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Ein Übergang durch das Blut Unschuldiger – John Everson: Die Dreizehnte

Die DreizehnteEin Übergang durch das Blut Unschuldiger
John Everson: Die Dreizehnte

Bisher hatte John Everson erst mit drei Romanen seinen Auftritt in Deutschland, die alle bei der ersten Adresse für Horror und Thriller erschienen sind – Dem FESTA Verlag.

Den dritten und bisher letzten habe ich vor kurzem ausgelesen und irgendwie schafft es Everson, mich wieder völlig für seine Art, Spannung und Schrecken zu erzeugen, einzunehmen.


LigeiaEin kurzer Abriss seiner bisherigen Romane in deutscher Übersetzung:
Dabei gleicht keiner der Romane dem jeweils anderen. Zuerst kam John Everson ziemlich ruhig daher und brachte uns eine Meeresnixe und ihr mythologisches Wesen näher mit seinem Roman LIGEIA. Dabei zertrümmerte er gekonnt die Disney-Darstellung einer niedlichen Meerjungfrau, wie sie den lieben Kleinen gerne mit ARIELLE und Co. Nahe gebracht wird. Klar, auch diese Meerjungfrau in LIGEIA verliebt sich in einen männlichen Landbewohner, doch räumt sie hierfür kurzerhand auch schon mal bestehende Hindernisse wie etwa eine Ehefrau des Angebeteten nachhaltig (also ziemlich tödlich) bei Seite. Und zwischendurch lässt Everson uns auch noch an ihrer Vergangenheit teilhaben, in der unsere Meerjungfrau in die Gewalt eines nicht gerade netten Seebären gerät.

Gerade für Leser die etwas mehr mystischen Grusel statt harten Horror mögen und trotzdem nicht auf eine anständige Portion Spannung und Gänsehaut verzichten wollen, ist der Roman LIGEIA von John Everson also der richtige Einstieg.

Ganz anders dann in seinem zweiten Roman. Nichts mit „mystisch angehaucht“ und Horror für Feinfühlige. Mit seinem zweiten Roman  NIGHT WHERE – DIE TOTALE UNTERWERFUNG lässt John Everson den SM-Erfolgsroman SHADES OF GREY wie eine Geburtstagsfeier im Kindergarten erscheinen. Nicht umsonst deklarierte der FESTA Verlag diesen Roman gleich als SM-Thriller, in der eine junge Frau von Lust und Schmerz getrieben jegliche Grenzen überschreiten will. Ganz zum Verdruss ihres Partners, der damit eigentlich wenig anfangen kann und die diversen Hardcore-Swingerclubs mit ihr nur aufsucht, um sie nicht völlig zu verlieren. Doch der geheimnisvolle Club NIGHT WHERE, der ständig an einem anderen Platz seine Pforten öffnet, bietet den ultimativen letzten Kick, der einem das Leben kosten kann. Und wer glaubt, die Betreiber dieses SM-Clubs wären Menschen, der muss sich sehr bald eines besseren belehren lassen, denn in NIGHT WHERE öffnen sich die Pforten zur Hölle und nur ein gefallener Engel könnte die letzte Rettung bieten.

Night Where - Die totale UnterwerfungBei NIGHT WHERE sollte sich der Leser auf harten Tobak gefasst machen, denn hier sind Peitschen und Fesseln noch das kleinste Übel, dass einem Leser geboten wird. Was in diesem exklusiven Club abgeht ist mit verdammt viel Blut und gepeinigtem menschlichen Fleisch garniert, wobei man jedoch das Buch nur noch unter Protest einmal zur Seite legt, weil man einfach wissen will, wie es weiter geht.

