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Eine rauschhafte politische SciFi-Parabel - »Der Wilde Planet«

Der Wilde PlanetEine rauschhafte politische SciFi-Parabel
»Der Wilde Planet«

Irgendwo da draußen in den unendlichen Weiten des Weltall haben die geradezu riesenhaften blauen Draags nicht nur einen technologischen Höchststand erreicht, sondern gerade auch auf der Ebene der Spiritualität einen gewaltigen gesellschaftlichen Sprung gemacht. Nur hatte man ehemals einmal vom Planeten Terra auch vergleichsweise winzige Menschen mit auf die Heimatwelt Ygam gebracht, die man nur Oms nennt. Doch das Miteinander von Draags und Oms verläuft kaum wirklich glücklich.

Der Wilde PlanetDenn für die Draags sind die Oms eher Ungeziefer, welches man allerdings auch bisweilen dem Nachwuchs als Haustiere zubilligt. Und so besitzt auch das Draag-Mädchen Tiwa so einen Om-Jungen, den sie noch recht jung erhalten hatte, und wo ihr Vater zuerst kaum glaubt, dass dieser schwächliche Om mit Namen Terr überhaupt lange überleben wird. Aber schließlich soll durch die Haltung und Aufzucht von Terr Tiwa eben auch Disziplin und Verantwortung erlernen.

Und damit der heranwachsende Terr seiner Besitzerin auch nicht entkommen kann, legt man ihm eine Art Halsfessel an, mit der man ihn wie bei einem elektrischen Magneten wieder zurückziehen und somit von einer Flucht abhalten kann. Terr muss sich also, ob er nun will oder nicht, sich erst einmal mit seiner Situation abfinden. Doch eben diese Situation hat aber auch ihre Vorteile. Denn so gelingt es Terr mittels eben dieses Halsring auch heimlich, bei Tiwas Lektionen des Lernens an einem besonderen Gerät teilzuhaben.

Und während Terr sich so heimlich das Wissen der Draags aneignen kann, wächst er zu einem starken jungen Mann heran. Tiwa indessen wird ebenfalls älter und ist nun oft über Tage hinweg nicht mehr in seiner Nähe, um sich verstärkter der spirituellen Meditation hinzugeben.

Damit gelingt es Terr samt dem "Lerngerät" auch, endlich die Flucht zu ergreifen, da eben niemand außer Tiwa wirklich auf ihn geachtet hatte. Und schon kurz darauf wird er von einem wilden Om-Mädchen aufgefunden, die mit weiteren freigelassenen Oms in Freiheit lebt. Auch hilft sie ihm, das gefürchtete Halsband zu entfernen. Eine ganze Weile leben Terr und die anderen Oms auch eher unbehelligt, wobei er mit Hilfe des "Lerngerät" auch versucht, den anderen Oms sein gewonnenes Wissen von den Draggs zu vermitteln.

Doch der bisherige Friede hält nicht lange, denn die Draags versuchen die Oms im Park nun auszurotten, da man sie eigentlich nur als Schädlinge betrachtet, die es zu vernichten gilt. Damit jedoch eskaliert die Sache, als eine Gruppe flüchtender Oms auf zwei Draags am Rande des Park treffen und diese riesenhaften Wesen sogar töten können, da sie von ihnen ja auch angegriffen wurden. Dies werden die Draag den weit niederen Oms natürlich kaum durchgehen lassen und setzen nun alle ihre technischen Möglichkeiten ein, um die Oms nun völlig von ihrem Planeten zu tilgen. Und so versuchen die Oms vorerst geschützt auf einem Technikfriedhof, aus eben den vorgefundenen technischen Mitteln zwei Weltraumraketen zu bauen, um einen Satelliten der Draags anzufliegen, auf dem sie dann auf tanzende steinerne Statuen treffen. Und diese sind für die Draags besonders wichtig, denn ihr Bestand sichert den Draags nicht nur die wichtige tägliche Meditation, sondern auch ihre Fortpflanzung. Und da die Oms aus Angst, von den tanzenden Steinfiguren zertreten zu werden anfangen, diese durch ihre selbstgebauten Laserwaffen zu zerstören, bleibt den Draags nichts anderes übrig, als mit den Oms nun Frieden zu schließen und sie auch als Lebenwesen mit eigenem Bewusstsein und Intelligenz anzuerkennen. Und so erhalten die Oms seitens der Draags dann einen weiteren künstlichen Satelliten, den sie nun als ihre Heimat in Frieden bewohnen können.

Der Wilde PlanetMan merkt dem Film natürlich Heute ...
... die 1970er Jahre in seiner Machart und Umsetzung an. So wirken die Bewegungen der animierten Figuren nicht selten etwas hölzern und es fehlt durchgehend an einer Dynamik, die Zeichentrickfilme heutiger Zeit eben durchaus auszeichnet, sofern man nicht gleich auf CGI-spezialisierte Animationsfilme wie etwa bei TOY STORY oder DIE MONSTER AG (beides Pixar/Disney) übergegangen ist.

Trotzdem kann diese französisch-tschechoslowakische Koproduktion gerade mit seinem rauschaften Surrealismus und den mitunter auch albtraumhaften Bildern auch Heute noch ordentlich punkten. Das ganze wird dann auch noch mit psychedelischen Jazz-Kompositionen seitens Alain Goraguer auch weiter zu einem kleinen SciFi-Kunstwerk intensiviert. Und bei diesen rauschhaften Bildern mit ihren durchaus abstrusen Tierwesen, die wohl alle auf diesem seltsamen Planeten der Draags leben, kommt einem auch mitunter schon mal ein ganz klein wenig der Vergleich mit bildhaften Werken surrealistischer Maler wie Salvador Dali, Hieronymus Bosch oder Rene Margritte in den Sinn, wo sich mitunter selbst das real Vorhandene sich in etwas völlig bizarres umwandeln kann.

