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Ein Wendecoverbuch mit zwei düsteren Novellen - Teil 1 »Die Mine«

Die MineEin Wendecoverbuch mit zwei düsteren Novellen
Teil 1 »Die Mine«

Tim Curran gehört ja für mich zu den wichtigsten US-Autoren im Bereich des Horror, der einen immer wieder aufs neue überraschen kann. Mit dem Duble aus dem Luzifer Verlag liegen hier nun unlängst seine zwei Novellen DIE MINE und MUTTER vor, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Dreht Curran bei MUTTER die Schiene des Splatter samt Ekels voll auf, so beweist er dagegen in DIE MINE eher sein sicheres Gespür für den albdruckhaften, eigentlich nicht wirklich greifbaren Rausch des Schrecken.

Die Novelle DIE MINE erschien im Original unter dem Titel TERROR CELL und ist in diesem Wendecoverbuch mit rund 25 Kapiteln und ca. 187 Seiten, ausgehend vom entsprechenden Cover, die wohl längste Novelle. Wie gesagt, will man dann die zweite Novelle lesen, so muss man das Taschenbuch nur herumdrehen und bekommt gleich das passende Cover samt der Novelle MUTTER geliefert. Quasi eine Umschlagsrückseite bekommt man bei einem Double nämlich nicht geliefert und man muss hier ehrlich gesagt selbst entscheiden, von welcher Seite und welchem Cover aus man anfangen will zu lesen.

Die Idee hinter solchem solchen Double ist ja nun nicht wirklich neu, allerdings in meinen Augen durchaus eine witzige Angelegenheit, die vor dem Luzifer Verlag eben der Festa Verlag schon im Vorfeld in seiner Buchreihe FESTA EXTREM für diverse Printausgaben wieder aufgegriffen hatte. Als eBook kann man sich die jeweilige Novelle DIE MINE oder MUTTER jedoch einzeln käuflich an Land, bzw. auf sein Lesegerät ziehen.

Wenden wir uns nun aber der Novelle DIE MINE von Tim Curran zu, die mitunter auch vielleicht einige kleinere Verwirrungen beim Leser verursachen könnte, welche allerdings aber auch durchaus gewollt sind.

Die MineWenn der süßliche Geruch des Todes lauert:
Sheriff Deuard "Dew" LaBay hätte eigentlich gerne Feierabend gemacht, als seitens der Polizeistation ein weiterer Auftrag über den Polizeifunk eingeht. Denn dort ist ein Notruf aus der nahe gelegenen Minengesellschaft eingegangen, auf dessen Gelände der Mine man seit Jahren allerdings schon zum Tagebau übergegangen ist.

Dew, ein Sheriff aus altem Schrot und Korn, macht sich daher auch recht schnell mit seinen Stellvertretern Woody Stromm und Jerry Hauser auf den Weg zur Mine um dort zumindest einmal nach dem Rechten zu sehen. Doch dort angekommen ist alles ungewöhnlich still.

Nichts war angefasst worden, es gab keine Anzeichen von Gewalt ... und dennoch waren alle verschwunden. Es ergab keinen Sinn.

(Tim Curran: DIE MINE/Seite 15)

Selbst als sie sich in den weiträumigen Gebäuden umsehen, scheint die Mine von einem Moment auf den anderen plötzlich verlassen worden zu sein. Zwar stehen noch die Autos der Mitarbeiter auf dem Parkplatz und selbst der Kaffee in den Tassen ist noch warm, so als hätten sie gerade nur ihren Platz verlassen, doch von den Arbeitern der Mine fehlt jegliche Spur. Selbst Spuren eines möglichen Kampfes sind nirgends zu entdecken und Dew merkt zunehmend, wie sich bei Woody und besonders bei Jerry langsam eine diffuse, aber nicht ungefährliche Angst ausbreitet. Doch auch Dew selbst kann ein seltsames Gefühl in seiner Magengegend  nicht mehr so einfach von der Hand wischen.