John Everson weiß einfach, wie er seine Leser packen muss, wie er Spannung aufbauen muss und wie er ein standesgemäßes Ende für einen Horrorroman kreiert. Dabei erfreut uns Everson mit menschlichen Protagonisten die ihre Stärken und Schwächen haben und manchmal auch angesichts des für sie unfassbaren Schreckens auch einmal völlig unlogisch handeln können, ja sogar dürfen. Wie gesagt, er schreibt über einfache Menschen die mit Dingen konfrontiert werden, die sie in ihrem vollen Umfang nicht einmal begreifen oder wirklich einschätzen können und nicht über faktisch realitätsferne „Superhelden“, die in ihren Gruselheftserien immer über den Dingen stehen und am Ende mit  ihren diversen Hilfsmitteln (seien es Kreuze, Amulette oder sonstigen Zaubermittelchen) das Böse ab spätestens der vorletzten Seite spielerisch und irgendwie unspektakulär von der Platte putzen. Da bleiben bei Everson auch mal so manche wichtige Nebenfiguren auf der Strecke, ganz wie in realen Extremsituationen.

John EversonKein Horror der sich in skurrilen Steigerungen selbst auf den Arm nimmt:
John Everson unterscheidet sich aber auch in der Art seiner Storys erheblich von anderen Autoren. So steigert als Beispiel ein Edward Lee gerne schon mal das Blutbad, die sexuellen Abgründe und den Ekelfaktor in einer überhöht skurrilen Form, um der Härte einfach den Stachel zu ziehen. Da huscht dem Leser schon mal ein Grinsen beim lesen übers Gesicht, weil Lee bewusst die plakative Gewalt und Grausamkeit selbst bewusst überdreht zeichnet. Das macht dem Gore- und Splatter-Fan Spaß und sorgt gleichsam dafür, dass zartere Gemüter eben diese Gewaltorgien nicht ständig allzu ernst nehmen. Und auch wenn Edward Lee ein Meister darin ist, Leser zu schocken, so kann er auch durchaus ernster schreiben und mehr das Augenmerk auf die Spannung statt auf die plakative Darstellung von Gewalt und Sex lenken. Und genau diese zwei Gesichter machen Edward Lee stets zu einem besonderen Genuss.  

John Everson hingegen setzt andere Akzent. Auch ihm gelingt es immer wieder durch seine Protagonisten einen feinen Witz in die Handlung zu bringen, der jedoch feiner gestreut ist und der der eigentlichen Handlung nie die Spannung und damit die Ernsthaftigkeit des geschilderten nimmt. Grausamkeiten bleiben grausam und erscheinen nie gewollt überzogen. Der feine Witz entsteht in den Dialogen der Protagonisten, nie jedoch durch die Handlung im eigentlichen Sinne. Auch weiß Everson die Spannung langsam zu steigern, bis er, wie in seinem Roman DIE DREIZEHNTE geschehen, einen Punkt erreicht, der seine Figuren und seine Leser förmlich durch die Hölle schleift. Auch das Spiel mit den Gefühlen und dem gefühlsmäßigen Zwiespalt seiner Figuren beherrscht Everson in Perfektion, so das man sich sehr gut in seine Figuren hinein versetzen kann, die auch schon mal in den schlimmsten Situationen noch einen gewissen Galgenhumor an den Tag legen können. Ein Umstand, der dazu führt, dass das sogenannte „Happy End“ ein ungutes Gefühl beim Leser hinterlässt. Denn der Sieg über das Böse hat bei Everson bisher immer seinen tragischen Preis gehabt, so dass man das „Happy“ eigentlich getrost bei Seite schieben kann. Dies führt dazu, dass der Roman nach dem lesen gewiss noch eine Weile im Gedächtnis des Lesers verweilen wird.

Die DreizehnteDer Einblick in DIE DREIZEHNTE:
Schon auf den ersten Seiten zieht uns John Everson in seinem neusten Roman in den Keller des Hotels Castle House, in dem selbst den härtesten Cops schlecht wird.

Überall Blut und ebenso viele Leichenteile verbreiten einen eisenhaltigen Geruch, der wohl jedem auf den Magen schlagen würde. Hier ging es nicht nur um einen einfachen Mord, sondern hier wurden Frauen systematisch wie Vieh abgeschlachtet. Doch warum? Was steckt hinter dieser unmenschlich wirkenden Tat?
Doch in einem der Opfer steckt noch ein bisher unbemerkter Funken Leben und bevor auch dieser für immer erlischt, gelingt es ihr noch etwas Merkwürdiges zu sagen.

