als ob Giant-Man sich einen Weg durch das Unterholz bahnt…“

Harv’s Grinsen zu seinem Kommentar war entschieden zu wacklig.

Wieder erfolgte das Geräusch von splitternden Ästen und einem Schleifton, als würde sich ein dreistöckiges Haus auf Beinen die Äste entlang winden.

„Lass uns verschwinden, Harv. Was immer da drin ist…es scheint auf uns zuzukommen.“

DentonDie weiteren Folgen:
2. Folge: Fliegende Köpfe und verpasste Termine
3. Folge: Ein Kratzen am Fenster
4. Folge: Bestandsaufnahmen und eine Einkaufstour
5. Folge: Neue Regeln
6. Folge: Todesfälle und einige andere Probleme
7. Folge: Eine Palisade, Gruben und eine Jagdpartie
8. Folge: Neue Freunde?
9. Folge: Sklaven

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