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Mystery-Horror und etwas Lovecraft - »Das Grauen von Dunfield«

Das Grauenvon DunfieldMystery-Horror und etwas Lovecraft
»Das Grauen von Dunfield«

Das erste worauf die Leserin oder der Leser hier trifft, ist Francis, den man aber wohl meistens nur "Frank" nennt. Und Francis fährt einen Schneepflug während eines schweren Schneesturms, der über eine Kleinstadt in Neufundland fegt. Und diese Kleinstadt ist - wie sollte es anders sein - Dunfield. Doch so schlimm der Schneesturm auch sein mag, es gibt noch etwas viel schlimmeres, was von Zeit zu Zeit die gesamte Region in Angst und Schrecken versetzt.

Das Grauen von DunfieldUnd dieses scheinbare Böse manifestiert sich in Form eines grünlich leuchtenden Nebels, der entgegen aller Naturgesetzte scheinbar sogar wie ein intelligentes Wesen seine Opfer angreift. Und das dieser Nebel keinen natürlichen Ursprung hat, das wissen die Menschen in dieser Region sehr genau. Allerdings was er nun eigentlich ist und woher er stammt, darüber wissen sie wiederum nichts.

Doch bei diesem groben Handlungsgerüst belässt es der Autor William Meikle hier nicht, während er seine Geschichte um den grauenvollen Nebel und krakenartigen Kreaturen aufbaut, die irgendwo eben wie eine bizarre Kreuzung zwischen einem Tintenfisch sowie einem Krebs erscheinen.

Ich stand zwar gerade mit dem Rücken zum Meer, konnte an Pats Gesicht aber ablesen, dass ich das, was sich hinter mir abspielte, devinitiv nicht sehen wollte.
"Dreh dich nicht um, Junge - sieh nur zu, dass du hier hochkommst."

(William Meikle: DAS GRAUEN VON DUNFIELD/Seite 56)

Schließlich es wäre wohl zu einfach gewesen, hier nur einem roten Faden als Handlungsbogen zu verfolgen. Denn recht schnell wird man als Leser feststellen, dass sich dieser Schrecken gleich auch über mehrere Zeitebenen erstreckt, welche innerhalb der Handlung allerdings auch immer stärker miteinander verknüpft werden.

So müssen wir zu Beginn Francis dann auch erst einmal wieder verlassen, als er bemerkt, dass das Grauen von Dunfield wieder zurückgekehrt ist und bewegen uns dafür aus der Gegenwart zurück bis ins Jahr 1954 (sowie etwas später auch ins Jahr 1955). Und 1954 finden wir uns auf einem Kriegsschiff vor der Küste von Neufundland wieder und treffen dort auf den Wissenschaftler Duncan und seinen Kollegen Muir, die ein Experiment durchführen sollen, welches als Endresultat sich für zukünftige Kriege eventuell auch als Waffe nutzen lassen könnte.

Innerhalb dieses zweiten, größeren roten Fadens taucht man als Leser dann in die Tagebuchaufzeichnungen von Duncan Campbell ein, in der wir nicht nur ihn und den scheinbar genialen wie aber auch exzentrischen Wissenschaftler Muir kennenlernen, sondern auch bald  darauf Zeuge werden, als das gesamtes Kriegsschiff samt der Mehrheit seiner Besatzung durch den bösartigen Nebel zur unberechenbaren Falle wird.

Maggie war tatsächlich so hauchdünn gestreckt wie eine Verhungernde. Ihr linker Arm nur noch ein Schatten, ihr Kopf lang und oval wie ein zerdrücktes Ei. Ihr Mund öffnete sich immer wieder, ein schwarzes Loch, in dem nur noch Dunkelheit lag ... dann war sie fort ... für immer in dem Glühen verloren.

