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Gruseln zum mitdenken - »Das Geheimnis von Marrowbone«

Das Geheimnis von Marrowbone Gruseln zum mitdenken
»Das Geheimnis von Marrowbone«

1968 zieht Rose Marrowbone mitsamt ihrer vier Kinder Jack, Jane, Billy und Sam in ihr altes Familienanwesen in den USA. England scheint die Familie jedenfalls irgendwie Hals über Kopf verlassen zu haben, damit man hier auch recht symbolisch als Familie einen völligen Neubeginn starten kann. Dabei haben alle die Hoffnung, dass es ab jetzt eigentlich nur noch besser werden könnte. Doch das Landhaus liegt verlassen und weit ab von der nächsten kleineren Stadt..

Das Geheimnis von MarrowboneAber auch das kann die Familie irgendwie nicht wirklich schrecken, weshalb man sich hier auch recht bald wirklich wohl fühlt. Dies ändert sich auch nicht, als die Kinder eines Tages am Schädelfelsen auf die junge Bibliothekarin Allie treffen, zu der besonders der älteste Sohn Jack bald zarte Gefühle hegt, die auch durchaus von Allie erwidert werden.

Doch dieses Glück währt für die Familie nicht wirklich lange denn ihre Mutter Rose ist schwer erkrankt und stirbt recht bald. Nun hängt alles an den vier Kindern, denn niemand darf vom Tod ihrer Mutter erfahren, bis das Jack in einigen Monaten seinen 21 Geburtstag feiert und damit sich auch rechtlich um seine jüngeren Geschwister kümmern darf. Gelingt ihnen dies nicht, laufen die Kinder Gefahr, in die staatliche Obhut eines Waisenhaus zu gelangen und somit getrennt zu werden.

Dabei stellt sich auch recht bald heraus, dass der jüngste im Bunde, Sam, Angst vor einem Geist hat, der bald sogar sein Unwesen in dem alten Anwesen zu treiben scheint. Denn auch seine älteren Geschwister halten diese Angst von Sam nicht für ein schlichtes, kindliches Hirngespinst. Und dieses Böse scheint aus ihrer Sicht heraus sich durch die Spiegel seinen Weg in ihre Welt zu bahnen, weshalb sie auch alle Spiegel im Haus entfernen oder durch große Laken abhängen. Aber dieser böse Geist hat auch einen realen Hintergrund, denn es soll sich hierbei um den überaus gewalttätige Vater handeln, der jedoch bereits als im Gefängnis verstorben gilt.

Doch dann passiert eines Tages das denkbar schlimmste. Das große Laken vor einem riesigen Wandspiegel fällt herab und ein Mann schießt mit einem Gewehr direkt vom Waldrand aus durch ein Fenster, in dessen Raum sich gerade Jane befindet. Und Jane glaubt inständig, dass dieser Mann der Geist ihres scheinbar vertorbenen Vaters ist, der ehemals als eine nicht nur kriminelle, sondern blutrünstige Bestie verschrien war.

Das Geheimnis von MarrowboneDoch dies ist nicht das einzige Problem, dem sich die Geschwister nun stellen müssen. Ein weiteres tritt in Gestalt des jungen Anwalt Tom in ihr abgeschiedenes Leben, der seinerseits ebenfalls in Allie verliebt ist und dem Rose noch 200 Dollar zahlen müsste, um das Landhaus per Bescheinigung endlich ihr Eigentum nennen zu dürfen. Doch diese Zahlung, die eben durch die Mutter erfolgen müsste, ist allerdings ja längst verstorben. Also entschließt man sich unter den Geschwistern dazu, das Jane die Unterschrift ihrer Mutter fälschen muss, damit Tom nicht hinter ihr gut gehütetes Geheimnis gelangt. Das Geld wiederum will Jack von dem kleinen Vermögen nehmen, welches ihre Mutter ihnen hinterlassen hat. Doch auch mit diesem Geld, bzw. seiner Herkunft scheint etwas nicht zu stimmen und es scheint eher vom verhassten Vater zu kommen, da Jane es angewidert als Blutgeld bezeichnet, welches sie alle ins Unglück stürzen wird. Doch Jack sieht keine andere Möglichkeit als darauf zurückzugreifen, um ein gemeinsames Leben der Geschwister weiterhin bis zu seiner Volljährigkeit zu garantieren. Denn sonst sind sie nicht in der Lage, in so kurzer Zeit so viel Geld zu verdienen.

