Leit(d)artikelKolumnenPhantastischesKrimi/ThrillerHistorischesWesternAbenteuer/ActionOff TopicInterviewsHintergründeMythen und WirklichkeitenFictionArchivRedaktionelles

Wenn Erinnerungen zur Bedrohung werden - Greg F. Gifunes BLUTIGES FRÜHJAHR

Blutiges FrühjahrWenn Erinnerungen ...
... zur Bedrohung werden

Greg F. Gifune - BLUTIGES FRÜHJAHR

Sie haben oder hatten einen verdammt guten Freund oder Freundin? Was hatten Sie nicht alles geteilt, selbst die dunkelsten Geheimnisse? Oder fällt Ihnen bei einer Rückbetrachtung auf, dass Sie Ihren Freund/Ihre Freundin eigentlich nicht wirklich kannten? Wie viele Schatten gab es in dieser Verbindung, der Freundschaft, die Ihnen vor Augen führen, dass Sie eben nicht "alles" wussten, nicht alles miteinander geteilt hatten?

 

Blutigfes FrühjahrSo ähnlich geht es Alan Chance, der eine scheinbar intakte Ehe führt und sich ab und zu noch mit seinen Freunden von "damals" trifft. Dieser Freundeskreis wird jedoch mit dem Selbstmord von Kumpel Bernard Moore in düstere Abgründe gezogen!

Klar, früher war man eine verschworene Bande unter dem Anführer Tommy. Doch Tommy starb bereits zu Highschool-Zeiten, als er aus dem Schulbus direkt in ein Auto lief. Alan musste es wissen, denn er war dabei, und manchmal gehen ihm noch die Bilder von diesem dunklen Moment des Todes durch den Kopf. Die Zeit verging und Donald ging aufs College, Rick landete im Gefängnis und Bernard ging zu den Marines. Und Alan? Alan heiratete seine Jugendfreundin Toni und arbeitete fortan in einer kleinen Sicherheitsfirma statt Schriftsteller zu werden, wie er es sich erträumt hatte. Und eines hat die Clique noch gemeinsam: Keiner kam wirklich auf Dauer aus dem trüben Nest Potter's Cove heraus.

Sie hätten auch nicht unterschiedlicher sein können. Rick war immer der jugendliche Draufgänger, den das Gefängnis doch irgendwie verändert hatte. Und auch der Lack der Jugend bröckelt langsam bei ihm ab. Donald ist homosexuell, aber das störte die Freunde nie. Doch langsam wird Donalds anderes Problem gewichtiger, der Alkohol. Und Bernard? Bei Bernard wusste man nie, ob er nicht gerade gelogen hat, aber alle wussten und akzeptierten ihn so, wie er war. Bernard war auch keine Schönheit, auf den die Mädchen flogen. Bernard trug eine dicke Brille und lebte weiterhin bei seiner Mutter, bis diese starb und die Bank ihm das Haus nahm. Von den Marines kam er angeblich nach einem Jahr zurück, weil er sich auf einer Plattform das Knie verletzt hatte. Nun lebte er bei Familienangehörigen in einer modrigen Ecke im Keller. Einem Keller, in dem sich Bernard erhängte.

Natürlich war die Geschichte mit den Marines auch eine Lügengeschichte, die Bernard allen aufgetischt hatte. Doch wo war Bernard in dieser Zeit, und was noch wichtiger für Alan, Rick und Donald ist, was machte Bernard in dieser Zeit?

Der Tod von Bernard lässt jedenfalls Alan, Donald und Rick keine Ruhe mehr, denn alle drei hatten den gleichen Traum, in dem sich Bernard scheinbar von ihnen verabschiedete. Und noch etwas war in diesem Traum: schattenhafte, böse Kreaturen mit schwarzen Augen, die direkt aus der Hölle zu kommen schienen. Oder waren sie dazu da, Bernard in die Hölle zu holen?

