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Ein phantastischer Filmklassiker - Die Zukunft, eine Kapitalismuskritik und die Kekse

Ein phantastischer FilmklassikerFolge 79
Die Zukunft, eine Kapitalismuskritik und die Kekse

In dieser Reihe EIN PHANTASTISCHER FILMKLASSIKER werde ich ein wenig meine Schatzkammer in Sachen DVDs öffnen, in der sich neben mehr oder weniger aktuellen Filmen eben auch so manche Klassiker der Phantastik tummeln. Wir werden einen Streifzug unternehmen, in dem wir uns z.B. über Grusel, Science Fiction und Filmen im Grenzbereich der verschiedenen Genre bewegen werden. Schön wäre es, wenn manches davon wirklich »phantastisch« bliebe.


… Jahr 2022 … die überleben wollen (Soylent Green)… Jahr 2022 … die überleben wollen (Soylent Green)
Irgendwie mache ich immer einen riesigen Bogen um die Butterkeks-Packungen, egal ob es sich nun um die bekannte Marke handelt, die rundherum ihre abgezählten Einkerbungen hat, oder ob es ein Billigprodukt in gleicher Form ist. Dabei sind sie nicht einmal grün.

Spätestens nach dem dritten, der in Deutschland so beliebten Kekse, hat man nämlich keinen Speichel mehr im Mund und ab dem vierten Keks hat man dann so nach dem kauen nur noch eine zähe Masse am Gaumen kleben, den man kaum noch schlucken kann ohne ein Glas Wasser hinterher zu spülen.

Und da ich diesen Keks eben so (un)gerne mag, fallen sie mir auch immer wieder ein, wenn ich diesen Film JAHR 2022 … DIE ÜBERLEBEN WOLLEN sehe. Man muss sie sich eben nur noch recht giftig Grün vorstellen. Hübsch, oder? Gut, ich könnte mir glatt vorstellen, dass die Bündnisgrünen ihren nächsten Wahlkampf mit solchen Keksen führen würden, statt Luftballone an die lieben Kleinen zu verteilen. An diesem Tag werde ich mich dann im Vorwahlkampf hinter einen solchen Stand stellen und laut rufen „SOYLENT GREEN ist Menschenfleisch!“ Die Blicke danach, einfach köstlich.

Aber mal Scherz bei Seite, denn hinter diesem Film steckt eine geballte Ladung antikapitalistischer Kritik. Und diese Kritik wird hier sogar (wie in nur wenigen Filmen aus Hollywood) ganz offen und ohne ein leichtes Hintertürchen präsentiert.

… Jahr 2022 … die überleben wollen (Soylent Green)Was ist daran denn so phantastisch?
Da dürften jetzt einige Leser lachen, aber so witzig war das jetzt überhaupt nicht gemeint. Denn das einzig wirkliche phantastische am ganzen Film ist der Umstand, dass er in der Zukunft spielt, der wir nun ja mittlerweile ziemlich nahe kommen.

Nahrungsprobleme durch die Überbevölkerung sind ja durchaus schon sehr, sehr lange bekannt und ab und an will man uns in den Medien ja schon mal die Vorzüge von Insekten auf dem Teller schmackhaft machen. So ein paar Heuschrecken, Ameisen und Kakerlaken sind ja auch so Proteinreich und Nahrhaft. Gut, dass mag ja durchaus sein, aber wenn meinerseits ein Koch in einem Restaurant nicht öffentlich von mir gelyncht werden will, dann achte er doch bitte darauf, dass solches Viehkram sich niemals auf meinem Teller verirren möge. Und ich glaube mal, da geht es mir nicht nur alleine so. Also sollte doch was her, was die gleichen Anforderungen erfüllen, aber appetitlicher angeboten werden kann.