DIE DREIZEHNTE waren ihre letzten Worte, doch was hat es damit auf sich?

Doch eine Antwort bekommt weder die Polizei noch der Leser direkt geboten. Dafür rauschen die kommenden Jahrzehnte einfach weiter und wir treffen  auf David Shale, einem jungen Mann, der die Einsamkeit bei seiner Tante sucht, um sich auf seinem Rennrad wieder fit zu machen für das Olympia-Team. Auch er kennt die düsteren Geschichten, die sich immer noch um das längst verlassene Hotel Castle House ranken. Dumm nur, dass er plötzlich von einem Wagen erfasst wird und ihn unsanft vom Rad holt.

Die Unfallfahrerin, Christy Sorensen, holt Hilfe herbei und plötzlich findet David sich in Castle House wieder, dass entgegen jeder Erwartung wieder bewohnt wird.

Doch das ehemalige Hotel soll nun Schritt für Schritt in ein Sanatorium umgebaut werden, in dem bereits die ersten jungen und schwangeren Frauen mit angeblich depressiven Störungen von einem Dr. Rockford behandelt werden. Ihm zur Seite steht seine attraktive Mitarbeiterin „Schwester“ Amelia.

TG streckte einen fleischigen Arm hinter den Hals und brachte mit einem leichten Ruck einen Wirbel so laut zum Knacken, dass man es noch um die Ecke der Baracke hören konnte. Dabei stöhnte er ein wenig und grinste breit, als er am anderen Ende einen fahren ließ. Das Yin und Yang des Schreckens.

(John Everson: Die Dreizehnte / Seite 35)

Doch David ahnt nicht, dass die junge Christy eine Polizistin ist, die eigentlich verdeckt die neuen Besitzer von Castle House beobachten sollte. Durch den Unfall jedoch ist die eigentlich vorbereitete Tarnung hinfällig geworden.

Als weiteres trifft der Leser auf die abseits lebenden Rednecks TG und Billy. Beide halten nicht viel von ehrlicher Arbeit und TG legt gerne mal in seiner ruppigen Art ein paar junge Mädchen flach. Ansonsten besteht ihr Dasein darin, Unmengen von Bier zu konsumieren. Doch nun haben sie einen Job der ihnen die Taschen mit reichlich Geld füllt. Sie entführen junge Frauen und verschleppen sie für seltsame Versuche ins Castle House.

[…]in ihrem Kopf wimmelten Visionen eines entstellten, knorrigen Kindes mit geschwärzter Haut und langen, nadelartigen Zähnen, das von der Wade über den Oberschenkel bis zur Leibesmitte an ihr hochkletterte. Die Kreatur besaß drei Augen, obwohl eins davon nutzlos aus dem geschmolzenen Gesicht baumelte – eine milchig-weiße Kugel, die sie ausdruckslos anglotzte.

(John Everson: Die Dreizehnte / Seite 109)

Brenda hingegen ist jung, hübsch, lebenslustig und wahrlich kein Kind von Traurigkeit. Da sie aber den Bus verpasst, bleibt ihr nichts anderes übrig, als in der einzigen angesagten Bar einige Biere zu trinken und vielleicht sich auch nach einem netten Kerl umzusehen. Dabei trifft sie auf David und verbringt den Abend feucht fröhlich mit ihm. Doch als der betrunkene David am Tisch unsanft geweckt wird, ist es schon so spät, dass die Bar schließen will. Brenda jedoch ist wie vom Erdboden verschwunden und taucht auch die nächsten Tage darauf nicht wieder auf. Grund genug für David, der sich in Brenda verliebt hat, der Sache etwas auf den Grund zu gehen. Haben etwa die sogenannten „Terror-Zwillinge“, wie TG und Billy auch genannt werden, etwas mit Brendas verschwinden zu tun? Denn die waren in der Bar, als David alkoholisiert weggetreten war.

