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Irgendwo zwischen Drama und Horror - »Relic - Dunkles Vermächtnis«

Relic - Dunkles VermächtnisIrgendwo zwischen Drama und Horror
»Relic - Dunkles Vermächtnis«

Es ist ein ziemlicher Schock für Kay und ihre Tochter Sam, als plötzlich ihre Mutter, die verwitwete Rentnerin Edna eines Tages scheinbar spurlos verschwindet. Und so eilen Kay und ihre Tochter gleich aus der Stadt in den entlegenen Landstrich, in dem Edna in einem recht großen Haus völlig alleine lebt. Gleich wird dort dann auch eine Vermisstenanzeige aufgegeben, schließlich ist man in großer Sorge um die alte Frau, die direkt am Rand der dunklen Wälder lebt.

Relic - Dunkles VermächtnisNatürlich werden dann auch sofort Suchaktionen genau in diesen Wäldern eingeleitet, bei denen sich Kay und Sam natürlich ebenfalls beteiligen. Doch egal was sie auch machen oder wo sie auch suchen, von Edna ist nicht die geringste Spur zu finden.

Zwar findet man nicht den kleinsten Hinweis bezüglich eines Grundes für ihr Verschwinden, dafür tauch jedoch Edna selbst genauso plötzlich wieder auf, wie sie auch verschwunden war. Doch wo sie während der ganzen Zeit gewesen war, oder was sie in dieser Zeit getan hatte, darüber kann Edna scheinbar keine Aussagen machen. Und überhaupt weist das Gedächtnis der alten Frau ganz allgemein sehr besorgniserregende Lücken auf.

Kay und Sam sind sich zwar im Klaren darüber, dass man so die alte Frau nicht einfach wieder ihrem Schicksal überlassen kann. Nur wie man ihr in Zukunft helfen will, da gehen bei Tochter und Enkelin die Meinungen doch noch irgendwie recht weit auseinander.

Da fallen ihnen auch nicht die verschiedenen und zuerst kleinen Seltsamkeiten wirklich auf, die sich allerdings recht bald zu steigern wissen. Denn überall im Haus scheint sich an den Wänden ein schwarzer Schimmel auszubreiten und Edna wiederum reagiert mitunter auf recht aggressive Art. Dabei scheint ein buntes Fenster in der Eingangstür zu Ednas Haus ebenfalls eine gewisse Rolle zu spielen. Denn dieses Fenster war bereits im früheren Blockhaus der Familie gewesen, welches jedoch vor vielen Jahren abgebrannt ist.

Als Kay und Sam dann wirklich begreifen, dass hier im Haus etwas ganz und gar nicht stimmt, nimmt der eigentliche Schrecken jedoch auch schon enorm an Fahrt auf.

Relic - Dunkles VermächtnisHaunted House Horror als Grundlage:
Nun, der Haunted House Horror erfeut sich ja nun schon sowohl im Film als auch im literarischen Bereich einer beständigen Beliebtheit. Dies liegt auch schlicht daran, weil das eigene Heim eigentlich immer als ein sicherer Zufluchtsort betrachtet wird, wo man sich in Sicherheit wiegen kann.

Da ist es dann natürlich besonders beängstigend, wenn das Böse einen gerade an diesem Ort heimsucht. Lässt doch schon der Gedanke daran einen frösteln, weil die Aussage dahinter doch dann nur bedeuten kann, dass wirkliche Sicherheit niemals und nirgendwo wirklich existieren kann. Um - und hier bleiben wir schlicht einmal beim Film als Medium - hier aber weiterhin für die ZuschauerInnen die nötige Spannung und den entsprechenden Nervenkitzel zu garantieren, sollte man auch im Hounted House Bereich es tunlichst vermeiden, immer die gleichen Pfade des Handlungsverlauf zu beschreiten, der nutzt sich schließlich unabhängig vom Genre selbst, eben durchaus irgendwann ab.