Sie werden jetzt fragen … wirklich Menschenfleisch? Ja, liebe Leser, warum nicht? Im Grunde können wir als Allesfresser eigentlich auch fasst jede Art von Fleisch verzehren. Da gibt es Feinschmecker, die schon mal Schlangenfleisch, Straußenfleisch und ähnliches probiert haben. Hund, Katze (wer kennt ihn nicht, den Spruch von falschen Hasen) oder die eigenen Artgenossen, der Mensch, machen da keine Ausnahme. Und was ich nicht weiß, macht bekanntlich ja auch nicht heiß. Und in einer Welt, in der genießbares Trinkwasser bald zu einem reinen Geschäft wird und nicht mehr als allgemeines Menschenrecht gilt, halte ich verdammt vieles eines Tages für möglich. Wie gesagt, beim Wasser arbeitet die Firma Nestle ja bekanntlich schon daran, die Hände auf jeden brauchbaren Brunnen weltweit legen zu dürfen. Trinkwasser ist in manchen Statistiken nämlich schon so gewinnbringend wie so manches Ölvorkommen, man muss es nur eben unter eine Konzernkontrolle bringen.

Nun dürfte die Reaktion natürlich heftig sein, wenn sie bei McDonalds irgendwann einen Oberarm oder eine Pobacke ihres Nachbarn zwischen zwei Brötchenhälften wieder erkennen. Doch hier zeigt der damalige Öko-Thriller einen schon fasst genialen Ausweg auf. Packen wir das ganze doch in handliche Kekse, geben denen noch die Trendfarbe des Jahres und sorgen mit einigen weiteren Stoffen dafür, dass auch der Geschmack stimmt und schon kann die Produktion eigentlich los gehen. Natürlich sollte man vor dieser Geschäftsidee erst einmal ein paar Gesetze ändern, aber mit dem nötigen Kleingeld und einer guten Lobby vor Ort dürfte das unter Umständen einmal das kleinste Übel sein.

… Jahr 2022 … die überleben wollen (Soylent Green)Nein, liebe Leserinnen und Leser, ich halte die Story dieses Filmes nicht für völlig abwegig. Man muss sich hier nur nicht an dem vorgegebenen Jahr orientieren, aber sonst … alles machbar.

Damals packte man diesen Film ja auch noch in die Science Fiction und betonte hier auch recht gerne eher das „Fiction“. 1973 jedenfalls glaubte noch niemand daran, dass so etwas vielleicht wirklich mal Realität werden könnte. Aber damals glaubte man noch vieles nicht, was mittlerweile bereits Realität ist, egal ob es nun positiv oder negativ sein dürfte. Heute würde ich den Film nur noch recht ungern in die Sparte „Science Fiction“ packen, denn hier wird eigentlich nichts gezeigt, was irgendwie noch nicht möglich wäre – zumindest von den technischen Voraussetzungen her nicht. Sie kennen ja bestimmt die Sache mit dem Erdbeerjogurt, der nie in Berührung gekommen ist mit auch nur einer Erdbeere. In einer Dokumentation durfte ich dann man sehen, wie man den leckeren und fruchtigen Geschmack von Erdbeeren mit Holz und einigen weiteren chemischen Zutaten locker zustande bekam. Natürlich wird man mir jetzt erzählen, dass in dem Jogurt aber meist auch kleine Stücke von Erdbeeren drin sind. Aber die kleinen Stücke sowie einer „Mindestmenge“ von echten Erdbeerextrakten sind eigentlich enthalten, weil der Gesetzgeber eben diese gewisse „Mindestmenge“ dieses Naturproduktes vorschreibt, zumal man das ganze dann auch mit dessen Namen bewerben darf. Aber Gesetze lassen sich bekanntlich still und heimlich ändern und was in Sachen Erdbeeren klappt, klappt auch bei anderen Nahrungsmitteln. Und da ich dem Menschen alles zutraue, wenn es um Geld geht, halte ich den Inhalt des Filmes eben nicht grundsätzlich für gänzlich unmöglich.

Es ist das Jahr 2022 … Die Menschen sind immer noch die gleichen. Sie tun alles, um zu bekommen, was sie brauchen. Und sie brauchen Soylent Green.

