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Märchen, grausig und ohne Jugendschutz - »Rot wie Blut«

Rot wie BlutMärchen, grausig und ohne Jugendschutz
»Rot wie Blut«

Ja, da hatte man im Klappentext von ROT WIE BLUT schon recht, wenn man hier schreibt: »Manche Märchen sind nichts für zarte Gemüter«. Denn man sollte bei diesem handlichen Hardcover nun nicht mit den eher kindgerecht geschliffenen Märchen rechnen, die man z.B. auch seitens der Zeichentrickfilme von Disney her kennt. Obwohl, das Dornröschen finden wir in diesem Band ebenso wieder wie Schneewittchen, Rapunzel oder eben das Rotkäppchen.

Rot wie BlutNur manches Märchen kannten wir so grausig wohl eben nicht.

In diesem Buch mit dem Titel ROT WIE BLUT finden wir neben dem einen oder anderen gesammelten Werk seitens der Gebrüder Grimm (Wilhelm Grimm/1786 - 1859 sowie Jacob Grimm/1785 - 1863)auch Erzählungen, Sagen und sogar mitunter finstere Reime die aus anderen entsprechenden Sammlungen von schon damals sogenannten Kinder- und Hausmärchen seitens Giambattista Basile (1575 - 1632), Charles Perrault (1628 - 1703), Karoline Stahl (1776 - 1837) oder etwa Alexander von Ungern-Sternberg (1806 - 1868) stammen, um hier nur einige wenige zu nennen.


Aufgelockert werden die zum größten Teil recht kurzen Geschichten durch diverse und recht hübsche Innenillustrationen, die dem "Bilderbogen des 19. Jahrhunderts" entstammen, wie man es im hinteren Teil in Sachen Bildnachweise lesen darf.

Interessant hierbei ist auch, dass wir hier seitens Giambattista Basile zum Beispiel das Märchen von Hänsel und Gretel erzählt bekommen. Nur gibt es in diesem Märchen kein süßes Knusperhaus im Wald, sondern einen riesigen Fisch und es gibt keine böse Hexe, dafür aber eine recht herzlose Stiefmutter. Und Hänsel und Gretel heißen in dieser alten Version des Märchens denn auch NENNILLO UND NENNELLA. Und wenn in dem Märchen DAS DORNRÖSCHEN ODER: DIE SCHLAFENDE SCHÖNE IM WALD endlich nach 100 Jahren ein fähiger Prinz das Dornröschen durch einen Kuss wieder vom Fluch durch den Stich an der Spindel befreit, dann leben sie hier eben noch nicht in glücklicher Eintracht, bis das sie dann doch irgendwann mal gestorben sind. Vielmehr geht es seitens des Erzählers Charles Perrault erst nach dem Kuss des Königssohn für Dornröschen so richtig los, aber eben nicht im wirklich glücklichen Sinne. Denn der Königin-Mutter selbst gelüstet es recht bald nicht nur nach dem gut zubereiteten Fleisch von Dornröschens Kindern.

Ein reicher Mann, der Witwer geworden, hatte eine einzige Tochter, die schön und lieblich heranwuchs. Da wurde des Vaters Herz von unreiner Liebe zu ihr entzündet; sie aber widerstand seinem Begehren.

(Beginn des Märchens Aschenpüster/Seite 33)

Rot wie BlutUnd wenn es eben um Menschenfleisch geht, so zieht sich der Kannibalismus recht säuberlich durch recht viele Märchen der früheren Zeit. So z.B. auch in Rotkäppchen, wo ein böser Zauberer, der auch ein Gestaltwandler ist, sich gar in einen Wolf verwandelt, um so nicht nur die Großmutter sondern auch das Rotkäppchen vollständig und bei lebendigem Leibe in einem Stück zu verschlingen. Letzteres ist übrigens in diesem Märchen wichtig, denn am Ende wird dem vermeintlichen Wolf, der ja eigentlich kein Wolf (und auch kein Werwolf im eigentlichen Sinne) ist, der Bauch aufgeschlitzt, aus dem sowohl Rotkäppchen als auch ihre Großmutter noch lebend wieder entsteigen können. Doch die Figur des Wolf spielt in dieser wesentlich ungeschliffenen Fassung des Märchens nur eine recht kleine weil zweckgebundene Rolle, denn im Wald und auf dem Weg zur Großmutter trifft Rotkäppchen eben nicht auf den Zauberer in der Gestalt eines Wolfes (weshalb man dem Märchen wohl später auch gerne eine gewisse Nähe zu einer Werwolf-Geschichte zugestehen würde), sondern in der Gestalt  eines jungen Mannes (als hübscher Kavalier), der sich bald recht schnell und recht eindeutig dem unschuldigen Mädchen in sexueller Absicht nähert. Als der Zauberer später in der Gestalt des Wolfes auch Rotkäppchen verschlingt (um durch diesen Kannibalismus auch seine bösen Taten generell zu verbergen), wird dies im Märchen allerdings als "die zweite böse Tat" bezeichnet, die der Zauberer an Rotkäppchen begangen hatte, nachdem er sie zu sich ins Bett gezogen hatte. Schon bei der gesamten Schilderung im Märchen musste man eigentlich wahrlich nun keine große Fantasie mehr besitzen um zu erkennen, dass die erste böse Tat an Rotkäppchen eine Vergewaltigung darstellte.