Was ist, wenn die Welt, in der man lebt, nicht mehr ist, als der Vorhof zur Hölle?
Bernard zog die Knie näher an seinen Körper, stützte sich mit dem Kinn auf sie und legte die Arme um seine Beine. "Glaubst du an den Teufel?"
(Zitat: Seite 138 / BLUTIGES FRÜHJAHR)
Langsam und ruhig beginnt der Autor Greg F. Gifune den Leser in die Welt von Alan Chance und seinen Freunden einzuführen. Doch der Roman beginnt nicht mit Belanglosigkeiten. Er beginnt mit den Erinnerungen über Tommy und den Tod. Er beginnt mit Warnzeichen für das nahende Ende der Ehe zwischen Alan und seiner geliebten Toni. Er beginnt mit Jugenderinnerungen und mit der Realität der Figuren, die durchdrungen sind von unerfüllten Träumen, Ängsten und menschlichen Fassaden, die langsam an der Realität zerbrechen. Sie wollen es eigentlich nicht wahrhaben, aber am Ende wird ihre Welt nicht mehr so sein, wie sie sie kannten, und sie wird erstickt sein durch das Grauen, das von Bernard ausgeht.
"Dämonen", sagte ich und schleuderte das Wort zu ihr zurück. "Man erlebt das Böse ... kann es aber nicht beschreiben. Beschreiben sie mal den Wind", erklärte sie trotzig. "Sagen sie mir wie er aussieht."
"Ich verstehe."
"Sie verstehen gar nichts."
(Zitat: Seite 201 / BLUTIGES FRÜHJAHR)
Bald erhalten die Freunde eine Tonbandaufzeichnung von Bernard, in der er nach seinem Tod seinen Freunden nicht nur einen Spiegel vorhält. War es wirklich Bernard, der im Wald vergewaltigte und junge Frauen zu Tode gequält hat? Wie konnte es sein, dass Alan, Rick und Donald nie bemerkten, welches Grauen Bernard entwickelte? Und dann wird Bernards Ankündigung, es werde ein blutiges Frühjahr, wahr! Immer mehr verstümmelte und gequälte Frauenleichen werden gefunden. Und was ist mit den Visionen, die Alan und seine Freunde quälen - Visionen endloser Abgründe des absoluten Bösen?!
»Nicht alle Geister überqueren die Welten friedlich, hatte Claudia gesagt. Manche halten sich an der lebendigen Welt fest und lassen nicht los.«
 (Zitat: Seite 381 / BLUTIGES FRÜHJAHR)
The Bleeding SeasonViel mehr möchte ich hier nicht aus der Handlung verraten, die sehr komplex ist und in deren Handlung die Grenzen zwischen Thriller und Horror sich zunehmend verwischen. Gut, der Roman hat seine Längen, aber wo man eventuell hätte kürzen können, kann ich beim besten Willen auch nicht sagen. Denn nicht nur die Visionen des toten Bernard werden zunehmend zur Bedrohung. Auch erlebt man hier mit, wie das scheinbar normale Leben von Alan zunehmend zerfällt. Wie das Leben von Donald und Rick wirklich aussieht, oder mit welchen Ängsten Claudia umgehen muss, die durch Drogen und Prostitution bereits die Hölle durchschritten glaubte, bevor sie Bernard kennenlernte. Ich glaube, jede Kürzung hätte die Abgründe, das Grauen, das sich während der Handlung offenbart, nicht wirklich flüssiger darstellen können. So gehört durchaus auch die eine oder andere Länge im Text zur Seele dieses Buches.