(Zitat: Kinoplakat zum Film)

Ja, dieses Zitat dieser ersten filmischen Ökodystopie sollte man genau lesen, denn darin verbirgt sich eine gewisse Wahrheit, die wir nur sehr gerne verdrängen würden. Doch 1973 hatte man eigentlich noch völlig andere Sorgen und Kannibalismus durch die Hintertür gehörte damals noch nicht wirklich unter die Top 100 dieser damaligen gesellschaftlichen Sorgen. Entsprechend war da dann auch der Autor Harry Harrison von dem Film SOYLENT GREEN alles andere als begeistert. Harrison lieferte schließlich mit seinem Roman NEW YORK 1999 faktisch die Vorlage für den Film.

… Jahr 2022 … die überleben wollen (Soylent Green)Der unzufriedene Autor und das SOYLENT GREEN:
Harry Harrison hatte den Roman NEW YORK 1999 im Jahre 1966 auf den Markt gebracht und beabsichtigte damit die Perversion einer kleinen Gruppe der Superreichen gegenüber der Masse der Bevölkerung aufzuzeigen.

Sein Hauptcharakter, der Polizist Andy Rusch wird mit der Aufklärung eines Mordes beauftragt. Der ermordete ist niemand anders, als der Superreiche Mike O'Brian, in Gaunerkreisen auch Big Mike genannt. Hierbei vernimmt er auch dessen Lebensgefährtin, Shirl Greene, die sich durch diese Beziehung mit Big Mike ein Leben ohne Angst und Hunger sichern wollte. Schließlich leben 1999 über 35 Millionen Menschen in New York City, von denen sich die Mehrheit nicht einmal mehr ernähren kann.

Das Big Mike eigentlich von dem jungen Billy Chung in Panik umgebracht wurde, weiß Rusch noch in diesem Moment nicht. Billy hatte nämlich heraus gefunden, dass die Alarmanlage von Big Mikes Wohnung ausgefallen war und hatte sich daher daran gegeben, alles was sich umsetzen lässt, auszuräumen. Doch da kam ihm leider der Besagte Big Mike dazwischen und am Ende flüchtete Billy unverrichteter Dinge.

Shirl verliebt sich indessen in Rusch und zieht nach der Auflösung des Mietvertrages in dessen Wohnung, die er sich bereits mit dem alten Mann namens Sol teilt. Doch Sol stirbt bald weil auch die medizinische Versorgung kaum existent ist für die normale Bevölkerung. Daraufhin erhebt eine 10-Köpfige Familie ihren Anspruch auf den Wohnraum von Andy und Shirl, was zwischen den beiden natürlich zu Spannungen führt, zumal die Familie eben auch nicht gerade die nettesten Mitbewohner darstellen.

Andy kommt natürlich auch Billy auf die Schliche, der ihn mit einem Messer angreift und von Andy erschossen wird. Die Kugel traf ihn in den Kopf weil Billy beim Angriff stolperte. Als Andy in seine voll belegte Wohnung zurück kommt, hat Shirl ihn jedoch längst verlassen.

Das „Perverse“ was Harrison hier heraus stellen wollte waren schlicht die katastrophalen Lebensumstände der normalen Bevölkerung, der Hunger, die permanente Angst, die miserable medizinische Versorgung und der täglich drohende Hungertod, der junge hübsche Frauen dazu treibt, sich an reiche Gauner quasi zu verkaufen. Das „Perverse“ sollte auch damit gekennzeichnet werden, dass es den Reichen finanziell möglich war, sogar nach belieben richtiges Fleisch zu essen, während um sie herum das Volk verhungerte.

… Jahr 2022 … die überleben wollen (Soylent Green)Harrison war in Sachen „Perversionen des Kapitalismus“ damals also noch recht genügsam und nicht wirklich konsequent. Letzteres aber war man dann beim Film SOYLENT GREEN, bei dem man die Armutsprostitution offen aufzeigte, indem junge Mädchen faktisch per Mietvertrag mit zum Wohnungsinventar gehörten und das Nahrungsproblem äußerst perfide gelöst wurde, während den Reichen immer noch zu jeder Zeit ein gutes Stück Rindfleisch zu Verfügung stand. Die Form allerdings, die Sache etwas weiter zu denken, behagte dem Autor Harrison dann nicht wirklich. Insbesondere die Einführung eines verdeckten Kannibalismus war für ihn kaum denkbar und eher der Sensationsgier geschuldet und würde seiner Meinung nach das Niveau seiner literarischen Vorlage schmälern.