Das diese recht frühen Fassungen der Volksmärchen nicht nur sexuelle Grausamkeiten sondern auch Absonderlichkeiten durchaus mit einschlossen, zeigt sich dann auch direkt zu Beginn des Märchens ASCHENPÜSTER (eher bekannt als das Märchen vom ASCHENPUTTEL), wo der eigene Vater gegenüber seiner herangewachsenen Tochter eine ausgeprägte sexuelle Neigung entfaltet, die man hinlänglich ja auch als Inzest bezeichnet.

Vater spricht: wir sollen gehen
Und dir sagen gute Nacht,
Weil wir lange dich nicht sehen,
Bis du wieder aufgewacht.

Gute Nacht! und noch ein Küsschen.
O! wie bist du doch so kalt!
Schlaf und träume noch ein bisschen,
Und erwache ja recht bald!

(Auszug aus dem Reim von Seite 146/Die Kinder am Sarge der kleinen Schwester)

Der heutige Jugendschutz würde allerdings bei den früheren Märchen und Sagen in heutigen Kinderbüchern sowie den entsprechenden Reimen wohl die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Dabei sind selbst so manche bereits wirklich kindgerecht geschliffenen Märchen nicht wirklich frei von kleinen grausamen Seitenhieben. Egal ob es ein vergifteter Apfel ist oder eine böse Stiefmutter und zudem noch grausige Hexe sich zu Tode stürzt.

Rot wie BlutUnd wenn man aus der Sammlung seitens Karoline Stahl den etwas längeren gereimten Beitrag DIE KINDER AM SARGE DER KLEINEN SCHWESTER liest (oben als Zitat nur ein kleiner Ausschnitt), dann läuft es nämlich sogar mir als Erwachsenem durchaus noch etwas kalt den Rücken herunter. Dabei muss man natürlich auch sehen, dass zur damaligen Zeit das Wort "Jugendschutz" schlicht ein völliges Fremdwort gewesen ist. Dies dürfte schon auffallen, wenn man sich z.B. gegenüber so manchen Märchen dann auch diverse Kinderbücher von damals,  wie etwa den STRUWWELPETER von Heinrich Hoffmann (1809 - 1894) ansieht, in denen in Sachen Blut, Grausamkeiten bis hin zu Tod und Verstümmelungen auch nicht gerade zimperlich mit den lieben Kleinen umgesprungen wurde. So sollte man heute bei den Märchen im Original auch eventuell lieber von "Volks- statt Kindermärchen" sprechen, welche sich die Menschen als gesichertes Beispiel damals an den Abenden erzählten, so wie wir heute eventuell z.B. gemeinsam als Familie vor dem Fernseher abhängen um uns bespaßen zu lassen. Ob die Kinder, die sich zu dieser Uhrzeit noch bei den Erwachsenen aufhielten und gespannt mit zuhörten, danach allerdings noch ohne Probleme einschlafen konnten oder eher ängstlich zitternd unter der Bettdecke verschwanden, war wohl irgendwie damals noch kein wirkliches Thema hinsichtlich früher "Erziehungsfragen" gewesen. Das Märchen also heute im kollektiven Bewusstsein eher als Kindergeschichten Erwähnung finden, die man ihnen vor dem einschlafen noch erzählt oder vorliest, ist also eine noch recht moderne Betrachtungsweise. Diese Betrachtungsweise geht allerdings auch einher mit dem Umstand, dass recht viele der heute geläufigen Märchen in Sachen Grausamkeiten, sexuellen Anspielungen und unmenschlichen Verhaltensweisen so enorm in ihrem Inhalt geschliffen worden sind, bis das sie insgesamt eine gewisse kindgerechte Form erlangten. Andere und zum Großteil eben auch recht kurze Geschichten jedoch verschwanden fasst völlig aus dem Kanon heutiger Märchenbücher für Kinder, weil sie schlicht kaum noch aufgrund ihrer Kürze entsprechend zu schleifen waren. Dazu gehören z.B. auch Märchen bzw. Geschichten wie WIE KINDER SCHLACHTENS MITEINANDER GESPIELT HABEN (einer blutrünstigen Geschichte mit der das Buch ROT WIE BLUT übrigens beginnt), DAS VERGRABENE KIND oder etwa DAS TOTENHEMDCHEN, welche man ebenfalls in ROT WIE BLUT nachlesen kann.

