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Vom Wunschkasten zur Belanglosigkeit - »Gwendys Zauberfeder«

Gwendys ZauberfederVom Wunschkasten zur Belanglosigkeit
»Gwendys Zauberfeder«

Hätte Stephen King bei der Novelle GWENDYS WUNSCHKASTEN irgendwie nicht gewusst, wie er hier wirklich weiter verfahren sollte, um die Geschichte auch zu einem sinnvollem Ende zu führen, wäre dieses Büchlein wohl für eine Leserschaft eventuell nie in Umlauf gekommen. Aber gemeinsam mit Richard Chizmar, der einen eigenen kleinen und feinen Verlag (Cemetery Dance Publications) führt und mit King befreundet ist, wurde dann GWENDYS WUNSCHKASTEN vervollständigt und auch veröffentlicht.

Gwendys ZauberfederNun hatte ich diese Novelle, die im Heyne Verlag sogar als kleines Hardcover veröffentlicht wurde, ja damals schon gelesen und auch eine entsprechend wohlwollende Rezension im Zauberspiegel verfasst. Die Story um den seltsamen Fremden mit der Melone auf dem Kopf, welcher der jungen Gwendy aus dem Städtchen Castle Rock einen Wunschkasten übergibt, welcher regelmäßig wertvolle Münzen aus Silber oder Schokoladentiere ausspuckt, war durchaus eine auch von der Seitenzahl (ca. 128 Seiten) her betrachtet, eine schöne Coming-of-Age-Geschichte mit einem recht hübschen mystischen Einfluss. Dabei hatte dieser Wunschkasten auch so einige Knöpfe, farblich abgeglichen, für die verschiedenen Kontinente wie Europa, Afrika usw., und dazu dann noch ein spezieller roter und schwarzer Knopf, mit denen man unter Umständen auch Katastrophen oder gar eine globale Eskalation hätte auslösen können.

Nun konnte sich die kleine Gwendy selbst ja moralisch immer wieder davon abhalten, mittels dieses Wunschkastens und seiner auch erschreckenden Möglichkeiten, es auf der Welt mal so richtig knallen zu lassen. GWENDYS WUNSCHKASTEN war in diesem Punkt zwar noch weit von einer gruseligen Geschichte entfernt gewesen, ließ sich aber recht flott und flüssig lesen und machte auch irgendwie Spaß, wenn man erst einmal nach den ersten Seiten tiefer in die Handlung eingetaucht war.

Im Grunde hätten Stephen King und Richard Chizmar es damit aber wohl auch bewenden lassen sollen. Nur leider haben sie uns diesen Gefallen aber nicht getan. Und so liegt aus dem Heyne Verlag nun auch das zweite Büchlein (nun ca. 272 Seiten) mit dem Titel GWENDYS ZAUBERFEDER vor. Der Autor ist diesmal ganz alleine Richard Chizmar und Stephen King steuert hier nur das Vorwort bei, auf das ich hier aber nun nicht eingehen werde.

Und ganz ehrlich, den Einblick in die Handlung werde ich hier auch sehr kurz halten, da es eigentlich nicht wirklich viel hierzu zu schreiben gibt. Und das ist auch das grundsätzliche Problem bei GWENDYS ZAUBERFEDER, denn selbst wenn ab der Mitte die Handlung etwas anzieht, schafft sie es nicht (mehr), sich wirklich noch für mich in eine intelligente Geschichte mit brauchbarer Spannung zu entwickeln. Dafür endet die Handlung aber in einer rosaroten Form von Happy End in allen Lebenslagen. Also eher etwas für Menschen, die genüßlich in einer Grube mit Zuckerwatte schwelgen können. Doch selbst hier ist es durchaus empfehlenswert, wenn man GWENDYS WUNSCHKASTEN bereits gelesen hat, sonst fasst man hinsichtlich GWENDYS ZAUBERFEDER auch mitunter wegen fehlender Hintergrundinformationen nicht immer wirklich Fuß. Aber das Problem kennt man ja bereits auch aus diversen anderen Fortsetzungsromanen.

Gwendys ZauberfederIn Castle Rock geht es jedenfalls wieder rund ...
... für Sheriff Ridgewick, denn er und seine Mannschaft suchen verzweifelt in diesem Winter nach plötzlich vermissten Mädchen. Aus dem ehemals etwas pummeligen Mädchen Gwendy Peterson ist indessen eine recht gutaussehende Frau von 37 Jahren geworden, die vor rund 25 Jahren Castle Rock in Maine den Rücken gekehrt hat, um in Washington  als Kongressabgeordnete Karriere zu machen. Sowohl der Mann mit der Melone als auch sein Wunschkasten sind für Gwendy nur noch weit zurückliegende Erinnerungen. Schließlich wurde ihr irgendwann ja die große Verantwortung, die dieser Wunschkasten mit sich gebracht hatte, auch positiver Weise wieder genommen.