Nun, Harrisons Zukunftsvision der Superreichen ist in Teilen längst Realität geworden. Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich permanent weiter, auch ohne Überbevölkerung auf engstem Raum und einen saftigen Rinderbraten werden wir bei den meisten ehrlichen Hartz IV-Beziehern auch nicht mehr im Speiseplan vorfinden. Das manche dieses System mit nicht gerade erlaubten Mitteln zu umgehen versuchen, dürfte daher sogar in gewisser Form verständlich erscheinen – man muss sich hierzu nur mal in solche verarmte Situationen hinein versetzen können. Und auch die Prostitution ist ein stark florierendes Geschäft geworden, selbst nach so mancher Gesetzesverschärfung. Und daran wird sich auch nichts ändern, solange das System nicht verändert und Menschenwürde wieder zu dem gemacht wird, was es eigentlich laut dem Grundgesetz sein sollte, nämlich unantastbar.

Harrisons „Perversionen“ sind also eigentlich in Teilen die Realitäten mitten unter uns. So bleibt nur noch die Steigerung des Films um diesen Öko-Thriller auch heute noch sehenswürdig als negative Zukunftsvision zu halten. Doch wie ich schon oben sagte: Die Möglichkeit, dass auch diese letzte Steigerung (ein versteckter Kannibalismus) in irgend einer Art in der Zukunft umgesetzt werden könnte, ist nicht gerade dazu gehalten, noch als reine Utopie abgetan zu werden. Profite machen schließlich erfinderisch, wie man in Sachen Trinkwasser bereits in manchen ärmeren Ländern mit Schrecken feststellen darf, besonders dann, wenn den Menschen vor Ort der Zugang zum Trinkwasser in brutaler Form dann verweigert wird. Informiert euch mal, bzw. googelt mal in Richtung Trinkwasser und der Firma Nestle und dann reden wir nochmal über „Perversionen innerhalb der menschlichen Gesellschaft“.

Da der Film gegenüber dem Roman eigentlich allgemein bekannter sein dürfte, riskieren wir hier auch nur noch einen recht kleinen Blick auf die besagte Handlung. Und wer den Film tatsächlich noch nicht kennen sollte, dem sei gesagt, dass man ihn bereits als DVD bei manchen Anbietern knapp unter schlappen fünf Euro bekommt und nur die BD kostenmäßig dort höher angesiedelt ist.

… Jahr 2022 … die überleben wollen (Soylent Green)Die Handlung von SOYLENT GREEN:
Die Erde des Jahre 2022 ist die Hölle, Großstädte wie New York sind mit über 40 Millionen Einwohnern zum Moloch verkommen. Selbst ganz normale Wiesen gibt es nicht mehr und junge Frauen verkaufen sich und ihren Körper als „Wohnungsinventar“ um dieser Hölle halbwegs entgehen zu können.

Nur wer Geld und Einfluss besitzt, scheint jetzt noch mit allem gesegnet zu sein, was ein angenehmes Leben so zu bieten hat, während die Menschen draußen in den Straßen auf die Zuteilungen des synthetischen Nahrungsersatz SOYLENT GREEN angewiesen sind.

In dieser Welt teilt sich der Detektiv Thorn eine schäbiges Zimmer mit dem alten Sol Roth. Als ein betuchter Manager ermordet wird,  findet er mit Hilfe von dessen gemieteter Partnerin Shirl, die kurz darauf auch seine Geliebte wird, erste Hinweise, die sich um das SOYLENT GREEN drehen. Doch nun wird Thorn bei seinen Ermittlungen plötzlich von allen Seiten behindert.

Der alte Sol indessen ist dieses Lebens überdrüssig geworden und sucht daher eine der Selbstmordkliniken auf. Thorn gelingt es nicht, ihn von diesem letzten Schritt abzuhalten, doch Sol gibt ihm noch einige Hinweise bevor er stirbt. Thorn geht der Sache weiter nach und verfolgt den Transport der Leiche und entdeckt mit Schrecken das Geheimnis hinter dem einzigen noch verfügbaren Nahrungsmittel für die Normalbevölkerung. Doch auch seine Gegner setzen alles daran, dass Geheimnis um SOYLENT GREEN unter Verschluss zu halten.

