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Ein phantastischer Filmklassiker - Vom selbst verliebten Henker mit Trash-Faktor

Ein phantastischer FilmklassikerFolge 4
Vom selbst verliebten Henker mit Trash-Faktor

In dieser Reihe EIN PHANTASTISCHER FILMKLASSIKER werde ich ein wenig meine Schatzkammer in Sachen DVDs öffnen, in der sich neben mehr oder weniger aktuellen Filmen eben auch so manche Klassiker der Phantastik tummeln. Wir werden einen Streifzug unternehmen, in dem wir uns z.B. über Grusel, Science Fiction und Filmen im Grenzbereich der verschiedenen Genre bewegen werden. Bei diesem Film sollte man aber schon etwas für Trash-Granaten übrig haben.


Il Boia ScarlettoEs gibt Filme, da fragt man sich schon nach kurzer Zeit, ob die Macher auf Droge waren oder ihr Handwerk via Baumschule erlernten. Was dann beim ersten hinsehen vielleicht noch nicht funktioniert, klappt dann aber beim zweiten Versuch vielleicht besser. Gemeint ist damit die Sichtung des Films und was einem da allen ernstes geboten wird.

Manche Filme solcher Art werden ja hinterher sogar schlicht zum Kultobjekt, weil sie schon so schlecht sind, dass man sie schon wieder lieben muss. Der hier nun von mir vorgestellte Film DER SCHARLACHROTE HENKER gehört eindeutig zur Hardcore-Front des Trash, denn hatte ich zuerst etwas ungläubig dem Treiben und den Dialogen dieser Story zu folgen versucht, so konnte ich einige Lacher und manchen Schenkelklopfer im weiteren Verlauf nicht mehr unterdrücken.

Zuerst muss man sich für diesen Film aber in die Zeit von 1965 zurück versetzen, in der in Italien für das Kino noch jede Menge Sandalenfilme und Spagetti-Western wie Massenware herunter gekurbelt wurden. Die einzelnen Darstellerinnen und Darsteller in diesem Streifen sind nie wirklich bekannt geworden, dürften aber in den oben genannten Produktionen durchaus hier und da in der zweiten oder dritten Reihe der B-Movies mitgewirkt haben. Der vorliegende Film ist dabei ein bunter Eintopf, bei dem man Elemente aus Horror, Kostümfilm und Folterszenen mit Nippelblitzern und Kunstblut gut mischte und das ganze dann mit zum Teil grenzwertigen Dialogen unterfüttert hatte. Zuerst fängt der Film DER SCHARLACHROTE HENKER aka SCARLETTO - SCHLOSS DES BLUTES auch noch recht ansprechend an. Doch spätestens nach der Einführung entwickelt sich der Film zu einer wahrhaften Trash-Granate erster Güte. Man muss bei dem Hinweis auf die erotisch untermalten Folterszenen auch darauf hinweisen, dass man mit eben diesen Szenen vielleicht noch Oma und Opa schocken konnte. Heute läuft die DVD in ungeschnittener Fassung locker mit einer FSK Freigabe ab 16 Jahre und die betreffenden Szenen wirken dabei nicht mehr „nur unfreiwillig“ komisch. Wer also hier einen harten Torture-Porn erwartet, der dürfte bitterlich enttäuscht werden. Doch begeben wir uns einfach mal kurz in die Handlung von DER SCHARLACHROTE HENKER (Originaltitel: IL BOIA SCARLETTO), bevor wir zum Ausgangspunkt nochmals zurück kommen werden:

SzenenfotoEin Henker, ein Fluch und Mister Größenwahn:
1648 wird John Steward, den alle nur als den scharlachroten Henker kannten und fürchteten, selbst zum Tode durch eine seiner Folterinstrumente verurteilt. Doch bevor er in einer Art Schrank mit jeder Menge langen Messern zu Tode kommt, schleudert er seinen Gegnern noch einen Fluch entgegen, der sich in der Zukunft zu erfüllen scheint.

