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Ein Fluch hält bösartige Ernte - Richard Laymon’s DER WALD

Der WaldEin Fluch hält bösartige Ernte
Richard Laymon’s DER WALD

Was die Umwelt angeht, so meinen nicht wenige Amerikaner, man könne von der Hand in den Mund leben und der liebe Gott wird es schon wieder richten. Andererseits scheint ein Familienausflug in die Wälder durchaus zum Pflichtprogramm bei vielen Amerikanern zu gehören, und wenn man dann abends am Lagerfeuer einige gruselige Geschichten zum Besten geben kann, dann ist man glatt in einer sehr gepflegten Tradition. Warum dies also nicht aufgreifen, um daraus eine spannende Geschichte zu kreieren?

 

Der WaldScott O'Toole hält diese Idee jedenfalls für recht sinnvoll aus verschiedenen Gründen. Zum einen, weil er sich hiervon verspricht, dass seine geliebte Karen endlich Zugang zu seinen Kindern findet. Der kleine Benny scheint da das kleinste Problem zu sein, denn der hat sich selbst ein wenig in die hübsche Freundin seines Vaters verliebt. Bei seiner älteren Tochter, der 16-jährigen Julie scheint es jedoch eher Probleme zu geben, denn Julie scheint noch nicht wirklich überwunden zu haben, dass ihre Mutter sie damals einfach im Stich gelassen hatte und Karen nun ihren Platz einzunehmen gedenkt. Karen ihrerseits hat ihren vorherigen Partner durch einen Unfall verloren und diese Erinnerungen holen sie manchmal ebenfalls auf erschreckende Weise wieder ein.

Ein weiterer Grund dürfte für Scott darin liegen, endlich mal wieder mit seinem alten Kumpel und Kriegskameraden aus der Vietnam-Zeit, Arnold, auch kurz Flash genannt, und dessen Frau Alice Gordon etwas gemeinsam zu unternehmen. Es könnte jedoch ein Problem sein, dass Alice mit Scotts erster Frau sehr gut ausgekommen ist, und wie sie nun auf Karen reagiert, steht etwas in den Sternen. Und dann sind ja noch deren Kinder bei diesem Familienabenteuer dabei. Eigentlich passen Benny und die Zwillinge Heather und Rose Gordon schon altersmäßig zusammen, nur ob sie sich auch verstehen, ist eine andere Frage. Und Nick Gordon würde mit seinen 17 Jahren perfekt zu Julie passen, die gerade selber etwas Liebeskummer zu verkraften hatte. Ob Julie dies aber genauso sieht?
Genau neben der Laterne blieb er stehen und starrte uns mit diesen leeren Augen an. Dann öffnete er den Mund. Er wollte etwas sagen, und ungefähr ein halber Eimer Wasser sprudelte aus seinem Mund, als würde er sich erbrechen. Nachdem kein Wasser mehr kam, sagte er mit erstickter, gurgelnder Stimme: "Mein Arm, ich will meinen Arm."
 (Richard Laymon: Der Wald / Seite 192)
Zumindest Arnold "Flash" Gordon könnte sich Julie als neue Freundin für seinen Sohn Nick gut vorstellen und er glaubt nicht wirklich, dass Scott etwas Gewichtiges dagegen haben könnte. Und damit hat Richard Laymon auch schon die wichtigsten Personen seiner Handlung lesegerecht aufgestellt, denn sie werden einen beachtlichen Raum in diesem Buch einnehmen - sie, und ihre kleinen und großen Probleme miteinander. Der Leser erhält im Laufe des Romans einige tiefere Einblicke in die Protagonisten von Laymon, was den Roman nun nicht zu einer bluttriefenden Horror-Story, aber durch Richard Laymons einfache wie geniale Schreibweise durchaus interessant macht. DER WALD ist nicht das blutigste Buch von Laymon und bestimmt nicht sein härtestes Werk. Dafür führt es den Leser durch eine Menge ruhiges Fahrwasser zwischenmenschlicher Verknüpfungen. Aber halt, am Anfang war doch noch was und das roch geradezu nach Blut, Qual, Mord - und damit nach einer Menge Ärger!