Dafür gibt es andere Dinge, die sie sich ebenso nicht erklären können. Woher stammt z.B. diese eklige Schleimspur auf einer Rampe, so als sei hier eine riesige Nacktschnecke entlang gekrochen? Da Dew gegenüber seinen jungen Hilfssheriffs quasi so eine Art väterliche Stellung eingenommen hat, lässt er sie in einem Büro zurück, während er sich selbst auf dem Gelände zwischen den gewaltigen Baumaschinen umsieht. Denn dort will man etwas gesehen haben, als man kurz durch das Fenster schaute. Eine flüchtige Bewegung wie die eines unheilvollen Schattens.

Die Stimme kicherte nun wie ein Kind. "Nein, das werden sie nicht, Dew. Weist du, warum? Weil deine Zeit und meine Zeit nicht real sind. Verstehst du? Du bist erst vor zehn Minuten hierhergekommen und in einer Stunde wirst du nicht einmal losgegangen sein. Wenn du erst tot bist, mein Freund, wird es gestern sein."

(Tim Curran: DIE MINE/Seite 42)

Dies ist jedoch nicht der einzige Fehler, den sie hier in der Mine machen können, ohne das es ihnen schon allerdings bewusst sein dürfte. Schließlich sind sie eher recht bodenständige Menschen, die eigentlich diversen Geistergeschichten keinen weiteren Glauben schenken würden. Doch hier werden sie mit etwas schrecklichem konfrontiert, was sie eigentlich nicht einordnen können.

Und plötzlich beginnt das Böse mit seinem perfiden Spiel. Während Jerry und Woody plötzlich in dem Büro eingeschlossen sind, scheint jemand oder etwas Dew da draußen zum Narren halten zu wollen. Und ehe sich Dew versieht, scheint er sich seltsamen, viel zu großen Insekten ausgesetzt, die irgendwie das Aussehen von geflügelten Tausendfüßlern haben und ihn angreifen, um ihm das Leben aus dem Körper zu saugen. Dew, mit dem das Böse sogar über Funk (welcher sonst hier nirgendwo funktioniert) bereits einen verwirrenden Kontakt aufgenommen hatte, muss wieder ins Gebäude fliehen. Aber auch dort sehen sich Jerry und Woody plötzlich schaurigen Geräuschen wie realen Gefahren ausgesetzt, die sie mit ihrem Verstand nicht in Einklang bringen können. Doch wenn dieser süßliche Gestank auftaucht, der einem fasst den Magen umdreht, ist Flucht die wohl beste wie auch einzige Option, die sie noch haben.

Immer wieder narrt das Böse sie mit grausamen Vorkommnissen, treibt sie so förmlich vor sich her und bewirkt dabei, das sich auch die Wege von Woody und Jerry trennen. Doch was oder wer ist ihr Gegner, welcher in vielen Formen des Wahnsinn auftauchen kann und selbst die Zeit zu manipulieren scheint? Was haben die Minenarbeiter eventuell hier in der Mine freigelegt, was besser nie das Licht dieser Welt gesehen hätte?

Das Ding packte ihn mit einem weichen, schlaffen Mund, der sich wie riesige, fleischige Lippen anfühlte, und er konnte einen Ring winziger, nadelartiger Zähne spüren, die sich in seinen Nacken bohrten. Er griff nach hinten und riss an etwas Riesigem und Segmentiertem wie einem fliegenden Tausendfüßler, aber es packte ihn nur umso fester.

(Tim Curran: DIE MINE/Seite 62)

Doch nicht nur Dew und seine Hilfssheriffs sehen sich einem Albtraum mit geradezu lovecraftschem Ausmaßen ausgesetzt, denn auch Trooper Tanja Seatin und Trooper Jay Nagel von der Staatspolizei sind bereits auf dem Weg, um sich wegen dem seltsamen Hilferuf in der Mine umzusehen.

Die Mine1000 Gesichter des Bösen:
Wer nun bei diesem Wendecoverbuch mit den zwei Novellen von Tim Curran zuerst MUTTER gelesen haben sollte, der wird recht schnell bemerken, wie Curran hier wirklich ins Detail geht. Und das eben nicht nur auf der Schiene des explizit beschriebenem Ekels, sondern auch was hier die äußere Form des Bösen betrifft. Das kann schon mal bei den sich formenden Bildern im Kopf einen gewissen üblen Druck in der Magengegend verursachen. Im der Novelle DIE MINE zeigt sich Tim Curran jedoch eher von einer völlig anderen Seite.