Diese ungeschliffenen Märchen muss man, sofern man sich für sie interessiert, eher recht mühsam zusammen suchen, was natürlich die Herausgabe eines Buches wie ROT WIE BLUT ebenfalls zu einer gelungenen Sache macht.

Es ist übrigens wohl selbst ein Märchen, dass gerade die Gebrüder Grimm (wie in dem Film  BROTHERS GRIMM aus dem Jahr 2005 dargestellt) zum Beispiel die meisten der von ihnen gesammelten Märchen auf abenteuerliche Weise gefunden hatten oder gar viele ihrer Märchen selbst von ihnen verfasst wurden. Vielmehr suchten die Gebrüder Grimm für ihre Sammlungen an Märchen in den städtischen Bibliotheken oder ließen sich diese durch so manche Dame aus gutem Hause zutragen. Die so z.B. vorgefundenen verschiedenen Versionen eines Märchens wurden dann von ihnen verglichen und dann ihrerseits  an die entsprechenden Bedürfnisse ihrer Leserschaft umgeschrieben oder gleich neu verfasst. Dadurch kam es bei den Märchen die seitens der Gebrüder Grimm veröffentlicht wurden bereits damals zum Teil zu beträchtlichen inhaltlichen Verharmlosungen. Eine Ausnahme stellt hier allerdings dann besonders das Märchen DER RÄUBERBRÄUTIGAM dar, der seitens der Gebrüder Grimm sogar in der Überarbeitung in Sachen Grausamkeiten durchaus noch verschärft würde (diese Version befindet sich in ROT WIE BLUT übrigens auf Seite 115).

Rot wie BlutBei so manchen Märchen merkt man indessen schon am Titel selbst, das man es hier kaum mit einem kurzen oder auch mal einigen Seiten langem Märchen zu tun hat, welches man bedenkenlos auch einem der lieben Kleinen zur Nachtruhe vorlesen könnte. Zu nennen wären hier Beispielsweise noch DIE LEICHENFRESSERIN, DIE KINDER IN HUNGERSNOT, VON PIET JAN CLAS, DER DEN TOD SUCHTE oder etwa SELBSTMÖRDER KEHRT ZURÜCK. Aber auch scheinbar kindgerecht wirkende Titel wie dem recht kurzen Märchen DIE UNGEHORSAMEN MÄUSCHEN haben zum Schluss noch ein recht finsteres Ende zu bieten. Zumindest für kleinere Kinder die dann nach dem vorlesen eher mit vor Schreck geweitetem Blick und offenem Mund in ihrem Bettchen liegen.

Jetzt ist er auf einen Berg hinauf. Da war ein aufgehenkter Mann dran. Dem hat er die Rippen rausgeschnitten. Dann ist er heimgegangen, dann ist gekocht worden, dann hat's seiner Frau recht gut geschmeckt.

(Die Frau und der Mann vom Galgen/ROT WIE BLUT, Seite 212)

Das Buch ROT WIE BLUT dürfte allerdings auch nicht für jede Leserin oder jedem Leser hinsichtlich des Themas eine ungetrübte Freude sein. Denn Julian Auringer (Autor und Herausgeber), der hier die entsprechenden Märchen in dem Buch zusammengestellt hatte, um sie dann über den Anaconda Verlag sogar äußerst günstig zu verlegen, hatte in den jeweiligen Texten keine Eingriffe vorgenommen um sie für heutige Verhältnisse lesbarer zu gestalten.

