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Wenn die Göttin Ardat-Lil zurückkehrt - »Succubus«

SuccubusWenn die Göttin Ardat-Lil zurückkehrt
»Succubus«

Ann Slavik ist eine gutaussehende Anwältin und Mutter einer 17-jährigen Tochter mit Namen Melanie. Martin wiederum ist nicht ihr Ehemann oder gar der Vater ihrer Tochter, aber man kann hier durchaus das Wort Lebenspartner anwenden. Mitunter ist es dabei dann sogar Martin, der einen besseren Draht zu Melanie aufweist, denn Ann ist ziemlich stark in ihrem Job eingebunden. Doch um ihrer Tochter wieder etwas näher zu kommen, plant man nun gemeinsam eine Reise nach Paris.

SuccubusDenn neben der Tatsache, dass Melanie auch mit Gleichaltrigen abhängt, denen Ann wegen ihrer Kleidung und ihren wilden Frisuren irgendwie nicht viel abgewinnen kann, hat ihre Tochter auch noch eine kreative Neigung zur Kunst. Und weil Ann in ihrer Anwaltskanzlei es endlich bis an die Spitze geschafft hat, ist so eine Woche für eine Kulturreise nach Europa schließlich ja auch noch machbar.

Auch Martin ist eine kreative Person, kann aber bisher mit seinen Gedichten finanziell nicht wirklich etwas zur Familienkasse beitragen. Ein Umstand übrigens, der Ann eigentlich egal ist, denn das meiste Geld verdiend sie ja eh mit ihrem Job und ansonsten ist Martin durchaus ein liebenswerter Partner, verständnisvoller Ersatzvater für Melanie und wohl auch ein brauchbarer Hausmann. Nur wenn die Frage nach einer möglichen Hochzeit auftaucht ist es Ann, die hier gerne einen weiten Bogen um die Beantwortung macht. Warum weiß sie dabei allerdings selbst nicht einmal so genau.

Der alte Mann wand sich noch immer in seinem Blut.
"Hey, guck mal", meinte Duke. "Der alte Sack hat sich eingeschissen ... Licht aus, Pops."
Er feuerte einen zweiten Schuss auf den Kopf des alten Mannes, der prompt explodierte wie eine Melone, die man aus großer Höhe fallen ließ.

(Edward Lee: SUCCUBUS/Seite 99)

Wesentlich mehr Sorgen macht sich Ann hingegen wegen ihres immer wiederkehrenden Albtraums, bei dem sie sich selbst wieder während der Geburt ihrer Tochter erlebt. Doch um sie herum sind jede Menge anderer Frauen und deren Verhalten ähnelt eher einer okkulten Sekte, bei der nach der Geburt sie sogar mit einem Dolch ermordet wird. Mal ganz zu schweigen davon, dass diese weiblichen Wesen die in ihrem Traum keine wirklichen Gesichter haben, auch noch in einer völlig unbekannten Sprache sprechen, die Ann im realen Leben noch nie vernommen hat. Aber auch das seltsame Symbol, welches Ann immer und immer wieder in ihrem Albtraum verfolgt, kann sie nicht deuten. Eine große Hilfe ist Ann hierbei auch nicht ihr Psychologe Dr. Harold, der in den selbst äußerst blutigen Details ihres Albtraums eher ganz nach Siegmund Freuds Lehren nur verborgene Ängste und seelische Schutzmechanismen vermutet.

SuccubusDoch kurz vor der Abreise überschlagen sich die Ereignisse im Leben von Ann, denn ihre Mutter hat nach langer Zeit plötzlich wieder Kontakt zu ihr aufgenommen, weil ihr Vater wohl im Sterben liegt. Und auch wenn sich Ann und ihre Mutter eigentlich nie verstanden hatten, so sagt sie die Reise nach Frankreich ab und fährt mit Melanie und Martin nach Lockwood um noch einmal ihren Vater zu sehen.

An anderer Stelle treffen wir auf Erik Tharp und Richard "Duke" Belluxi, die gemeinsam aus einer Anstalt ausgebrochen sind. Tharp , den man für einen wahnsinnigen Kindermörder hält, kennt indessen die Geheimnisse in und um Lockwood nur zu gut. Und da durch eine besondere lunare Posiition, die man auch die "Tagundnachtgleiche" nennt, der Mond rosafarben vom Himmel leuchtet, weiß er das die Frauen in Lockwood, die aufgrund ihrer Herkunft auch als Hexen verschrien sind,  nach nunmehr 1000 Jahren die Rückkehr der teuflischen Göttin Ardat-Lil auf höchst blutige Weise zelebrieren wollen.