(William Meikle: DAS GRAUEN VON DUNFIELD/Seite 88 - 89)

Doch selbst nach dieser schrecklichen Katastrophe ist Muir weiterhin davon überzeugt, das mit oder durch den seltsam leuchtenden Nebel die Realität vollständig verändert wird, weil mit ihm gleichsam eine Verbindung zu einem vollkommen anderen Universum (oder gar dem Multiversum) entsteht, wo wiederum unsere Gesetze von Raum und Zeit keine Geltung haben könnten. Dies lässt den Wissenschaftler nicht mehr los und so experimentiert er trotz aller Warnungen seitens Duncan und sogar den offenen Drohungen der verängstigten Einwohner weiter. Doch wohin führen ihn diese Experimente, die nur Schrecken, Tod und bizarre Veränderungen mit sich bringen?

Die Leserschaft erhält im weiteren Verlauf noch weitere Einblicke in weitere, kürzere Zeitabschnitte. So führt uns die Geschichte auch ins Jahr 1996 oder im letzten Drittel sogar noch weiter zurück bis ins Jahr 1856 auf ein vor der Küste gestrandetes Walfängerschiff. Und hatten wir eben bisher noch den Verdacht gehegt, dass dieser Schrecken erst durch die Experimente seitens Muir auf dem Kriegschiff ausgelöst wurden, so werden wir hier dann eines Besseren belehrt, denn der tödliche Nebel und die grausamen Kreaturen im Meer scheinen sogar älter zu sein als man vielleicht bisher glaubte.

"Hölle könnte das passende Wort sein", antwortete er. "Denn in vielen Kulturen gibt es Geschichten über exakt dieses Phänomen. Dabei geht es um ein übernatürliches Wesen, das die Tore zur Wahrnehmung, zur Realität oder wie immer Sie es auch nennen wollen, beherrscht. Der an der Schwelle Sitzende, vielleicht haben Sie schon mal davon gehört?"

(William Meikle: DAS GRAUEN VON DUNFIELD/Seite 157)

Indessen setzen in der Gegenwart Francis und seine Kollegen George, Jimmy und Pat alles daran, die Bewohner von Dunfield vor der Rückkehr des grausamen Nebels zu retten. Doch nicht nur der immer wieder auftauchende seltsame Nebel bedroht die Menschen von Dunfield, sondern eben auch der immer noch gnadenlos tobende Schneesturm.

Das Grauen von DunfieldZwischen H.P. Lovecraft und zeitgenössischem Horror:
Zuerst sei hier schon einmal erwähnt, dass meine kurze Beschreibung der Handlung sich vielleicht etwas kompliziert anhören könnte. Denn die Handlung scheint recht komplex zu sein und mehrere Zeitebenen könnten durchaus für zusätzliche Verwirrungen hinsichtlich der Handlung oder des perfekten Lesefluss sorgen.

Diese Sorge kann ich ihnen allerdings gleich nehmen, denn William Meikle legt hier als Autor einen überraschend flüssigen Schreibstil vor, der mich quasi locker von Seite zu Seite fliegen ließ und mich auch durchweg sehr an die Gesamthandlung zu fesseln wusste. Jedenfalls hatte ich das Buch in zwei Tagen beendet (wobei ich auch gestehen muss, dass ich wohl ein eher langsamer Leser bin) und wollte es in dieser Zeit auch kaum aus den Händen legen. Aber man kennt das ja. Da will man mal eine Tasse Kaffee oder man muss eben mal das stille Örtchen aufsuchen. Aber danach wurde gleich wieder DAS GRAUEN VON DUNFIELD aufgeschlagen um gespannt weiter lesen zu können.

Bei der Handlung selbst fällt es auch nicht schwer, Verbindungen zu den Werken seitens H.P. Lovecraft ausfindig zu machen. Anspielungen an Lovecrafts Cthulhu-Mythos sind jedenfalls nicht wirklich von der Hand zu weisen. Aber auch die Form, den Schrecken in der Handlung aufzubauen, erinnert irgendwie eben auch manchmal an Lovecraft.