Ansonsten darf man auch durchaus filmisch auf bewährte Elemente und Muster zurückgreifen, muss sie innerhalb der Gesamthandlung jedoch dann so einsetzen, das sie sich von ähnlichen Filmen des Subgenre trotzdem in einer bestimmten Weise wieder abheben.

An anderer Stelle wiederum versucht man natürlich auch zu experimentieren. Diese Experimente wiederum können recht überraschend gelingen, aber können auch die ZuschauerInnen merklich gespalten zurücklassen. Im schlimmsten Fall kann so ein filmisches Experiment allerdings auch ein totaler Flop werden. Das Prinzip dahinter ist in jedem Fall jedoch kein schlechter Ansatz, denn es dürfte wesentlich schwerer sein, mal eben etwas vollkommen neues aus dem Hut zaubern zu können, was so noch nie da gewesen ist. Dabei ist das Prinzip, einfach ein recht bekanntes Element wie etwa ein düsteres Haus zu nehmen, um daraus dann aber etwas völlig eigenes und eben auch überraschend anderes gestalten zu können, auch nicht gerade immer eine Schnellstraße des Erfolg.

Relic - Dunkles VermächtnisIn Sachen Experimente, in denen man bekanntes mit eventuell neuem mischt, fallen mir persönlich gerade Filme ein wie HEREDITARY - DAS VERMÄCHTNIS (2018) oder eben DER BABADOOK (2014). Nun kann ich hier leider nicht wirklich viel über den Film HEREDITARY - DAS VERMÄCHTNIS als ein solches Beispiel sagen, weil ich ihn schlicht selbst noch nicht vollständig gesehen habe (außer dem Trailer), sondern eigentlich bisher nur allgemeine Filmvorstellungen und entsprechende Rezensionen darüber gelesen hatte. Beim Film DER BABADOOK jedoch kann ich mir eine persönliche Meinung bilden und damit auch einen gewissen Vergleich ziehen, weil sich dieser Film in meiner Sammlung befindet. Und mal ehrlich, um den Film DER BABADOOK gab es ja einen gewissen Hype, der auch durch die üblichen gut bezahlten Filmkritiker unterfüttert wurde. Irgendwann kam dann wohl auch mal die Idee einer Fortsetzung ins Spiel. Doch schneller als gedacht wurde es recht still um DER BABADOOK, denn er hatte wohl doch die Zuschauer etwas gespalten zurückgelassen. So gibt es die einen, die ihn als recht innovativ auch weiterhin bejubeln, aber auch andere (wie ich), die der Gesamthandlung und seinem Aufbau irgendwie nicht recht viel abgewinnen können. Ein paar nette Szenen reichen eben nicht aus, um mich als Zuschauer durchgehend immer auf einem begeisterten Niveau zu halten. Genau genommen schien er mir sogar an gewissen Stellen mitunter zu wirr und gleichsam aber auch unspektakulär, das ich schon nach dem ersten Drittel immer mehr das Interesse an dem Film verlor. Was hat das aber mit dem Film RELIC - DUNKLES VERMÄCHTNIS zu tun?

Nun, auch hier nimmt man durchaus recht ansprechend das bekannte Element des eigenen Hauses als Teil einer wachsenden Bedrohung, der man schlicht kaum noch ausweichen kann. Na ja, eigentlich kann man hier dem Bösen überhaupt nicht ausweichen, denn die Bedrohung im Hause findet eigentlich ja im Kopf statt und nennt sich fortschreitende Demenz. Man kann natürlich auch Alzheimer sagen, welche ja ebenfalls eine spezielle Form der Demenz ist. Und diesem Schrecken, welcher einen immer mehr in die Finsternis des Vergessens stößt, indem es uns systematisch jeglicher Erinnerungen beraupt, entkommt man bekanntlich nicht. Das mag durchaus nicht zum lachen sein, aber ein Witz hierzu drückt es leider treffend aus, denn mit Alzheimer trifft man jeden Tag immer wieder völlig neue Leute.