Die Jahrhunderte vergehen und ein Grusel-Autor samt Kameraleute und jungen, zumeist weiblichen Sixties-Mannequins ist auf dem Weg direkt zu dem Schloss, dass scheinbar völlig verlassen scheint. Da man in dieser Kulisse aber unbedingt einige Horrorfotos schießen will, steigt man kurzerhand illegal ein und öffnet das Tor eben von innen. Doch so unbewohnt ist das besagte Schloss nun auch wieder nicht, denn plötzlich tauchen zwei Bodyguards auf und der eigentliche Hausherr (Bodybuilder Mickey Hargitay) lebt quasi in einer Kammer zurückgezogen vor sich hin. Verweist er zuerst schroff die wilde Truppe von seinem Anwesen, so überlegt er es sich doch rasch wieder und gestattet ihnen nicht nur, die Nacht im Schloss zu verbringen, sondern auch ihr Fotoshooting mit den Models durchzuführen.

SzenenfotoDer Keller und die verzweigten düsteren Gänge bieten der Truppe auch die beste Location, während die Leiche des Henkers scheinbar ohne zu verwesen immer noch im besagten Folterschrank eingeschlossen ist. Doch dann wird der Folterschrank unvorsichtiger Weise geöffnet, die Leiche des Henkers verschwindet  und es geschieht ein scheinbar grausiger Unfall. Der erste Todesfall ist recht bald zu beklagen, doch warum aufgeben, wenn man gerade so gut bei der Arbeit ist.

Und so geht das Grauen seinen Gang und bald findet sich eine der Frauen in einem überdimensionalen Spinnennetz samt (einem ulkigen) Mordinstrument in Spinnenform wieder. Andere werden ihr folgen, indem sie von dem nunmehr sehr lebendigen scharlachroten Henker gefoltert werden. Doch eine der jungen Damen erkannte den Hausherrn des Schlosses von früher und da man Eins zu Eins zusammen zählen kann (welch Wunder), erkennt sie ihn dann auch in der Maske des scharlachroten Henkers wieder.

Letzteres hilft ihr bei diesem narzisstischen Hausherrn jedoch auch nicht weiter und so will er auch sie den mörderischen Torturen in seinem Folterkeller aussetzen. Doch dann kommt es zu einem finalen Zweikampf zwischen Männern (na ja), wobei man im Nachhinein auch dahinter kommt, dass die scheinbare Leiche des echten scharlachroten Henkers schlicht nur eine Puppe ist, weil von der echten Leiche nichts als Staub übrig blieb.

SzenenfotoWenn einem beim Lachen die Luft weg bleibt und der Bauch schmerzt:
Massimo Pupillo aka Max Hunter, der auch für Filme wie DAS FOLTERHAUS DER LADY MORGAN oder DJANGO TÖTET LEISE verantwortlich ist, hat sich in diesem Mix aus Gruselfilm, Großmutters Softpornographie, recht sinnfreien Dialogen und einem Schauspiel, dass glatt der Augsburger Puppenkiste entsprungen sein könnte, mal so richtig aus dem Fenster des Trash gelegt.

Das Setting ist ja noch recht ansprechend und der Anfang mit der schönen akustischen Untermalung durch bedrohlich wirkende Trommeln lässt auf Spannung hoffen, wie man sie bisher eher aus den alten Edgar Wallace Filmen kennt.

Die Hoffnung, dass der Anspruch der Eingangsszenen konstant über den ganzen Film gehalten werden kann, wird jedoch schnell gebremst. Und wenn unser ach-was-bin-ich-toll-Rotmützchen dann in der Folterkammer abgeht, wie Schmitz Katze unter Aufputschmitteln, dann wird auch dem letzten Zuschauer klar, dass die Darsteller wohl mit Familienpizza und kalter Pasta geködert worden sein sind.