Als man Thron zu überwältigen versucht und um ihn herum das Chaos ausbricht, schreit er die Wahrheit heraus: „SOYLENT GREEN ist Menschenfleisch!“

… Jahr 2022 … die überleben wollen (Soylent Green)Aber vielleicht doch nur eine Metapher:
Aber auch wer den Film durchaus als eine realistische Kritik zum bestehenden Kapitalismus und seinen Mechanismen betrachtet, möchte nicht unbedingt konsequent den Weg des versteckten Kannibalismus mitgehen, in dem die Massen der Menschen eben nicht wissen, was man ihnen da aus der Gier nach immer höheren Profit auf den Teller bzw. in den Mund legt.

Hier sieht man dann diesen „Kannibalismus“ schlicht als eine Metapher für den sich selbst verzehrenden Wahnsinn der kapitalistischen Produktionsweise. Doch auch wenn man diesen Punkt schlicht als Metapher betrachtet, so bleibt ein erschreckend-radikales Bild, dass man sich heute mehr denn je vor Augen halten sollte, weil es an ebenfalls bestehenden, erschreckenden  Realitäten nicht mehr vorbei kommt.

Das Thema SOYLENT GREEN wurde darum auch nicht umsonst von Musikgruppen oder in anderen Filmen bzw. sogar Zeichentrickserien wie DIE SIMPSONS aufgegriffen und in verschiedener Form thematisiert. Und in den USA gibt es sogar eine Firma, die ein flüssiges Nahrungsprodukt mit dem Namen SOYLENT vertreibt. Es ist der Astronautennahrung recht ähnlich und kann sogar über Internet nach Deutschland bestellt werden. Auch hier einfach mal googeln unter SOYLENT FOOT und guten Appetit.

Für Edward G. Robinson (Dezember 1893 geboren in Bukarest/Rumänien) sollte dieser Film auch sein letzter sein. Er war schon durch seine Krebserkrankung während der Filmaufnahmen fasst völlig taub und verstarb in nur zwei Wochen nach dem Drehende des Films im Januar 1973 in Los Angeles.

… Jahr 2022 … die überleben wollen (Soylent Green)Meine Filmkritik:
Der Film selbst liegt mir nicht mehr vor. Den hatte ich ehedem noch damals in meiner VHS-Sammlung, wo ich ihn vom Fernsehen aus aufgenommen hatte. Wirklich wild bin ich auf den Film allerdings auch nicht mehr wirklich, da es sich hier eher um einen Krimi mit Versatzstücken von phantastischen Elementen handelt, wie dem angegebenen Zeitraum oder dem verdeckten Kannibalismus.

Als wirklich gut umgesetzt empfinde ich ihn jedoch heute nicht mehr und würde mich eher über eine Neuverfilmung freuen, die wirklich drastischer die Gesellschaftskritiken aufnimmt und so den Zuschauer wieder stärker zum nachdenken anregt. Denn hier krankt die Originalverfilmung etwas, worüber die Farbgebung und die Darstellung der Überbevölkerung leider nicht hinweg täuschen können. Für die Aussagekraft die hinter der Handlung durchaus steht, fehlt schlicht heute die drastische Komponente, weshalb hier im Originalfilm auch vieles einfach zu glatt, zu umschifft wirkt, wie man es von Hollywood der damaligen Zeit eben gewohnt ist.

Wer aber auf eine komplette Sammlung wesentlicher klassischer Filme mit Aussagekraft steht, der dürfte an diesem Film nicht vorbei kommen. In diesem Sinne hat der Film durchaus auch seine volle Berechtigung in einer Sammlung PHANTASTISCHER FILMKLASSIKER.

Da er aber eben nicht in letzter Konsequenz die gesellschaftlichen Kritiken auch drastisch und ungeschönt hart offenbart, kann ich ihm persönlich nur drei von fünf Punkten vergeben. Aber dafür gebe ich für die, die den Film noch nicht kennen, eine absolute Sehempfehlung ab.