Rot wie BlutEhrlich gesagt bin ich Auringer hierfür sogar recht zu Dank verpflichtet, denn so bieten die vorliegenden Märchen und Reime einen schönen Blick auf die damalige Schreibweise und Wortwahl, was irgendwie beim lesen einer kleinen Reise in die Vergangenheit gleichkommt. Zum Teil versucht Auringer hier auch mittels einiger Fußnoten weitere kurze Informationen zu geben bzw. so manches Wort zu erklären, welches es so in der deutschen Sprache längst nicht mehr gibt bzw. einem recht eigentümlichen regionalen Dialekt entspringt. Wer also in Sachen regionale Dialekte und altertümlicher Wortwahl sowie dem entsprechenden Satzbau so seine Schwierigkeiten hat, in so manche Geschichte reinzukommen, wird es eh schwerer haben, hier in einen vernünftigen Lesefluss im Buch selbst hinein zu kommen. Allerdings legen einem auch nicht alle Geschichten gleichermaßen viele solcher Stolpersteine in den Weg, so das sich auch das irgendwo durchaus in Grenzen hält. Richtig schwierig wird es z.B. in dem Märchen DAS SENNENTUNSCHELI AUF WYSSENBODEN, wo Auringer als Fußnoten gleich die Übersetzungen zu den Dialogen in Mundart mitliefert. Aber wie man sieht ist selbst der Titel dieses Märchens bereits von einer gewöhnungsbedürftigen Art.

Und bei dem recht kurzen Märchen MÄDCHEN DIENT IN DER HÖLLE  muss ein Mädchen beim Teufel in der Hölle nichts weiter tun als zwei "Häfen zu schüren". Hierbei fehlt dann als Fußnote aber leider ein erklärendes Wort hinsichtlich einer Übersetzung der augenscheinlich recht alten Mundart. Auch als ich hinsichtlich dieses Märchens extra hierzu gegoogelt hatte, bekam ich als übersetzende Erklärung nur einen Vergleich geboten, wo man von einem (wohl hier mehr als großen) Topf spricht, in dem zur Strafe ein Mensch sitzt und dessen Feuer darunter wohl geschürt würde.

Gesamt betrachtet hatte ich aber bei den vielen Märchen (ca. 41 Märchen und Reime an der Zahl) nur recht selten wirklich größere Schwierigkeiten, so das ich das gesamte Buch mit ca. 255 Seiten auch in einer recht kurzen Zeit quasi auch schon verschlungen hatte.    

Ein anderes Problem, was ich bei anderen Lesern eventuell ausmachen könnte (und eine andere negative Rezension im Internet hatte dies dann auch inhaltlich bestätigt), ist die kürze der Märchen die durchaus auch auf einer Buchseite abgehandelt sein können wie es bei dem Märchen DIE FRAU UND DER MANN VOM GALGEN der Fall ist (wo eigentlich gerade einmal die ca. halbe Seite bei der Schriftgröße benötigt wurde). Da gehören z.B. die gebotenen älteren Versionen von SCHNEEWITTCHEN mit ca. 13 Seiten oder RAPUNZEL mit ca. 11 Seiten durchaus zu den längeren Märchen im Buch. Leser die sich also eigentlich bei dem Buch auf eine recht überschaubare Anzahl von Märchen eingestellt hatten, die mindestens über 30 Seiten gehen würden und so auch alles atmosphärisch noch etwas auszuschmücken verstehen, werden hier also nur recht eingeschränkt fündig werden, da man zu damaligen Zeiten scheinbar auch bei den Volksmärchen nicht unbedingt viel Wert darauf gelegt hatte, die Geschichte für das Kopfkino der Zuhörer auszuschmücken. Vielmehr sollte so ein Märchen ja auch in knapper Form eine entsprechende Aussage und eine moralische Wegweisung bieten, so das man sich hier eben auch auf das wesentliche beschränkte, und sei es auch nur um festzustellen, das eine "gute Stiefmutter" schon einem wahrhaftigen Wunder gleichkommen würde. Denn in der Regel sind Stiefmütter in Märchen eher als generelle Ausgeburten des Bösen beschrieben.