Doch aus diesem Vergessen werden die Erinnerungen bald für Gwendy wieder herausgerissen, denn plötzlich taucht dieser seltsame Wunschkasten wieder in ihrem Leben auf, was sie natürlich direkt zurück eben nach Castle Rock führt. Schließlich muss ja Licht in das Verschwinden der Mädchen gebracht werden und ihre Mutter ist auch schlimm erkrankt.

Und ja, Richard Chizmar lässt jetzt quasi im Sauseschritt irgendwie seine Leserschaft durch die etwas mehr als 270 Seiten fliegen, ohne das dabei allerdings irgendwo einmal richtig Spannung aufkommt oder sich zumindest ein kleines gruseliges Gefühl freiwillig zeigen würde. Und ... ach ja ... bevor ich es vergesse, Gwendy ist auch mittlerweile glücklich verheiratet mit dem Fotografen Ryan, der für ein Magazin mit einem Team in einem Auslandsauftrag in Südostasien steckt, wo Regierungsunruhen auch nicht gerade ein hohes Alter für ihn garantieren wollen. Zeit also für Gwendy z.B. mit den Knöpfen des Wunschkasten Überstunden einzulegen um die Welt in allen Belangen wieder ins Lot zu bringen. Die Zauberfeder hingegen wirkt hier allerdings in der Handlung irgendwie eher an den Rand gedrückt.

Gwendys ZauberfederEine Geschichte ohne wirkliche Höhen und Tiefen:
Man sollte zumindest denken, das Gwendy hier in Sachen Wunschkasten oder der hinzugekommenen Zauberfeder ordentlich den Bär auf der phantastischen Klaviatur tanzen lässt. Entsprechende Baustellen sind ja genug vorhanden. Aber auch alleine schon die Sache mit den verschwundenen Mädchen hätte hier jede Menge Möglichkeiten geboten, wirkliche Spannung und vielleicht sogar ein paar zumindest leicht gruselige Momente einzubauen, schließlich sind wir ja in Castle Rock und nicht im beschaulichen Hildesheim in Niedersachsen. Aber wie war das mit dem "hätte" und der "Fahrradkette"? Ja, man könnte auch sagen, die Hoffnung stirbt immer zuletzt, aber dann ist sie auch mit Sicherheit tot.

Denn ob nun Wunschkasten oder die verschwundenen Mädchen, alles das ist im Roman drin, wirkt aber irgendwie an den Rand gedrückt, während Chizmar hier eher eine lauwarme Soap Opera abfackelt, in der eigentlich doch alles schön und gut ist und etwas böses im Leben auch gleich liegen bleiben kann, weil Gwendy dann ja doch irgendwie alles moralisch liebevoll und glücklich lächelnd im Griff hat.

Im Grunde hat man hier also eine nicht unbedingt schlecht geschriebene, aber inhaltlich doch belanglose Geschichte vor sich, die ohne wirkliche Höhen und Tiefen, Kanten oder Ecken auskommt und man am Ende wieder auf eine kleine heile Welt mit dickem Happy End blickt, in der zwischen Friede, Freude und Eierkuchen eben nur noch ein ungläubiger Blick (vom hier mal völlig geschlechtsneutral betrachteten Lesers) passt.

Im Grunde ist GWENDYS ZAUBERFEDER von Richard Chizmar eher Kuschellektüre vor dem einschlafen, denn deren Langeweile droht jede Valium vor Scham noch erröten zu lassen.

Gwendys ZauberfederMein Fazit:
Hätte Richard Chizmar hier doch besser gleich die Finger von einer Fortsetzung von GWENDYS WUNSCHKASTEN gelassen, denn mit GWENDYS ZAUBERFEDER hat er hier nun einen kleinen Folgeroman abgeliefert, der in Sachen Phantastik, Spannung und wirklich ansprechender Handlung weder Fisch noch Fleisch darstellt. Und irgendwie habe ich hier auch den Eindruck, das Chizmar mit GWENDYS ZAUBERFEDER eher auch einen lauwarmen Lückenfüller geschrieben hat, um einerseits die Kuh weiter melken zu können und weil uns ja noch eine weitere Fortsetzung droht, in der dann offenbar Stephen King und Richard Chizmar als Autoren wieder gemeinsam Hand in Hand mit Gwendy dem Sonnenuntergang entgegen hüpfen. Bei GWENDYS ZAUBERFEDER ist Stephen King aber eben auch nicht wirklich ganz raus, denn er steuert ja noch ein liebevolles Vorwort zum Roman bei, weshalb er dann auf dem Cover auch gleich (warum auch immer) so groß erwähnt wird, wie der Autor selbst. Liegt aber wohl auch daran, dass alleine schon der Name Stephen King den Umsatz ordentlich befeuern dürfte.

