Feral 16
Feral 16
In der letzten Ausgabe wurde ein Filmprojekt von Feral angekündigt. Zur Finanzierung wurde ein Crowdfunding organisiert, das leider keinen Erfolg hatte. Das Vorhaben wird daher nicht realisiert. Geplant waren 10 Episoden, die den Undergroundstil der Feralcomics auf die Kinoleinwand bannen sollten.
Dennoch wurde die erste Episode bereits im Mai dieses Jahres produziert, bevor das Crowdfunding gestartet wurde. Der Kurzfilm mit dem Titel „The Swamp Woman“ von Ezra Tsegaye wurde in der Berliner Bar Leydicke gedreht, der schon häufig als Filmkulisse gedient hat. Zu den Dreharbeiten befindet sich ein doppelseitiger Bericht in dieser Ausgabe. Inwiefern oder ob er überhaupt einem Publikum zugänglich gemacht wird, ist nicht bekannt.
Den Kern von Feral bilden wiederum die Comicgeschichten, die aus einem Mix von Fortsetzungsgeschichten und abgeschlossenen Einteilern bestehen und vor allem Leser von Undergroundcomics ansprechen.
Den Auftakt macht Ester Cardella mit der Fortsetzung ihrer Storyline „Bloodlust“. Die Handlung schließt nahtlos an die Ereignisse der letzten Ausgabe an. Rose trifft auf einen eingekerkerten Mann, der sie eindringlich vor Luna warnt. Als sie ihn befreien will, schreitet eine grauenhafte Kreatur ein und sperrt kurzerhand auch Rose zu dem Gefangenen.
Wiederum bestechen die Zeichnungen durch ihre Schwarz-Weiß-Optik, in der sich markante Stellen durch matte Rottöne abheben. Qualitativ machen die Layouts einen kräftigen Sprung nach vorn. Die Hintergründe und Figuren sind mit mehr Details versehen und treten aus den Panels aus. Dabei zeigt sich zunehemend, dass Ester Cardellas Comic noch nicht vollständig vorliegt. Vielmehr führt sie die Arbeiten kontinuierlich fort, sodass die neu entstehenden Seiten nach und nach in Feral präsentiert werden.
Einen ähnlichen Weg beschreitet Ömer Yalincilic, der mit der Fortführung seiner Story „Dreams in the Witch House“ die zweite Story dieser Ausgabe beisteuert. Die Ereignisse um Diana und Valentina begleiten den Leser seit der ersten Ausgabe. Yalincilic verarbeitet die Filme von Cosmotropeia de Xam in seinen Geschichten und richtet nun den Blick auf „Cabaret Absinthe“. Der Leser sollte die vorherigen Teile kennen, da sich die Handlung ihm sonst nicht erschließt. Shazzula versucht Diana und Valentina zu überzeugen, ihr im Kampf gegen die Bestie beizustehen und natürlich willigen sie ein.
Die schwarzweißen Zeichnungen bestechen wiederum durch ihren Realismus aus, der die Charaktere wirkungsvoll in Szene setzt. Die kräftigen schwarzen Töne in den Figuren und die dezenten Kreuzschraffuren in den Hintergründen erschaffen eine Noir-Ästhetik, die der Geschichte einen morbiden Charme verleiht. Der Filmfan Yalincilic ist aus den Layouts förmlich auszulesen. Cineastische Einstellungen und Nahaufnahmen der Figuren prägen den Verlauf der Geschichte.
Die letzten beiden Beiträge sind abgeschlossene Geschichten, sodass hier auch Gelegenheitsleser auf ihre Kosten kommen. Christoff RDGZ und Akkara erzählen eine Kurzgeschichte, in der eine Einheit der Roten Armee im Februar 1945 Königsberg erreicht. Als sie ein Haus durchkämmen, werden sie mit einer Gefahr konfrontiert, die keinen Unterschied zwischen Angreifern und Verteidigern macht.
Akkara nutzt für die Geschichte eine klare, klassische Panelaufteilung. Die schwarzweißen Layouts folgen, wie schon die vorangegangene Geschichte, einer cineastischen Ästhetik, die zwischen totalen und Nahaufnahmen wechselt und damit eine fließende Bewegung erzeugt. Die Zeichnungen wirken rau und unterstützen den harten Charakter der Story, die in der Endphase des Zweiten Weltkriegs spielt. Die bewusst unsaubere Linienführung verstärkt dabei den Eindruck, dass die Männer in der Geschichte bereits einiges durchgemacht haben. Das unterstreicht das kompromisslose Finale, als sie ein Zimmer betreten, in dem ein totes Kind in einem Bett liegt.
Den Abschluss machen Lord Cushion und Ezra Tsegaye mit einer Anhaltergeschichte. In „Bitchhikers on Tour“ nimmt Buzz die hübsche Anhalterin Gwin in seinem Van mit. Er staunt nicht schlecht, als die Schönheit seinen plumpen Anmachversuchen nachgibt und sich während der Fahrt an ihm zu schaffen macht. Aber plötzlich steht eine Frau auf der Straße, die Gwin ziemlich ähnlich sieht. Vor Schrecken überfährt er sie, und als er nach ihr sehen will, nimmt das Unheil seinen Lauf.
Anhaltergeschichten verlaufen oft nach dem gleichen Schema, in dem sich die Machtverhältnisse nach und nach ins Gegenteil verkehren, und der Jäger wird zum Gejagten. Diese Geschichte funktioniert nach genau diesem Prinzip, ohne dass es dabei langweilig wird. Der Leser kann sich entspannt zurücklehnen und der Handlung folgen, die auf das unausweichliche Finale hinsteuert. Am Ende gibt es zwar einen Hinweis darauf, dass weitere Episoden in Vorbereitung sind, dennoch ist die Geschichte in sich abgeschlossen und funktioniert auch für sich allein.
Die Geschichte hebt sich von den anderen Beiträgen schon dadurch ab, dass sie über eine satte digitale Kolorierung verfügt, die mit kräftigen Farben arbeitet. Die Zeichnungen sind mit einem dicken, klaren Strich ausgestattet und weisen einen hohen Realismus auf, der teilweise überzeichnet ist. Erotische Elemente dominieren einige Seiten und es kommt zu sexuellen Handlungen, bevor die Story in ein Horrorfinale mündet.
Feral setzt auch in dieser Ausgabe wieder auf seine bewährte Mischung aus Fortsetzungsgeschichten und abgeschlossenen Kurzstorys. Die Fortsetzungen sprechen den regelmäßigen Leser an, während die beiden letzten Geschichten Gelegenheitslesern den Zugang zum Magazin eröffnen. Inhaltlich setzt die Ausgabe erneut voll auf Horror und präsentiert Undergroundcomics mit ganz unterschiedlichen Zeichenstilen. Trotz dieser stilistischen Vielfalt besitzt das Magazin eine klare Linie und bleibt seiner bisherigen Ausrichtung treu.
08/2026