Da ist dann in RELIC - DUNKLES VERMÄCHTNIS auch der schwarze Schimmel an den Wänden des Hauses eigentlich nichts anderes, als der bildhafte Ausdruck einer Krankheit, die immer mehr alles mit Dunkelheit überlagert. Nur eben das Fenster in der Eingangstür stellt da für Edna noch eine gewisse Verbindung zu ihrer Vergangenheit her, weil sie dieses eben bereits als junge Frau kannte. Und ist dieses Fenster erst einmal vom schwarzen Schimmel überlagert, dürfte auch das Ende für Edna selbst wohl gekommen sein.

Relic - Dunkles VermächtnisSo weit, so gut:
Nun haben wir hier aber auch Ednas Tochter Kay und auch ihre Enkelin Sam, die wohl zur Zeit erst einmal kaum wirklich mit einer solchen Krankheit zu kämpfen haben und doch innerhalb der Handlung besonders im letzten Drittel mit den Seltsamkeiten im Haus von Edna zu tun bekommen.

Edna scheint plötzlich am ganzen Körper immer mehr Wunden zu erhalten, die zwar nicht bluten, die aber ebenfalls vom schwarzen Schimmel befallen zu sein scheinen. Und Sam, das jüngste Mitglied der Familie verirrt sich plötzlich in den Räumen und Gängen des Hauses, welche auch bald sich scheinbar bedrohlich zusammenziehen und wo es schier keinen Ausgang mehr gibt, es sei denn, man hämmert sich gleich selbst durch die nächste Schwachstelle in einer Wand.

Das wirkt in so manchen Szenen durchaus recht guselig, fasst wie die schaurige Umsetzung eines Albtraums, den man vielleicht selbst als Zuschauer hätte träumen können. Es mangelt so also eigentlich nicht an recht guten bis sogar irgendwie inovativen Szenen in diesem Horrorfilm, der am Ende dann aber wohl eher einem Drama näher zu stehen scheint.

Leider kränkelt trotz ein paar recht gruseliger Szenen und einem durchaus interessanten wie aber auch sehr realistischem Hintergrund der eigentlichen Handlung der Film RELIC (um den Titel hier mal abzukürzen) an ähnlichen Stellen für mich wie eben auch der Film DER BABADOOK. Denn RELIC kommt trotz einer recht düsteren Atmosphäre und eben so manchen gut in Szene gesetzten Gruselelementen nicht an der Tatsache vorbei, dass die Handlung gesamt betrachtet recht bald ebenfalls recht wirr und auch mitunter völlig unlogisch erscheint. Das Großmutter Edna sich innerhalb des Films als eine Frau mit extremem Gedächtnisschwund darstellt, bekommt man als Zuschauer ja durchaus recht flott mit. Das dieser geistige Rückgang jedoch auch der eigentliche Dreh- und Angelpunkt der dargestellten Gruselszenen ist, habe ich allerdings auch nach zweimaligem sehen des Films erst dann wirklich verstanden, als ich eine entsprechende Rezension im Internet gelesen hatte, die sich eben genau der Verbindung von Horrorelementen und dem Thema Demenz  in dem Film RELIC angenommen hatte.

Der Film ist entsprechend von der Regisseurin Natalie Erika James, die hier auch als Co-Autorin auftritt nämlich leider nicht mit möglichen Handlungsfäden ausgestattet worden, die es den ZuschauerInnen ermöglicht, diese aufnehmen zu können, um dem Hintergrund der Handlung dann auch entsprechend folgen zu können.

Wenn dann im Film Edna erzählt, das mit dem Haus iregendetwas nicht stimmt, weil es sich seltsamer Weise negativ verändert, dann hat nämlich leider auch der Zuschauer kaum die Möglichkeit, hier eine gewisse Trennung zu finden, ob es sich hier denn nun um reale Veränderungen handelt, oder ob es sich hier schlicht bereits um ein Element des geistigen Verfall von Edna dreht. Im Grunde ist der gesamte Handlungsablauf von RELIC auch schon so gestaltet, dass man es sich als Zuschauer schon verkneifen sollte, sich was schnell aus der Küche zu holen, oder die Toilette aufzusuchen. Denn die Handlung selbst gibt hier sehr oft den warnenden  Eindruck, dass man hier recht schnell den roten Faden verlieren könnte. Das Problem ist jedoch leider, das man eigentlich immer nur einzelne Fäden, aber nie einen konstanten roten Faden in Händen hält.