Denn in dem Wald, oder sagen wir, im Umfeld des Mesquites Lake, befinden sich noch Ettie und ihr Sohn Merle. Für beide ist der Wald um den See herum eine Zuflucht, die Ettie nur zu gerne wieder verlassen würde. Doch Merle war schon damals in der Stadt eine tickende Zeitbombe, weshalb sie jetzt an diesem Ort verweilen müssen. Hier in der Einsamkeit und unter dem Schutz einiger Zaubersprüche fühlt man sich sicher vor dem langen Arm des Gesetzes. Doch wehe, es verlaufen sich junge hübsche Frauen in diesen Teil des Waldes, dann muss Ettie ein besonders wachsames Auge auf ihren Sohn Merle haben, denn es käme ihr nicht sehr gelegen, wenn die Ranger hier nach vermissten Frauen suchen würden und dabei unweigerlich auch auf sie beide stoßen könnten.

Es gelingt Ettie nicht wirklich, Merle stets von seinen blutigen Taten abzuhalten. Zwar gelingt es ihr noch gerade bei drei jungen Frauen, die sie dann auch aus dem Gebiet um den Mesquites Lake verjagen kann. Doch schon nähern sich die nächsten potenziellen Opfer in Gestalt der Familien O'Toole samt Karen und den Gordons.
Der Mann grinste sie über Nicks Kopf hinweg an. Er stand hinter dem Sofa, beugte sich über die Lehne und drückte mit einem dicken Arm Nicks Kehle zu. Nicks Gesicht war dunkelrot angelaufen. Er trat um sich und versuchte, sich zu befreien. "Nein!", schrie Julie.
 (Richard Laymon: Der Wald / Seite 353)
Rixchard laymonRichard Laymon verpackt hier einiges in seinen Roman DER WALD, und dabei geht es nicht häufig brutal zu. Oder sagen wir es anders: Die Gewalt oder das Böse schlechthin schrecken den Leser immer wieder von Zeit zu Zeit aus dem ruhigen Fluss einer Geschichte hoch, die sich in der Hauptsache um die Familien O'Toole und Gordon sowie ihrer kleinen und größeren Probleme drehen.

DER WALD ist wahrlich nicht so hart wie manch anderer Roman von Richard Laymon, den ich hier bereits im ZAUBERSPIEGEL vorgestellt habe, doch lassen Sie sich davon nicht täuschen. Auch dieser Roman hat es manchmal in sich, und es gelingt dem Autor vorzüglich, eben die selbst belanglosen Momente innerhalb der Familien so zu schildern, dass nie wirklich Langeweile aufkommt. Wer bei Laymon davon ausgeht, dass zumindest auf jeder zehnten Seite sich z. B. ein Messer in den Eingeweiden eines Opfers herumdrehen muss, der dürfte durchaus enttäuscht werden. Auf der anderen Seite wäre es aber auch gelogen, wenn man sagen würde, Laymon verzichte hier auf Elemente des Horrors oder der Gewaltdarstellungen. Denn Ettie ist eine Hexe und mit dem Bösen im Bunde, und wenn die scheinbaren Opfer auch den Wald verlassen können, in dem sie fast von Merle geschändet und ermordet worden wären, so ist dies nicht das Ende der Geschichte. Denn egal, wo sich die O'Tooles oder Gordons auch aufhalten mögen, Etties Fluch trifft sie kalt, bösartig und unvorbereitet. Und als es zu Unfällen, brutalen Übergriffen und letztendlich auch zu Todesfällen kommt, bleibt einigen der Familie keine andere Wahl, als an den Mesquites Lake zurückzukehren, um ihrerseits Ettie zu jagen. Es bleibt dabei nur die Frage, wer gerade der Jäger ist und wer das Opfer.