"Warum sich mit etwas abgeben, das sowieso früher oder später den Bach runtergeht? Sobald sie dich haben, betrachten sie dich als selbstverständlich. Und schon bald stellst du fest, dass du mit einem Sofa verheiratet bist, das Bier trinkt, Football glotzt und furtzt."
Jetzt lachte Ann wirklich herzhaft.

(Edward Lee: SUCCUBUS/Seite 183)

Tharp weiß allerdings auch, welche wichtige Rolle Ann Slavik und ihre Tochter Melanie bei dieser okkulten Zeremonie spielen wird, wenn der Mond durch seine besondere Konstellation dann seine volle Größe erreicht haben wird. Deshalb ruft er Ann nicht nur einmal an, um sie davon abzuhalten, nach Lockwood zu ihrem sterbenden Vater zu reisen. Doch seine Warnungen scheinen eher auf taube Ohren zu stoßen, weshalb sich Tharp mit Duke selbst auf den Weg nach Lockwood macht, wo nur die Frauen das sagen haben, Männer in Wirklichkeit nur als ihre Sklaven gehalten werden und wo selbst der Verzehr von menschlichem Fleisch nicht ungewöhnlich scheint.

Doch Tharp hat auf seinem Weg nach Lockwood auch noch ein ganz eigenes, höchst gefährliches Problem. Denn der völlig wahnsinnige Duke, der seine Flucht erst ermöglichte, ist kaum zu kontrollieren und hinterlässt bald eine Schneise von purer Gewalt und menschlichen Blutes auf ihrem Weg. Zeit also, diesen kaltblütigen Wahnsinnigen los zu werden. Doch dieses Unterfangen könnte sich durchaus schwieriger als geplant gestalten.

Dann nahm er einen Vorschlaghammer - den, mit dem er früher Schädel aufgebrochen hatte - und schlug damit auf den Dolmen ein. Er hämmerte und hämmerte, aber der dicke graue Granit wollte nicht brechen.

(Edward Lee: SUCCUBUS/Seite 332)

Doch egal wie viele Leichen es auf dem Weg von Tharp noch geben wird und welche Merkwürdigkeiten auch Ann in Lockwood auffallen werden, die Hölle die bei Vollmond aufbrechen wird, hält noch weit größere Schrecken für sie parat.

SuccubusVon frivolen Abgründen, weiblicher Dämonologie und ...
... einem Hauch von Feminismus in einem Horrorroman zu berichten, dürfte einem Autor wie Edward Lee nun wirklich nicht schwer fallen. Denn wenn er mal in Sachen Sex und überzogener Gewaltdarstellung von der Kette gelassen wird, dann packt er bekanntlich auch noch als zusätzliche Würze eine nette Portion Humor und Ekel hinzu, um den Schockzustand beim Leser auch schön abzurunden. Dabei kann er aber in so manch anderen seiner Romane auch wieder ganz anders, hält sich dann sogar enorm mit den detailreich geschilderten Sexpraktiken zurück und Ekel wie auch Humor kommt dann eigentlich auch nicht mehr wirklich auf recht hohem Niveau daher. Dafür schraubt Lee aber alternativ dann kräftig an der Spannungsschraube.

Es scheint da also eigentlich immer nur zwei Wege für diesen Autor zu geben, den man auch bekanntlich als Vater des Extrem-Horror bezeichnet. Der eine Weg ist bewusst höchst Respektlos und mitunter eben eine glatte "literarische Körperverletzung", wie es schon der Autor Richard Laymon treffend auszudrücken pflegte, während der andere Weg mehr auf Spannung und Gänsehaut im klassischen Sinne des Thriller und Horror ausgerichtet ist. Bei letzterem kann jedoch durchaus der Gewaltpegel sehr hoch ausschlagen.

Man kann auch sagen, Edward Lee versteht sein schriftstellerisches Handwerk und schlägt da zur Freude seiner Fans eben auch gerne mal so richtig über die Stränge, wenn das entsprechende Thema passt. In diesem Punkt sehe ich seinen durchweg sehr gelungenen Roman SUCCUBUS dabei durchaus etwas in einer Sonderstellung. Denn die Handlung platzt nicht gerade vor derben Sexszenen, ekelhaften Feinheiten und organzerfetzend geschilderten Grausamkeiten.  