Der Plan scheint trotz einiger Schwierigkeiten aber sogar zu gelingen, jedoch wächst sich die scheinbare Präsenz eines bösen Geistes immer mehr zur Gefahr für die Geschwister aus. Und dann ist es Tom, der die Fälschung der Unterschriften erkennt und nunmehr versucht, die Geschwister zu erpressen um seine Karriere mit deren Geld in Schwung zu bringen. Und da Tom im Landhaus keinen der Geschwister vorfindet, dringt er selbst gewaltsam in das Landhaus ein. Doch die Situation wird für alle sogar noch erschreckender als sie es sich jemals vorgestellt hatten, denn die Realität stellt sich Grausamer als jede Vorstellungskraft heraus.

Das Geheimnis von MarrowboneNicht wirklich ein Horrorfilm ...
... wird der Kenner des Genre wohl mit der Zeit erkennen. Zumindest werden Fans dieses Genre hier nicht so ganz auf ihre üblichen Kosten kommen. DAS GEHEIMNIS VON MARROWBONE des spanischen Regisseur Sergio G. Sanchez, der auch das Drehbuch schrieb, kann man daher getrost eher als einen durchweg sehr gelungen filmischen Beitrag aus dem Bereich der Sparte Mystery und Drama einordnen. Entsprechend kommt der Film auch mit fasst verschwindend geringen Jump Scares daher, welche die Spannung der Zuschauer ansonsten wohl eher steigern sollen.

Dem Genrefilm bleibt DAS GEHEIMNIS VON MARROWBONE jedoch in gewisser Weise treu, da man hier durchaus mit so einigen Versatzstücken bekannter Horrorfilme arbeitet, wie man sie auch eigentlich recht gut aus z.B. diversen Haunted-House-Filmen her kennen dürfte. Da sollte der Filmfreund also keine wirklichen Überraschungen erwarten. Allerdings dürften gerade Fans des eher gemächlichen und sich langsam aufbauenden Horrors sich hier direkt positiv angesprochen fühlen. Denn Sanchez nimmt sich hier nicht nur wirklich viel Zeit, die einzelnen Charaktere innerhalb der Handlung ausführlich aufzubauen, sondern auch die Handlung an sich liefert immer wieder recht gut aufgebaute düstere Elemente, die den Zuschauer an die entsprechende Filmhandlung zu binden verstehen.

Zum anderen kann der Film durchaus aber auch mit einigen märchenhaften Elementen dienen. Sei es nun das hübsch aufgemachte Tagebuch, welches in der Handlung eine nicht unbedeutende Rolle spielt, als auch die perfekten Bilder zum recht verwinkelten und alten Anwesen selbst, als auch die üppigen Landschaftsaufnahmen, die der Film zu bietet versteht. Alles wirkt durchweg real und doch auch andererseits irgendwie unwirklich schön. Selbst das knarren der Holzböden in dem unheimlichen Landhaus passt sich in diese Symphonie der Bilder und Geräusche perfekt ein.