Hier spart er zwar auch nicht unbedingt immer mit Szenen des Splatter und entsprechenden Beschreibungen der Formen, mit denen sich das Böse in Szene zu setzen gedenkt, um bei seinen Opfern die größtmögliche Angst und Panik auszulösen. Gegenüber der Novelle MUTTER (Originaltitel: SOW) zielen die aber weniger direkt auf einen möglicherweise schwächelnden Magen von etwas zarteren Gemütern mancher Lesers ab. Vielmehr baut sich in DIE MINE eine sich steigernde surreale bis albdruckhafte Atmosphäre auf, die man z.B. auch schon am eigenen Leib gespürt haben  dürfte, wenn man z.B. sich über eine längere Zeit bei Nacht sich über einen Friedhof bewegt. Zuerst glaubt man nach einer gewissen Zeit flüchtige Schatten wahrzunehmen, während ein diffuses Gefühl der Furcht sich langsam wie Eiswasser in den eigenen Adern ausbreitet.

Die MineUnseren Gesetzeshütern geht es hier in DIE MINE nicht anders. Nur bleibt es bei ihnen nicht bei flüchtigen Schatten, die sie angeblich zu sehen glauben. Denn das Böse nimmt hier bald Formen an, mit denen es bei jedem seiner Opfer die pure Panik auslösen kann. Das Böse scheint sogar seinen Spaß dabei zu haben, mit seinen potentiellen Opfern zu spielen, gerade so, wie es Hauskatzen tun, wenn sie einen kleinen Vogel mit ihren Krallen erwischt haben. Doch das auftauchen des Bösen lässt sich gegenüber seinen Opfern allerdings kaum verheimlichen, denn es setzt im Vorfeld einen süßlichen Gestank frei, der sich schnell bis zur Übelkeit bei seinen Opfern steigert.

Auch bei dem Leser stehen recht bald nicht die detaillierten Beschreibungen des Schreckens wirklich im Vordergrund. Vielmehr ist es die unheilschwangere Atmosphäre die den Leser wesentlich mehr in seinen Bann schlagen dürfte. Dabei füllen die Beschreibungen und Formen des Schreckens eher eine traumatische Ebene aus, die allerdings auch mitunter eklig sein kann. Vielleicht kennt dies ja der eine oder andere Leser, wenn er Nachts einmal geträumt hat, er läge (als Beispiel) in seinem Bett ohne sich bewegen zu können, während tausende von schwarzen Insekten, Maden und Spinnen über seinen Körper kriechen. Ja, solch ein Albtraum dürfte wohl das Highlight unter den Träumen sein, welchen man mit Sicherheit am nächsten Morgen recht schnell wieder vergessen möchte.

Den Charakteren in der Handlung von DIE MINE geht es da nicht wirklich anders, auch wenn hier die Insekten gleich mal in ganz anderen Dimensionen vor ihren Augen oder in ihren Hirnen auftauchen. Denn was z.B. der eine sieht und als real empfindet, muss dessen Partner wohl noch lange nicht sehen. Dabei setzt Tim Curran dann noch eine weitere Geheimwaffe ein, die zwar nicht die Handlung wirklich dominiert, aber ebenso bedrohlich über ihr schwebt. Dies ist die schlichte Form der zeitlichen Manipulation durch das Böse. Dieses Element setzt der Autor hier recht geschickt und damit nur leicht dosiert ein. Etwa wie in einer Szene, in der die zwei Trooper bei ihrer Ankunft glauben, den Wagen des Sheriffs für den Zeitraum eines Wimpernschlag gesehen zu haben, der jedoch dann plötzlich nicht mehr da ist. In diesem Sinne sei hier bei dieser Novelle angeraten, nicht einfach achtlos jeden Satz hintereinander weg zu lesen, sondern dem Inhalt etwas mehr Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen. Dies erhöht den Faktor des surrealen, mitunter auch grotesken Schreckens innerhalb der Handlung nämlich durchaus.