Dark MountainMein Fazit: Richard Laymon bleibt für mich eine wahre Wundertüte an Ideen und deren Umsetzungen. Natürlich hat jeder Autor in seinen Werken seine Eigenarten, an denen man ihn stets erkennt. Bei Laymon mag es z. B. auch die rotzfreche Art sein, mit der er stets einen gehörigen Schuss Erotik einsetzt. Aber er weiß daneben nicht nur blutige Spuren durch die Mehrzahl der Seiten zu ziehen, sondern wie hier im vorliegenden neuen Roman im Heyne Verlag eine bemerkenswerte Intensität den kleinen Dingen und dem Zwischenmenschlichen zu widmen. Hinzu kommt seine unbeschreibliche Art von Humor, die stets aufblitzt und den Leser ebenso zu fesseln weiß, wie eindringliche Schilderungen von Gewalt und Hilflosigkeit. Seine Figuren fesseln im Roman DER WALD durch ihre geradezu sympathische Art und bilden so einen scharfen Kontrast zu den eher grob skizzierten Charakteren Ettie und Merle. Ein wenig mag die ausschweifende Art an so manchen Roman von Stephen King erinnern, wo dieses Hauptgewicht auf bestimmte Figuren und ihre Probleme durchaus in Langeweile für den Leser umschlagen kann. Doch auch wenn Laymons Art zu schreiben einfacher erscheint als die von Stephen King, so gelingt es Richard Laymon doch, eine gehörige Spur Dramatik einzufangen und den Leser virtuos durch die vielen ruhigen Passagen zu führen, ohne in belangloses Fahrwasser abzudriften. Insgesamt ist DER WALD ein flüssig zu lesender Roman mit einer spannenden Ausgangssituation und jeder Menge Atmosphäre, die den Leser raffiniert mitnimmt und ihn in einen kleinen familiären Mikrokosmos entführt. Doch Laymon weiß ab und zu immer auch die grausigen Abgründe zu offenbaren, bis dass es zum Schluss zum Höhepunkt kommt, indem Laymon in Sachen Härtegrad noch einmal alle Register zieht. Ein Roman also, den ich durchaus empfehlen kann, weil es schlicht und einfach Spaß macht, ihn zu lesen.
Gib acht auf deiner Reise.
Setz deine Schritte mit Bedacht.
Und hüt' dich vor der Hexe,
die in der dunklen Höhle wacht.
(Richard Laymon: Der Wald / Seite 6)
Der WaldDaten zum Roman:
DER WALD
(DARK MOUNTAIN)

von Richard Laymon
Erstveröffendlichung: 1987/Tor Books
432 Seiten/9,99 €
ISBN: 978-3-453-43596-4
Deutsche Erstausgabe: September 2011
Heyne Verlag (Verlagsgruppe Random House)

Kommentare  

#1 Thomas Rippert 2011-10-25 08:25
Zitat:
Erstveröffendlichung: 1987/Tor Books...
Deutschland mal wieder top up to date, oder? :P

Danke für den Tipp, Konrad, diesmal schreib ich mir das mal auf - da ich nämlich den Titel deiner letzten Buchempfehlung schon wieder vergessen habe! Man(n) wird alt... ;-)
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#2 Laurin 2011-10-25 10:45
Tja, Luke Danes, in Deutschland dauert es halt etwas länger, aber mittlerweile gibt es ja jetzt eine rege Fan-Gemeinde zu den Romanen von Richard Laymon in Deutschland/Österreich, wie ich per Facebook feststellen konnte. :-)
Übrigends, die anderen Buchbesprechungen sind ja alle noch nachlesbar, man muß nur suchen. :-* :lol:
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#3 Wolfgang Trubshaw 2011-10-25 21:42
Es gibt tonnenweise Material aus jener Zeit. Weder der Autor noch das Werk sticht da irgendwie heraus. (Was jetzt nicht abwertend gemeint sein soll.)

Fast könnte man blindlings zugreifen beim Endlich-eine-Übersetzung-Bringen.

Aber es bessert sich ...