Ausblick:
Schreiten wir mal von einem Dystopie-Thriller weiter hin zur offenen Science Fiction, wo uns statt einer gut verpackten Parallele zur „roten Gefahr“ natürlich UFOs um die Ohren fliegen. Und die kommen in reichlicher Zahl daher. Doch hier wurde natürlich nicht nur ein realer politischer Hintergrund in ein phantastisches Kleidchen verpackt, sondern in den 50er Jahren grassierte durchaus auch in den USA eine tiefere UFO-Hysterie und man sah mitunter mit gemischten Gefühlen in den Sternenhimmel.

Gut, die Ausserirdischen würden wahrscheinlich direkt vom Mars kommen, schließlich konnte man per Teleskop dort ja richtig gruselige Kanäle sehen, die mit Sicherheit eine überlegene Intelligenz zu verantworten hätte. Im Zweifelsfall konnten die Aliens aber auch aus den Tiefen des Weltraums kommen. Die Möglichkeiten waren da ja kaum Grenzen gesetzt.

Mitunter hatte man da in den Jahren dann auch schon mal Angst vor dem eigenen Schatten. Andererseits war man aber weitläufig auch noch fest davon überzeugt, dass man im nächsten Jahrtausend (also unserem jetzigen) mit Sicherheit schon selbst den Weg zu den Sternen beschritten hätte.

Mal ehrlich, der nächste Stern, nämlich der Mars ist da immer noch irgendwie in Planung. Bisher jedenfalls hatte der von uns nur Besuch durch einen lustigen Computer, der nach einem festen Programm nun dort in der Gegend herum rollt, Steinchen analysiert und lustige Bilder schießt, die er uns dann postwendend zur Erde funkt. Eigentlich ist dieser Sprung zum nächsten Planeten so etwas wie Disneys WALL-E der wohl gerade den Mars aufräumt. Wirklich mal drauf herum getrampelt sind wir bisher nur auf dem Mond und der ist bekanntlich kein Planet.

Übrigens war dieses Model einer fliegenden Untertasse aus dem Film so interessant, dass man es auch späterhin für eine SF-Komödie nochmals hervor holte und auf die Menschheit losließ. Natürlich in ebenfalls hoher Anzahl.

Und wie sich das gehört, legen die Aliens erst einmal alles in Schutt und Asche, bis die Menschen dann doch noch einen Trick finden, womit sie die artfremden Bösewichte dann doch noch aufs Kreuz legen können.

Der Film wurde übrigens in schönstem Schwarzweiß gedreht, späterhin aber für eine britische DVD-Veröffentlichung sogar mit recht modernen Mitteln koloriert.

Nun könnte ich glatt schon den Titel des Films hier nennen, denn jede weitere Info wäre wie Eulen nach Athen treten. Aber für die, die noch immer rätseln hier noch ein kleiner Tipp. Der gute Ray war hier für die Stop-Motion-Effekte verantwortlich und eben dieser Film war auch der erste Science-Fiction-Film, an dem er mitgearbeitet hatte. Und Ray dürfte hier ja eigentlich so bekannt sein, wie ein bunter Hund mit einem Tanga – oder?

Von daher also von mir nun ein schönes Wochenende (oder das, was davon noch übrig ist) gewünscht und viel Spaß beim rätseln.

… Jahr 2022 … die überleben wollen (Soylent Green)
… Jahr 2022 … die überleben wollen
(Soylent Green)
mit Charlton Heston, Leigh Taylor-Young, Edward G. Robinson, Chuck Connors, Brock Peters, Paula Kelly, Joseph Cotten, Leonard Stone, Lincoln Kilpatrick, Dick Van Patten, Whit Bissell, Roy Jenson, Stephen Young, Celia Lovsky u.a.
Regie: Richard Fleischer
Drehbuch: Stanley R. Greenberg
Genre: Dystopie/SF
Laufzeit: ca. 93 Minuten
DVD/FSK: 16 Jahre
Vertrieb: Warner Home Video – DVD
USA 1973

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Kommentare  

#1 Andreas Decker 2017-01-07 14:09
Ich finde, du bist zu streng :-) Den kann man immer noch ganz gut sehen. Obwohl ich Heston nicht ausstehen kann. (Ob er wohl je die Ironie begriffen hat, als strammer Rechter zur Ikone dessen geworden zu sein, was genau diese Einstellung anprangert, sowohl hier wie auch in Planet der Affen?)