Er griff nach einer anderen Kassette im Regal, gefüllt mit langen, glänzenden Folterinstrumenten. Feilen, die sich zu rasiermesserscharfen Haken verjüngten. Gekrümmte Nadeln, die sich festsetzten, sobald sie im Fleisch steckten, und es einfach gestalteten, in das Opfer einzudringen und ihm die Haut vom Leib zu ziehen.

(John Everson: Die Dreizehnte / Seite 247)

Sind Schwester Amelia und Dr. Rockford wirklich das was sie vorgeben? Wird es David gelingen, Brenda wieder zu finden und kommt Christy hinter das Geheimnis der verschwundenen Frauen? Und was verbirgt sich wirklich hinter der Tür mit dem roten X im Kellergewölbe von Castle House?

Fragen, die John Everson alle in seinem Roman beantworten wird. Soviel sei verraten, es geht um Ritualmorde, die einem ganz bestimmten Zweck dienen und es geht um die Dämonen Astarte und Ba'al, die die Hölle auf Erden entfachen könnten. Für David, Christy und Brenda jedoch geht es um das nackte überleben, denn für sie bricht die Hölle bereits hervor im Kellergewölbe von Castle House.

The 13thMein persönlicher Vergleich und mein Fazit:
Warum hatte ich oben den Vergleich zum Autor Edward Lee gezogen? Ganz einfach, Lees Romane feiern im FESTA Verlag ebenfalls Urstände unter Fans des Extremhorrors und gehen weg wie warme Semmeln. John Everson hingegen ist wohl immer noch eher ein Geheimtipp, der mit seinen bisherigen Romanen jedoch wahre Begeisterungswellen auszulösen weiß. Everson kokettiert jedoch gegenüber Lee nicht mit dem Schrecken, er überzieht ihn nicht bewusst bis hin zur schon skurrilen Form. Bei allem Witz in manchen Dialogen und Situationen verliert der Schrecken bei Everson nicht an Substanz, sondern kriecht dem Leser förmlich unter die Haut. Beides sagt zu und erfüllt seinen Zweck, dem Fan des Horrors das zu bieten, was er am Kiosk nebenan mit Sicherheit nicht geboten bekommt.

Was Eversons neustes Werk DIE DREIZEHNTE angeht, so wirkt der Roman nach und selbst die Sexszenen wirken nie unlogisch oder rein plakativ, sondern fügen sich geradezu bedrohlich in die Gesamthandlung ein. Dabei wiederholt sich Everson nicht einfach in seinen Romanen, sondern weiß stets aufs Neue zu faszinieren. Sei es damals sein Roman LIGEIA, der betont mystisch daher kam und gegenüber NIGHT WHERE weniger blutig ausfiel, oder eben NIGHT WHERE selbst, der den Leser gnadenlos in die Abgründe hinab zieht. Bei beiden Romanen fiel es ungeheuer schwer, dass Buch wieder aus der Hand zu legen, weil man einfach gefesselt ist von der Handlung und man einfach wissen will, wie es weiter geht. Nicht anders ist es bei DIE DREIZEHNTE, der faktisch von beiden Vorgängerromanen die Essenz des Schreckens vereinigt und doch wieder völlig anders daher kommt. In diesem Sinne kokettiert Everson nicht mit dem Schrecken, sondern lässt ihn Zeile für Zeile vor dem inneren Auge des Lesers anwachsen. Man kann also ohne Übertreibung sagen, Everson macht süchtig nach mehr.

Wer es also liebt, wenn die Spannung sich langsam steigert, bis das sie in einem wahren Inferno des Schreckens gipfelt, der sollte bei dem Roman DIE DREIZEHNTE unbedingt zugreifen.

Die DreizehnteDie Dreizehnte
The 13th (2009)
von John Everson
Übersetzung: Michael Krug
Seitenanzahl: 400 Seiten
Ausführung: Paperback, Umschlag in Lederoptik
Preis: 13,95 Euro
ISBN: 978-3-86552-411-9
FESTA Verlag (November 2015)

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