Für 1965 mögen manche Szenen vielleicht doch etwas zu viel Haut in Verbindung mit lustigen Folterspielen gezeigt haben, weshalb damals die deutsche VHS-Version in diesem Punkt ziemlich geschnitten wurde. Heute müsste man bei diesen Szenen den harten Herrn des Hauses wohl wieder aufs Sofa helfen, weil er sich wohl schon vor Lachen, den Bauch haltend am Fußboden krümmt. Was der VHS von Today Video zu heikel war, ging jedoch im Kino in voller Länge und unbeanstandet über die Leinwand. Selbst die Szene mit dem Spinnennetz ist optisch erst einmal gut gemacht und recht ansprechend, verwandelt sich aber im weiteren Verlauf in eine wahre Katastrophe biblischen Ausmaßes. Viel besser geht es auch nicht den Szenen, in denen sich zwei Schönheiten knapp bekleidet und gefesselt auf einer Vorrichtung drehen und unser Henker die vor ihnen angebrachten Klingen immer weiter mit der Hand in  Richtung ihrer Körper schlägt. Da haut unser Bösewicht also auf die langen Messer drauf, dass sie eigentlich gleich bei den Mädchen zwischen den Schulterblättern wieder heraus fliegen müssten. Fakt sind aber dann bei den Nahaufnahmen nur noch wenige Millimeter, die bald gerade mal dafür reichen, ihnen das bisschen Stoff am Leibe Stück für Stück zu entfernen. Mal ehrlich, da werden im Film keine jungen Frauen gefoltert, sondern die Voyeure, die vor der Mattscheibe endlich auf einen Nippelblitzer hoffen.


SzenenfotoDie ersten Bauchschmerzen vor Lachen dürften auch dann ihren finalen Höhepunkt erreichen, wenn unser scharlachroter Henker anfängt, seine selbstverliebten Dialoge unter die erstaunten Zuschauer zu schmettern. Das hat schon was von einer hohen Schule der ungewollten Comedy. Aber was die Dialoge angeht, da können sich die Darsteller wohl gegenseitig das Wasser reichen, sofern man ihnen genügend Wörter zugebilligt hat. Und weil das ganze so schön ist, gibt es auch ein paar Prügelszenen im Stil von Bud Spencer und Terence Hill im ersten Lehrjahr.

Der Absolute Höhepunkt des Hundert-Prozent-Trah-Films dürfte aber die Sterbeszene des scharlachroten Henkers sein. Man ist fasst versucht, ihm als Zuschauer entgegen zu rufen, er möge doch endlich umfallen und dem Licht entgegen eilen, dass da irgendwo doch mal erscheinen sollte. Nur, man kommt nicht dazu. Warum? Versuchen sie mal beim Lachen einen vernünftigen Satz zu rufen. Unser Bösewicht taumelt nämlich bei seiner Sterbeszene mit einer Körperhaltung umher, als würde ihm gleich die Blase platzen, weil er einfach keine Toilette finden kann.


Natürlich hat der Film hier und da auch seine ruhigen Momente und auch einige Längen, wo man in gewisser Weise den Film hätte straffen können. Aber irgendwie benötigt man diese Längen auch, um mal wieder etwas Ernst in die Angelegenheit zu bekommen und nicht Gefahr zu laufen, nach dem Abspann noch stundenlang mit einem Dauergrinsen im Gesicht ausharren zu müssen. Man muss den Gesichtsmuskeln ja auch zwischendurch mal etwas Ruhe gönnen, sonst entstehen Krämpfe.


Und wem das dann alles noch nicht reicht und vielleicht zurecht eine gewisse moralische Eingebung aufgrund des Knallers erwartet, der wird dann auch noch am Ende des Films bestens bedient. Schließlich gelobt der Autor, niemals wieder Gruselgeschichten zu verfassen, damit diese erfundenen Storys nicht andere Menschen dazu ermuntern, selbiges blutig in die Tat umzusetzen.


SzenenfotoMeine Filmkritik:
Es gibt Trashfilme, die sollte man wenn überhaupt, nur einmal in seinem Leben ansehen. Schließlich ist jede Sekunde des Lebens Gold wert und sollte nicht so einfach vergeudet werden. Dann gibt es solche, die sind schon wieder solche Knallschoten, dass sie schon wieder Kult sind. Den Film DER SCHARLACHROTE HENKER würde ich fasst schon zur letzteren Kategorie rechnen. Er verfügt über Darsteller, die ihre personifizierte Talentfreiheit schon zur höchsten Vollendung gebracht haben und Dialoge, die man sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen muss. Mit einigen ruhigeren Längen kann dieser Film zwar kaum punkten, aber wenn die Spaghetti-Komik Salto schlägt, dann bleibt kein Auge trocken. Was hätte man da für einen Schocker seiner Zeit drehen können. Statt dessen sucht man die Schockelemente eher verzweifelt unter dem Teppichrand des eigenen Wohnzimmers. Und wer da vor Lachen nicht zu Boden gehen will, dem empfehle ich, die Sicherheitsgurte aus dem Auto ans heimische Sofa zu montieren. Sicher ist jedenfalls sicher.