Der Film DER WILDE PLANET (französischer Originaltitel: La planete sauvage/1973) unter der Regie von Rene Laloux, der auch gemeinsam mit Roland Topor das Drehbuch verfasste, ist in Deutschland auch unter dem Alternativtitel DER PHANTASTISCHE PLANET zu sehen gewesen.

Meinen ersten Kontakt zu diesem wirklich außergewöhnlichen Zeichentrickfilm DER WILDE PLANET hatte ich durch die erste Fernsehausstrahlung  im April 1978 um 23:20 Uhr im ZDF (Info aus DER SPIEGEL/Internet-Artikel). Unter dem Titel DER PHANTASTISCHE PLANET kam der SciFi-Zeichentrickfilm dann 2008 auch erstmalig als DVD für das Heimkino auf den deutschen Markt.

Der Wilde PlanetDie Uraufführung wiederum erfolgte am 11. Mai 1973 auf den Internationalen Filmfestspielen in Cannes.

Vordergründig mag der Film DER WILDE PLANET durchaus zuerst recht schlicht herüberkommen. Doch dies täuscht, denn ein Zeichentrickfilm für Kinder ist DER WILDE PLANET wirklich nicht und ist deshalb zuerst auch etwas umstritten betrachtet worden. Denn der Film transportierte natürlich auch durchaus Aussagen und Kritiken zur realen Gesellschaft, die auch von Erwachsenen nicht immer als schnell verdaulich betrachtet wurden. Denn indem man hier die Menschen sprichwörtlich auf eine minimale Größe schrumpft und von der Spitze der Nahrungskette entfernt, hält man ihnen auch gleich einen recht kritischen Spiegel ihres eigenen destruktiven Verhalten vor.

Die Frage stellt sich also, wie geht ihr mit dieser Erde und allem was darauf lebt um und wie würde es euch gefallen, wenn auch ihr plötzlich der überheblichen bis gedankenlosen Willkür von einer weit höheren Spezies ausgesetzt wärt? Und so hat eben der Film DER WILDE PLANET auch eine klare politische Lesart, welche sich eher nur der Mittel des phantastischen Film bedient um sich dann ohne Umwege direkt an ein erwachsenes Publikum zu richten.

Man könnte auch sagen, dass hier recht unterhaltsam und für die damalige Zeit recht außergewöhnlich die politischen Fragen um Unterdrückung und Freiheit, wie aber auch die Rechtfertigung des Widerstand, aber eben auch der gedankenlose Umgang mit dieser Welt umgesetzt wurde.

Der Wilde PlanetMein Fazit:
Nun, diesmal wird es wohl ein etwas kürzerer Artikel von mir. Aber bei dem französisch-tschechoslowakischen Zeichentrickfilm DER WILDE PLANET bringt es nicht wirklich viel, hier auf die vielen Einzelheiten einzugehen und diese zu umschreiben, da es sich hier um ein Werk handelt, welches man ganz einfach selbst gesehen und auch auf sich einwirken lassen sollte.

Und auch wenn der Film am Ende offenbar ein eher sehr schnell abgehandeltes Happy End für die Oms transportiert, so trägt die Handlung doch über die gesamte Laufzeit trotzdem einen eher finsteren Pessimismus, welcher auch der Niederschlagung des Prager Frühlings geschuldet sein konnte, der erst wenige Jahre zurücklag.

Der Wilde PlanetUnd hier liegt eigentlich auch der einzige entscheidende Kritikpunkt. Denn am Ende stellt man sich nicht wirklich den aufgeworfenen politischen Fragen und führt sie nicht wirklich konsequent zu einem klaren Ende. Vielmehr zieht man sich hier mit einem recht kurzem und unbefriedigendem Abschluss der Handlung eher aus der Affäre, statt eine wirklich zielführende Auflösung auch hinsichtlich der politischen Aussagen innerhalb des Film zu finden, die ja eigentlich nur über die Filmhandlung hinaus transportiert, erst einen wirklichen Sinn ergeben.

Was den Film aber eben doch wirklich sehenswert macht, wenn man mal davon absieht, dass die Handlung zu mindestens 70 Prozent als Transportmittel politischer Aussagen gedacht war, sind die eigentlich recht einfachen und doch seltsam berauschenden Bilder, die eine ganz eigene, sehr phantastisch-surreale Wirkung entfachen können. Das ganze ist dann auch recht positiv verbunden mit der ebenfalls eher ungewöhnlichen musikalischen Untermalung. Und genau dieses Zusammenspiel sorgt selbst jetzt noch dafür, dass dieser Zeichentrickfilm für ein damals erwachsenes und politisch waches Publikum von 1973, auch heute noch ganz tief ins Gedächtnis der Zuschauer einzuprägen vermag. Und schon deshalb sollte man als Filmfreund an diesem kleinen Meisterwerk des phantastischen Animationsfilm nicht achtlos vorbeigehen, dessen politische Grundaussagen auch Heute noch an Aktualität kaum eingebüßt haben.

Der Wilde PlanetDer wilde Planet
(La planete sauvage)
Deutscher Alternativtitel: Der phantastische Planet
Regie: Rene Laloux
Drehbuch: Roland Topor, Rene Laloux
Produktion: S. Damiami, A. Vallio Cavaglione
Musik: Alain Goraguer
Genre: Science Fiction
Laufzeit: 72 Minuten (BD)
DVD/FSK: 12 Jahre
Extras: Zwei Farbkorrekturen des Films, Kurzfilme "Les escargots" und "Comment Wang-Fo fut sauve", englischer Trailer
Vertrieb: Alive
Frankreich/Tschechoslowakei 1973

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