Also nicht das Edward Lee in SUCCUBUS darauf nun weitgehend verzichten würde. Nein, Sex, Gewalt und auch ein wenig Ekel für den freudigen Leseweg sind innerhalb der Handlung durchaus vorhanden. Allerdings überdreht es Lee hier nicht wirklich und er schmückt es auch nicht wirklich bis ins letzte Detail aus. Vieles überlässt er mitunter sogar dem individuellen Kopfkino seiner Leserschaft, wobei er durchaus durch die hinter der Figur der Ardat-Lil aufgebauten Legende oder der recht kaltblütigen Art eines vollkommen Wahnsinnigen wie Duke, eben dem Kopfkino durchaus auch ausreichend Futter zukommen lässt.

Lee versucht hingegen so einige Seiten eben nur dafür zu nutzen, um den wichtigsten Figuren auch eine angemessene Stellung innerhalb der Handlung zu verschaffen und ihnen auch eine entsprehend nachvollziehbare Tiefe angedeihen zu lassen. Was die Hauptprotagonistin Ann Slavik angeht, so ist er hier vielleicht etwas am Ziel vorbeigeschossen. Klar kann man sich als Leserin oder Leser in sie hineinversetzen, wäre sie nur nicht häufig so negativ. Die Freunde ihrer Tochter mag sie nicht, weil sie diese aufgrund nur ihrer Frisur oder Bekleidung (egal ob nun Punk oder Hippie) gleich in eine abwertende Schublade packt. Und eigentlich liebt sie ja Martin, wobei es ihr trotzdem gelingt, immer wieder auch eine gefühlsmäßige Trennwand zu ihm aufzurichten, wobei es allerdings etwas unklar bleibt, ob dies nur einer Reaktion zum Selbstschutz ist. Und eigentlich würde Ann auch ein viel innigeres Verhältnis zu ihrer Tochter Melanie pflegen wollen, aber auch dabei steht sie sich offensichtlich gefühlsmäßig eher selbst im Wege.

Man kann nun Edward Lee sicherlich nicht vorwerfen, sich als Vorbild für eine solche Figur die Menschen an sich nicht genau genug studiert zu haben. Ganz im Gegenteil, denn auch Menschen mit eben genau diesen Schwierigkeiten laufen durchaus auch in der Realität in der freien Wildbahn herum. Der Knackpunkt ist eher das scheue Wesen der Leserschaft, welches auf eine gewisse Harmonie nicht verzichten mag und sich lieber in Figuren hinein versetzen möchte, in der es sich so richtig kuschelig wohlfühlen lässt. Und genau diesem (zugegeben auch zu billig wirkenden) Charakter kommt die Figur der Ann Slavik eben nicht nahe, weil sie zu viele Ecken und Kanten aufweist, die eben wiederum auch nur ein Mensch aufweisen kann, der irgendwie mit seinem Leben trotzdem irgendwie hadert.

Von daher wäre an diesem Punkt also auch nicht der Autor zu kritisieren, sondern das typische Wunschdenken so mancher Leser, die einem Roman nur dann perfekt zu folgen vermögen, wenn man ihnen eine Hauptfigur mitgibt, an der sie sich wie an einem Teddybär ankuscheln können. Am besten sogar gleich einen Helden (oder Heldin) ohne Fehl und Tadel, aber mit einem solchen Wunschdenken wäre man mit einem Buch von Edward Lee wohl erst recht am völlig falschen Ende einer Buchhandlung angelangt.

SuccubusEdward Lee gehört dankenswerter Weise eben nicht zu den Autoren, die zumindest in diesem Punkt an der Realität völlig vorbei eine Hauptfigur kreieren, welche inhaltlich und moralisch an jeder Glaubwürdigkeit gnadenlos abrutscht.