Rot wie BlutAbgerundet wird das ganze dann noch mit einem mehrseitigen und recht interessanten Nachwort eben über Märchen, Sagen und Reime im Wandel der Zeit, sowie einem Überblick hinsichtlich der Autoren (bzw. hier wohl eher der Sammler entsprechender Kinder- und Hausmärchen) sowie einem Text- und Bildnachweis. Und dafür das es sich hier auch noch um eine gebundene Ausgabe (Hardcover) handelt, ist der Preis von sage und schreibe 4,95 Euro geradezu ein einmaliges Schnäppchen.

Wie gesagt, um mit solchen alten Märchen in ihrer reinsten Form warm werden zu können, muss man schon berücksichtigen, in welcher Zeit sie schriftlich festgehalten wurden, welche Mundart bzw. Ausdrucksweise gerade in welcher Region vorherrschte und das man z.B. mit Bezeichnungen wie Kurzgeschichten und Novellen noch nichts am Hut hatte und so entsprechend diese Geschichten mündlich in einer leicht überschaubaren Zeit unters Volk bringen wollte. Solche Mankos können durchaus hier und da bei manchen Lesern den heutigen gewohnten Lesespaß schon mal ein wenig verhageln. Insgesamt jedoch kann ich dieses recht besondere wie handliche Buch der Märchen nur empfehlen. Denn es zeigt doch recht einzigartig und komprimiert auf, das Märchen eben nicht reine Kindergeschichten nach unserem heutigen Verständnis waren und sind, sondern damals mitunter jeder heutigen Splatter-Kurzgeschichte das Wasser reichen konnten.

Rot wie BlutRot wie Blut - Grausige Märchen und Sagen
Autor/Herausgeber: Julian Auringer
Deut. Erstausgabe: Anaconda Verlag/Verlagsgruppe Penguin Random House GmbH München/2020
ISBN: 978-3-7306-0908-8
Seitenanzahl: 255 Seiten
Preis: 4,95 Euro
Anacondaverlag.de

Kommentare  

#1 Friedhelm 2021-04-21 18:33
Zitat:
Dies dürfte schon auffallen, wenn man sich z.B. gegenüber so manchen Märchen dann auch diverse Kinderbücher von damals, wie etwa den STRUWWELPETER von Heinrich Hoffmann (1809 - 1894) ansieht, in denen in Sachen Blut, Grausamkeiten bis hin zu Tod und Verstümmelungen auch nicht gerade zimperlich mit den lieben Kleinen umgesprungen wurde.
Man kann eigentlich davon ausgehen, dass so etwas zur Entstehungszeit auch nie für Kinder gedacht war. Es sei denn, die "Lieben Kleinen..." waren damals bereits so abgeklärt wie das seit Einführung der seligen Video-Kassette der Fall ist. Will sagen - praktisch haben die Youngster in den 1980ern ganz andere "Märchen" durchlebt. Ich kann mich zum Beispiel daran erinnern, dass die Kinder unseres Nachbarn Hänsel & Gretel gar nicht kannten - dafür aber den einen oder anderen "Zombie-Streifen". Märchen-B ü c h e r fanden die eh doof. :cry:
#2 Laurin 2021-04-21 19:42
Zitat Friedhelm:
"Man kann eigentlich davon ausgehen, dass so etwas zur Entstehungszeit auch nie für Kinder gedacht war."

Da darst du aber getrost von ausgehen das etwa der STRUWWELPETER damals speziell für die Kleinen gedacht war, da man ihnen so auch auf die harte Tour beibringen wollte, mit dem Strom zu schwimmen. Man darf die pädagogische Entwicklung hinsichtlich des Umgang mit Kindern der ca. letzten 100 Jahre nicht mit den zeitlichen Epochen der 1700er oder 1800er Jahre gleichsetzen. Die Denke geht nämlich voll in die Hosen, denn wenn du da Arm warst (Familie) mussten die Kids schon unter dem zehnten Lebensjahr 10 und mehr Stunden volle Lotte arbeiten. Ob die dann mit 25 bis 30 Jahren schon die Knochen kaputt hatten interessierte da kaum jemanden (außer eventuell eben die Familie der du dann nichts mehr zum Überleben einbringst). Ein wenig Kind sein gab es da eher bei den wenigen aber recht reichen Familien.
#3 Friedhelm 2021-04-21 21:40
Aha, also Märchen als sogenannte "schwarze Pädagogik.." = Abschreckung und Angst als Methode, um den armen Kindern bestimmte Verhaltensweisen "anzuerziehen.."