Das hier unterhalb etwa war schon lange, lange überfällig. (Ist im Original auch schon von 1986. Mussten deutsche Leser ja "bloß" 25 Jahre warten ...)

www.buchhandel.de/WebApi1/TitelSuche.asp?Func=Detail&Caller=vlbPublic&SearchId=151224870&HierSrcId=&SerieSrcId=&DirectSearchId=&CurrentPage=0&DetailIndex=0&SrcId=0-3865575&uid=&ShowUrl=&CanBeSubmitted=true&debug=&stichwort=&autor=anthony%2C+piers&preis_von=&preis_bis=&schlagwort=&jahr_von=&jahr_bis=&reihentitel=&medientyp=&verlag=&isbn=&titel=&sorting=1
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#4 Laurin 2011-10-26 14:14
Ich sag es mal so, zumindest bin ich froh, dass die Romane noch zu meinen Lebzeiten übersetzt erscheinen, wäre das nicht so, wäre ich ernstlich sauer! :-* :lol:
Und der nächste Laymon-Artikel an dem ich gerade feile ist wohl noch älter (gemeint ist der Roman) und erst jetzt übersetzt auf dem deutscheen Markt (FESTA Verlag) erhältlich. Und das es hier der Originalroman ist, haben wir eigentlich Laymon's Tochter zu verdanken, die den Originaltext wieder zusammen gefügt hat, weil dieser damals vom Verlag (in den USA) sträflichst und zum Leidwesen von Richard Laymon - sagen wir mal - verstümmelt wurde.
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#5 Jörg Kaegelmann 2011-10-28 20:53
Frage an Trubshaw: Erbitte eine Liste von sensationell guten Romanen, die endlich mal in Deutschland erscheinen sollten. Vielleicht lässt sich das eine oder andere Projekt verwirklichen.
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#6 Wolfgang Trubshaw 2011-10-28 23:16
Ich habe bis in die frühen 90er hinein US- & Britische Horror-Taschenbücher en mass verschlungen. Da waren immer wieder auch Bücher von vergleichsweise "Unbekannten" dabei, die "Bekannte" hätten sein/werden sollen.

So auf Anhieb habe ich die Titel oder Autorennamen jetzt nicht im Kopf, wenngleich ich viele der Geschichten und einzelne Schlüsselszenen aus den Romanen noch sehr bildlich in Erinnerung habe.

Das oben verlinkte "Shade of the Tree" war nun wahrhaft überfällig, weil es von jemandem ist, von dem praktisch alles sonstige irgendwann in Deutsch erschien, bloß das eine eben nicht. Wohl weil er der einen Hälfte der Leserschaft als SF-Autor, der anderen als Xanth-Autor ein Begriff ist, und Verlage offenbar nicht wussten, wie sie ein derartiges Werk von ihm bringen hätten sollen.

Ein Autor, der immer noch sträflich vernachlässigt ist in D ist T.M.Wright.
Mein Tip bei ihm wäre "The Place" für den Anfang mal, bei Erfolg weitere.

Auch einige der J. N. Williamson Bücher sind auffallend gut. Mein Tip für den Anfang wäre "Dead to the World" (1988 ) oder "Hell Storm" (1990).

Gegenwärtig wäre Brian Lumley's "House of Doors"(1990) nicht deutsch in Druck. Weiß nicht, ob das schon mal auf Deutsch kam. Glaube aber nicht. (Die bringen ja nur seine Serien).

Etwas literarisch "anspruchsvoller" wäre Kathe Koja. Die kann wirklich gut schreiben. Auf deutsch gab es von der bloß ihre ersten beiden Romane, nämlich "Cipher" und ihr "Bad Brains" bei Heyne (unter "Schwarzer Abgrund" und "Schwarzer Traum" oder so ähnlich...). Aber sonst nichts auf Deutsch meines Wissens nach.
Besonders ihr drittes (und sehr "urbanes") Buch "Skin"(1993) wäre empfehlenswert.

Dann vom umtriebigen J. M. Strazinsky "Demon Night"(1988 ).

Oder vom völlig unterschätzten Ray Garton, der leider viel zu oft Bücher-zu-(Horror)-Filmen geschrieben hat, odr auch Buffy-Zeug, der aber auch einige "eigene" Romane hervorgebacht hat, etwa "Crucifax Autumn" (1988 ) von seinem früheren Zeug, oder "The Loveliest Dead" (2005).

Und, und, und ...

Wirklich toll fände ich ja Horror-Anthologien.
Da würde ich gerne "Auswähler" spielen.
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#7 Jörg Kaegelmann 2011-10-29 08:24
Besten Dank, ich werde das intern weitergeben und prüfen lassen.
Anthos sind leider sehr schwierig.
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