Die MineMein Fazit:
Die Novelle DIE MINE kann durchaus überzeugen, wenn man sich ihr nicht gerade beim lesen so nähert, als müsse man in kürzester Zeit hier einen Seitenrekord aufstellen. Denn bei letzterem wirkt die Handlung dann leider oftmals etwas verwirrend, und es fällt dann auch zunehmend schwerer, ihr wirklich noch mit Spannung folgen zu können. Das bei mir typische, etwas langsamere lesen, zahlt sich bei mir daher schon aus, weil ich von Haus aus nicht gerade ein Schnellleser bin und es aber auch liebe, in eine Geschichte richtig eintauchen zu können.

Etwas kritischer zu betrachten ist hierbei, das Tim Curran in seiner Novelle DIE MINE die einzelnen Charaktere doch recht oberflächlich und damit ohne wirkliche Tiefe agieren lässt. So fiebert man denn auch nicht wirklich mit den verschiedenen Charakteren mit. Dies mag für nicht wenige Leser durchaus ein Problem sein, die sich gerne in einen bestimmten Charakter hineinversetzen wollen. Gerade so also, wie man sich z.B. im Heftroman in die Heldenfigur hineinversetzt.

Allerdings werde ich auch hier nicht wirklich Müde, diese Kritik in vieler Hinsicht nicht ständig überbewerten zu wollen. Da muss man auch in diesem Punkt mitunter nämlich so einiges gerade rücken. Denn in sich abgeschlossene Romane des Genre oder wie hier, für sich selbst stehende Novellen, pflegen sich nicht unbedingt an das starre und recht durchschaubare Schema eines Heldenepos zu halten. Da gibt es z.B. auch Charaktere, die zwar recht schön in der tiefe ausgearbeitet wurden und in die sich der Leser dann auch gerne hineinversetzen mag. Doch dann wird das jammern eventuell groß, weil der Autor sich plötzlich nicht gescheut hatte, genau diese Figur innerhalb der Handlung (und eventuell nicht gerade sehr heldenhaft) auf die blutige Weise zu entsorgen. Eigentlich ist dies kein Grund zum jammern (seitens des Lesers), sondern bildet in der Handlung eine überraschende Wendung. doch man kennt das ja, wenn es gerade innerhalb der Handlung den "Liebling" des Lesers erwischt. Da wird dann schnell auch mal die kritische Keule geschwungen.

Und auch wenn es sich hier um eine längere Novelle handelt, so sollte man nie vergessen, dass man es hier eher mit einer auf die düstere Atmosphäre komprimierte Geschichte zu tun hat und nicht mit einem Roman mit rund 500 Seiten und mehr, wo man es sich locker leisten kann, jeden wichtigen Charakter auch in der Tiefe auszubauen. Ich muss allerdings in diesem konkreten Fall gestehen, das ein paar Seiten mehr für den Ausbau der Charaktere nun nicht unbedingt verkehrt gewesen wären, damit es einem zumindest nicht gleichgültig wird, wenn z.B. eine Figur plötzlich auf unschöne Weise das Zeitliche segnet. Ein wenig mitfiebern sollte ja doch erlaubt sein.

Also ohne lange Rede mit kurzem Sinn erhält die Novelle DIE MINE mit vier von insgesamt fünf Spinnenbeinen gleich eine Leseempfehlung auf durchaus hohem Level von mir. Und wer sich bei diesem Double zuerst dazu entscheidet, diese längere Novelle zuerst zu lesen, der darf sich dann auf die zweite Novelle mit dem Titel MUTTER noch freuen. Die ist zwar anhand der Seitenanzahl etwas kürzer geraten, doch drückt Tim Curran hier in Sachen Horror mit derben Beschreibungen dann so richtig das Gaspedal durch, womit recht zartbesaitete Leser wiederum mal gleich vorgewarnt sein sollten. Aber zur Novelle MUTTER hier später etwas mehr.

Die MineDie Mine
(Terror Cell)
von Tim Curran
Übersetzung: Janna Ruth
Genre: Horror
Seitenanzahl: 187 von 308 Seiten
Deutsche Erstveröffentlichung: Juni 2019
Verlagsausgabe: Brochiert/Double mit Wendecover
Buchinhalt: DIE MINE (Novelle) und MUTTER (Novelle)
ISBN: 978-3-95835-414-2        
Preis: 13,95 Euro
Luzifer Verlag

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