Dabei läge man jedoch wiederum völlig falsch, wenn man meint, William Meikle würde hier Lovecraft eventuell (mehr oder weniger) nur kopieren. Denn an anderen Stellen blitzt ab und an auch etwas der Style eines H.G. Wells hervor, was die Erzählstruktur betrifft. Und dennoch setzt hier William Meikle in DAS GRAUEN VON DUNFIELD auch seine ganz eigene Handschrift durch, so das man hier zu keiner Zeit behaupten kann, er würde hier eher kopieren als wirklich eigenes zu Papier zu bringen.

Auch könnte man in Sachen eigenwillig agierender Nebel fasst geneigt sein, Ähnlichkeiten zum Horrorfilm THE FOG - NEBEL DES GRAUENS von John Carpenter (1980) zu suchen, oder zur Novelle (1985 erstmalig in SKELETON CREW) bzw. der späteren Verfilmung (2007) von Stephen King's DER NEBEL (THE MIST). Aber auch hier verbleiben gewisse Ähnlichkeiten eigentlich nur grob auf der Oberfläche, während man bei wirklich näherer Betrachtung aber eher kaum offensichtliche Gleichungen vorfindet. Man könnte also durchaus sagen, das William Meikle hier zwar recht interessant in seiner Schreibweise einen gewissen Style seitens Lovecraft pflegt, dabei jedoch die Handlung selbst trotzdem unverkennbar seine eigene Handschrift trägt. Die dabei durchaus zeitgenössische Form des Horrors steht in Sachen düsterer bis gruseliger Atmosphäre und Spannung dem doch eher subtilen klassischen Horror eines H.P. Lovecraft allerdings ebenfalls in nichts nach.

Und so oft man in der Handlung selbst auch mit Tentakeln und einem möglichen kosmischen Hintergrund konfrontiert wird, so schafft hier William Meikle doch eine ganz eigenständige Handlung, welche sich eben nicht vereinfacht in das Konzept der "Großen Alten" seitens dem Lovecraftchen Universum zurechnen lässt. Man kann auch sagen, Meikle kopiert nicht, sondern er liefert mit diesem Roman sogar eher eine tiefe Verbeugung vor dem literarischen Vorbild.

Das Grauen von DunfieldZwischen Spannung und offenen Fragen:
Die eigentliche Grundhandlung von DAS GRAUEN VON DUNFIELD lebt dabei auch förmlich davon, wie es William Meikle gelingt, hier recht liebevoll die einzelnen Handlungsfäden, die wiederum auf verschiedenen Zeitebenen angesiedelt sind, perfekt zu verknüpfen. Bewusst werden hier und auch am Ende des Romans aber nicht alle Fragen restlos für den Leser oder die Leserin geklärt, so das man sich auch am Ende der Lektüre noch so manchen Faden etwas für sich selbst weiter spinnen kann. Das wiederum bedeutet aber nicht im Umkehrschluss, dass das Ende von DAS GRAUEN VON DUNFIELD nicht gelungen oder gar unbefriedigend wäre. Ganz im Gegenteil sogar. Doch auch diese Form, gewisse Fragen bewusst offen zu lassen, deren Fäden man als Leser dann selbst aufnehmen kann, hat Meikle durchaus von H.P. Lovecraft übernommen. Der wiederum hatte dieses Spiel mit seiner Leserschaft recht gut zu spielen vermochte, weshalb sich auch gewisse Elemente aus seinem literarischen Universum - wie etwa als Beispiel das "Necronomicon" - sich dann herrlich über sein schriftstellerisches Werk hinaus weiter verselbstständigen konnten.

Was DAS GRAUEN VON DUNFIELD aber wirklich so fesselnd macht, ist diese besondere Atmosphäre, die William Meikle hier zwischen den Zeilen erschafft und welche die Spannungsschraube wie auch den Gruselfaktor langsam aber beständig weiter anziehen lässt, ohne dabei nun auf möglichst bluttriefende Beschreibungen zurückgreifen zu müssen.