Punkten kann der Film allerdings auch mit den Darstellerinnen und Darstellern wie etwa George MacKay (Jack), den man bereits aus Filmen wie PETER PAN (2003), HERR DER DIEBE (2006) oder CAPTAIN FANTASTIC - EINMAL WILDNIS UND ZURÜCK (2016) her kennen dürfte. Hinzu kommt Mia Goth (Jane), die mit dem Film NYMPHOMANIAC (2013) ihre Filmkarriere startete und auch ein Jahr nach DAS GEHEIMNIS VON MARROWBONE (2017) in Filmen wie SUSPIRIA (2018) oder EMMA (2020) durchaus großes schauspielerisches Talent zeigte. Aber auch mit Anya Taylor-Joy (Allie), die man z.B. aus den Genrefilmen THE WITCH (2015), SPLIT(2016) und dessen Fortsetzung GLASS (2019) her kennen sollte, hat man hier in DAS GEHEIMNIS VON MARROWBONE eine geradezu perfekte Wahl getroffen. Anya Taylor-Joy spielt übrigens ebenfalls im Film EMMA aus dem Jahr 2020 erneut wieder mit Mia Goth zusammen.

Aber auch die weiteren Darsteller müssen sich hier nicht verstecken. Sei es nun als Beispiel Charlie Heaton als Billy (Fernsehserie STRANGER THINGS seit 2016), Kyle Soller als Anwalt Tom (MONSTERS: DARK CONTINENT/2014) oder etwa Tom Fisher als Vater (DIE MUMIE KEHRT ZURÜCK/2001).

Das Geheimnis von MarrowboneDas Gehirn ausschalten ...
... rächt sich jedoch, wenn man sich den Film DAS GEHEIMNIS VON MARROWBONE ansieht. Denn es ist eben nicht alles so, wie es zuerst erscheint und nicht alles was man sieht, stellt sich im Nachgang auch als realistische Sichtweise heraus. Dabei will ich hier nun nicht verraten, ob es nun wirklich einen bösen Geist gibt, der den Geschwistern nachsteigt oder es eventuell doch eine völlig andere Lösung hierfür gibt.

Doch ohne Vorwarnung und ersichtlichen Übergang wird der Zuschauer irgendwann die Welt nur noch direkt durch die Augen von Jack, dem ältesten der Geschwister sehen, was sich allerdings erst im finalen Bereich der Filmhandlung offenbaren wird. Diesen kleinen Spoiler von mir sollte man daher eher mal als kleine Hilfestellung betrachten, weil man ohne jegliche Vorwarnung irgendwann als Zuschauer erst einmal ziemlich verwirrt und ratlos vor der laufenden Handlung des Films steht. Es ist eben nicht alles so, wie es zuerst erscheint und die Realität ist bei weitem grausamer in ihrer Konsequenz, als man es eigentlich während der Handlung bereits erwarten würde.

Nun könnte man sagen, dass eine solche, selbst von mir bei der ersten Sichtung nie vermuteten Wendung eine gewisse Verstörtheit zurückgelassen hatte. Hatte ich etwa doch irgendetwas wichtiges verpasst? Oder wie will man das in der Handlung noch irgendwie logisch wieder zusammen führen?

Aber keine Angst, dem Regisseur Sergio G. Sanchez gelingt es durchaus, die Handlung am Ende nicht nur logisch zu beenden, sondern er hängt sogar ein kleines Happy End am Schluss noch hinten an für die Zuschauer, die mit Filmen ohne Happy End eh nicht wirklich klar kommen. Aber man muss sich als Zuschauer schon gefallen lassen, dass die Handlung plötzlich eine Wendung vornimmt, die vorheriges plötzlich teilweise oder gar völlig in Frage stellen kann und so beim Zuschauer zwangsläufig die Gehirnwindungen in ungläubige Wallungen versetzt.

Dies mag zum einen erst einmal Gewöhnungsbedürftig sein, zum anderen macht dieser Kniff allerdings auch das wirklich besondere an diesem Genrefilm aus, der sich so den eigentlich üblichen Verläufen ähnlicher Filme völlig widersetzt und somit einen recht hohen Überraschungseffekt am Ende beim Zuschauer befördert.