Recht gut ist Lee hier ebenfalls gelungen, so manche feministischen Übertreibungen (z.B. gegenüber den Männern allgemein) in eine recht düstere und blutige dämonologische Form  zu gießen, die durchaus wieder einer gewissen inneren Logik folgt. Das ganze wird dabei dann auch noch recht interessant angereichert durch eine ebenso in sich überraschend sehr logisch präsentierten Geschichte über einen angeblich untergegangenen Volksstamm, welcher für sich stehend und seitens der Frauen dominiert schon als wichtiges Handlungsdetail eine gewisse Spannung durch seine Ausarbeitung in die Gesamthandlung trägt. Das man da als Leser in der Handlung auch mal mit einigen Wörtern aus einer in der Romanhandlung eigentlich "toten Sprache" konfrontiert wird, wie etwa "dother", "doefolmon" oder "fulluth-Loc", mag zuerst etwas verwirrend erscheinen. Aber auch hier gewöhnt man sich recht schnell als Leser daran und Edward Lee vergisst auch nicht, diese scheinbar vergessene Sprache oder diesen betreffenden Dialekt aus der grauen Vorzeit von England, den Lesern auch inhaltlich recht ansprechend im weiteren Handlungsverlauf zu erklären.

Vieles davon erhöht zwar nicht die Geschwindigkeit in Sachen spannender Action innerhalb der Handlung, so das man hier auch Streckenweise durchaus viele ruhige Phasen innerhalb des Romans vorfindet, aber es macht den Roman an sich doch lesenswert, da er mit so einigen recht interessanten Bruchstücken an fiktiven geschichtlichen Überleiferungen arbeitet, die mit der Zeit immer mehr ein wirklich rundes Gesamtbild abgeben. Man kann das vergleichen mit der Science Fiction, wo man einen überlichtschnellen Antrieb eines Raumschiff innerhalb der Handlung erklärt bekommt. Es funktioniert nicht, es existiert nicht mal, aber interessant ist es für den Fan dann eben doch. Für Leser die aber eben mehr Action und blutige Horrorelemente und weniger logisch aufgebaute Hintergrunderklärungen mögen, dürfte der Roman SUCCUBUS mitunter dann allerdings wohl eher für ihren Geschmack dann doch mehr Längen aufweisen, oder eben auch als zu lang geraten erscheinen.

SuccubusMein Fazit als Leser:
Edward Lee gelingt es hier durchaus mit SUCCUBUS allen seinen Fans etwas zu bieten. Die einen, die auf Blut und Gedärme mit lockeren Sexszenen stehen, werden hier mitunter ebenso bedient, wie die, die sich stärker an einer in Sachen Spannung langsam aufbauenden düsteren Handlung erfreuen, welche sich auch noch auffallend interessant nachvollziehbar und inhaltlich recht logisch gestaltet. Man sollte allerdings immer wissen, dass ein Autor wie gerade Edward Lee sich nicht scheut, eben auch mal richtig tief in Sachen Perversion und Ekel samt jeder Menge blutiger Hirnfetzen mit Knochensplitter zu greifen, die dann langsam wieder an einer Wand herunter rutschen. Von daher kann Edward Lee also mit seinen Büchern eine richtig putzige Wundertüte für die Leser sein.

Leser also, die eher den gepflegten subtilen Horror lieben und mit Gore, Sex und Ekel nichts anfangen können, sollten sich also lieber gleich fragen, ob ein Roman von Edward Lee wirklich etwas für sie ist oder eben nicht. Als Fan nicht immer von jedem seiner Bücher (recht wenige Ausnahmen gibt es da durchaus), aber durchaus vom Autor Edward Lee selbst, kann ich für SUCCUBUS nur eine ganz klare Leseempfehlung aussprechen. Zartbesaitete Leser werden bei SUCCUBUS zwar nicht generell geschont (warum auch?), aber dieser Roman ist auch nicht unbedingt als ein Spitzenkandidat für die verlagseigene Extrem-Buchreihe zu betrachten, weshalb SUCCUBUS auch in der Thriller & Horror Reihe des Verlags erschienen ist. Und was den Festa Verlag angeht, der hat eh den Autor und alle seine Werke exklusiv für Deutschland unter Vertrag, und das eben auch wirklich nicht ohne Grund.

SuccubusSuccubus
(Succubi)
von Edward Lee
Originalausgabe: Verlag Diamond/Charter/1992
Deut. Erstausgabe: Februar 2021/Festa Verlag
Genre: Thriller/Horror
Seitenanzahl: 432 Seiten
Gestaltung: Taschenbuch/Umschlag in Festa-Lederoptik
Übersetzung: Manfred Sanders
ISBN: 978-3-86552-897-1
Preis: 14,99 Euro
Festa Verlag

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