Bös..bös...bös.. ;-) :-* :cry:
#4 Laurin 2021-04-22 11:12
Auch nicht ganz richtig wenn es gezielt um Märchen geht, die mit der Zeit einigen Veränderungen (nicht nur ihrem Inhalt sondern auch ihrer Allgemeinstellung) unterlagen @Friedhelm.
Vergiss einfach mal den Ablauf unserer Kindheit oder den der heutigen Jugend. Dafür versetze das ganze mal 2. bis 4. Jahrhunderte zurück und nimm die Kinder als Dreh- und Angelpunkt einfach erst mal raus, denn die standen damals bei den Märchen nicht wirklich im Mittelpunkt der Bespaßung sondern waren nur ein Teil davon (wie etwa Familie, Bekannte, Verwandte und nebenbei eben auch die eigenen oder deren Kinder). Und so wie du heute vor dem Fernseher einen Krimi siehst, so erzählten die sich damals eben diese Märchen und Geschichten. Als dann andere wie die Gebrüder Grimm z.B. diese Märchen sammelten, nannte man sie dann "Kinder- und Hausmärchen". Aber nicht jeder der diese Märchen sammelte, schleifte darin z.B.auch etwa die Gewaltdarstellung. In dem Punkt waren wohl eben die Gebrüder Grimm recht fleißig im späteren umschreiben und abschwächen. Und der STRUWWELPETER als nun später wirklich gezieltes Kinderbuch hatte dann durchaus auch einen pädagogischen Auftrag (den die Märchen so zuerst nicht hatten) um bereits die Kleinen in den herrschenden gesellschaftlichen Kontex mit einzubinden (genauso wie man eben kleinen Buben Zinnsoldaten und kleinen Mädchen eben Puppen an die Hand gab, damit sie sich bereits für ihre später vorgezeichnete Rolle als Erwachsene z.B. spielerisch einfügen konnten). Und wenn das nicht vereinfacht mit solchen Bildchen mit kleinen Geschichten ging, dann wurde da eben der Rohrstock auf dem Hintern oder alternativ auch auf den Handflächen schmerzhaft tanzen gelassen. Dabei darf man natürlich auch die frühere Stellung der Märchen nicht mit den späteren gezielt für den Nachwuchs verfassten Bilderbüchern einfach gleichsetzen, ohne sich eben auch deren wandelnde Stellung in der Gesellschaft (von Volksmärchen zu Kindermärchen auch mit inhaltlich manchmal weitreichenden Veränderungen) bewusst zu sein. Der Hinweis auf den STRUWWELPETER soll nur aufzeigen, dass man in der Darstellung von Gewalt, Verstümmelung bis hin zum Tode auch hinsichtlich der Kinder eben nicht gerade zimperlich (so wie heute mit Jugendschutz usw.) war.
Die von dir dann allgemein als "schwarz" bezeichnete Pädagogig war also zur damaligen Zeit nicht "schwarz", sondern schlicht und ergreifend Normalität und zeigte seine gravierensten Auswirkungen durchaus bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts. ;-)
#5 Friedhelm 2021-04-22 13:32
"Schwarze Pädagogik" existierte als Begriff natürlich in den damaligen Zeiten der bekannten Märchenerzähler (u.a. Gebr. Grimm) noch gar nicht. Den hat die Publizistin Katharina Rutschky ja auch erst 1977 geprägt.

Nun ist es zwar richtig, dass so etwas damals nur der Unterhaltung dienen sollte - aber laut Definition lag der Grund für diverse Grausamkeiten in vielen, anderen Märchen tatsächlich darin, bei den Kindern ein bestimmtes Verhalten zu erzielen. Wie du ja selber schreibst, muss man bei dieser Betrachtung die eigenen Kinderjahre einfach mal vergessen - das waren ganz andere, härtere Zeiten für einen Youngster.

Dieses "Märchengesplatter" wurde in jenen Tagen halt als pädagogisch sinnvoll, eben als normale Erziehungsmethode, erachtet. Aber weil so etwas in der Neuzeit des 20.Jahrhunderts dann doch endlich nicht mehr zumutbar erschien, wurde mit der Zeit kindgerecht entschärft. Es mag natürlich sein, dass die seligen Gebr Grimm bereits während ihrer produktiven Phase bei einigen Geschichten selber den "Rotstift" ansetzten.