Das Geheimnis von MarrowboneMeine Filmkritik:
Der Film DAS GEHEIMNIS VON MARROWBONE besticht zuerst durch seine sehr ruhige Erzählweise und einigen sehr bekannten Elementen ähnlich gelagerter Haunted-House-Filme. Gleichsam ist er nicht nur durchgehend recht düster gehalten, sondern kann durch die geradezu perfekte Bildgewalt sogar ein gewisses märchenhaftes Flair dem Zuschauer nahe bringen.

Man sollte jedoch nach der ersten halben bis dreiviertel Stunde nicht dem Glauben verfallen, man könne den weiteren Verlauf bis zum Ende hin bereits erahnen. Denn spätestens im finalen Bereich zieht uns da der Regisseur Sergio G. Sanchez in diesem Punkt quasi den Teppich unter den Füßen weg, so das man als Zuschauer sich mit einiger Verwirrung an einer völlig neuen Realität innerhalb der Handlung herantasten muss.

Dies macht den Film selbst nicht gerade zu einem Vertreter des üblichen Popcorn-Kinos, bei dem man die Füße hochlegen und das Hirn weitgehend ausschalten kann. Ein Umstand, den der Regisseur hier wohl auch durchaus in vollem Bewußtsein so und nicht anders gestaltet hat.

Das der Film selbst oftmals als Horror- oder Gruselfilm angepriesen wird, liegt wohl eher an den recht seltenen Gewaltspitzen innerhalb der Handlung. Dafür dürfte er allerdings richtig deklariert eher in den Bereich Mystery und Familiendrama  passen, wobei die Bezeichungen "Großartig, tiefgründig, unvorhersehbar, sehenswert!", seitens der Filmkritik von FILMCHECKER durchweg sehr passend gewählt wurden. Manche Filmkritiken halten den Film an sich zwar etwas für zu lang ausgefallen, da er auch verschiedene Handlungsstränge bedient, allerdings wöllte ich hier persönlich keine Sekunde missen, weil der Film so doch ein sehr rundes wie stimmiges Bild abgibt.        

Und so liefert der Film DAS GEHEIMNIS VON MARROWBONE, der durchaus irgendwie als netter, etwas altmodischer Horrorstreifen beginnt etwas, womit der Zuschauer schlicht und ergreifend niemals gerechnet hat, auch wenn die Auflösung am Ende dann trotzdem einen gewissen Aha-Effekt auslösen dürfte, was allerdings eher dem logischen roten Faden geschuldet ist, den der Regisseur hier nicht ohne Not aus der Hand gleiten lassen wollte, dem Zuschauer aber wohl irgendwann verloren ging.

Schon aus diesem Grund, aber auch wegen der perfekten Bildwahl und den recht hohen Leistungen der zumeist jungen Darstellerinnen und Darsteller hat sich dieser Film durchaus seine vollen fünf von insgesamt fünf Spiegel als Höchstbewertung redlich verdient. Eine Empfehlung, sich diesen spanischen Beitrag nicht entgehen zu lassen, gibt es natürlich noch kostenlos von mir dazu. Wobei man allerdings die entsprechende Blu-ray nicht gerade dann in den Player legen sollte, wenn das eigene Hirn zur vorgerückten Stunde langsam in eine Art Dämmerzustand abgleitet. Letzteres dürfte sich innerhalb der Handlung dann nämlich irgendwann ganz gemein rächen.

Das Geheimnis von MarrowboneDas Geheimnis von Marrowbone
(El Secreto De Marrowbone)
mit George MacKay, Mia Goth, Charlie Heaton, Matthew Stagg, Anya Taylor-Joy, Kyle Soller, Nicola Harrison, Tom Fisher, Adam Quintero, Paul Jesson u.a.
Regie & Drehbuch: Sergio G. Sanchez
Produktion: Belen Atienza, Alvaro Augustin, Ghislain Barrois
Musik: Fernando Velazquez
Genre: Mystery/Drama
Laufzeit: 111 Minuten (BD)
DVD/FSK: 16 Jahre
Vertrieb: Universal Film GmbH
Spanien 2017

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