Die Kapitalismuskritik steht nicht so plakativ im Vordergrund, wie du es dir wünscht, das stimmt. Das wäre auch nicht amerikanisch. Aber eigentlich geht es doch hier viel mehr um die Umweltzerstörung. Allein die Selbstmordsequenz mit ihren Naturbildern ist so was von unsubtil, damit auch der Dümmste begreift, was hier schief gelaufen ist.

Die Aufregung - auch im Film - über die zugegeben begnadete Schlusspointe kann ich heute auch nicht mehr teilen. Sollen die Menschenmassen verhungern? Es gibt in dieser kaputten Landschaft keine ausreichende Möglichkeit mehr, so viele Leute zu ernähren. Warum also nicht Tote recyclen? Es ist hier die logische Alternative. Der dramatische Kniff, dass das geheim gehalten wird, macht bei näherem Hinsehen allerdings keinen Sinn. Als ließe sich so ein Massenunternehmen geheim halten. Vielleicht hätte man die Produktionskette im Film deutlicher darstellen sollen und dafür auf ein paar Heston-Prügeleien verzichten sollen. Aber das hätte die Pointe kaputt gemacht.

Das Thema mit der Überbevölkerung war damals eines der ganz großen Themen in der SF. Da hat jeder seinen Beitrag dazu geleistet. Ich erinnere mich noch an eine Story vom frühen Ballard, die sehr effektiv war. Aber es ist auch eines der Themen, die völlig obsolet geworden sind.

Meinst du den Film, von dem es dieses öde Remake von Hopper gibt? Mit dem Kopf in der Salatschüssel?
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#2 Estrangain 2017-01-07 14:30
Soylent Green ist so ein typischer Film der frühen Siebziger. Charlton Heston agiert wie immer, die Handlung ist bei ihm austauschbar. Ich sehe mir Filme mit ihm aber immer wieder gerne an, das ist so wie Heftromanlesen :lol:
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#3 Hermes 2017-01-07 15:28
Ich habe den Film als Jugendlicher gesehen und fand ihn beklemmend. Als Kapitalismuskritik habe ich ihn damals allerdings nicht empfunden. Für mich lag der Fokus auf der Umweltzerstörung und ihren Folgen. Und die Umwelt zerstören konnte auch der real existierende Sozialismus.
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#4 Friedhelm 2017-01-07 15:45
Also ich mag den Film irgendwie...Zitat:
Warum also nicht Tote recyclen? Es ist hier die logische Alternative.
.

Abgesehen davon, dass ich die Vorstellung, Menschenfleich (wenn auch wieder aufbereitet..) zu essen so richtig gruselig bis ekelhaft finde - warum sollte man in diesem Fall nicht einfach die vegetarische Lösung bevorzugen??

Was mich aber fasziniert hat, war die Szene, in der Sol stirbt.
So könnte ich mir aktive Sterbehilfe vorstellen - man liegt in einem Zimmer, vor einer Riesenleindwand, die ein blühende Landschaft zeigt, Und dazu dann (klassische) Musikuntermalung.

Heston war in den Siebzigern wohl tatsächlich der "Katastrophentyp" - aber im "PLanet der Affen/1968" fand ich ihn nicht schlecht...

Der Ausblick: Du meinst diesen ( s/w )SF-Film, in dem die Aliens so mekwürdig "kaukasisch" aussahen? ( Wenn ich nicht irre..)
Da gab es in diesem Film doch so eine denkwürdige Kanone, mit der die Typen dann besiegt wurden..