Alles in allem ist DER SCHARLACHROTE HENKER ein Film, den man bedenkenlos in einer fröhlichen Runde unter Freunden sehen kann, um die Stimmung merklich zu heben. Wer aber hier einen nervenaufreibenden Horrorfilm oder gar bluttriefenden Folterfilm erwartet, der dürfte schon eher aus Verzweiflung in die Teppichkante beißen. Da es sich hier um die ungeschnittene Originalfassung handelt, gibt es aber leider auch kleine Szenen, die nicht synchronisiert wurden. Aber die fallen im Gelächter nun wirklich nicht mehr akustisch auf.

Ausblick:
Vampire werden uns in der einen oder anderen Form immer mal wieder in dieser Reihe begegnen. Das lässt sich nicht vermeiden, weil viele Filme des Phantastischen eben diese Kreaturen der Nacht als Dreh- und Angelpunkt hatten. So auch in der nächsten Folge, wo wir uns einem Blutsauger nähern werden, dessen blutige Taten mit der Musik von Giuseppe Verdi oder Arrigo Boito  unterfüttert werden. Und ich verspreche hier schon mal, dass es sich in der nächsten Folge um einen absoluten Klassiker unter den Klassikern handeln wird. Lasst euch also überraschen.

Der scharlachrote Henker
Der scharlachrote Henker
(Il Boia Scarletto/Scarletto - Schloss des Blutes/Bloddy Pit of Horror/Virgins for the Hangman/The Scarlett Executioner/Das Schreckensschloss des scharlachroten Henkers)
mit Mickey Hargitay, Walter Brandt, Louise Barrett, Rita Klein, Ralph Zucker, Femi Benussi, Alfredo Rizzo, Barbara Nelli, Moa Tahi, Nando Angelini u.a.

Produktionsfirma: M.B.S./International Entertainment
Regie: Massimo Pupillo aka Max Hunter
Genre: Gruselfilm
Laufzeit: 85 Minuten/2 DVDs plus 150 Minuten Bonusmaterial & kleines Booklet
DVD/FSK: 16 Jahre
Vertrieb: Ostalgica
Italien/USA 1965

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Kommentare  

#1 Andreas Decker 2015-08-01 14:53
Das ist ein spaßiges Filmchen. Hargitay in seiner roten Strampelhose muss man gesehen haben. Ich überlege mir auch, ihn zu ordern - ich habe den mal auf Englisch gesehen - aber das Angebot derartiger DVDs ist im Moment fast schon unüberschaubar. Habe gestern die neue Ofdb-Edition von O'Bannons "The Resurrected" bekommen, eine Lovecraft-Verfilmung. Drei DVDs, BD, drei Audiokommentare, 2 Tonspuren, 75 Seiten Booklet. Das ist fast schon zuviel des Guten.

Aber das ist nur die Spitze des Wahnsinns. :lol: Wenn du wirklich mal puren Trash-Irrsinn sehen willst, musst du dir einen Polselli leisten. The Reincarnation of Isabel/Black Magic Rites. Oder Nude for Satan von Batzella. Da gibt es auch so eine grandiose Spinnenszene. Diese Filme machen einen sprachlos, vor allem, wenn man bedenkt, dass die noch fürs Kino produziert wurden. Leider gibt es die (noch) nicht auf Deutsch. Aber die Dialoge sind hier nicht wirklich von Bedeutung :lol:

Und die ganz hartgesottenen Fans dieses Genres sehen sich Der Fluch der Schwarzen Schwestern an.
#2 Toni 2015-08-01 17:45
Klasse Artikel Horst!
Diese Art von Filmen liefen bei uns in Essen in den gleichen Kinos wie die sogenannten Tam-Tam (Softpornos) Streifen. Die Bilder in den Schaukästen waren manchmal nicht zu unterscheiden.
#3 Laurin 2015-08-02 00:14
Ähm...Horst, muss da bei Artikel-Verfasser nicht noch was geändert werden? :-*

War mir jetzt nicht aufgefallen bis zum Kommentar von Toni. :lol:
#4 Harantor 2015-08-02 00:39
und schon schmückt sich der richtige Autor mit den Federn. Sorry ...
#5 Toni 2015-08-02 12:14
Klasse Artikel Konrad! :D

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