Nun gut, ich will dieses Thema jetzt nicht unbedingt "zu Tode" diskutieren. Offensichtlich hast du dich ja ordentlich eingearbeitet - da liegt es mir fern, jetzt den Lehrmeister geben zu wollen. :-* ;-)
#6 Laurin 2021-04-22 15:33
Zitat @Friedhelm:
"Schwarze Pädagogik" existierte als Begriff natürlich in den damaligen Zeiten der bekannten Märchenerzähler (u.a. Gebr. Grimm) noch gar nicht. Den hat die Publizistin Katharina Rutschky ja auch erst 1977 geprägt.

Gut, diese nette Frau Rutschky kannte ich nun wieder nicht. Und die Gebrüder Grimm waren eigentlich nur recht produktiv darin, ähnliche Märchen zu vergleichen, daraus dann eine massenkompatible (um es mal wirtschaftlich gesehen so zu nennen) Fassung zu fertigen, die sie dann veröffentlichen konnten.

Wie so was geht, kann man in dem Buch recht gut anhand des Märchen vom Dornröschen sehen. Denn da wo die uns bekannte und für Kinder glattgeschliffene Fassung endet (der Prinz küsst sie wach, der Fluch ist aufgehoben und beide leben glücklich bis an ihr Ende), geht es im Original erst richtig los, so das wir von zwei Kindern erfahren, das der Prinz nach dem Tod seines Vaters selbst als König in einen Krieg zieht und die alte Königin Mutter dann ihr wahres Gesicht als Kannibalin zeigt, die dann sowohl die Kinder als danach auch Dornröschen selbst ermorden lassen will um sich dann an ihrem Fleisch quasi satt zu fressen. Geht natürlich schief und alles wird noch mal gut. Aber da kannst du sehen, wie schon damals mitunter ordentlich literarisch gehobelt wurde um eine solche Geschichte/Märchen allgemein gefälliger und damit auch gewinnbringender zu gestalten.

Märchen wandelten sich so also auch mit der Zeit immer mehr, so das sie von einem Stellungswert als Allgemeinunterhaltung immer mehr in Richtung reine Kinderunterhaltung abglitten. Deshalb verbinden wir natürlich heute auch gleich nur die Kinder mit diesen Geschichten, wenn wir die Bezeichnung Märchen hören. ;-)

Und was die Gebrüder Grimm allgemein betrifft, da waren sie nicht unbedingt die Besten und rührigsten Sammler von Märchen, Sagen und Reimen. Aber sie wussten schon damals durchaus sich und die ihnen zur Verfügung stehenden Quellen gewinnbringend zu nutzen. Deshalb sind sie ja heute auch immer noch berühmter als etwa ein Karl Bartsch oder eben ein Ernst Meier, die man oben sehen kann. :lol:

Ist für sich genommen allerdings auch ein sehr interessantes Thema wenn man sich da mal was einarbeitet. :-)
#7 Friedhelm 2021-04-23 16:52
Zitat:
Wie so was geht, kann man in dem Buch recht gut anhand des Märchen vom Dornröschen sehen.
Oder an Cinderella (aka Aschenputtel) - "Cindi" hat ja einen Schuh verloren, nachdem sie gegen Mitternacht vom Tanzball geflüchtet ist. Im Original musste sich dann eine ihrer Stiefschwestern die Zehen absäbeln, damit ihre Mauke in eben diesen Schuh passte. Ziemlich blutige Angelegenheit, die dann auch zensiert wurde.

Du hast dich in die Materie offensichtlich richtig "reingeschafft". Ist das so etwas wie eine Passion bei dir? Ich frage das ganz ernsthaft, weil ich eher nicht so der "Märchen-Man" bin. Meine bessere Hälfte ist hingegen richtiger Fan, und wenn im TV mal irgendwo ein Filmchen läuft, habe ich nichts mehr zu sagen.. :-* ;-)
#8 Erlkönig 2021-04-23 20:05
Laurin

Das blutige "Füße passend machen" für die Anprobe des Schuhes in der Aschenputtel-Geschichte kannst du dir in dem Film "Grimms Märchen für lüsterne Pärchen" von 1969 (Regie: Rolf Thiele) äußerst detailreich anschauen.

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