Und Harry? Du meinst doch Mr. ("Sindbad"-Movies) Harryhausen, gelle??
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#5 Mainstream 2017-01-07 15:50
-
Ich war ziemlich jung als ich den Film gesehen habe.
Und wie Hermes empfand ich ihn sehr beklemmend.
Es war so die Zeit der Ölkrise und den Debatten um
Überbevölkerung. Und das als Kind in Einklang mit
diesem Film zu bringen war sehr leicht. Das noch
vierzig Jahre bis zum Filmtitel brauchte, machte die
Sache noch realistischer. Aber Heute? Dazu müßte
ich mir den Film erst noch einmal ansehen.

@Andreas Decker: Nein, es ein noch früherer Film.
Nett anzusehen ob des Spektakels, und mit viel mehr
Untertassen. Okay, kein Vegleich zu den heutigen
Möglichkeiten, aber für Cineasten ungemein unterhaltsam.
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#6 Mainstream 2017-01-07 15:56
-
Halt, ich habe gelogen. Der "Ausblick" ist drei Jahre
jünger als Andreas Deckers Annahme.
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#7 Andreas Decker 2017-01-07 16:50
zitiere Mainstream:
-
Halt, ich habe gelogen. Der "Ausblick" ist drei Jahre
jünger als Andreas Deckers Annahme.


Ach ja, Harryhausen! Duh! Aber heißt der eigentlich nicht Ray?
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#8 Laurin 2017-01-07 18:21
@ Andreas Decker:
Lach, ja der richtige Name ist Ray. Da ist mir wohl ein Gaul durchgegangen. :lol: Ich ändere das gleich mal, war mein Fehler. :oops:
Und ich muss was "streng" zu dem Film sein, schließlich heiße ich unter Fachkreisen auch schon mal "der mit dem Lineal droht". :P
Der Kopf im Salat sagt mir aber gerade auf die Schnelle nichts. Passiert mir aber auch schon mal, wenn ich beim essen unverhofft einschlafe. :o

@ Hermes:
Klar konnte der real existierende "Sozialismus" da gut mithalten, man wollte ja überall, nicht nur in der Rüstung, den jeweils anderen überflügeln. Es bleibt aber eine Kapitalismuskritik, denn der Kapitalismus kann, wie man sieht, auch Dummheiten ohne ein politisches Gegenstück verzapfen. ;-)

@ Friedhelm:
Ja, den Harryhausen meine ich. :D
Und beim Film im "Ausblick" geht es auch um eine denkwürdige Kanone, wenn man das mal so bezeichnen mag. In dem späteren Film, wo man die fliegenden Untertassen erneut in Massen auf die Erde los lässt, besorgt das allerdings ein jodelnder US-Sänger anfangs per Schallplatte von der Großmutter. ;-)
Die aktive Sterbeshilfe im Film fand ich aber schon makaber mit der Musikuntermalung, denn jeder unverhoffte Genickschuss wäre da wohl humaner.
Und die vegetarische Lösung gab es laut Romanvorlage und auch im Film nicht mehr in ausreichendem Maße, weil eben die hierfür benötigten Mengen an Grünzeug wegen der Umweltverschmutzung fehlten. Bleibt also nur der aufbereitete Nachbar von nebenan für die breite Masse. Nur im Roman mussten viele eben ohne den versteckten Kannibalismus an Hunger sterben.

Ach ja, und der Film im "Ausblick" ist älter als ich, und das will schon was heißen. :cry:
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#9 Helmut. A 2017-01-07 18:50
Wer Interesse hat, Szene mit Sol, schaut bei YouTube unter:
"Jahr 2022 ? Die überleben wollen" von Dominique Gonzalez-Foerster - Blow up – ARTE
Original mit Untertitel 5:59 Min sehr gute Qualität
Jahr 2022... die überleben wollen (Original, Qualität nicht gut) 4:50 Mio.
nach.
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#10 Mainstream 2017-01-07 22:17
-
Ich hatte Mitte der '80'er das Vergnügen persönlich mit
Ray Harryhausen Kontakt zu haben. Und tatsächlich
stellte sich heraus, dass viele Ihn mit Harry ansprachen.
Daher ist alles im grünen Bereich.
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#11 Laurin 2017-01-08 11:36
@ Mainstream:
Puh ... dann habe ich ja noch mal halbwegs Glück gehabt mit dem Fettnäpfchen, in das ich rein getreten bin. ;-)
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