Damit wir uns jetzt nicht falsch verstehen: Langeweile kam mir beim Lesen nicht auf. Vielmehr sah ich das Ganze als verschiedene Seiten (Handlungsräume) an, die erst zusammengefügt ein sehr dunkles und grausames Ganzes bilden! Wer hier nun erwartet, jede Menge Splatter-Szenen beschrieben zu bekommen, der dürfte allerdings enttäuscht werden. Das Grauen entfaltet sich auf andere Weise, und ist in bester Tradition mit Geschichten, die mit der Angst spielen, die sich wie ein Parasit langsam unter die Haut bohrt. Greg F. Gifune pflegt eine Schreibweise, die man nur selten trifft. Es passiert mir ehrlich gesagt sehr selten, dass ich während des Lesens zusammenzucke, wenn plötzlich ein Geräusch erklingt, das man nicht wirklich zuordnen kann. Die Handlung, die Schicksale und die Visionen des Schreckens nehmen den Leser einfach mit und schleifen ihn förmlich in ungeahnte Abgründe. Greg F. Gifune lässt den Leser sich nicht nur mit einem Psychokiller, mit den Opfern oder mit dem Leben seiner Figuren beschäftigen. Viel eher wird beim Lesen eine Frage immer bedeutungsvoller, die alles zusammenführt: Was ist das Böse? In diesem Sinne kann ich Greg F. Gifunes Buch BLUTIGES FRÜHJAHR wirklich jedem ans Herz legen.

Greg F. GifuneEin kleiner Blick auf den Autor:
Greg F. Gifune gilt in seiner Heimat als einer der besten Thriller-Autoren seiner Generation (geboren 1963) und hat bereits 15 Romane veröffentlicht. Seine Fans lieben seine düstere und melancholische Art. Gifune lebt zurzeit mit seiner Frau und mehreren Katzen in Massachusetts (USA).

Was das Schreiben angeht, so folgt Gifune eher einem Schema, das an feste Arbeitszeiten erinnert. Am liebsten eben vom frühen Morgen an, und das in der Regel von Montag bis Freitag. Einen kleinen Strich durch die Rechnung macht ihm da nur eine drängende Abgabefrist. Dann muss eben auch einmal ein Samstag eingeschoben werden. Damit er jedoch jederzeit neue Ideen und Einfälle festhalten kann, hat er nach eigener Aussage im ganzen Haus Notebooks verteilt, an die er sich sofort setzen kann, um seine Gedankengänge festzuhalten.

Dass Gifune schon mit fünf Jahren genau wusste, dass die Schriftstellerei einmal sein Leben bestimmen würde, gab er ebenfalls unlängst in einem Interview bekannt. Dabei folgt er der Maxime, dass man als Autor stets lernt und man für alles offen sein muss, um das schriftstellerische Handwerk stets zu verfeinern. Für Gifune ist ein tiefes Eintauchen in seine Roman-Charaktere wichtig, um sie wirklich glaubhaft wiedergeben zu können. Beeinflussen ließ sich Gifune übrigens von vielen anderen Autoren, darunter findet man zum Beispiel Namen wie Dostojewski, Virginia Woolf, Hermann Hesse oder Kafka.

Laut dem Interview war es Frank Festa, der auf Greg F. Gifune zuging, weil sein Ruf bereits bis an Festas Ohren gedrungen war. Man kann hier nur sagen, dass Frank Festa wieder einmal ein perfektes Näschen bewiesen hat und damit durch seinen Verlag diesem exzellenten Autor eine Bühne auf dem deutschen Buchmarkt eröffnet. Weitere Romane von Greg F. Gifune sind jedenfalls im FESTA-Verlag bereits in Vorbereitung!
Blutigfes Frühjahr
Daten zum Roman:
Blutiges Frühjahr
(THE BLEEDING SEASON)
von Greg F. Gifune
Übersetzung: Michael Weh
ISBN: 978-3-86552-097-5
416 Seiten / 13,95 EUR
Original 2003 bei Delirium Books
Taschenbuch/Umschlag in Lederoptik
FESTA-Verlag / 2011

Der Gästezugang für Kommentare wird vorerst wieder geschlossen. Bis zu 500 Spam-Kommentare waren zuviel.

Bitte registriert Euch.

Leit(d)artikelKolumnenPhantastischesKrimi/ThrillerHistorischesWesternAbenteuer/ActionOff TopicInterviewsHintergründeMythen und WirklichkeitenFictionArchivRedaktionelles

Wir verwenden Cookies, um Inhalte zu personalisieren und die Zugriffe auf unsere Webseite zu analysieren. Indem Sie "Akzeptieren" anklicken ohne Ihre Einstellungen zu verändern, geben Sie uns Ihre Einwilligung, Cookies zu verwenden.