So wartet man leider dann auch als Zuschauer irgendwann auf ein Finale, welches den Schrecken im Hause von Edna etwas erklärt. Aber Edna verliert mit Hilfe von ihrer Tochter Kay erst einmal ihre Haut und mutiert so zu einer Art schwarzen Mumie und dann kommt noch Sam ins Schlafzimmer, die Kay vorher noch aus dem Horrorhaus herausgeschoben hatte (scheinbar um wenigstens sie zu retten) und alle Drei legen sich dann stillschweigend hintereinander ins Bett. Wer ab da nun noch auf eine Auflösung der Handlung wartet, der dürfte wohl jetzt noch vor dem Fernseher sitzen, denn mehr Auflösung gibt es schlicht nicht. Und so kommt man zuerst einmal draüber ins grübeln, was einem nun das Ende und damit auch der gesamte Film nun eigentlich sagen wollte.

Relic - Dunkles VermächtnisMein Fazit:
Der Ansatz war schlicht für ein Filmdebüt seitens Natalie Erika James nicht schlecht. Alzheimer ist nämlich nicht lustig. Eigentlich ist es sogar sehr vergleichbar mit dem Kampf gegen einen inneren Dämon, der einem langsam alles nimmt, was das eigene Leben einmal ausgemacht hat, den man aber auch mit einem Exorzismus nicht mehr los werden wird.

Auch die Darstellerinnen waren hier durchaus in ihrem Spiel auf einem recht guten Level, auch wenn sie nicht unbedingt wirklich dazu taugen, von seiten der ZuschauerInnen einfach als symphatische Charaktere eingestuft zu werden. Nur fehlte es hier zum allgemeinen Verständnis der Gesamthandlung leider, dass die ZuschauerInnen irgendwo einen brauchbaren Ansatz geboten bekommen, um eventuell auch nur halbwegs während des Films nachvollziehen zu können, dass der gesamte Horror seitens Großmutter, Tochter und Enkelin längst nicht mehr wirklich im Haus stattfindet, sondern eigentlich im Kopf von Edna, wo langsam alle Lichter von der Erkenntnis bis zur Erinnerung verlöschen und so alles eben nur noch bedrohlich erscheint.

Mein Fazit ist daher, das einem die besten innovativen Ideen, eine entsprechende tragische Grundhandlung und eine kontroverse Form der Darstellung nichts nutzen, wenn die Handlung so wirr gehalten wird, dass man als Zuschauer eigentlich kaum einen wirklichen Zugang zur Handlung und damit auch zur Thematik selbst findet. Denn (nicht nur) am Ende einen Zuschauer mit einem wahren Füllhorn von Fragen zurückzulassen, ist keine wirkich gute Ausgangsposition für eine positive Gesamtbetrachtung. Hier hätte man wesentlich sauberer und nachvollziehbarer arbeiten sollen. Bei dem Film RELIC - DUNKLES VERMÄCHTNIS scheitert es aber für mich leider genau daran. Schade eigentlich, der Ansatz war ja eigentlich gut gewesen.

Relic - Dunkles VermächtnisRelic - Dunkles Vermächtnis
(Relic)
mit Emely Mortimer, Robyn Nevin, Bella Heathcote, Chris Bunton, Jeremy Stanford, Christina O'Neill, Steve Rodgers, Obada Adnan, Catherine Glavicic u.a.
Regie: Natalie Erika James
Drehbuch: Christian White (II), Natalie Erika James
Produktion: Jake Gyllenhaal, Mike Larocca u.a.
Musik: Brian Reitzell
Genre: Drama/Psycho-Horror
Laufzeit: 90 Minuten (BD)
DVD/FSK: 16 Jahre
Extras: Interviews mit Cast & Crew, B-Roll
Vertrieb: LEONINE
Australien 2020


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