Gleichsam gelingt es Meikle aber auch, seine jeweiligen Figuren trotz einer gewiss erkennbaren Oberflächlichkeit trotzdem so weit in die Tiefe zu beschreiben, das man sich als Leser recht flott und auch gerne in sie hineinversetzt. Und da fällt es nicht einmal wirklich auf, dass man Francis (oder eben Frank) erst im letzten Drittel quasi plötzlich doch noch mit seinem Vornamen vorgestellt bekommt. Denn vorher blieb er eigentlich der Mann im Schneepflug, der die Leser in der Ich-Version faktisch im Handumdrehen in die Handlung hineinzieht. Aber selbst ich könnte als Leser nun nicht sagen, das mir hier etwas gefehlt hätte (also etwa der betreffende Name der Figur) oder das mir dieses fehlen eines Namens vorher überhaupt aufgefallen wäre. Denn mal ganz ehrlich, William Meikle zieht uns in einen so spannungsgeladenen Roman, dass man leicht über solche "Kleinigkeiten" wie den Namen einer der Hauptfiguren schlicht lange Zeit einfach hinwegsehen kann.

Zum Autor William Meikle lässt sich indessen nur so viel sagen, das er aus dem schönen Schottland stammt, aber sich seit längerem in Kanada (genau genommen in der Provinz Neufundland) recht heimisch fühlt. Bisher hat er in seiner schriftstellerischen Laufbahn dabei über 300 Kurzgeschichten und über dreißig Romane im Bereich des phantastischen Genre (in nunmehr dreizehn Ländern) veröffentlicht. Zu den Verlagen, in denen Meikle seine Werke veröffentlicht, gehören als Beispiel Severed Press, DarkFuse oder auch Dark Regions Press. Natürlich finden sich auch Veröffentlichungen von ihm in einer Reihe von professionellen Anthologien und Magazinen. Neben DAS GRAUEN VON DUNFIELD gibt es hier im Luzifer Verlag auch noch weitere Veröffentlichungen seitens des Autors William Meikle aus dem Bereich Science Fiction & Horror, wobei er seinen Fokus dabei auch gerne auf diverse tierische Monster und Urzeitwesen legt (bisher als Besispiel auch drei Taschenbücher zu seiner OPERATION-Reihe, wobei bereits auch hier ein viertes laut Verlag in Vorbreitung ist).  

Mein Fazit:
Was den Roman DAS GRAUEN VON DUNFIELD angeht, so kann ich hier eigentlich nur eine uneingeschränkte Leseempehlung vergeben. Und das eben nicht nur für alle Fans des Cthulhu-Mythos seitens H.P. Lovecraft. Denn eigentlich wird mit diesem Roman jeder mehr als bestens bedient, der sich für zeitgenössische Horrorliteratur begeistert, die aber auch ohne Splatter- und Gore-Elemente einen recht hohen Spannungsaufbau bedient und für das Genre auch die nötige schaurige Atmosphäre sowie entsprechende phantastische Elemente hinzufügen kann.

Gleichsam wird die Leserin oder der Leser aber auch mit geradezu liebenswert ausgearbeiteten Figuren innerhalb der Handlung bedient, die es einem wiederum recht leicht machen, sich mit ihnen zu identifizieren. Auf der anderen Seite ist aber auch die Höhe der zu erwartenden Opferzahl eben durch den seltsamen Nebel nicht zu verachten, so das hier einfach jeder irgendwie auf seine Kosten kommt (seitens der Leserschaft natürlich), ohne das der Autor hierfür seitenweise nun gleich Eimer von Blut innerhalb der Handlung auskippen müsste. Und auch wenn ich persönlich eher doch recht gerne in Richtung Splatter und Gore tendiere, so hat mich dieser Roman von William Meikle trotzdem auf schaurige Weise trotzdem angenehm fesseln und unterhalten können.
Das Grauen von Dunfield
Das Grauen von Dunfield
(The Dunfield Terror)
von William Meikle
Übersetzung: Nicole Lischewski
Deutsche Erstausgabe: März 2021/Luzifer Verlag
Genre: Horror
Seitenanzahl: 276 Seiten
Gestaltung: Taschenbuch/Broschiert
ISBN: 978-3-95835-569-9
Preis: 12,99 Euro
Luzifer Verlag

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