Irgendwie kann ich ja auch verstehen, wenn auch bei GWENDYS ZAUBERFEDER die Fans von Stephen King unbedingt zugreifen wollen (oder mussten). Denn die Figur entstammt ja eigentlich seiner literarischen Fantasie, bei der Richard Chizmar dann jetzt mit dieser Fortsetzung ordentlich "rummachen" durfte. Und den richtigen Hardcore-Fans von King dürfte daher auch hier eine eher negative Rezension sicherlich nicht wirklich gefallen. Nur leider kann ich daran nichts ändern, weil ich eben nicht zu der King-Fraktion zähle, die trotzdem noch mit einem verklärten Gesichtsausdruck lächeln, auch wenn man ihnen mit irgendeinem Ziegelstein von Buch seitens Stephen King gerade mit Schwung immer wieder schmerzhaft auf den kleinen Zeh einschlägt, bis das es eben knackt.

Nein, man hätte dieses mystisch-niedliche literarische Kleinod GWENDYS WUNDERKASTEN einfach ganz für sich stehen lassen sollen, ohne nun mit aller Gewalt an dieser Schraube weiter zu drehen. Denn dieser kleine feine Band war durchaus ein literarisch interessantes wie kurzweiliges Schmuckstück. Dagegen wirkt GWENDYS ZAUBERFEDER nun eher wie eine Zunge, die man der Kuh noch mit einer Zange und jeder Menge flauschiger Gewalt herausziehen musste. Und solche Fortsetzungen zerren eben nicht nur am Geldbeutel (so ein Buch kostet schließlich keine Nüsse), sondern leider auch an einem Teil der kostbaren Lebenszeit als Leser. Und ich bin hier ganz ehrlich, spätestens jetzt ... egal ob King hin oder Chizmar her ... bin ich mir ganz sicher, das ich mir den noch folgende Band nicht mehr geben werde, der bereits in den USA unter dem Titel GWENDY'S FINAL TASK für das erste Quartal in 2022 angekündigt wurde (voraussichtlicher deutscher Titel bei Heyne: GWENDYS LETZTE AUFGABE). Da nutzt es auch nicht, wenn hier Stephen King und Richard Chizmar wieder gemeinsam als Autoren Hand anlegen werden.

Wer aber nun unbedingt lesen will, wie Chizmar den Faden von GWENDYS WUNDERKASTEN  mit der "Zauberfeder" weiterspinnt, den kann und will ich hier auch nicht aufhalten. Eventuell gefällt es ja auch, schließlich sind Geschmäcker ja verschieden. Aber mein eigenes Gewissen haut mir gerade immer wieder mit Schwung in den Nacken, wenn ich hier trotzdem noch versuche, irgendwie eine kleine Emfehlung abgeben zu wollen (um nicht völlig als Spielverderber zu wirken).

Gwendys ZauberfederGwendys Zauberfeder
(Gwendy's Magic Feather)
von Richard Chizmar
Übersetzung: Sven-Eric Wehmeyer
Originalverlag: Cemetery Dance Publications
Genre: Fantasy
Deutsche Erstausgabe: Wilhelm Heyne Verlag/2021
ISBN: 978-3-453-27295-8
Seitenanzahl: 272 Seiten/Hardcover
Preis: 12,00 Euro
Heyne Verlag (Verlagsgruppe Random House GmbH)

Kommentare  

#1 Cartwing 2021-11-29 06:14
Das war aufschlussreich...

Schade um die schöne Idee, das fortzusetzen.
Das lass ich dann wohl im Regal liegen (den Übersetzer kannte ich übrigens mal persönlich, ein Nachbar meines Freundes)

Ich habe mich bei meinem letzten Besuch in der Buchhandlung zum Glück für Kings "Blutige Nachrichten" entschieden, das sind wieder vier Novellen.
#2 Laurin 2021-11-29 12:43
@Cartwing:
Wie gesagt hatte mir damals GWENDYS WUNSCHKASTEN durchaus gut gefallen gehabt, was man ja hier auch in der Rezension im Zauberspiegel gerne noch mal nachlesen kann. Allerdings hier legt Chizmar eine Geschichte vor, die völlig befreit von Spannung usw. sich eher völlig belanglos über 272 Seiten zieht um dann in einem rosaroten Happy End zu enden.
Aber es soll ja LeserInnen geben, denen so etwas wohl auch gefällt. Meins ist es allerdings sicherlich nicht.

Hier daher noch mal der Link zur Rezension von GWENDYS WUNSCHKASTEN für die, denen die Verlinkung ganz oben nicht aufgefallen sein sollte:
www.zauberspiegel-online.de/index.php/phantastisches/gedrucktes-mainmenu-147/35609-silberdollars-schokolade-oder-weltuntergang-gwendys-wunschkasten

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